Arbeitsgruppe „Wege zum
Verständnis des Judentums“
im Bereich der Evangelischen
Landeskirche in Württemberg
und Fortbildungsstätte
Kloster Denkendorf,
Fachbereich V: Gespräch
zwischen Christen und Juden
Die Denkendorfer Tora-Lernwochen mit jüdischen Lehrern
1978 rief der damalige Leiter
der Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf, Dr. Hartmut Metzger, die
Tora-Lernwochen mit jüdischen Lehrern ins Leben. Die Lernwochen wurden zum Kern
der Denkendorfer Arbeit für das Gespräch zwischen Christen und Juden und zu
einer württembergischen Besonderheit. Denn Dr. Metzger gelang es, in Israel
toratreue Lehrer zu gewinnen, die zum Lernen mit Christen in Deutschland bereit
waren. Diese Lehrer kommen aus der Tradition der von Samson Raphael Hirsch
Mitte des 19. Jahrhunderts begründeten Neuorthodoxie. Sie reisen regelmäßig
zusammen mit ihren Ehefrauen nach Denkendorf, um als einzelne oder als Gruppe
Vorträge, Studientage, Kurse und Lernwochen durchzuführen. Drei unterschiedliche
Varianten der Lernwochen wurden ausgebildet, sie werden im Dreijahresrhythmus
wiederholt. Auf eine Lernwoche (ganztägig Montag bis Freitag mit Angebot zu
gemeinsamer Abendgestaltung) in der Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf folgt
im Jahr darauf eine ebenso intensive Lernwoche in Israel (Schawei Zion, Kibbuz
Lavi) mit anschließender Rundreise durch das Land. Im dritten Jahr gehen die
Lehrer in württembergische Kirchengemeinden, wo sie an fünf aufeinander
folgenden Abenden lehren. An der ersten und zweiten Variante können jeweils
vierzig bis fünfzig Personen teilnehmen. An der dritten Variante beteiligen
sich 2005 rund 500 Menschen in 17 Kirchengemeinden.
Die Sabbate vor und nach den
Lernwochen in Deutschland feiern die Lehrer zusammen im Kloster Denkendorf. Sie
bilden einen Minjan und erhalten eine Torarolle aus der benachbarten
Stuttgarter Gemeinde geliehen. Christliche Freunde sind in diesen
Gottesdiensten willkommen. Die Fortbildungsstätte ist in der Lage, dem Wunsch
der Lehrer nach koscherer Verpflegung zu entsprechen. Sie sehen in Denkendorf
eine „Insel“ in Deutschland, zu der sie immer wieder gerne zurückkehren.
Das System der Toralernwochen
hat sich bewährt, es wurde auch von Dr. Metzgers Nachfolgern, Dr. Ernst Michael
Dörrfuß und Dr. Joachim Hahn, weitergeführt, und so auch von mir.
Zukünftig wird wichtiger, was
auch bisher im Blick war: neue Lehrer und neue Teilnehmerkreise zu gewinnen und
beide Gruppen zu verjüngen; und das Gespräch zwischen Christen und Juden in den
Kirchenbezirken und Gemeinden der württembergischen Landeskirche mit Hilfe von
Kontaktpfarrern noch tiefer zu verankern.
Die Synode der Evangelischen
Landeskirche in Württemberg hat in ihrem Beschluss über das Verhältnis von
Christen und Juden vom 6. April 2000 erklärt: „Wir wollen als Kirche lernen, um
unserer Identität willen auf das Judentum zu hören.“ In Denkendorf ist dies
bereits seit langem Realität, und von hier aus und in Zusammenarbeit mit
anderen im christlich-jüdischen Gespräch Engagierten soll dies in unserer Kirche
zur Selbstverständlichkeit werden.
Dr. Michael Volkmann