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Fünfzig Jahre Pastoralkolleg in Württemberg

von Kirchenrat Helmut Maier-Frey, Denkendorf

Die Leiter des Pastoralkollegs seit 1952:

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Kirchenrat Walther Geisser, Leiter des Pastoralkollegs 1952-1964 Kirchenrat D. Hans Stroh, Leiter des Pastoralkollegs 1964-1974
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Kirchenrat Dr. Manfred Kuntz, Leiter des Pastoralkollegs 1974-1991 Kirchenrat Helmut Maier-Frey, Leiter des Pastoralkollegs von 1991 bis 2008
Vgl. die Seite mit einigen Beiträgen zu den Leitern des Pastoralkollegs.


Ein werbender Bischof

Am 29. September 1952 wurde der erste Kurs des württembergischen Pastoralkollegs eröffnet: Vierzehn "Amtsbrüder" von Creglingen bis Weilersteusslingen. Leitung: Walther Geisser, bis dahin Pfarrer der Brüdergemeinde in Korntal, jetzt neugebackener Kirchenrat. Ort: Freudenstadt. Die Jugendstilvilla in der Lauterbadstraße sollte für fünfundvierzig Jahre zu einer der besten Adressen in der Pfarrschaft werden, die damals freilich nur Pfarrerschaft war. Die Schwester im Amt war das "Fräulein Pfarrvikarin". Vierzehn von ihnen wurden nach zwei Jahren erstmals zu einem Kurs eingeladen - immerhin!
Bischof Martin Haug hatte im August 1952 einen Brief an alle Pfarrämter hinausgehen lassen, Freudenstadts gute Luft und Stille gelobt, "Ausspannung und Erquickung" verheißen für alle, "die von Müdigkeit und Verzagtheit angefallen sind", von "Mühsal und Unrast". Kein Heilands-, aber ein Bischofsruf, noch immer anrührend als Dokument der Seelsorge an Seelsorgern. Andere Landeskirchen hätten gute Erfahrungen gemacht mit ihrem Pastoralkolleg. Württemberg habe lange geplant, jetzt aber... Und bitte kein Misstrauen! Kein zusätzlicher Sturzbach in der "Tagungsflut", kein "Ort kirchenamtlicher Schulung und Normierung", vielmehr gemeinsames Leben und Arbeiten, "Bruderschaft", gegen die "die vielleicht typisch schwäbische Hemmung" tapfer überwunden werden müsse. "Kommen Sie allesamt getrost und erwarten Sie Gutes von unserem Pastoralkolleg!"
Sie kommen weither, auch wenn die Freudenstädter Villa mit lauschigem Park und Boccia-Bahn 1997 verkauft wurde. Sie kommen auch nach Denkendorf, wo das Kolleg unter dem Klosterdach der Fortbildungsstätte Raum gefunden hat. Ausnahmen werden nicht gezählt, aber sehr zahlreich dürften sie nicht sein. Soeben ging der 443. Kurs zuende. Also haben mehr als sechstausend Pfarrerinnen und Pfarrer bisher das Kolleg durchlaufen.

Mutterklöster

Alle Landeskirchen der EKD boten nach 1945 ihren Pfarrern Rüstzeiten, Tagungen, Kurse an. Nationalsozialismus und Kirchenkampf waren zu verarbeiten, Heimkehrer aus Krieg und Gefangenschaft neu auf den Beruf auszurichten. Sammlung und Sendung war das Motto.
In Bayern hatte man Georg Merz mit dieser Aufgabe betraut. Mitstreiter Karl Barths, Herausgeber von "Zwischen den Zeiten", war er Dozent, später Rektor der Theologischen Schule in Bethel gewesen, die 1939 von der Gestapo aufgelöst wurde. Am Ende des Krieges Dekan in Würzburg, wurde er vom bayerischen Landesbischof Meiser dafür gewonnen, 1945 erste Pfarrkurse durchzuführen. Merz erkannte sofort, dass die Aufgabe nicht nur eine augenblickliche, sondern eine grundsätzliche sei. Seine Konzeption: Institutionalisierung auf Dauer und mit festem Ort als regelmäßig wiederkehrende Offerte in der Pfarrerbiografie. Auf der Heimfahrt von Treysa schlug er seinem Bischof dafür den Namen "Pastoralkolleg" vor. Mit dem entsprechenden Kirchengesetz von 1946 war das Pastoralkolleg Neuendettelsau geboren, Merz sein erster Rektor.
Andere Landeskirchen folgten. Am Vorabend der Gründung des Freudenstädter Kollegs gab es bereits acht Pastoralkollegien in Deutschland. Drei davon hat der designierte Freudenstädter Kirchenrat unmittelbar vor Dienstantritt aufmerksam hospitierend besucht: Villigst in Westfalen, Rengsdorf im Rheinland, Neuendettelsau in Bayern. Hier hat er wesentliche Anregungen für Württemberg eingeholt und dokumentiert. Die stärksten verdanken sich fraglos Neuendettelsau und seinem Pionier Georg Merz. Sie bestimmen bis heute die württembergische Konzeption.

