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zurück zur "Arbeitsgruppe" zurück zu "Veröffentlichungen" Der hier abgedruckte Gottesdienstentwurf zum Gedenken an die Pogromnacht am 9./10. November 1938 wurde von einer Liturgiekommission der Arbeitsgruppe "Wege zum Verständnis des Judentums" erstmals 1988 erstellt. Bereits damals ist er als Gottesdienstvorschlag von der "Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg" (ACK) übernommen und in allen Kirchengemeinden Baden-Württembergs verteilt worden (unter dem Titel "Umkehr braucht Erinnerung"). Zehn Jahre später hat die Liturgiekommission der "Arbeitsgruppe" in Denkendorf den Gottesdienstentwurf nochmals völlig neu bearbeitet. Wiederum hat die ACK die Herausgeberschaft übernommen und freundlicherweise für die Verteilung in den Kirchengemeinden gesorgt.
ERINNERN FÜR DIE ZUKUNFT Ökumenischer
Gottesdienst
Vorwort der Herausgeber In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Deutschland Synagogen geschändet und verbrannt, jüdische Geschäfte sowie Wohnhäuser demoliert und jüdische Mitbürger ermordet. Zehntausende wurden in Konzentrationslager verschleppt. Die Pogrome vom November 1938 bildeten den Auftakt zur beispiellosen Verfolgung von jüdischen Frauen, Männern und Kindern in unserem Land und in Europa. Ihr Ziel war die Vernichtung des jüdischen Volkes. Wenn wir der auch im Bereich unseres Bundeslandes verübten Anschläge auf jüdische Gotteshäuser, auf Leib und Leben sowie das Eigentum jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger gedenken, erfüllt uns Scham über das damalige Schweigen der Kirchen und das Wegsehen so vieler Christinnen und Christen. Die durch solches Schweigen oder Wegsehen entstandene Schuld lässt uns nach unserer Verantwortung heute fragen. Wie schon vor 10 Jahren rufen die der ACK in Baden-Württemberg angehörenden Kirchen ihre Gemeinden auf, am 9. November 1998 in ökumenischen Buß- und Bittgottesdiensten der Pogrome von 1938 zu gedenken. Stuttgart, im Mai 1998
I. Eröffnung 1. Sprecher/in: Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. 2. Sprecher/in: Wir sind heute zu einem Gottesdienst zusammen gekommen, bei dem wir uns an das erinnern, was vor 60 Jahren geschah. Zu einem Gottesdienst des Gedenkens und gegen das Vergessen. 3. Sprecher/in: Wir wollen der Opfer gedenken und nach Schuld und
Verantwortung fragen. Was geschehen ist, darf sich in Zukunft nie mehr
wiederholen. So hat Gedenken auch mit Zukunft zu tun. Lied: "Wohl denen, die da wandeln ..." (EG 295.1 +2; GL
614.1) 1 .Sprecher/in: Über der Gedenkstätte Jad Waschem in Jerusalem steht der Satz: "Verdrängen hält die Erlösung auf, Sich-Erinnern bringt sie näher". Dieser Satz mahnt uns, nicht zu vergessen, was in der Vergangenheit geschah. 2. Sprecher/in: In unserem Land wurden jüdische Menschen über Jahrhunderte entrechtet und verfolgt. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten erreichten Gewalt und Unrecht einen Höhepunkt. Jüdische Geschäfte, Arzt- und Anwaltspraxen wurden boykottiert, Bücher jüdischer und nichtjüdischer Autorinnen und Autoren verbrannt. Durch die Nürnberger Rassegesetze wurden Juden wehrlos gemacht und ihrer Rechte beraubt. 3.Sprecher/in: Vor sechzig Jahren, am 9. und 10. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen, wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört und geplündert, jüdische Friedhöfe geschändet. Jüdische Männer und Frauen wurden misshandelt. Tausende wurden in Konzentrationslager gebracht. Viele kamen um. Wenn möglich, sollte hier auf lokale Ereignisse hingewiesen werden. 1. Sprecher/in: Die Pogrome vom November 1938 waren nur eine Station auf dem Weg zur Vernichtung der Juden. An seinem Ende standen die Gaskammern von Auschwitz. 2. Sprecher/in: Als Christinnen und Christen bedrängt uns die Frage: Warum haben die Kirchen, warum haben die Christen zu alledem weithin geschwiegen?
3. Sprecher/in: Christliche Judenfeindschaft war neben dem rassischen Antisemitismus eine der Ursachen, die zur Katastrophe führten.
II. Verfehlung - Schuld - Umkehr Lied: "Und suchst du meine Sünde" (EG 237) 1. Sprecher/in: Wie konnte das alles geschehen?
