patri51.jpg (40591 Byte) Kreuz des Patriarchen von Jerusalem im Kreuzgang des Klosters

    

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Von Doris Metzger

Berthold

kreuzritter2.gif (44110 Byte)Die Gestalt Bertholds, des Stifters von Kloster Denkendorf, gibt immer wieder Anlass zu phantasievoller Ausschmückung und forschenden Fragen. Soll man sich einen streitbaren Kreuzfahrer vorstellen, etwa nach dem Bild des „tapferen Schwaben" in Ludwig Uhlands Kreuzfahrerlied („viel Steine gab’s und wenig Brot"), oder sollte man besser an einen frommen Jerusalempilger denken, der in religiöser Ergriffenheit am Heiligen Grab zu beten wünschte? Woher stammte er? War er ein Graf und gehörte zum führenden schwäbischen Adel, oder war er nicht mehr und nicht weniger als Ortsherr von Denkendorf, „ein freier und frei geborener Mann", wie es einmal heißt, Besitzer von Äckern, Wiesen, Wald und Menschen? Hielt er sich politisch zur Partei der Stauferherzöge oder eher zur Partei ihrer Gegner, die zugleich besonders stark kirchlich gebunden und vom Geist des Kloster Hirsau geprägt war? Bertholds hoher persönlicher Einsatz für die Idee des Heiligen Landes weist vielleicht darauf hin. Auch sein Name, Berthold, dessen berühmteste Träger in Schwaben erbitterte Feinde der Staufer waren, könnte in diese Richtung zeigen.

klosterkirchturm100.jpg (71907 Byte)Fest steht, dass Berthold in drei Urkunden aus den Jahren 1129, 1139 und 1142 erscheint. Er hat zunächst seine Eigenkirche in Denkendorf mit dem dazugehörigen Besitz dem Orden der Chorherren vom Heiligen Grab in Jerusalem geschenkt. Von dieser Kirche Bertholds ist noch der Turm (bis unter die Uhr) erhalten. Im Jahre 1142 ist Berthold zusammen mit mehreren anderen schwäbischen Adligen in Jerusalem. Dicht neben der Grabeskirche, im Kapitelsaal des dortigen Klosters, wird ein Vertrag mit dem Patriarchen von Jerusalem und dem Prior der Chorherren unterzeichnet. Nun schenkt Berthold seinen gesamt Besitz "an Weinbergen, Gehöften und Leuten" dem Patriarchen für das Kloster vom Heiligen grab. Er macht dabei allerdings zwei Vorbehalte, die er vertraglich festlegen lässt: Der Patriarch gibt ihm seinen Besitz als leben zur persönlichen Nutzung auf Lebenszeit zurück; außerdem verpflichtet sich die Leitung des Klosters, Berthold jederzeit auf eigenen Wunsch in Denkendorf oder Jerusalem als Chorherren aufzunehmen.

Es gibt eine alte Liste Denkendorfer Pröpste, in der ein Berthold als zweiter Propst nach der Gründung aufgeführt ist; ein anderer Chronist berichtet, Berthold sei auf der Rückreise von Jerusalem in Bozen gestorben.

Johannes Reuchlin

portraitreuchlin.jpg (18669 Byte)Auf der Flucht vor der Pest, die in Stuttgart wütete, lebte Johannes Reuchlin im Jahr 1502 einige Monate lang mit Frau und Kind als Gast der Chorherren in Denkendorf.

Mit dem damaligen Propst des Klosters, Peter Wolff, war Reuchlin befreundet und auch beruflich verbunden. Beide hatten zu den engsten Ratgebern des Herzogs Eberhard im Bart gezählt und arbeiteten als Beisitzer im herzoglichen Hofgericht. Beide gehörten einem Kreis von Männern an, die mit neu erwachter Freude sich der Wissenschaft und den schönen Künsten, der Baukunst und der Malerei, der Dichtung und der Musik widmeten; gleichzeitig traten sie nachdrücklich für Reformen innerhalb der Kirche ein.

