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Für eine ökumenische Gesinnung gegenüber Juden

Erklärung der Arbeitsgruppe "Wege zum Verständnis des Judentums im Bereich der Evangelischen Landeskirche in Württemberg" vom September 1997

1.

Im Zuge des politischen Umbruchs in Osteuropa kamen viele Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Durch ihr Kommen wurde in unserer Landeskirche ein Streit über die Frage ausgelöst, ob die Zugewanderten Ziel missionarischer Bemühungen sein können. Darauf hat unsere Arbeitsgruppe bereits 1995 mit einem deutlichen Nein geantwortet. Wir sprachen uns für die Abkehr von jeglicher "Judenmission" aus und betont:
"Wir verzichten auf sie nicht nur, weil uns die Last der Vergangenheit dies gebietet; sie ist für uns vielmehr ein theologischer Irrweg, den wir hinter uns lassen wollen".
Stattdessen plädieren wir für eine ökumenische Gesinnung gegenüber Juden.

 

2. 

Wir suchen das Juden und Christen Verbindende. In Denkendorf pflegen wir seit zwei Jahrzehnten das Gespräch zwischen Christen und Juden. Viele Gemeinden unserer Landeskirche beteiligen sich an diesem Gespräch, das für uns wesentlich ein Gespräch über der Bibel ist.
Wir haben erkannt, dass es zwischen Juden und Christen weit mehr Verbindendes als Trennendes gibt. Beide hören wir auf die Weisung von Gottes Geboten. Uns beiden gelten Heilsworte und Kritik der Propheten. In Synagogen und Kirchen beten wir die Psalmen.
Wesentliche Inhalte des Glaubens sind Juden und Christen gemeinsam: vom Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer des Himmels und der Erde über den Glauben an Gottes Liebe und Erbarmen bis hin zur Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.
Nach dem Wort des Apostels Paulus gehören Israel die Kindschaft und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen und die Väter (Römer 9,4).
Dies ist für uns die umfassende biblische Grundlage für ein Miteinander und ein gemeinsames Suchen in den Fragen unseres Glaubens und Handelns.

 

3. 

Das Miteinander von Juden und Christen bleibt belastet durch die jahrhundertelange Feindschaft von Christen gegen Juden. Antijüdische Predigten, Anstiftung und Rechtfertigung von Gewalt gegen jüdische Frauen, Männer und Kinder, Wegsehen oder gar heimliche Zustimmung bei Verfolgungen wie auch Zwangsbekehrungen und anders geartete Versuche, sie von ihrem Judesein abzubringen, machten Jüdinnen und Juden misstrauisch und bis heute vorsichtig gegenüber christlicher Annäherung.
In der Erklärung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg vom 15. September 1988 "Verbundenheit mit dem jüdischen Volk" heißt es: "Als Christen leiden wir unter der schweren Last dieser Vergangenheit. Wir erkennen und bekennen unsere Schuld vor Gott und vor dem jüdischen Volk und bitten den Herren, dass er uns helfe zur Umkehr im Glauben und Tun."
Ein aufrichtiges Schuldbekenntnis müsste nach unserer Überzeugung alle missionarischen Bestrebungen zum Verstummen bringen.

 

4.

Nach Jahrhunderten der Konfrontation suchen wir nach Wegen der Verständigung, die zu einem partnerschaftlichen Miteinander führen.
Wenn die Landeskirche in der genannten Erklärung formuliert: "Gottes Treue gilt uneingeschränkt sowohl seinem erwählten Volk Israel wie der in Christus Jesus berufenen Gemeinde aus allen Völkern", so erkennt sie Israel und seinen Weg mit Gott an.
Auch die Ökumene der Kirchen konnte erst gedeihen, als die einzelnen Konfessionen darauf verzichteten, einander zu ihrer Wahrheit bekehren zu wollen. Heute nehmen sie einander als Partnerinnen ernst, entdecken den Reichtum ihrer unterschiedlichen Traditionen und lernen voneinander. Juden und Christen stehen auf dem gemeinsamen Fundament der Hebräischen Bibel. Darum treten wir für eine neue ökumenische Gesinnung gegenüber Juden ein.

 

Denkendorf, im September 1997

 

 

 

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Stand: 08. November 2008