Vitales Fossil

Von allen anderen Pastoralkollegien - und jede Landeskirche hat inzwischen ihr eigenes - würde der Pionier heute sagen: "Sie sind alle abgewichen und untreu geworden" - ausgenommen Württemberg. Alle Übrigens bieten nämlich seit Anfang der Siebzigerjahre das an, was Merz partout ausgeschlossen wissen wollte: Thematische Kolleg-Kurse: "Die Pfarrerehe", "Taufe und Tauferinnerung", "Ethik bei Paulus", - also handlungsorientierte Fortbildung. Das ist sinnvoll und nötig. Das gibt es auch hierzulande und zu Recht überwiegend auf den etwa 120 Seiten des Jahreskatalogs für "Fort- und Weiterbildung" im Pfarramt.
Anders das Pastoralkolleg. Sein Programm ist konsequent personorientiert: geistliche Zentrierung im Medium gemeinsamen Lebens, das bestimmt ist durch Liturgie, Theologie und Biografie. Also ein durch drei Stundengebete regulierter Tag; also die Bibel auf dem Tisch mit einem kursbegleitenden Abschnitt aus dem griechischen oder hebräischen Teil; also Erfahrungsaustausch, begleitet von einem therapeutisch qualifizierten Theologen unter dem Vorzeichen, dass zwölf Pfarrerinnen und Pfarrer zwölf Welten mitbringen. Das ist der Kern. Natürlich auch Impulse. Studientag mit einem Mitglied der Tübinger theologischen Fakultät, ein wesentliches Kapitel Pastoraltheologie, Begegnung mit anderen Kirchen- oder Religionsgemeinschaften (Herrnhutern, Katholiken, Synagoge, Moschee), Gespräch mit zwei Kollegialmitgliedern des Oberkirchenrats, Austausch über neue Literatur in Theologie, Gemeindearbeit, aber auch Belletristik, gemeinsame Arbeit an einer Predigt, "Börse" am Abend mit Rundgesprächen von neuer Software bis zum Gedicht von Hilde Domin. Das alles bei bewusst entdeckter Langsamkeit und Muße. Gearbeitet wird erst ab neun. Die Mittagspause dauert bis sechzehn Uhr (auch das schon bei Georg Merz). Die Abende sind fast immer frei für spontane Ereignisse. Dazu ein ganzer Tag für den Körper: Wanderung, Thermalbad.
Dreiundvierzig Jahre lang hatte man dafür zwei volle Wochen, seither - aus Kostengründen - nur noch zwölf Tage und das alle zehn Jahre im ständigen Dienst, also zwei-, höchstens dreimal in einer Pfarrbiografie. "Ist es wahr, dass man bei euch noch griechisch lesen muss?" kommt als Frage bei den regelmäßigen Leitungskonferenzen der EKD-Kollegien. "Hebräisch auch", kann ich vergnügt antworten und hinzufügen, dass der Urtext wunderbar verlangsamt und ungeahnte Zusammenhänge erschließt. Dass es eine Art gibt, gemeinsam über der Thora zu "brummen", die Nichtwissen der Einzelnen erst gar nicht erkennen lässt, sodass auch diejenigen intensiv mittun, die keine alten Sprachen gelernt haben, weil sie auf einer via specifica ins Amt kamen. Anderes "Brummen" übrigens als für gewöhnlich im Pfarramt: Mit Bonhoeffer und seinem "Gemeinsamen Leben" gesagt: "Wir setzen uns dem einzelnen Satz und Wort so lange aus, bis wir persönlich von ihm getroffen sind... Wir fragen also nicht, was dieser Text anderen Menschen zu sagen habe, für uns Prediger und Predigerinnen heißt das, wir fragen nicht, wie wir über den Text predigen oder unterrichten würden, sondern was er uns selbst ganz persönlich zu sagen hat."
"Das gibt es auch nur noch bei den Pietisten" mag dann die Antwort sein. Aber es schwingt darin mit auch die Anerkennung dessen, dass in diesem Baustein-Konzept kein Thema Selektion ausübt beim Zustandekommen eines Kurses oder dass gar ein Kurs ausfällt, weil sich im Augenblick nur zwei Leute für paulinische Ethik interessieren. Das ist hierzulande nicht einmal passiert in fünfzig Jahren. Wir schieben vielmehr zeitweise eine hohe Bugweile derer vor uns her , die gerne kommen würden, aber aus Platzgründen nicht dürfen.
Vorauswahl nach Spezialinteressen, nach frömmigkeitsgeschichtlicher Prägung, kirchenpolitischer Couleur oder gar nach Sympathie ist nicht gewollt, im Gegenteil. Man vergegenwärtige sich, was Bonhoeffer über "Bruder- (und Schwestern-)schaft in Christus zu sagen hat und wie ruppig er sie von psychischer Affinität unterscheidet. Terminwünsche entscheiden über die Zusammensetzung einer Kursgruppe, die eherne Regel, dass jeder Kirchenbezirk nur einmal vertreten sein darf, und die möglichst gleichmäßige Mischung der Geschlechter und Altersgruppen. Übrigens wird - entgegen hartnäckigen Gerüchten - eingeladen, nicht einberufen. Keine Landeskirche kennt Zwangsrekrutierung für ihr Kolleg. Die bayerische Regelung freilich ist optimal und nachahmenswert. Auch dort wird eingeladen. Mit der definitiven Zusage aber erhalten Kolleginnen und Kollegen eine förmliche Einberufung. Sie schützt vor unnötigen Nachfragen und überfallsartigen Rückruf-Aktionen aus der Gemeinde. Denn fraglos gilt: Während der Kollegzeit sind Pfarrerinnen und Pfarrer nach Recht und Gesetz "dienstlich abwesend".