Reuchlins besondere Liebe galt den alten Sprachen, dem Griechischen und vor allem der Ursprache des Alten Testaments, dem Hebräischen. Er hat wohl auch in Denkendorf an seinen "rudimenta hebraica" gearbeitet. Damals entstand das erste hebräische Wörterbuch, das in Deutschland für Nichtjuden geschrieben wurde. Reuchlin hatte bei verschiedenen jüdischen Gelehrten Unterricht genommen und dabei auch jüdische Theologie und Mystik kennen gelernt. Sein tapferes Einteten gegen die Verbrennung jüdischer Bücher hat ihn später in üble Intrigen und langwierige Prozesse verwickelt und die gelehrte Welt in feindliche Lager geteilt.

Kreuzgang_Kirche_Schlussstein60.jpg (49427 Byte)Petzer Wolff hat Reuchlin in Denkendorf sicher mit Stolz den neuen, gotischen Kreuzgang gezeigt, dessen bau er selbst erst vor wenigen Jahren abgeschlossen hatte. Als Gastgeschenk gab er ihm eine astronomische Uhr, die die Bewegung von Sonne und Mond anzeigte und von einem berühmten Astronomen der Zeit hergestellt worden war. Auch Reuchlin zeigte sich erkenntlich. Er widmete den Denkendorfer Chorherren eine Schrift, an der er in Denkendorf geschrieben hatte: „de arte praedicandi", "von der Kunst des Predigens". Er übergab sie mit dem Wunsch: "...dass sie endlich zu evangelischen Männern heranwüchsen, durch deren Predigt da Volk zu besseren Sitten bekehrt würde". Die Lindenholzkanzel, die heute noch ihren Dienst in der Klosterkirche tut, beweist, wie angesehen in Denkendorf die Predigt schon vor der Reformation war. Sie wurde 1518 aufgestellt.

Es ist gut möglich, dass Reuchlin Denkendorf mehrmals besucht hat. Auch mit dem Nachfolger von Peter Wolff, mit Johannes Unger war er befreundet. Unger hatte außer Theologie auch Medizin studiert und war wie Reuchlin ein Freund und Kenner des Griechischen. Einige Zeit lang war er in Bretten Hauslehrer des kleinen Philipp Melanchthon gewesen, der ein Großneffe Reuchlins war.

Johann Albrecht Bengel

bengel11.jpg (22149 Byte)Johann Albrecht Bengel, der "Klosterpräzeptor von Denkendorf", hat den Namen Denkendorf weit über Württemberg hinaus bekannt gemacht. Die Forschungen zum griechischen Urtext der Neuen Testaments und seine Auslegung brachten ihm Achtung und Anerkennung in der gelehrten Welt seiner Zeit ein. 1734 erschien eine griechische Ausgabe des Neuen Testaments mit einer lateinischen wissenschaftlichen Vorrede.

Lange über seinen Tod hinaus und in eine breite Schickt der Bevölkerung hinein wirkten Bengels Schriften über die Offenbarung des Johannes und seine Berechnungen der Wiederkunft Christi, die er auf das Jahr 1836 meiste festlegen zu können. Als ab 1816 in Württemberg Missernten und Hungersnöte sich häuften und aus dem ganzen land, auch aus Denkendorf, Familien in großen Gruppen auswandern mussten, wurde dies als Vorzeichen des kommenden Gerichtstages verstanden, den Bengel angekündigt hatte. Wie zur Zeit der Kreuzzüge bekamen Jerusalem und das Heilige Land damals neue Bedeutung, und manche machten sich auf, um dort die Wiederkunft zu erleben.

Die nachhaltigste Wirkung aber hatte Bengel doch als "Klosterpräzeptor von Denkendorf". In Denkendorf bestand damals eine der beiden "niederen Klosterschulen", die zusammen mit zwei "höheren Klosterschulen" der Vorbereitung auf das Theologiestudium in Tübingen dienten. Wer Theologie studieren wollte oder sollte, sing in der Regel entweder über Blaubeuren und Bebenhausen oder über Denkendorf und Maulbronn nach Tübingen ins "Stift". Alle zwei Jahre zog eine neue Gruppe von etwa 25 Fünfzehnjährigen ins "Kloster" ein, um hier unter der Leitung eines Prälaten bei zwei Klosterpräzeptoren Latein, Griechisch, Hebräisch, Altes und Neues Testament zu lernen. Einer dieser beiden Präzeptoren war 28 Jahre lang, von 1713 bis 1741, Johann Albrecht Bengel. Etwa 300 Buben und damit etwa die Hälfte einer ganzen Generation württembergischer Pfarrer stand so in den entscheidenden Jahren ihres Lebens unter Bengels direktem Einfluss.

