christliche Lehre und Predigt reformiert werden können und müssen,
um den unverändert gültigen Bund Gottes mit dem jüdischen
Volk anzuerkennen und den Beitrag des Judentums zur Weltkultur
und zum christlichen Glauben selbst zu würdigen.
Wir sind davon überzeugt, daß diese Veränderungen eine
wohl bedachte jüdische Antwort verdienen. Als eine Gruppe jüdischer
Gelehrter unterschiedlicher Strömungen – die nur für sich
selbst spricht – ist es unsere Überzeugung, daß es für
Juden an der Zeit ist, die christlichen Bemühungen um eine Würdigung
des Judentums zur Kenntnis zu nehmen. Wir meinen, es ist für
Juden an der Zeit, über das nachzudenken, was das Judentum
heute zum Christentum zu sagen hat. Als einen ersten Schritt
wollen wir in acht kurzen Punkten erläutern, auf welche Weise
Juden und Christen miteinander in Beziehung stehen können.
Juden und Christen beten den gleichen Gott an. Vor
dem Aufstieg des Christentums waren es allein die Juden, die
den Gott Israels anbeteten. Aber auch Christen beten den Gott
Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Schöpfer von Himmel und Erde
an. Wenngleich der christliche Gottesdienst für Juden keine
annehmbare religiöse Alternative darstellt, freuen wir uns
als jüdische Theologen darüber, daß Abermillionen von
Menschen durch das Christentum in eine Beziehung zum Gott
Israels getreten sind.
Juden und Christen stützen sich auf die Autorität ein
und desselben Buches – die Bibel (das die Juden "Tenach"
und die Christen das "Alte Testament" nennen).
In ihm suchen wir nach religiöser Orientierung, spiritueller
Bereicherung und Gemeinschaftsbildung und ziehen aus ihm ähnliche
Lehren: Gott schuf und erhält das Universum; Gott ging mit
dem Volk Israel einen Bund ein und es ist Gottes Wort, das
Israel zu einem Leben in Gerechtigkeit leitet; schließlich
wird Gott Israel und die gesamte Welt erlösen. Gleichwohl
interpretieren Juden und Christen die Bibel in vielen Punkten
unterschiedlich. Diese Unterschiede müssen immer respektiert
werden.
Christen können den Anspruch des jüdischen Volkes auf
das Land Israel respektieren. Für Juden stellt die
Wiedererrichtung eines jüdischen Staates im gelobten Land das
bedeutendste Ereignis seit dem Holocaust dar. Als Angehörige
einer biblisch begründeten Religion wissen Christen zu würdigen,
daß Israel den Juden als physisches Zentrum des Bundes
zwischen ihnen und Gott versprochen – und gegeben wurde.
Viele Christen unterstützen den Staat Israel aus weit tiefer
liegenden Gründen als nur solchen politischer Natur. Als
Juden begrüßen wir diese Unterstützung. Darüber hinaus
wissen wir, daß die jüdische Tradition gegenüber allen
Nicht-Juden, die in einem jüdischen Staat leben,
Gerechtigkeit gebietet.
Juden und Christen anerkennen die moralischen Prinzipien
der Tora. Im Zentrum der moralischen Prinzipien der Tora
steht die unveräußerliche Heiligkeit und Würde eines jeden
Menschen. Wir alle wurden nach dem Bilde Gottes geschaffen.
Dieser moralische Schwerpunkt, den wir teilen, kann die
Grundlage für ein verbessertes Verhältnis zwischen unseren
beiden Gemeinschaften sein. Darüber hinaus kann er auch zur
Grundlage eines kraftvollen Zeugnisses für die gesamte
Menschheit werden, das der Verbesserung des Lebens unserer
Mitmenschen dient und sich gegen Unmoral und Götzendienst
richtet, die uns verletzen und entwürdigen. Ein solches
Zeugnis ist insbesondere nach den beispiellosen Schrecken des
vergangenen Jahrhunderts dringend nötig.
