patri51.jpg (40591 Byte) Kreuz des Patriarchen von Jerusalem im Kreuzgang des Klosters

    

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Der hier abgedruckte Text wurde von der Arbeitsgruppe "Wege zum Verständnis des Judentums" zum "Israelsonntag" am 15. August 1993 formuliert und in der württembergischen Landeskirche verteilt. 

 

Erinnern - nicht vergessen

Was wollen und dürfen wir nicht vergessen; woran haben wir uns und andere zu erinnern, wenn wir über Israel reden?

1. Wir wollen und dürfen nicht vergessen: Israel ist das Land der Verheißung Gottes für das jüdische Volk.

So sagt es die Tora. Daran haben die Propheten Israels auch angesichts von Vertreibungen und Deportationen immer festgehalten. Aus dieser biblischen Zusage wächst heute auch bei Christen die Erkenntnis, "dass die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes, seine Heimkehr in das Land der Verheißung und auch die Errichtung des Staates Israel Zeichen der Treue Gottes gegenüber Seinem Volk sind". (Rheinischer Synodalbeschluss 1980)

2. Wir wollen und dürfen nicht vergessen: Das Verheißene Land war von der Einwanderung der Stämme bis in die christliche Zelt hinein das Land des Volkes Israel, wenn auch unter verschiedenen Herrschaftsformen.

Auch nach der Zerstreuung unter die Völker lebten Juden zu jeder Zelt Im Land Israel.

Durch die Jahrhunderte hindurch kehrten immer wieder Juden aus der Diaspora ins Land Israel zurück.
Die starke jüdische Ansiedlung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geschah zunächst fast nur In Gebieten, die unbewohnt und unfruchtbar waren und durch Landkauf von jüdischen Institutionen erworben wurden.

3. Wir wollen und dürfen nicht vergessen: Die Heimkehr nach Zion antwortet auf Israels Gebete durch die Jahrhunderte.
Der Wunsch nach einem konkurrenzfähigen Nationalstaat kam auf, als die politische Situation Ihn erforderte.

"Nächstes Jahr In Jerusalem!" In diesen Ruf am Passahfest legten Juden ihre Sehnsucht; aus Ihm schöpften sie Kraft und Hoffnung in Zeiten der Verfolgung.
Daher wird in der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel formuliert: "Durch Gewalt vertrieben, blieb das jüdische Volk auch In der Verbannung seiner Heimat in Treue verbunden. Nie wich seine Hoffnung. Nie verstummte sein Gebet um Heimkehr und Freiheit." (2. Abschnitt der Erklärung vom 14. Mai 1948)

4. Wir wollen und dürfen nicht vergessen: Christen haben jahrhundertelang Judenfeindschaft gesät.

Selbstkritik im Blick auf den christlichen Antijudaismus ist nötiger als die Suche nach Defiziten im jüdischen Glauben. Kirchliche Erklärungen der Verbundenheit mit Israel sind noch nicht selbstverständliches Gedankengut in allen Gemeinden und theologischen Fakultäten.
In Israel bietet die Christenheit ein in zahlreiche Konfessionen zersplittertes Bild. Verschiedene Gruppen versuchen Juden zu missionieren.
Wer als Christ jüdische Menschen nicht als echte Gesprächspartner in Glaubensfragen ansehen kann, sollte besser schweigen.

5. Wir wollen und dürfen nicht vergessen: Von Deutschland aus kam millionenfach Leid und Tod über das jüdische Volk. Das ist erst wenige Jahrzehnte her.

Dafür sind die Nachgeborenen nicht verantwortlich zu machen. In ihrer Verantwortung liegt jedoch, wie sie im Blick auf ihr Verhältnis zu Juden und zu Israel mit dieser Erblast umgehen.

6. Wir wollen uns und andere daran erinnern: Die UNO-Vollversammlung hat am 29. November 1947 den Teilungsbeschluss gefasst, der zur Gründung des Staates Israel führte.

Von nun an sollte das jüdische Volk Heimat in seinem eigenen Land haben. Dorthin sollten die Juden einwandern können, die die Verfolgungen der Hitlerzeit überlebt hatten und seit 1945 irgendwo in Flüchtlingslagern Europas hausten (Displaced Persons).

7. Wir wollen uns und andere daran erinnern»

Der junge Staat Israel war zum Frieden mit den arabischen Nachbarstaaten bereit.

In der Unabhängigkeitserklärung Israels 1948 wird ausdrücklich festgehalten:
"Wir bieten allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe mit dem selbständigen jüdischen Volk in seiner Heimat auf."
Dieses Friedensangebot wurde von den arabischen Staaten mehrfach mit Krieg beantwortet, dessen Ziel die Auslöschung des Staates Israel war.


8. Wir wollen uns und andere daran erinnern; Das Flüchtlingsproblem Im Nahen Osten ist außerordentlich vielschichtig.

Eine oft übersehene Tatsache ist: Es gibt arabische und jüdische Flüchtlinge.
Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung besteht aus Flüchtlingen bzw. deren Kindern, die auf Grund von antisemitischer Hetze, Pogromen und Verfolgungen nach Israel geflohen sind. Nach 1948 kamen allein aus den arabischen Ländern ungefähr 600 000 Juden, weil sie dort keine Zukunft mehr hatten.

Im Unabhängigkeitskrieg 1945/49 musste sich der junge Staat gegen die Invasion der arabischen Nachbarstaaten verteidigen und um sein Überleben kämpfen.
Nach dem Waffenstillstand - der Friede steht immer noch aus - waren die Angreiferstaaten nicht bereit, die arabischen Flüchtlinge dieses Krieges menschenwürdig aufzunehmen und in ihren Ländern zu integrieren. Statt dessen hielten sie sie Jahrzehnte lang in Flüchtlingslagern fest.

Die Entstehung des Terrorismusproblems steht auch in diesem Zusammenhang.

9. Wir wollen uns und andere daran erinnern: Israel ist im Nahen Osten der einzige demokratische Staat.

Die Regierungspolitik wird von den Bürgern und einer freien Presse wach und kritisch begleitet. Es gibt ein äußerst breites Spektrum von Ansichten und Meinungen, das eine Vielzahl von Friedensbewegungen einschließt.

Eine Information bei uns, die sachgerecht sein will, muss dem Feindbild eines israelischen Imperialismus oder Kolonialismus entgegentreten und sich jeder Besserwisserei enthalten.

Pauschales Reden über "die Israelis" ist unangebracht. Wer kann es hierzulande ertragen, wenn im Ausland pauschal "die Deutschen" kritisiert werden?

Einzelkritik an konkreten politischen Schritten darf niemals das ungeteilte Ja zum Existenzrecht Israels in seinem Land in Frage stellen, sondern muss der erkennbaren Solidarität zuverlässig verpflichtet bleiben.

10. Wir wollen uns und andere daran erinnern: Juden in Israel haben nach allem, was geschehen Ist und noch geschieht, ein ganz anderes Bedürfnis nach Sicherheit, als wir uns das hier vorstellen können.

In fast allen Familien gibt es Angehörige, die in der NS-Zeit Furchtbares mitgemacht haben oder umgekommen sind. In fast allen Familien gibt es Angehörige, die seit 1948 in den Kriegen schwer gelitten haben oder gefallen sind.

Angesichts dieser Geschichte ist es zu wenig, für das Sicherheitsbedürfnis Israels nur Verständnis zu zeigen; wir sind aufgefordert, aus Überzeugung dafür einzutreten.

 

 

 

 

 

 

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Stand: 08. November 2008