Bengel hat seine Aufgabe als Fachlehrer sehr ernst genommen. Die künftigen Pfarrer sollten durch eine genaue Kenntnis der alten Sprachen zu einem aufmerksamen und sorgfältigen Umgang mit der Bibel geführt werden. Aus den Notizen, die Bengel sich zu seinem Unterricht in Denkendorf machte, ist später sein berühmtes Werk, der Gnomon, eine Auslegung des ganzen Neuen Testamentes entstanden.

Wie stark darüber hinaus Bengels Persönlichkeit seine Schüler prägte, zeigen die Sätze aus einem der vielen Briefe, die sie ihm geschrieben haben: "Denn seit ich von Denkendorf weg bin, steht das, war Ihr mir schriebt oder auch nur die Erinnerung an Eure Mahnungen bei mir so sehr im Vordergrund, dass es ist, als käme außer Euch gar niemand in Frage, der mich etwa besser beraten könnte, oder dem ich gerner Folge leistete. Ich glaube, dass Gott nicht ohne seinen Willen bei mir alles so gelenkt, dass ich erst unter Eurer Führung begann, ihn selbst zu suchen... Das schreibe ich nicht, um mich bei Euch wohl dran zu machen, sondern weil meine Liebe mich treibt, und weil ich keinen Menschen habe, dem ich meines Herzens Gedanken so frei offenbaren könnte und wollte."

Von Denkendorf aus über seine Schüler und später auch als Oberkirchenrat in Stuttgart hat Johanne Albrecht Bengel dem württembergischen Pietismus seine eigenständige Prägung gegeben, die noch heute spürbar ist. Nüchtern und unbeirrbar an der Bibel als einzigem Grund der Offenbarung festhaltend, war ihm doch die innere Beziehung zu Gott und das persönliche Gebet des Einzelnen von höchster Wichtigkeit. Er kannte und bejahte die beiden großen pietistischen Bewegungen seiner Zeit, den Halleschen Pietismus August Hermann Franckes und ei Herrnhuter Bewegung unter dem Grafen Zinzendorf; beiden gegenüber hat er aber seine Meinung in bestimmten Punkten auch nachdrücklich abgegrenzt. Die überstarke Betonung des Bußkampfes und des Zeitpunktes der persönlichen Bekehrung bei Francke und vor allem bei dessen Schülern hat Bengel nicht gutgeheißen, und die Herrnhuter erschienen ihm in vielen Dingen zu schwärmerisch und zuwenig schriftbezogen. Dass in Württemberg der Pietismus keine der radikalen Richtungen eingeschlagen hat, sondern innerhalb der Landeskirche blieb, ist zu einem großen Stück der Persönlichkeit Johann Albrecht Bengels zu verdanken.

August Hermann Francke

francke.jpg (12218 Byte)An einem nasskalten Novembertag des Jahres 1717 wurde August Hermann Francke und seine Begleitung mit lateinischen und griechischen Reden von Schülern und Lehrern feierlich im Kloster empfangen. Der damals schon prominente Gründer des Halleschen Waisenhauses und Professor an der Universität Halle war auf einer Reise in den Süden Deutschlands von Herzog Eberhard Ludwig eingeladen wurden, die beiden Klosterschulen Denkendorf und Bebenhausen zu besichtigen.

Für Johann Albrecht Bengel, den zweiten Klosterpräzeptor, war dieser Besuch ein freudiges und bewegendes Ereignis. Er hatte, ehe er nach Denkendorf gekommen war, eine wissenschaftliche Reise durch Deutschland gemacht und dabei einen grossteil seiner Zeit in Halle zugebracht. Das Werk und die Persönlichkeit Franckes, seine Art, mit jungen Leuten umzugehen, und seine Bindung an die Bibel hatten Bengel sehr beeindruckt. In der "Bengelstube" des Klosters liegt heute noch das Stammbuch Bengels mit Frankces Eintragung und Namenszug. "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens" hatte er dem jungen Theologen damals in Halle 1713 in griechischer Sprache eingeschrieben. Jetzt, 1717, schreibt Bengel selbst ein genaues Protokoll des Besuches in Denkendorf nieder.

