Erläuterungen
der Initiatoren zum Aufruf „Erinnerung und Umkehr“
Der 9. November gehört als Gedenktag in den
Kalender des Kirchenjahres. Die Kirche gedenkt der Ereignisse des 9. November
1938 und des christlichen Irrwegs der Judenfeindschaft. Christen sind als
Mittäter und Zuschauer mit schuldig geworden an der Vernichtung der Juden
Europas. Die Kirche als ganze hatte die Verwerfung der Juden gelehrt und ihnen
das Recht als Juden zu leben abgesprochen, lange bevor ihnen die
Nationalsozialisten das Recht auf Leben schlechthin entzogen. Die Kirche muss
erkennen, dass der Völkermord an den Juden ein Angriff auf die Erwählten und
Geliebten Gottes und damit auch auf die Wurzeln des christlichen Glaubens war.
Im Folgenden wird auf drei Fragen eingegangen, die
im Zusammenhang mit dieser Aktion immer wieder gestellt werden:
1.
Gibt es nicht schon zu viele Gedenktage?
Es gibt viele Gedenktage, die von den
unterschiedlichsten Organisationen und Gruppen begangen werden. Neue Gedenktage
werden geschaffen, andere, auch christliche, geraten in Vergessenheit. Ein
Gedenktag lebt davon, dass Menschen ihn begehen. Am 9. November wird bereits an
vielen Orten des Pogroms von 1938 gedacht, von Vereinen, Initiativen, Kommunen,
Kirchengemeinden und besonders auch von Synagogengemeinden.
Wir sind der Überzeugung, dass die Kirchen in unserem
Land diesen Tag nie vergessen dürfen, weil die Synagogenbrände für uns Christen
theologische Bedeutung haben. Dietrich Bonhoeffer hat gesagt, wo Synagogen
brennen, brennen bald auch Kirchen. Er sagte dies, weil er in diesen Angriffen
Angriffe auf den Gott der Bibel erkannte. Darum betrifft uns dieses Datum als
gläubige Christen. Aber warum haben die Kirchen nicht mit gebrannt? Weil die
Kirchen als Institutionen von den Juden weiter weg waren als von den Nazis,
also auch von ihrem Herrn, der ein Jude ist. Weder in der Barmer Theologischen
Erklärung von 1934 noch im Stuttgarter Schuldbekenntnis, als die Evangelische
Kirche nach dem Krieg bekannte: Durch uns ist unendliches Leid über viele
Länder und Völker gekommen, sind die Juden oder die Verbrechen an den Juden
erwähnt. „Israelvergessenheit“ war ein Hauptgrund für christliche
Judenfeindschaft. Wir überwinden sie nicht durch Vergessen, sondern durch
Gedenken, nicht durch Schweigen, sondern durch Sprechen. Diese Aufgabe bleibt
uns dauernd erhalten. Denn nur, wer sich erinnert, weiß, wo er herkommt und was
er künftig anders machen möchte.
2.
In welchem Verhältnis steht der 9. November zu anderen Gedenktagen?
Die angesprochenen theologischen Gründe machen den
9. November zu einem einzigartigen Gedenktag. Sein Anliegen kann nur an diesem
Tag selbst besprochen werden. Er ist durch keinen anderen Gedenktag zu
ersetzen. Allein der 9. November kann zu einem ökumenischen Gedenktag aller
Kirchen werden.
Immer wieder wird uns die Befürchtung entgegen
gehalten, durch unsere Initiative werde der Buß- und Bettag abgewertet. Der
Buß- und Bettag ist ein Feiertag allein der Evangelischen Kirche. Er zielt auf
die persönliche und gesellschaftliche Bereitschaft zur Selbstprüfung und Buße.
An ihm finden Gottesdienste statt, die Auswahl der Predigttexte hat keinen
Bezug zum Anliegen des 9. November. Mit seinem Profil als allgemeiner Bußtag am
Ende des Kirchenjahres ist er durch einen Gedenktag 9. November weder
gefährdet, noch kann er das Anliegen des Gedenkens am 9. November übernehmen.
Die Erinnerung an die Synagogenbrände, an die Passivität der Kirchen und ihre
Ursachen hat ihr eigenes Gewicht und muss am Jahrestag erfolgen. Der Bußtag ist
Schlusstag der Ökumenischen Friedensdekade. Auch in der Friedensdekade und im
Bittgottesdienst für den Frieden kommt das Anliegen des 9. November kaum vor. Sie
zielen in eine andere Richtung, manchmal sogar in eine Israel kritische, ohne
auch nur erwähnt zu haben, wie nahe Kirche und Israel theologisch zusammen
gehören. Unserem Aufruf entspricht es, dem 9. November seinen eigenen Ort am
Beginn bzw. innerhalb der Friedensdekade zu geben.
