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Bewohner und Gäste des Klosters Von Doris Metzger Berthold
Es gibt eine alte Liste Denkendorfer Pröpste, in der ein Berthold als
zweiter Propst nach der Gründung aufgeführt ist; ein anderer Chronist
berichtet, Berthold sei auf der Rückreise von Jerusalem in Bozen gestorben. Johannes Reuchlin
Mit dem damaligen Propst des Klosters, Peter Wolff, war Reuchlin befreundet und auch beruflich verbunden. Beide hatten zu den engsten Ratgebern des Herzogs Eberhard im Bart gezählt und arbeiteten als Beisitzer im herzoglichen Hofgericht. Beide gehörten einem Kreis von Männern an, die mit neu erwachter Freude sich der Wissenschaft und den schönen Künsten, der Baukunst und der Malerei, der Dichtung und der Musik widmeten; gleichzeitig traten sie nachdrücklich für Reformen innerhalb der Kirche ein. Reuchlins besondere Liebe galt den alten Sprachen, dem Griechischen und vor allem der Ursprache des Alten Testaments, dem Hebräischen. Er hat wohl auch in Denkendorf an seinen "rudimenta hebraica" gearbeitet. Damals entstand das erste hebräische Wörterbuch, das in Deutschland für Nichtjuden geschrieben wurde. Reuchlin hatte bei verschiedenen jüdischen Gelehrten Unterricht genommen und dabei auch jüdische Theologie und Mystik kennen gelernt. Sein tapferes Einteten gegen die Verbrennung jüdischer Bücher hat ihn später in üble Intrigen und langwierige Prozesse verwickelt und die gelehrte Welt in feindliche Lager geteilt.
Es ist gut möglich, dass Reuchlin Denkendorf mehrmals besucht hat. Auch mit
dem Nachfolger von Peter Wolff, mit Johannes Unger war er befreundet. Unger
hatte außer Theologie auch Medizin studiert und war wie Reuchlin ein Freund und
Kenner des Griechischen. Einige Zeit lang war er in Bretten Hauslehrer des
kleinen Philipp Melanchthon gewesen, der ein Großneffe Reuchlins war. Johann Albrecht Bengel
Lange über seinen Tod hinaus und in eine breite Schickt der Bevölkerung hinein wirkten Bengels Schriften über die Offenbarung des Johannes und seine Berechnungen der Wiederkunft Christi, die er auf das Jahr 1836 meiste festlegen zu können. Als ab 1816 in Württemberg Missernten und Hungersnöte sich häuften und aus dem ganzen land, auch aus Denkendorf, Familien in großen Gruppen auswandern mussten, wurde dies als Vorzeichen des kommenden Gerichtstages verstanden, den Bengel angekündigt hatte. Wie zur Zeit der Kreuzzüge bekamen Jerusalem und das Heilige Land damals neue Bedeutung, und manche machten sich auf, um dort die Wiederkunft zu erleben. Die nachhaltigste Wirkung aber hatte Bengel doch als "Klosterpräzeptor von Denkendorf". In Denkendorf bestand damals eine der beiden "niederen Klosterschulen", die zusammen mit zwei "höheren Klosterschulen" der Vorbereitung auf das Theologiestudium in Tübingen dienten. Wer Theologie studieren wollte oder sollte, sing in der Regel entweder über Blaubeuren und Bebenhausen oder über Denkendorf und Maulbronn nach Tübingen ins "Stift". Alle zwei Jahre zog eine neue Gruppe von etwa 25 Fünfzehnjährigen ins "Kloster" ein, um hier unter der Leitung eines Prälaten bei zwei Klosterpräzeptoren Latein, Griechisch, Hebräisch, Altes und Neues Testament zu lernen. Einer dieser beiden Präzeptoren war 28 Jahre lang, von 1713 bis 1741, Johann Albrecht Bengel. Etwa 300 Buben und damit etwa die Hälfte einer ganzen Generation württembergischer Pfarrer stand so in den entscheidenden Jahren ihres Lebens unter Bengels direktem Einfluss. Bengel hat seine Aufgabe als Fachlehrer sehr ernst genommen. Die künftigen Pfarrer sollten durch eine genaue Kenntnis der alten Sprachen zu einem aufmerksamen und sorgfältigen Umgang mit der Bibel geführt werden. Aus den Notizen, die Bengel sich zu seinem Unterricht in Denkendorf machte, ist später sein berühmtes Werk, der Gnomon, eine Auslegung des ganzen Neuen Testamentes entstanden. Wie stark darüber hinaus Bengels Persönlichkeit seine Schüler prägte, zeigen die Sätze aus einem der vielen Briefe, die sie ihm geschrieben haben: "Denn seit ich von Denkendorf weg bin, steht das, war Ihr mir schriebt oder auch nur die Erinnerung an Eure Mahnungen bei mir so sehr im Vordergrund, dass es ist, als käme außer Euch gar niemand in Frage, der mich etwa besser beraten könnte, oder dem ich gerner Folge leistete. Ich glaube, dass Gott nicht ohne seinen Willen bei mir alles so gelenkt, dass ich erst unter Eurer Führung begann, ihn selbst zu suchen... Das schreibe ich nicht, um mich bei Euch wohl dran zu machen, sondern weil meine Liebe mich treibt, und weil ich keinen Menschen habe, dem ich meines Herzens Gedanken so frei offenbaren könnte und wollte." Von Denkendorf aus über seine Schüler und später auch als Oberkirchenrat