Francke Stiftungen.jpg (28359 Byte) Francke nimmt nach dem feierlichen Empfang an der Abendandacht teil und seiht zu, wie die Schüler schweigend das Abendessen einnehmen, während ein Kapitel aus der Bibel vorgelesen wird. Es gibt Fleischbrühe, Griessuppe und eine Schüssel mit Rindfleisch. Dann zieht sich der Gast für eine Weile in die Studierstube des 1. Klosterpräzeptors Zeller zurück – der Raum mit dem großen Balkon im ersten Stock dient heute als Bibliothek -, während das Essen führ ihn und seine Begleitung bereitet wird. Francke bemerkt dazu in seinem Tagebuch, Wohlleben sei nicht gerade der Endzweck seiner Reise. Als man sich nach dem Essen, bei dem das Klosterorchester "eine feine Musik" spielte, zur Nachtruhe zurückzieht, entschuldigt sich Zeller wegen der "gar geringen Decken". Francke beruhigt ihn: er habe in Stuttgart dasselbe gehabt.

Am anderen Morgen steht Francke um 5 Uhr auf, um 7 Uhr besucht er eine griechische Unterrichtsstunde Bengels, um 8 Uhr eine hebräische Zellers. Er spricht selbst noch kurz zu den Schülern, und nach dem Frühstück um 9 Uhr versammelt sich alles im Klosterhof, um die Gäste zu verabschieden. Eine kurze persönliche Notiz am Schluss der Eintragungen Bengels zeigt, wie wichtig ihm die Begegnung mit Francke war, obwohl dessen Besuch ja keineswegs in erster Linie ihm galt. "als er schon im Wagen saß, fragte er noch einmal nach mir, und da ich eben auf dem Wege war, noch einmal zur Kutsche hinzugehen auf der Seite, da ich allein mit ich sein konnte, gab er mir nochmals einen geneigten Wunsch, gleich als ob er mich Herzen wollte, und sprach: Gott wolle ihn segnen, mit dem Beisatz: und auch segnen von meinetwegen."

Nikolaus Graf von Zinzendorf und Johann Christoph Oetinger

Zinzendorf-Home-2.jpg (21957 Byte)Als Nikolaus Graf von Zinzendorf am Gründonnerstag 1733 nach Denkendorf kam, war das Kloster still und wie ausgestorben. Die Schüler hatten Osterferien; Zinzendorf kam, um Bengel zu besuchen. Sein Begleiter war Johann Christoph Oetinger, der mit Bengel seit mehreren Jahren in regelmäßigem Briefwechsel stand und ihn hoch verehrte; zugleich war Oetinger von Zinzendorf und Herrnhut, das er einige Male besucht hatte, stark beeindruckt. Durch seine Vermittlung war der Besuch Zinzendorfs in Denkendorf zustande gekommen. Oetinger erhoffte sich gro0ßen theologischen Gewinn für den Grafen durch die Begegnung mit Bengel.

Alle äußeren Umstände schienen günstig. Zeit und Ruhe und gegenseitiger guter Wille waren vorhanden. Bengel erklärte dem Grafen seine Heilstheologie an Hand der Bibel und vor allem der Offenbarung Johannes. Dabei ging er mehr als üblich aus sich heraus und geriet richtig in Begeisterung. Oetinger schreibt dazu in dem Tagebuch, das er für Zinzendorf führte: "So saßen wir im Nachrechnen und Bewundern der Werke Gottes und prophetischen Abzeichnung aller wichtigen Begebenheiten, die mit der Gemeinde Jesu Christi verknüpft sind, bis in die Nacht, aßen auch nicht, sondern fanden sich in einer Art Erstaunen, worunter die Aufmerksamkeit zu ermüden begann".

