Ein werbender Bischof
Am 29. September 1952 wurde der erste Kurs des württembergischen
Pastoralkollegs eröffnet: Vierzehn "Amtsbrüder" von Creglingen bis
Weilersteusslingen. Leitung: Walther Geisser, bis dahin Pfarrer der
Brüdergemeinde in Korntal, jetzt neugebackener Kirchenrat. Ort: Freudenstadt.
Die Jugendstilvilla in der Lauterbadstraße sollte für fünfundvierzig Jahre zu
einer der besten Adressen in der Pfarrschaft werden, die damals freilich nur
Pfarrerschaft war. Die Schwester im Amt war das "Fräulein Pfarrvikarin".
Vierzehn von ihnen wurden nach zwei Jahren erstmals zu einem Kurs eingeladen -
immerhin!
Bischof Martin Haug hatte im August 1952 einen Brief an alle Pfarrämter
hinausgehen lassen, Freudenstadts gute Luft und Stille gelobt, "Ausspannung
und Erquickung" verheißen für alle, "die von Müdigkeit und
Verzagtheit angefallen sind", von "Mühsal und Unrast". Kein
Heilands-, aber ein Bischofsruf, noch immer anrührend als Dokument der
Seelsorge an Seelsorgern. Andere Landeskirchen hätten gute Erfahrungen gemacht
mit ihrem Pastoralkolleg. Württemberg habe lange geplant, jetzt aber... Und
bitte kein Misstrauen! Kein zusätzlicher Sturzbach in der "Tagungsflut",
kein "Ort kirchenamtlicher Schulung und Normierung", vielmehr
gemeinsames Leben und Arbeiten, "Bruderschaft", gegen die "die
vielleicht typisch schwäbische Hemmung" tapfer überwunden werden müsse.
"Kommen Sie allesamt getrost und erwarten Sie Gutes von unserem
Pastoralkolleg!"
Sie kommen weither, auch wenn die Freudenstädter Villa mit lauschigem Park
und Boccia-Bahn 1997 verkauft wurde. Sie kommen auch nach Denkendorf, wo das
Kolleg unter dem Klosterdach der Fortbildungsstätte Raum gefunden hat.
Ausnahmen werden nicht gezählt, aber sehr zahlreich dürften sie nicht sein.
Soeben ging der 443. Kurs zuende. Also haben mehr als sechstausend Pfarrerinnen
und Pfarrer bisher das Kolleg durchlaufen.
Mutterklöster
Alle Landeskirchen der EKD boten nach 1945 ihren Pfarrern Rüstzeiten,
Tagungen, Kurse an. Nationalsozialismus und Kirchenkampf waren zu verarbeiten,
Heimkehrer aus Krieg und Gefangenschaft neu auf den Beruf auszurichten. Sammlung
und Sendung war das Motto.
In Bayern hatte man Georg Merz mit dieser Aufgabe betraut. Mitstreiter Karl
Barths, Herausgeber von "Zwischen den Zeiten", war er Dozent, später
Rektor der Theologischen Schule in Bethel gewesen, die 1939 von der Gestapo
aufgelöst wurde. Am Ende des Krieges Dekan in Würzburg, wurde er vom
bayerischen Landesbischof Meiser dafür gewonnen, 1945 erste Pfarrkurse durchzuführen.
Merz erkannte sofort, dass die Aufgabe nicht nur eine augenblickliche, sondern
eine grundsätzliche sei. Seine Konzeption: Institutionalisierung auf Dauer und
mit festem Ort als regelmäßig wiederkehrende Offerte in der Pfarrerbiografie.
Auf der Heimfahrt von Treysa schlug er seinem Bischof dafür den Namen "Pastoralkolleg"
vor. Mit dem entsprechenden Kirchengesetz von 1946 war das Pastoralkolleg
Neuendettelsau geboren, Merz sein erster Rektor.
Andere Landeskirchen folgten. Am Vorabend der Gründung des Freudenstädter
Kollegs gab es bereits acht Pastoralkollegien in Deutschland. Drei davon hat der
designierte Freudenstädter Kirchenrat unmittelbar vor Dienstantritt aufmerksam
hospitierend besucht: Villigst in Westfalen, Rengsdorf im Rheinland,
Neuendettelsau in Bayern. Hier hat er wesentliche Anregungen für Württemberg
eingeholt und dokumentiert. Die stärksten verdanken sich fraglos Neuendettelsau
und seinem Pionier Georg Merz. Sie bestimmen bis heute die württembergische
Konzeption.
Vitales Fossil
Von allen anderen Pastoralkollegien - und jede Landeskirche hat inzwischen
ihr eigenes - würde der Pionier heute sagen: "Sie sind alle abgewichen und
untreu geworden" - ausgenommen Württemberg. Alle Übrigens bieten nämlich
seit Anfang der Siebzigerjahre das an, was Merz partout ausgeschlossen wissen
wollte: Thematische Kolleg-Kurse: "Die Pfarrerehe", "Taufe und
Tauferinnerung", "Ethik bei Paulus", - also handlungsorientierte
Fortbildung. Das ist sinnvoll und nötig. Das gibt es auch hierzulande und zu
Recht überwiegend auf den etwa 120 Seiten des Jahreskatalogs für "Fort-
und Weiterbildung" im Pfarramt.