Sub rosa

Über jeder Tür im Kolleg ist - wie die Mesusa bei frommen Juden am Pfosten - eine kleine hölzerne Rose angeheftet, Symbol für eine alte Klosterregel: Was unter der Rose gesagt oder getan wird, bleibt im Verborgenen. Es geht nicht hinaus. Das Pastoralkolleg ist ein Raum des Vertrauens. Man darf offen reden. Auch der Leiter bewahrt Stillschweigen. Sie haben sich alle dazu verpflichtet und daran gehalten, Walther Geisser (1952-1964), D. Hans Stroh (1964-1974), Dr. Manfred Kuntz (1974-1991), mich eingeschlossen (seit 1992) und alle haben der Versuchung tapfer widerstanden, sich in Ämter locken zu lassen, in denen die ungesucht zugewachsene Personalkenntnis in irgendeiner Weise verwertbar wäre. 
Es werden keine Bericht abgefasst. Es gibt kein Kuratorium. In der Regel kommt einmal jährlich der Bischof um zu hören, was "seine" Pfarrerinnen und Pfarrer vordringlich bewegt. Namen werden nicht genannt. Auch das kann Kirchenleitung sein.

Rekreation

Wer den Wortsinn meditiert, weiß: Machen kann das niemand, aber es kann sich ereignen und man kann darauf zielen. Ein Kollege beim Abschied: "Im Herbst habe ich meiner Frau gesagt, entweder nehmen sie mich im nächsten Jahr im Pastoralkolleg oder ich muss zur Kur. - Jetzt brauche ich die Kur nicht mehr". Unsereins erfährt Rekreation nicht ohne weiteres im warmen Sand von Rimini. Seele und Geist wollen auch ernährt sein. Die Mixtur von Liturgie und Wahrnehmung von Welt, von Gemeinschaft und persönlichem Freiraum, von geistiger Arbeit und körperlicher Anspannung, von Gespräch und Schweigen scheint Heilkräfte freizusetzen.

Konzert-Etüde

Pfarrerinnen und Pfarrer sind Solisten. Drei Freudenstädter nach dem Gottesdienst: "Es muss wieder ein Kollegkurs da sein." "Wieso das?" "Da singen welche so mächtig und beten so laut". Am Anfang ist das so und hier blinkt ein Warnlicht. Der so notwendige Wandel weg von der Pastorenkirche hin zur Gemeinde als Corpus Christi erlaubt "Konzentration" und verlangt neben "Koordination" vor allem "Kooperation". Solistinnen und Solisten sollen sich einfügen in ein größeres Ganzes. Konzertantes Musizieren ist gefragt.
Das bedeutet Ab- und Einstimmung mit Kolleginnen und Kollegen, aber auch mit der Mitarbeiterschaft - haupt- und ehrenamtlich - am Ort und im Nachbarschaftsverband. Deshalb ist es nur gut und geradezu zwingend, dass sich Fortbildungsangebote zunehmend öffnen für Beteiligte in verschiedensten Funktionen.
Je und dann aber ist es sinnvoll und notwendig, dass Gleich und Gleich unter sich ist. Das gilt für den Kirchengemeinderat nicht weniger als für den Diakonat, für Frauen und Mesnergruppen. Es gilt auch für Pfarrerinnen und Pfarrer. Zum einen wegen der Konzentration. Was ist meine Stimme? Wo bin ich bleibend gefordert? Was kann ich? Was weniger? Zum andern wegen der Kooperation. Wo kann ich mich zurücknehmen? Wo muss ich es geradezu? Halte ich es aus, dass die Kollegin diese Passage besser spielt als ich? Wo sollte ich üben? Mich verbessern, geradezu Mithilfe suchen?
Das Pastoralkolleg ist Ort der Konzentration. Es ist zugleich propädeutisches Terrain für Kooperation: Vorfeld der Teamfähigkeit und der handlungsorientierten Fortbildung. Spätestens in der zweiten Woche singen sie moderat und beten leise. "Ich bin hier nicht als Solistin gefragt", ist die Erkenntnis, evangelisch gesagt: "Ich muss der Solist hier nicht sein". Es ist die Haltung, die für Kooperation nötig ist. Sie entsteht aus der Begegnung mit dem, was fraglos größer ist als wir alle: die Liturgie, die Bibel, Gemeinschaft der Heiligen. Originalton beim Abschied: "Ich glaube, manchmal sind wir richtig ein Häuflein Jüngerinnen und Jünger Jesu geworden." Kann man es weiter bringen?

 

 

 

 

 

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Stand: 28. März 2009