Auch am nächsten Tag bis zur Abreise nach dem Mittagessen legte Bengel dem Grafen seine Sicht vom geschichtlichen Wirken Gottes dar. Am Ende meinte Oetinger, Zinzendorf sei „wie vor den Kopf geschlagen" gewesen von Bengels Ausführungen, und er schreibt diesem von der nächsten Station der Reise: "Ich glaube, dass durch die Belehrung, welche der Graf Zinzendorf über Ihr apokalyptisches System erhalten haben, eben sowohl Ihre, als Gottes Absicht erreicht worden ist. Sie haben einen großen sieg davon getragen, der ohne Kampf und Streit nicht emporkommen konnte".

Zinzendorf-250-BRD.jpg (24321 Byte)Oetinger täuschte sich. Die Begegnung war für Bengel wie für Zinzendorf ein Fehlschlag. Der Abstand zwischen dem jungen weltgewandten Grafen und dem fast 50jährigen Gelehrten im abgelegenen Kloster Denkendorf war zu groß. Und der Unterschied zwischen der strengen Heilstheologie Bengels, der deine Zeit des Gerichts für die Kirche kommen sah, und den Ansichten des tatenfreudigen Grafen, der meiste, er könne in Herrnhut eine ideale Gemeinde der Endzeit schaffen, war nicht zu überbrücken. Bengel und Zinzendorf haben das offenbar eher gemerkt als Oetinger. Sie traten nicht in Briefwechsel miteinander und haben sich auch nie mehr getroffen. Bengel wurde später verschiedene Male gebeten, Gutachten über Herrnhut abzugeben. Er hat sich immer dagegen ausgesprochen, dass in Württemberg eine herrnhutische Niederlassung entstände. Seiner Meinung nach sollte die pietistische Bewegung befruchtend und erneuernd innerhalb der Kirche wirksam werden und sich nicht von ihr trennen.

Herzog Karl Eugen von Württemberg

Karl Eugen.jpg (157117 Byte)Die Regierungszeit Karl Eugens (Abbildung links) umfasste 56 Jahre. Der Herzog war in seiner Jugend ungeheuer verschwenderisch, prachtliebend und ausschweifend. Unter dem Einfluss seiner Frau, Franziska von Hohenheim, und unter dem Druck der württembergischen Landstände entwickelte er sich später zu einem besonnenen und geschätzten Landesfürsten. Im Oktober 1771 war er zu einer Hofjagd einige Tage im Kirchheimer Schloss und ließ nach Denkendorf melden, er beabsichtigte einen besuch der Klosterschule. Schüler und Lehrer, die Herbstferien hatten, wurden eiligst aus dem ganzen Land nach Denkendorf zurückgeholt. Wie der Besuch dann verlief, hat der damalige Propst Johannes Schmidlin in seinem Memorabilienbuch aufgeschrieben.

„Serenissimus kamen den 26. Oktober von der benachbarten Jagd, mit einer kleinen Begleitung, mittags um 12 Uhr zu Pferd an, stiegen vor der Oberamtei ab, vor welcher, weil alldarin Coffee und Confituren bewirtet waren, ich, der Propst, beede Herren Professores, Herr Pastor Loci, und das gesamte Collegium Alumnorum, sich gestellt hatten. Nachdem Serenissimus beim Absteigen vom Pferde mich gnädigst gegrüßt und gemeldet hatten, dass sie das Kloster sehen wollten: so hielt ich eine kurze Anrede, und führte höchstdieselbe in die Kirche, von da auf das Dormitorium, allwo wir die Cubiculla, Musea, Hiberna, und beeder Herren Professorum Stuben besahen, und jeden Herrn Professorem auf seiner Stube besonders sprachen. Von da in den Speisesaal, allwo ich untertänigst fragte, ob Serenissimus die Gnade und Geduld haben wollten, ein paar Alumnos perorieren zu hören? Und als Serenissimus solches huldreich bejahten, gingen Sie in das Collegium (den Kapitelsaal), wo die Alumni versammelt waren, hörten beede Reden, stehend, ohne einen Sessel anzunehmen und unverwandt mit der größten Gnade an, und bezeugten in verschiedenen Ausdrücken ihre höchste Zufriedenheit. Wobei zugleich das Gedruckte und in Atlas mit goldenen Borten eingebundene Carmen präsentiert wurde.