Der Nazismus war kein christliches Phänomen. Ohne
die lange Geschichte des christlichen Antijudaismus und
christlicher Gewalt gegen Juden hätte die
nationalsozialistische Ideologie keinen Bestand finden und
nicht verwirklicht werden können. Zu viele Christen waren an
den Grausamkeiten der Nazis gegen die Juden beteiligt oder
billigten sie. Andere Christen wiederum protestierten nicht
genügend gegen diese Grausamkeiten. Dennoch war der
Nationalsozialismus selbst kein zwangsläufiges Produkt des
Christentums. Wäre den Nationalsozialisten die Vernichtung
der Juden in vollem Umfang gelungen, hätte sich ihre mörderische
Raserei weitaus unmittelbarer gegen die Christen gerichtet.
Mit Dankbarkeit gedenken wir jener Christen, die während der
nationalsozialistischen Herrschaft ihr Leben riskiert oder
geopfert haben, um Juden zu retten. Dessen eingedenk unterstützen
wir die Fortsetzung der jüngsten Anstrengungen in der
christlichen Theologie, die Verachtung des Judentums und des jüdischen
Volkes eindeutig zurückzuweisen. Wir preisen jene Christen,
die diese Lehre der Verachtung ablehnen und klagen sie nicht
der Sünden an, die ihre Vorfahren begingen.
Der nach menschlichem Ermessen unüberwindbare
Unterschied zwischen Juden und Christen wird nicht eher ausgeräumt
werden, bis Gott die gesamte Welt erlösen wird, wie es die
Schrift prophezeit. Christen kennen und dienen Gott durch
Jesus Christus und die christliche Tradition. Juden kennen und
dienen Gott durch die Tora und die jüdische Tradition. Dieser
Unterschied wird weder dadurch aufgelöst, daß eine der
Gemeinschaften darauf besteht, die Schrift zutreffender
auszulegen als die andere, noch dadurch, daß eine
Gemeinschaft politische Macht über die andere ausübt. So wie
Juden die Treue der Christen gegenüber ihrer Offenbarung
anerkennen, so erwarten auch wir von Christen, daß sie unsere
Treue unserer Offenbarung gegenüber respektieren. Weder Jude
noch Christ sollten dazu genötigt werden, die Lehre der
jeweils anderen Gemeinschaft anzunehmen.
Ein neues Verhältnis zwischen Juden und Christen wird
die jüdische Praxis nicht schwächen. Ein verbessertes
Verhältnis wird die von Juden zu Recht befürchtete
kulturelle und religiöse Assimilation nicht beschleunigen. Es
wird weder die traditionellen jüdischen Formen der Anbetung
verändern, noch wird es die Anzahl interreligiöser Ehen
zwischen Juden und Nicht-Juden zunehmen lassen, noch wird es
mehr Juden dazu bewegen, zum Christentum überzutreten, und
auch nicht zu einer unangebrachten Vermischung von Judentum
und Christentum führen. Wir respektieren das Christentum als
einen Glauben, der innerhalb des Judentums entstand und nach
wie vor wesentliche Kontakte zu ihm hat. Wir betrachten es
nicht als eine Erweiterung des Judentums. Nur wenn wir unsere
eigenen Traditionen pflegen, können wir in Aufrichtigkeit
dieses Verhältnis weiterführen.
Juden und Christen müssen sich gemeinsam für
Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. Juden und Christen
erkennen, ein jeder auf seine Weise, die Unerlöstheit der
Welt, wie sie sich in andauernder Verfolgung, Armut,
menschlicher Entwürdigung und Not manifestiert. Obgleich
Gerechtigkeit und Frieden letztlich in Gottes Hand liegen,
werden unsere gemeinsamen Anstrengungen zusammen mit denen
anderer Glaubensgemeinschaften helfen, das Königreich Gottes,
auf das wir hoffen und nach dem wir uns sehnen, herbei zu führen.
Getrennt und vereint müssen wir daran arbeiten, unserer Welt
Gerechtigkeit und Frieden zu bringen. In dieser Bemühung
leitet uns die Vision der Propheten Israels: