Predigt am 9. So. n. Tr., 13. August 2006, Klosterkirche Denkendorf, zum Abschluss der Toralernwoche (Predigttext vom Israelsonntag. M. Volkmann)

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

in der Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf geht heute die große Biblische Lernwoche zu Ende. Seit Montag haben Christen mit jüdischen Lehrern zusammen die Josephsgeschichte aus dem 1. Buch Mose gelernt. In diesen Tagen leben zwei Gemeinden friedlich unter dem einen Dach des Klosters: eine christliche und eine jüdische. Obwohl dies seit 1978 das zehnte Mal so ist, ist es immer noch etwas Besonderes – ein Wunder, wenn man auf die zweitausend Jahre zurückblickt, in denen die Christenheit den Juden feindlich gesonnen war.

 

Wir Christen leben heute mit dem jüdischen Volk in Frieden. Dennoch können die Juden nicht in Frieden leben. Über diesen Tagen liegt der Schatten des Nahostkonflikts. Was ist mit Israel? Was wird aus Israel? Diese Fragen treiben uns um. Sie sind unsere Leitfragen in diesem Gottesdienst, und ich will versuchen, von der Bibel her eine Antwort zu finden, die uns Orientierung gibt.

 

Die Josephsgeschichte, die das Thema der Lernwoche war, vertieft unsere beiden Fragen. „Israel“ ist ja der Beiname Jakobs, des Vaters von Joseph und seinen elf Brüdern. Die Josephsgeschichte erzählt von einer inneren Gefährdung des Volkes Israel, von dem Hass der Brüder auf Joseph. Sie endet mit der Versöhnung zwischen ihnen. Joseph selbst fasst das Geschehene so zusammen: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“ Dies ist die aktuelle Antwort der Josephsgeschichte auf unsere Fragen: Was ist mit Israel und was wird aus Israel? Gott gedenkt es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.

 

Wenden wir uns nun unserem Predigttext zu. Er steht im Neuen Testament, im Römerbrief des Paulus. Auch in ihm geht es um die beiden Fragen: Was ist und was wird mit Israel? Der Apostel Paulus muss sie beantworten, nachdem er festgestellt hat, dass die große Mehrheit des jüdischen Volkes das Evangelium von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi nicht annimmt.

 

Zur Zeit des Paulus war auch dies ein inneres Problem des Volkes Israel. Denn Paulus war, wie auch Jesus und seine Jünger, Jude. Aber Paulus selbst hat durch seine Mission in der Völkerwelt den Grund dafür gelegt, dass das Christentum zur Weltreligion werden konnte. So hat er dieses innere Problem des jüdischen Volkes zu einer Weltfrage gemacht, die er im Brief an die Christen in Rom, damals die Welthauptstadt, stellt und beantwortet: Was ist und was wird mit Israel?

 

Ich lese unseren Predigttext aus Römer 9,1-5. Paulus schreibt:

Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören, und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch; der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen. (Römer 9,1-5)

 

Paulus beginnt beschwörend: „Ich sage die Wahrheit in Christus ...“. Hier in der Bibel finden wir die Wahrheit über Israel. Und diese Wahrheit steht für mich höher als das, was ich mit großem Interesse im Fernsehen und in den Zeitungen über Israel lese. Im Alten Testament finden wir die Wahrheit des Joseph: Gott gedenkt es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. Im Neuen Testament finden wir die Wahrheit des Paulus „in Christus“. Paulus sagt uns eine doppelte Wahrheit, eine persönliche Herzenswahrheit und eine Glaubenswahrheit, die er mit ganz Israel teilt.

 

Wie lautet des Paulus Herzenswahrheit in Christus über Israel? Große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass hat er in seinem Herzen. Warum? Wir erfahren es indirekt: er bietet einen nicht realisierbaren Tausch an. Fast ganz Israel hört nicht auf das Evangelium von Jesus Christus. Er, Paulus, wäre bereit, von Christus getrennt und verflucht zu sein, wenn er damit Israel für das Evangelium gewinnen könnte. Diesen verzweifelten Wunsch kann ihm niemand erfüllen. Und damit, liebe Gemeinde, ist das ganze große Streitthema Judenmission beantwortet. Sie ist ein Ding der Unmöglichkeit, sagt Paulus hier ohne Wenn und Aber.

 

Wichtig sind die Gefühle, die Paulus mit dieser Erkenntnis verbindet, große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unerlass. So reagiert ein Mensch, der in der Liebe und in der Verbundenheit bleibt. Da ist keine Häme, kein Hass, keine Wut, kein Überlegenheitsgefühl, keine Herzenskälte. Paulus bleibt Israel im Innersten verbunden, er gibt Israel nicht auf, weil er davon überzeugt ist, dass Gott Israel treu bleibt. Gottes Treue ist sein Thema über drei lange Kapitel in der Mitte des Römerbriefes. Wir konzentrieren uns heute auf die ersten fünf Verse dieser drei Kapitel.

 

Die Herzenswahrheit zeigt also die Liebe und Verbundenheit des Apostels mit dem Volk Israel, obwohl dieses von der christlichen Botschaft nichts wissen will. Worin besteht nun der zweite Teil der Wahrheit „in Christo“, die Glaubenswahrheit über Israel?

 

Paulus erinnert uns an das, was Israel von Gott her ist und bleibt - ungeachtet dessen, wie es sich benimmt und was es erleidet. Der Apostel zählt neun Gnadengaben Gottes an Israel auf.

 

1. sagt er: Sie sind Israeliten, Nachkommen Abrahams und Isaaks und Jakobs, der von Gott den Ehrennamen Israel bekam. Dieser Name gehört ihnen allein. Er ist der Name der von Gott Erwählten. Erwählung bedeutet: Gott  nimmt dieses Volk in Pflicht. Er möchte, dass die Israeliten seinen Willen tun, so will er durch sie alle Geschlechter der Erde segnen.

 

Ihnen gehört 2. die Kindschaft. Sie sind Söhne und Töchter Gottes. Ein alter jüdischer Bibelkommentar erzählt von folgender Diskussion: Rabbi Jehuda sagte: Wenn ihr euch benehmt wie Söhne, so seid ihr Söhne, und wenn nicht, so seid ihr keine Söhne. Rabbi Meir sagte: In jedem Fall gilt: „Ihr seid Söhne des Herrn, eures Gottes“. Paulus äußert sich wie Rabbi Meir, wenn er Israel in jedem Fall weiterhin als Sohn Gottes anerkennt.

 

Ihnen gehört 3. die Herrlichkeit Gottes, seine Anwesenheit bei seinem Volk. Dietrich Bonhoeffer sagt: „Das Volk Israel wird das Volk Gottes bleiben, in Ewigkeit, das einzige Volk, das nicht vergehen wird, denn Gott ist sein Herr geworden, Gott hat in ihm Wohnung gemacht und sein Haus gebaut.“ Die Herrlichkeit ist die Gegenwart Gottes bei seinem Volk.

 

Ihnen gehört 4. der Bund. Gott ist treu, sein Bund mit Israel ist ungekündigt. Paulus bestätigt das in Römer 11,29: „Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen.“

 

Ihnen gehört 5. das Gesetz, die Tora, die in den fünf Büchern Moses auch uns Christen schriftlich vorliegt. In ihr offenbart Gott seinem Volk seinen Willen. An ihr hält das Volk fest. In ihr ist verheißen, dass durch Israel alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. In ihr lesen wir auch Gottes Warnung an alle Antisemiten: Ich will verfluchen, die dich verfluchen (1. Mose 12,3).

 

Ihnen gehört 6. der Gottesdienst. Unser christlicher Gottesdienst ist ein Abkömmling des jüdischen Gottesdienstes. Davon zeugen die liturgischen Teile, die wir mit den Juden gemeinsam haben: die Psalmen, die Schriftlesungen aus dem Alten Testament, das „Amen“, hebräisch „so sei es“, das „Halleluja“, singt dem Herrn, und der aronitische Segen.

 

Ihnen gehören 7. die Verheißungen. Die jüdische Theologin Chana Safrai, die jedes Frühjahr zu uns nach Denkendorf kommt, sagt: „Die Verheißung ist also an die Nachkommen Abrahams gerichtet, doch die Glaubenden sind berechtigt, sich ihr anzuschließen und ihren Anteil und ihr Erbteil daran einzufordern.“ Das will sagen, dass das Judentum sich schon lange für Interessierte aus der Völkerwelt geöffnet hat und nach der Verheißung des Jesaja zum „Licht der Völker“ geworden ist.

 

Ihnen gehören 8. die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob. Abraham ist der Vater vieler Völker (1. Mose 17,4) und für uns Christen der Vater des Glaubens (Römer 4).

 

Schließlich sagt Paulus an neunter und letzter Stelle: Jesus Christus stammt aus Israel. Darum hat auch Dietrich Bonhoeffer in der Zeit der größten Judenverfolgung erkannt: Die Juden sind die Geschwister Jesu und durch Jesus Christus sind sie unsere Schwestern und Brüder.

 

Die Glaubenswahrheit, die Paulus hier verkündet, ist auch für uns grundlegend. Alle neun aufgezählten Gottesgaben, so sagt er, gehören Israel. Durch Christus haben wir Anteil daran. All dies gehört uns nicht allein, sondern es ist christlicher und jüdischer Gemeinbesitz. Wir teilen das wichtigste, was wir von Gott bekommen haben, mit den Juden. So eng sind wir mit einander verbunden. Doch der entscheidende Unterschied bleibt bestehen, unser jeweiliges Verhältnis zu Jesus Christus. Und da finden wir in Römer 15,8 eine wichtige Aussage des Apostels. Dort sagt er: Christus ist ein Diener der Juden geworden. Also nicht ihr Herr, sondern ihr Diener. Auch das sollten wir ernst nehmen. Christus, unser Herr, ist ein Diener der Juden geworden.

 

Nachdem er das gesagt hat, bricht Paulus in Jubel aus. Er lobt Gott und fordert die Völkerwelt auf, es ihm gleich zu tun. So geht Paulus mit der Erkenntnis um, dass das Christentum immer das Volk Israel neben sich haben wird, das dem Gottesbund vom Sinai und der Tora treu bleibt.

 

Was ist weiter mit Israel? Am Ende seiner langen Ausführungen, in Römer 11, offenbart Paulus ein Geheimnis: Gott habe Israel in voller Absicht die Ohren vor der Predigt des Evangeliums verschlossen, damit das Evangelium seinen Lauf durch die Völkerwelt nehme. Wenn die Fülle der Völker eingekehrt sei, werde Gott auch ganz Israel retten. Niemand geht verloren, denn Gott wird sich aller erbarmen. Gott bleibt Israel treu, Israel geht seinen Weg. Uns mahnt der Apostel, dies zu respektieren: „Nicht du trägst die Wurzel sondern die Wurzel trägt dich.“

 

Was ist heute mit Israel? Nichts von dem Gesagten ist hinfällig geworden. Israel wird wieder einmal von Feinden bedrängt, die auf seine Vernichtung abzielen. Das Volk hat diese Erfahrung schon in biblischer Zeit immer wieder machen müssen. Sie hat sogar Eingang gefunden in die Liturgie des Passafestes. Am Sederabend sprechen die Feiernden zu einander: „In jeder Generation erhob man sich gegen uns, uns zu vernichten, doch der Heilige, gepriesen sei er, rettete uns aus ihrer Hand.“ Vor siebzig Jahren versuchten dies die Nazis, vor sechzig, fünfzig, vierzig und dreißig Jahren Israels arabische Nachbarstaaten, allen voran Ägypten, vor zwanzig Jahren Saddam Hussein im Irak. Sie alle sind gescheitert. Heute predigt Ahmadi-Nedschad im Iran zusammen mit der von ihm aufgerüsteten Hisbollah die Vernichtung Israels. Dieses Ziel ist ein unerreichbarer Wahn, der ganz und gar die Methoden der Feinde beherrscht. Haben wir nun begriffen, dass damit die Axt an unsere Wurzel gelegt ist? Auch heute geht es darum, dass Gott sein großes Volk am Leben erhält.

 

Der Nahostkonflikt ist für Israel ein Konflikt auf Leben und Tod. Manche hier zu Lande haben das nicht verstanden, wenn sie vor allem fragen, wie sie Israel kritisieren können. Wer hätte mehr Grund gehabt Israel zu kritisieren als Paulus? Doch was tut er? Er ist bereit, für Israel auf sein Heil in Christus zu verzichten. Schalom Ben-Chorin, der verstorbene Pionier des christlich-jüdischen Gesprächs und Freund Denkendorfs, schreibt dazu: „Nichts kann dem Paulus schwerer gefallen sein, als diesen Verzicht auszusprechen, der neben seinen Hochgesang der Liebe zu stellen ist, ja, ihn illustriert. Hier zeigt Paulus gegenüber seinem jüdischen Volk diese Liebe, die langmütig ist und sich nicht erbittern läßt, die alles erträgt und alles duldet und immer weiter hofft.“

 

Wenn wir Christen nicht ebenso in Traurigkeit und Schmerzen mit Israel mitfühlen können wie Paulus, wenn wir nicht ebenso wie er in Respekt und Liebe von Israel reden können, dann ist es besser, wir schweigen.

 

Der Hüter Israels entzünde in uns immer neu die Liebe zu seinem Volk. Er lasse alle Völker erkennen, dass er sie durch Israel segnen will.

 

Amen.