Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören, und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch; der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen. (Römer 9,1-5)
Was ist mit Israel?
Viele stellen diese Frage und denken an den Nahostkonflikt. Dazu unten mehr. Was
mit Israel ist, bewegt Paulus in Römer 9-11. Was er schreibt, ist für unser
Verhältnis zu Israel als Volk, Religion und Staat gerade heute von
grundlegender Bedeutung.
Paulus beginnt beschwörend:
„Ich sage die Wahrheit in Christus ...“. In Christus, nicht in den Medien,
finden wir die Wahrheit über Israel. Große Traurigkeit und Schmerzen ohne
Unterlass hat Paulus in seinem Herzen. Warum? Wir erfahren es indirekt: er
bietet einen unwirklichen Tausch an. Fast ganz Israel lehnt das Evangelium von
Jesus Christus ab. Paulus wäre bereit, von Christus getrennt und verflucht zu sein,
wenn er damit Israel für das Evangelium gewinnen könnte. Diesen verzweifelten
Wunsch kann ihm niemand erfüllen.
Was ist dann mit
Israel? Bevor Paulus diese Frage beantwortet, erinnert er uns daran, was Israel
von Gott her ist und bleibt - ungeachtet dessen, was es tut und erleidet.
- Sie sind
Israeliten, Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs, der von Gott den Ehrennamen
Israel bekam. Dieser Name gehört allein ihnen.
Ihnen gehören
weiter
- die Kindschaft.
Der Midrasch erzählt: Rabbi Jehuda sagte: Wenn ihr euch benehmt wie Söhne, so
seid ihr Söhne, und wenn nicht, so seid ihr keine Söhne. Rabbi Meir sagte: In
jedem Fall gilt: „Ihr seid Söhne des Herrn, eures Gottes“. Paulus spricht wie Rabbi
Meir, wenn er Israel, das die christliche Botschaft nicht annimmt, weiter Sohn Gottes
nennt.
- die Herrlichkeit.
Bonhoeffer sagt: „Das Volk Israel wird das Volk Gottes bleiben, in Ewigkeit,
das einzige Volk, das nicht vergehen wird, denn Gott ist sein Herr geworden,
Gott hat in ihm Wohnung gemacht und sein Haus gebaut.“
- der Bund. Gott ist
treu, sein Bund mit Israel ist ungekündigt. „Gottes Gaben und Berufungen können
ihn nicht gereuen“ (Römer 11,29).
- das Gesetz, die
Tora. In ihr offenbart Gott seinem Volk seinen Willen. An ihr hält das Volk
fest. In ihr ist verheißen, dass durch Israel alle Geschlechter der Erde Segen
erlangen. In ihr lesen wir auch Gottes Wort über die Antisemiten: Ich will
verfluchen, die dich verfluchen (1. Mose 12,3).
- der Gottesdienst.
Bereits als der Tempel noch stand, durften Fremde mitfeiern.
- die Verheißungen.
Die jüdische Theologin Chana Safrai sagt: „Die Verheißung ist also an die
Nachkommen Abrahams gerichtet, doch die Glaubenden sind berechtigt, sich ihr
anzuschließen und ihren Anteil und ihr Erbteil daran einzufordern.“
- die Erzväter
Abraham, Isaak und Jakob. Abraham ist der Vater vieler Völker (1. Mose 17,4)
und Vater des Glaubens (Römer 4).
- Jesus Christus
stammt aus Israel, er ist ihr Diener (Römer 15,8), unser Herr.
Dies alles ist auch
für uns grundlegend. Alles gehört Israel. Durch Christus haben wir Anteil daran.
Dafür lobt Paulus Gott.
Was ist weiter mit
Israel? In Römer 11 offenbart Paulus ein Geheimnis: Gott habe Israel die Ohren vor
der Predigt des Evangeliums verschlossen, damit dieses seinen Lauf durch die
Völkerwelt nehme. Wenn die Fülle der Völker eingekehrt sei, werde Gott ganz
Israel retten. Gott bleibt Israel treu. Israel geht seinen Weg. Uns mahnt der Apostel, dies zu respektieren: „Nicht du
trägst die Wurzel sondern die Wurzel trägt dich.“
Was ist heute mit
Israel? Nichts von dem Gesagten ist hinfällig geworden. Israel kämpft gegen
Feinde, die auf seine Vernichtung abzielen. Dieses Ziel ist ein unerreichbarer
Wahn, der ganz und gar die Methoden der Feinde beherrscht. Haben wir begriffen,
dass damit die Axt an unsere Wurzel gelegt ist? Wer hätte mehr Grund gehabt
Israel zu kritisieren als Paulus? Doch was tut er? Er ist bereit, für Israel
auf sein Heil in Christus zu verzichten. „Nichts kann dem Paulus schwerer
gefallen sein, als diesen Verzicht auszusprechen, der neben seinen Hochgesang
der Liebe zu stellen ist, ja, ihn illustriert. Hier zeigt Paulus gegenüber
seinem jüdischen Volk diese Liebe, die langmütig ist und sich nicht erbittern
läßt, die alles erträgt und alles duldet und immer weiter hofft.“ (S. Ben-Chorin)
Wenn wir Christen nicht ebenso Trauer und Schmerzen für Israel empfinden und in
Respekt und Liebe von und mit Israel reden können, ist es besser, wir schweigen.
Hüter Israels,
entzünde in uns
immer neu
die Liebe zu deinem
Volk.
Lass alle Völker
erkennen,
dass du sie
durch Israel segnen
willst.
Amen.
Dr. Michael
Volkmann