2. Sprecher/in: Wir haben immer wieder geglaubt und gelehrt, Gott habe sein Volk Israel verstoßen und die Kirche sei an seine Stelle getreten. Diese falsche Lehre hat Christinnen und Christen hochmütig und überheblich gemacht. Sie haben Juden entrechtet, gedemütigt und verfolgt. 3. Sprecher/in: Absagen wollen wir der falschen und bösen Rede, Gott habe sein Volk Israel verstoßen. 1. Sprecher/in: Wir glauben und bekennen: Israel ist und bleibt Gottes geliebtes und erwähltes Volk. Als Christen sind wir durch unseren Herrn Jesus Christus herzugerufen aus den Völkern; herzugerufen zum Glauben an den einen Gott, den Schöpfer und Herrn aller Menschen. 2. Sprecher/in: Wir haben immer wieder geglaubt und gelehrt, die Juden seien die Gottesmörder, verantwortlich für den Tod Jesu am Kreuz. Diese böse Rede hat unendlich viel Leid über jüdische Männer, Frauen und Kinder gebracht. Immer wieder kam es zu Anfeindungen und Verfolgungen, insbesondere in der Karwoche, wenn Christen des Leidens und Sterbens ihres Herrn gedachten. 3. Sprecher/in: Absagen wollen wir der falschen und bösen Rede, die Juden seien Gottesmörder. 1. Sprecher/in: Wir glauben und bekennen: Jesu Tod gehört wie seine Auferstehung zum Heilshandeln Gottes und damit zum Geheimnis der Erlösung. Unser Herr nahm mit Wissen und Willen sein Kreuz auf sich, wie geschrieben steht: "Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tode am Kreuz." (Phil. 2,8). 2. Sprecher/in: Wir haben immer wieder geglaubt und gelehrt, der Gott der Juden, wie er uns im Alten Testament begegnet, sei ein Gott der Rache und Vergeltung. Erst im Neuen Testament würden wir durch Jesus Christus den barmherzigen Gott der Liebe kennenlernen. 3. Sprecher/in: Absagen wollen wir der falschen und bösen Rede, im Alten Testament begegne uns ein Gott der Rache, und erst durch Jesus Christus würden wir den barmherzigen Gott kennenlernen, zu dem wir "Vater" sagen dürfen. 1 .Sprecher/in: Wir glauben und bekennen: Der Gott der Bibel ist ein Gott. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist kein anderer Gott als der Vater Jesu Christi. Für die Menschen aller Zeit ist Er gerecht und barmherzig.
Schuldbekenntnis: Alle: Lied: "Herr, erbarme dich" (EG 178.11; GL 358,3) 1. Sprecher/in: "Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes," (2.Korinther 1,3) 2. Sprecher/in: "Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist Gott treu und gerecht; er vergibt unsere Sünden und reinigt uns von allem Unrecht" (1.Joh. 1,9)
III. Lesung aus Psalm 130: Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir: Herr, höre meine Stimme! Im Anschluss an die Lesung kann eine kurze Ansprache folgen.
IV. Neue Wege Lied: "Wohl denen, die da wandeln ..." (EG 295,3 + 4; GL 614,3) 1. Sprecher/in: Als die Synagogen brannten, waren viele von uns noch nicht geboren oder noch Kinder. Damals haben unsere Eltern und Großeltern Verantwortung getragen. Sind wir also nicht betroffen? 2. Sprecher/in: Niemand wird schuldig gesprochen für etwas, was er nicht getan hat. Aber die Folgen dessen, was unsere Mütter und Väter getan haben, liegen als Last auf uns. Wie gehen wir mit dieser uns auferlegten Verantwortung um? 3. Sprecher/in: Manchmal ist die Versuchung groß, die Last abzuschütteln.
Manche wollen nicht mehr daran erinnert werden, wollen bewusst vergessen. Wir
aber glauben: Nur wenn wir die Last der Verantwortung auf uns nehmen, wird Gott
unseren Weg begleiten. - Stille/Musik - 1.Sprecher/in: Gedenken heißt: Erschrecken vor den Möglichkeiten, schuldig zu werden - damals wie heute, aus Gedankenlosigkeit, aus Egoismus, aus Angst. 2.Sprecher/in: Gedenken heißt: Das Leiden der Opfer sehen. Um die trauern, die sterben mussten. Wahrnehmen, dass viele noch leben, die von den Folgen der Grausamkeiten gezeichnet sind, die sie erleiden mussten. 3.Sprecher/in: Gedenken wird fruchtbar, wo wir neue Wege der Begegnung und des Verstehens suchen. (Hier können einige konkrete Beispiele zeigen, wie das aussehen kann.) In einer jüdischen Legende fragt ein Rabbi seinen Schüler: Wann ist der
Übergang von der Nacht zum Tag? Und der gibt die Antwort: Wenn du das Gesicht
eines Menschen siehst und du entdeckst darin das Gesicht deines Bruders oder
deiner Schwester, dann ist die Nacht zu Ende, und der Tag ist angebrochen. Fürbitten: Wir bitten dich, Gott: Halte deine Hand schützend über dein Volk Israel, bewahre die jüdischen Gemeinden in aller Welt vor Anfeindungen und Gefahren. Schenke Israel Frieden mit seinen Nachbarn. Schenke uns Mut, dass wir gegenüber unseren jüdischen Schwestern und Brüdern unsere Verantwortung erkennen und wahrnehmen. Bewahre uns vor Überheblichkeit. Gib uns die Kraft, immer wieder auszusprechen, dass du dein Volk Israel nicht verstoßen hast. Gib uns den Mut, offen - zu bekennen, dass die Juden keine Gottesmörder sind. Schenke uns die Kraft überall dafür einzustehen, dass du der Gott des Alten und des Neuen Testamentes, der eine Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, bist. Wir bitten dich, Herr, Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern die Verheißung gegeben, erhöre unser Gebet für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast. Vater unser Lied: "O komm, du Geist der Wahrheit" (EG 136,1) Segen
Abkürzungen: EG = Evangelisches Gesangbuch GL = Gotteslob
Herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg (1998) Geschäftsstelle: Stafflenbergstraße 44, 70184 Stuttgart, Telefon 0711 /243114, Fax 0711/2361436 Mitgliedskirchen der ACK in Baden-Württemberg: Beratendes Mitglied: Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden
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