Anders das Pastoralkolleg. Sein Programm ist konsequent personorientiert:
geistliche Zentrierung im Medium gemeinsamen Lebens, das bestimmt ist durch
Liturgie, Theologie und Biografie. Also ein durch drei Stundengebete regulierter
Tag; also die Bibel auf dem Tisch mit einem kursbegleitenden Abschnitt aus dem
griechischen oder hebräischen Teil; also Erfahrungsaustausch, begleitet von
einem therapeutisch qualifizierten Theologen unter dem Vorzeichen, dass zwölf
Pfarrerinnen und Pfarrer zwölf Welten mitbringen. Das ist der Kern. Natürlich
auch Impulse. Studientag mit einem Mitglied der Tübinger theologischen
Fakultät, ein wesentliches Kapitel Pastoraltheologie, Begegnung mit anderen
Kirchen- oder Religionsgemeinschaften (Herrnhutern, Katholiken, Synagoge,
Moschee), Gespräch mit zwei Kollegialmitgliedern des Oberkirchenrats, Austausch
über neue Literatur in Theologie, Gemeindearbeit, aber auch Belletristik,
gemeinsame Arbeit an einer Predigt, "Börse" am Abend mit
Rundgesprächen von neuer Software bis zum Gedicht von Hilde Domin. Das alles
bei bewusst entdeckter Langsamkeit und Muße. Gearbeitet wird erst ab neun. Die
Mittagspause dauert bis sechzehn Uhr (auch das schon bei Georg Merz). Die Abende
sind fast immer frei für spontane Ereignisse. Dazu ein ganzer Tag für den
Körper: Wanderung, Thermalbad.
Dreiundvierzig Jahre lang hatte man dafür zwei volle Wochen, seither - aus
Kostengründen - nur noch zwölf Tage und das alle zehn Jahre im ständigen
Dienst, also zwei-, höchstens dreimal in einer Pfarrbiografie. "Ist es
wahr, dass man bei euch noch griechisch lesen muss?" kommt als Frage bei
den regelmäßigen Leitungskonferenzen der EKD-Kollegien. "Hebräisch
auch", kann ich vergnügt antworten und hinzufügen, dass der Urtext
wunderbar verlangsamt und ungeahnte Zusammenhänge erschließt. Dass es eine Art
gibt, gemeinsam über der Thora zu "brummen", die Nichtwissen der
Einzelnen erst gar nicht erkennen lässt, sodass auch diejenigen intensiv
mittun, die keine alten Sprachen gelernt haben, weil sie auf einer via specifica
ins Amt kamen. Anderes "Brummen" übrigens als für gewöhnlich im
Pfarramt: Mit Bonhoeffer und seinem "Gemeinsamen Leben" gesagt:
"Wir setzen uns dem einzelnen Satz und Wort so lange aus, bis wir
persönlich von ihm getroffen sind... Wir fragen also nicht, was dieser Text
anderen Menschen zu sagen habe, für uns Prediger und Predigerinnen heißt das,
wir fragen nicht, wie wir über den Text predigen oder unterrichten würden,
sondern was er uns selbst ganz persönlich zu sagen hat."
"Das gibt es auch nur noch bei den Pietisten" mag dann die Antwort
sein. Aber es schwingt darin mit auch die Anerkennung dessen, dass in diesem
Baustein-Konzept kein Thema Selektion ausübt beim Zustandekommen eines Kurses
oder dass gar ein Kurs ausfällt, weil sich im Augenblick nur zwei Leute für
paulinische Ethik interessieren. Das ist hierzulande nicht einmal passiert in
fünfzig Jahren. Wir schieben vielmehr zeitweise eine hohe Bugweile derer vor
uns her , die gerne kommen würden, aber aus Platzgründen nicht dürfen.
Vorauswahl nach Spezialinteressen, nach frömmigkeitsgeschichtlicher
Prägung, kirchenpolitischer Couleur oder gar nach Sympathie ist nicht gewollt,
im Gegenteil. Man vergegenwärtige sich, was Bonhoeffer über "Bruder- (und
Schwestern-)schaft in Christus zu sagen hat und wie ruppig er sie von
psychischer Affinität unterscheidet. Terminwünsche entscheiden über die
Zusammensetzung einer Kursgruppe, die eherne Regel, dass jeder Kirchenbezirk nur
einmal vertreten sein darf, und die möglichst gleichmäßige Mischung der
Geschlechter und Altersgruppen. Übrigens wird - entgegen hartnäckigen
Gerüchten - eingeladen, nicht einberufen. Keine Landeskirche kennt Zwangsrekrutierung
für ihr Kolleg. Die bayerische Regelung freilich ist optimal und
nachahmenswert. Auch dort wird eingeladen. Mit der definitiven Zusage aber
erhalten Kolleginnen und Kollegen eine förmliche Einberufung. Sie schützt vor
unnötigen Nachfragen und überfallsartigen Rückruf-Aktionen aus der Gemeinde.