in Stuttgart hat Johanne Albrecht Bengel dem württembergischen Pietismus seine
eigenständige Prägung gegeben, die noch heute spürbar ist. Nüchtern und
unbeirrbar an der Bibel als einzigem Grund der Offenbarung festhaltend, war ihm
doch die innere Beziehung zu Gott und das persönliche Gebet des Einzelnen von
höchster Wichtigkeit. Er kannte und bejahte die beiden großen pietistischen
Bewegungen seiner Zeit, den Halleschen Pietismus August Hermann Franckes und ei
Herrnhuter Bewegung unter dem Grafen Zinzendorf; beiden gegenüber hat er aber
seine Meinung in bestimmten Punkten auch nachdrücklich abgegrenzt. Die
überstarke Betonung des Bußkampfes und des Zeitpunktes der persönlichen
Bekehrung bei Francke und vor allem bei dessen Schülern hat Bengel nicht
gutgeheißen, und die Herrnhuter erschienen ihm in vielen Dingen zu
schwärmerisch und zuwenig schriftbezogen. Dass in Württemberg der Pietismus
keine der radikalen Richtungen eingeschlagen hat, sondern innerhalb der
Landeskirche blieb, ist zu einem großen Stück der Persönlichkeit Johann
Albrecht Bengels zu verdanken. August Hermann Francke
Für Johann Albrecht Bengel, den zweiten Klosterpräzeptor, war dieser Besuch ein freudiges und bewegendes Ereignis. Er hatte, ehe er nach Denkendorf gekommen war, eine wissenschaftliche Reise durch Deutschland gemacht und dabei einen grossteil seiner Zeit in Halle zugebracht. Das Werk und die Persönlichkeit Franckes, seine Art, mit jungen Leuten umzugehen, und seine Bindung an die Bibel hatten Bengel sehr beeindruckt. In der "Bengelstube" des Klosters liegt heute noch das Stammbuch Bengels mit Frankces Eintragung und Namenszug. "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens" hatte er dem jungen Theologen damals in Halle 1713 in griechischer Sprache eingeschrieben. Jetzt, 1717, schreibt Bengel selbst ein genaues Protokoll des Besuches in Denkendorf nieder.
Am anderen Morgen steht Francke um 5 Uhr auf, um 7 Uhr besucht er eine
griechische Unterrichtsstunde Bengels, um 8 Uhr eine hebräische Zellers. Er
spricht selbst noch kurz zu den Schülern, und nach dem Frühstück um 9 Uhr
versammelt sich alles im Klosterhof, um die Gäste zu verabschieden. Eine kurze
persönliche Notiz am Schluss der Eintragungen Bengels zeigt, wie wichtig ihm
die Begegnung mit Francke war, obwohl dessen Besuch ja keineswegs in erster
Linie ihm galt. "als er schon im Wagen saß, fragte er noch einmal nach
mir, und da ich eben auf dem Wege war, noch einmal zur Kutsche hinzugehen auf
der Seite, da ich allein mit ich sein konnte, gab er mir nochmals einen
geneigten Wunsch, gleich als ob er mich Herzen wollte, und sprach: Gott wolle
ihn segnen, mit dem Beisatz: und auch segnen von meinetwegen." Nikolaus Graf von Zinzendorf und Johann Christoph Oetinger
Alle äußeren Umstände schienen günstig. Zeit und Ruhe und gegenseitiger guter Wille waren vorhanden. Bengel erklärte dem Grafen seine Heilstheologie an Hand der Bibel und vor allem der Offenbarung Johannes. Dabei ging er mehr als üblich aus sich heraus und geriet richtig in Begeisterung. Oetinger schreibt dazu in dem Tagebuch, das er für Zinzendorf führte: "So saßen wir im Nachrechnen und Bewundern der Werke Gottes und prophetischen Abzeichnung aller wichtigen Begebenheiten, die mit der Gemeinde Jesu Christi verknüpft sind, bis in die Nacht, aßen auch nicht, sondern fanden sich in einer Art Erstaunen, worunter die Aufmerksamkeit zu ermüden begann". Auch am nächsten Tag bis zur Abreise nach dem Mittagessen legte Bengel dem Grafen seine Sicht vom geschichtlichen Wirken Gottes dar. Am Ende meinte Oetinger, Zinzendorf sei „wie vor den Kopf geschlagen" gewesen von Bengels Ausführungen, und er schreibt diesem von der nächsten Station der Reise: "Ich glaube, dass durch die Belehrung, welche der Graf Zinzendorf über Ihr apokalyptisches System erhalten haben, eben sowohl Ihre, als Gottes Absicht erreicht worden ist. Sie haben einen großen sieg davon getragen, der ohne Kampf und Streit nicht emporkommen konnte".