Der 27. Januar ist von der UNO zum weltweiten
Holocaust-Gedenktag ausgerufen worden. Bei uns ist er der Tag zur Erinnerung an
alle Opfer des Nationalsozialismus, nicht speziell an die jüdischen. An diesem
Datum wurde das KZ Auschwitz befreit, tausend km östlich von hier. Der 9.
November fand hingegen an jedem Ort in Deutschland, wo Juden lebten, statt, praktisch
vor unser aller Haustür. Darum gibt es auch schon die vielen örtlichen
Initiativen, die diesen Tag nicht einfach ohne zu gedenken verstreichen lassen.
Auch viele nicht religiöse Menschen gedenken der Zerstörung der jüdischen
Gotteshäuser.
Am 10. Sonntag nach Trinitatis, dem Israelsonntag,
thematisiert die Evangelische Kirche und nur sie das theologische Verhältnis
von Kirche und Volk Israel und die Treue Gottes zu Israel. Der Tag liegt in der
Regel in den Sommerferien, schon sein eigentliches Anliegen kommt mit Mühe zur
Geltung. Er eignet sich daher nicht dafür, auch noch mit der Erinnerung an die
Synagogenbrände verbunden zu werden.
In der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts
kam der 9. November mehrmals zu Bedeutung: 1918 (Revolution), 1923 (Hitler-Putsch),
1938 (November-Pogrom), 1939 (J. G. Elsers Attentat auf Hitler), 1989 (Öffnung
der Berliner Mauer). Für die Kirchen hat der 9. November 1938 eine Bedeutung,
die nicht nur aus der Reihe der genannten Ereignisse herausragt, sondern weit
über das 20. Jahrhundert hinaus nachwirken wird.
3.
Wie soll das Gedenken am 9. November ausgestaltet werden?
Das Gedenken der schuldig Gewordenen und ihrer
Nachkommen unterscheidet sich vom Gedenken der Opfer und ihrer Nachkommen. Es
muss Gewissen treffendes Gedenken sein, sonst droht die Gefahr, der eigenen
Geschichte auszuweichen, indem man sich unberechtigt auf die Seite der Opfer
stellt. Darum ist christliches Gedenken nicht erfüllt durch die Teilnahme an
jüdischen Gedenkveranstaltungen. Die christliche Schuldgeschichte verlangt ein
eigenes Gedenken der Kirchen in ökumenischer und kommunaler Kooperation. Nicht
nur die einzelnen in den nachfolgenden Generationen, sondern auch die Kirche
als ganze ist Trägerin des Gedenkens.
Orte des Gedenkens am 9. November sind Synagogen,
Kirchen und Gedenkstätten. Aktivitäten, die zum Gedenken an den November-Pogrom
von 1938 an diesem Tag an vielen Orten von den unterschiedlichsten Gruppen
bereits unternommen werden, sollen in ihrer Vielfalt gewürdigt und ermutigt
werden.
Wir wollen einen Gedenktag, keinen kirchlichen
Feiertag. Besondere Gedenktage wie etwa der Tag der Übergabe des Augsburger
Bekenntnisses 1530 stehen auch jetzt schon im Liturgischen Kalender im
Evangelischen Gesangbuch. Dort sind ihnen biblische Texte zugeordnet. Als Text
für den 9. November liegt der 74. Psalm nahe.
Das bedeutet nicht, dass die Kirchen an diesem Tag
die Gedenkform eines Gottesdienstes vorgeben sollten, wir schließen sie aber
auch nicht aus. Vielmehr soll die bereits bestehende Vielfalt des Gedenkens
gewürdigt und ermutigt werden. In Tübingen z. B. erscheinen der Stadtrundgang
(Geschichtswerkstatt Tübingen e. V.), die Feier am Denkmal Synagogenplatz
(Gemeinderat) und die Gedenkstunde in der Stiftskirche (Arbeitsgemeinschaft
Christlicher Kirchen ACK) neben einander auf einem Plakat. So soll es auch in
Zukunft bleiben. Wir wollen nicht, dass der kirchliche Gedenktag anderes
verdrängt, dominiert oder vereinheitlicht, sondern es unterstützt, vor allem
auch das jüdische Gedenken an diesem Tag.
Wir
halten einen offiziellen kirchlichen Gedenktag „Erinnerung und Umkehr“ am 9.
November für eine Notwendigkeit, deren Zeit jetzt – zum 70. Jahrestag –
gekommen ist. Unser Aufruf richtet sich an alle Kirchen. Kirchliche Gruppen,
Gemeinden und Gremien, die sich diesen Aufruf zu eigen machen, bitten wir, ihn
an Kirchenleitungen und Synoden bzw. kirchliche Beschlussgremien heran zu
tragen und uns darüber zu informieren. Synoden bzw. kirchliche Beschlussgremien
mögen in einen Diskussions- und Entscheidungsprozess eintreten und im Lauf des
Jahres 2007 zum Beschluss kommen.