Denn fraglos gilt: Während der Kollegzeit sind Pfarrerinnen und Pfarrer nach
Recht und Gesetz "dienstlich abwesend".
Sub rosa
Über jeder Tür im Kolleg ist - wie die Mesusa bei frommen Juden am Pfosten
- eine kleine hölzerne Rose angeheftet, Symbol für eine alte Klosterregel: Was
unter der Rose gesagt oder getan wird, bleibt im Verborgenen. Es geht nicht
hinaus. Das Pastoralkolleg ist ein Raum des Vertrauens. Man darf offen reden.
Auch der Leiter bewahrt Stillschweigen. Sie haben sich alle dazu verpflichtet
und daran gehalten, Walther Geisser (1952-1964), D. Hans Stroh (1964-1974), Dr. Manfred
Kuntz (1974-1991), mich eingeschlossen (seit 1992) und alle haben der Versuchung
tapfer widerstanden, sich in Ämter locken zu lassen, in denen die ungesucht
zugewachsene Personalkenntnis in irgendeiner Weise verwertbar wäre.
Es werden keine Bericht abgefasst. Es gibt kein Kuratorium. In der Regel
kommt einmal jährlich der Bischof um zu hören, was "seine"
Pfarrerinnen und Pfarrer vordringlich bewegt. Namen werden nicht genannt. Auch
das kann Kirchenleitung sein.
Rekreation
Wer den Wortsinn meditiert, weiß: Machen kann das niemand, aber es kann sich
ereignen und man kann darauf zielen. Ein Kollege beim Abschied: "Im Herbst
habe ich meiner Frau gesagt, entweder nehmen sie mich im nächsten Jahr im
Pastoralkolleg oder ich muss zur Kur. - Jetzt brauche ich die Kur nicht
mehr". Unsereins erfährt Rekreation nicht ohne weiteres im warmen Sand von
Rimini. Seele und Geist wollen auch ernährt sein. Die Mixtur von Liturgie und
Wahrnehmung von Welt, von Gemeinschaft und persönlichem Freiraum, von geistiger
Arbeit und körperlicher Anspannung, von Gespräch und Schweigen scheint
Heilkräfte freizusetzen.
Konzert-Etüde
Pfarrerinnen und Pfarrer sind Solisten. Drei Freudenstädter nach dem
Gottesdienst: "Es muss wieder ein Kollegkurs da sein." "Wieso
das?" "Da singen welche so mächtig und beten so laut". Am Anfang
ist das so und hier blinkt ein Warnlicht. Der so notwendige Wandel weg von der
Pastorenkirche hin zur Gemeinde als Corpus Christi erlaubt
"Konzentration" und verlangt neben "Koordination" vor allem
"Kooperation". Solistinnen und Solisten sollen sich einfügen in ein
größeres Ganzes. Konzertantes Musizieren ist gefragt.
Das bedeutet Ab- und Einstimmung mit Kolleginnen und Kollegen, aber auch mit
der Mitarbeiterschaft - haupt- und ehrenamtlich - am Ort und im Nachbarschaftsverband.
Deshalb ist es nur gut und geradezu zwingend, dass sich Fortbildungsangebote
zunehmend öffnen für Beteiligte in verschiedensten Funktionen.
Je und dann aber ist es sinnvoll und notwendig, dass Gleich und Gleich unter
sich ist. Das gilt für den Kirchengemeinderat nicht weniger als für den
Diakonat, für Frauen und Mesnergruppen. Es gilt auch für Pfarrerinnen und
Pfarrer. Zum einen wegen der Konzentration. Was ist meine Stimme? Wo bin ich
bleibend gefordert? Was kann ich? Was weniger? Zum andern wegen der Kooperation.
Wo kann ich mich zurücknehmen? Wo muss ich es geradezu? Halte ich es aus, dass
die Kollegin diese Passage besser spielt als ich? Wo sollte ich üben? Mich
verbessern, geradezu Mithilfe suchen?
Das Pastoralkolleg ist Ort der Konzentration. Es ist zugleich
propädeutisches Terrain für Kooperation: Vorfeld der Teamfähigkeit und der
handlungsorientierten Fortbildung. Spätestens in der zweiten Woche singen sie
moderat und beten leise. "Ich bin hier nicht als Solistin gefragt",
ist die Erkenntnis, evangelisch gesagt: "Ich muss der Solist hier nicht
sein". Es ist die Haltung, die für Kooperation nötig ist. Sie entsteht
aus der Begegnung mit dem, was fraglos größer ist als wir alle: die Liturgie,
die Bibel, Gemeinschaft der Heiligen. Originalton beim Abschied: "Ich
glaube, manchmal sind wir richtig ein Häuflein Jüngerinnen und Jünger Jesu
geworden." Kann man es weiter bringen?