Als Sie hierauf jedem Alumnen besonders um seinen Namen und Eltern gefragt, denen Alumnen gnädige und heilsame Lektionen gegeben und uns Vorgesetzte Ihrer Gnade huldreichst versichert hatte; so reisten sie nach 1 Uhr wieder zu Pferde auf den Jagdplatz.

Wenn man hätte vermuten können, dass Serenissimus von dem bereiteten Coffee und Confituren nicht genießen, und gar nicht in die Oberamtei einkehren würden, so hätten wir uns vor der Propstei aufgestellt."

Friedrich Hölderlin

hoelderlin3.jpg (85936 Byte)Einer von den 28 Buben, die am 20. Oktober 1784 als neue Promotion in die Klosterschule eintraten, war Friedrich Hölderlin. Der Wechsel vom Elternhaus unter die Klosterzucht fiel sicher allen schwer, besonders aber wohl einem so zarten und leicht verletzlichen Jungen, wie es der 14jährige Hölderlin damals war. Er selbst hat über die äußeren Umstände nie geklagt. Sie sind aus der Klosterordnung und aus dem Stundenplan abzulesen: Um fünf Uhr morgens aufstehen, eine graue Kutte anziehen, zum gemeinsamen Morgengebet gegen, dann sommers wie winters das Waschwasser vom Brunnen auf dem Hof holen und nach der „Morgensuppe" einen Tag vor sich haben, der bis zur letzten Viertelstunde geregelt ist, das war, mit nur wenigen Veränderungen, Ordnung in den württembergischen Klosterschulen seit den Tagen der Reformation. Verlassen durften die Buben das Kloster nur zweimal wöchentlich für eine Stunde und nur zu zweit.

Hölderlin hat in Denkendorf trotz 59 festgelegten Arbeitsstunden pro Woche Zeit gefunden, wenigstens innerlich eigene Wege zu gehen. Er schrieb nach Hause, dass „tausend Entwürfe zu Gedichten" ihn beschäftigen. Vielleicht hat er die vorgeschriebenen und auch beaufsichtigten Zeiten des Privatstudiums dazu benutzt. Einiges davon ist erhalten: ein „Dankgedicht an die Lehrer", eine Elegie „an die Nacht" und „an meinen Bilfinger", ein Gedicht für den ersten guten Freund, den er unter den Kameraden in Denkendorf gefunden hatte.

Mit seinen Leistungen stand Hölderlin immer an sechsten Stelle; er schien auch sonst wenig aufzufallen. Einmal bekam er einen „Eintrag", weil er während dem Chorgebet nicht an seinem Platz blieb, sondern in der Kirche umherstreifte. Dass er Schwierigkeiten mit sich und mit seiner Umwelt hatte und sich dessen auch bewusst war, geht am deutlichsten aus dem frühesten seiner erhaltenen Briefe ehrvor. Er schrieb ich aus Denkendorf 1785 an seinen Nürtinger Lehrer Köstlin. Darin heißt es: „Ich konnte niemand um mich leiden, wollte nur immer einsam seyn,.. und der kleinste Umstand jagte mein Herz aus sich selbst heraus... Wollte ich klug sein, so wurde mein Herz tückisch und die kleinste Beleidigung schien es zu überzeugen, wie die Menschen so sehr böse, so teuflisch seyen... und wie man die geringste Vertraulichkeit mit ihnen meiden müsse; wollte ich hingegen diesem menschenfeindlichen Wesen entgegenarbeiten, so bestrebte ich mich, vor den Menschen zu gefallen, aber nicht vor Gott. So wandte ich immer hin und her."

Zu seinen Lehrern hatte Hölderlin offenbar keine persönliche Beziehung. Der damalige Propste erweckte in den Schülern anscheinend nur Furcht und Abneigung. Einen Seelsorger, wie ihn die Schule 50 Jahre vorher in Bengel hatte, gab es nicht. Vielleicht hat auch dies dazu beigetragen, dass Hölderlin den Weg in den Kirchendienst gescheut hat.

 

 

 

 

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Stand: 07. Februar 2007