Herzog Karl Eugen von Württemberg
„Serenissimus kamen den 26. Oktober von der benachbarten Jagd, mit einer kleinen Begleitung, mittags um 12 Uhr zu Pferd an, stiegen vor der Oberamtei ab, vor welcher, weil alldarin Coffee und Confituren bewirtet waren, ich, der Propst, beede Herren Professores, Herr Pastor Loci, und das gesamte Collegium Alumnorum, sich gestellt hatten. Nachdem Serenissimus beim Absteigen vom Pferde mich gnädigst gegrüßt und gemeldet hatten, dass sie das Kloster sehen wollten: so hielt ich eine kurze Anrede, und führte höchstdieselbe in die Kirche, von da auf das Dormitorium, allwo wir die Cubiculla, Musea, Hiberna, und beeder Herren Professorum Stuben besahen, und jeden Herrn Professorem auf seiner Stube besonders sprachen. Von da in den Speisesaal, allwo ich untertänigst fragte, ob Serenissimus die Gnade und Geduld haben wollten, ein paar Alumnos perorieren zu hören? Und als Serenissimus solches huldreich bejahten, gingen Sie in das Collegium (den Kapitelsaal), wo die Alumni versammelt waren, hörten beede Reden, stehend, ohne einen Sessel anzunehmen und unverwandt mit der größten Gnade an, und bezeugten in verschiedenen Ausdrücken ihre höchste Zufriedenheit. Wobei zugleich das Gedruckte und in Atlas mit goldenen Borten eingebundene Carmen präsentiert wurde. Als Sie hierauf jedem Alumnen besonders um seinen Namen und Eltern gefragt, denen Alumnen gnädige und heilsame Lektionen gegeben und uns Vorgesetzte Ihrer Gnade huldreichst versichert hatte; so reisten sie nach 1 Uhr wieder zu Pferde auf den Jagdplatz. Wenn man hätte vermuten können, dass Serenissimus von dem bereiteten Coffee
und Confituren nicht genießen, und gar nicht in die Oberamtei einkehren
würden, so hätten wir uns vor der Propstei aufgestellt." Friedrich Hölderlin
Hölderlin hat in Denkendorf trotz 59 festgelegten Arbeitsstunden pro Woche Zeit gefunden, wenigstens innerlich eigene Wege zu gehen. Er schrieb nach Hause, dass „tausend Entwürfe zu Gedichten" ihn beschäftigen. Vielleicht hat er die vorgeschriebenen und auch beaufsichtigten Zeiten des Privatstudiums dazu benutzt. Einiges davon ist erhalten: ein „Dankgedicht an die Lehrer", eine Elegie „an die Nacht" und „an meinen Bilfinger", ein Gedicht für den ersten guten Freund, den er unter den Kameraden in Denkendorf gefunden hatte. Mit seinen Leistungen stand Hölderlin immer an sechsten Stelle; er schien auch sonst wenig aufzufallen. Einmal bekam er einen „Eintrag", weil er während dem Chorgebet nicht an seinem Platz blieb, sondern in der Kirche umherstreifte. Dass er Schwierigkeiten mit sich und mit seiner Umwelt hatte und sich dessen auch bewusst war, geht am deutlichsten aus dem frühesten seiner erhaltenen Briefe ehrvor. Er schrieb ich aus Denkendorf 1785 an seinen Nürtinger Lehrer Köstlin. Darin heißt es: „Ich konnte niemand um mich leiden, wollte nur immer einsam seyn,.. und der kleinste Umstand jagte mein Herz aus sich selbst heraus... Wollte ich klug sein, so wurde mein Herz tückisch und die kleinste Beleidigung schien es zu überzeugen, wie die Menschen so sehr böse, so teuflisch seyen... und wie man die geringste Vertraulichkeit mit ihnen meiden müsse; wollte ich hingegen diesem menschenfeindlichen Wesen entgegenarbeiten, so bestrebte ich mich, vor den Menschen zu gefallen, aber nicht vor Gott. So wandte ich immer hin und her." Zu seinen Lehrern hatte Hölderlin offenbar keine persönliche Beziehung. Der damalige Propste erweckte in den Schülern anscheinend nur Furcht und Abneigung. Einen Seelsorger, wie ihn die Schule 50 Jahre vorher in Bengel hatte, gab es nicht. Vielleicht hat auch dies dazu beigetragen, dass Hölderlin den Weg in den Kirchendienst gescheut hat.
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