Predigt zur Investitur auf die Pfarrstelle für das christlich-jüdische Gespräch

12. Mai 2003 Denkendorf, Markus 12,28-34, Michael Volkmann

 

 

Liebe Gemeinde,

 

in seiner Nachdichtung des 146. Psalms „Du, meine Seele, singe“ spart Paul Gerhard nicht mit Superlativen:

                                    Wohl dem, der einzig schauet nach Jakobs Gott und Heil!

                                    Wer dem sich anvertrauet, der hat das beste Teil,

                                    das höchste Gut erlesen, den schönsten Schatz geliebt;

                                    sein Herz und ganzes Wesen bleibt ewig unbetrübt.

 

Der Dichter geht hier über die Aussagen des Psalms hinaus und schlägt Brücken zu anderen biblischen Texten. Er besingt die Einzigkeit Gottes und das Glück des Menschen, der sich im Vertrauen auf Gott für das Schönste, Höchste und Beste für sein Herz und sein ganzes Dasein entschieden hat.

 

Um das erste und höchste Gebot, um den einen und einzigen Gott, um das Gute und Schöne, um das Herz und das ganze Gemüt geht es auch im Predigttext für diesen Abendgottesdienst. Ich lese Markus 12,28-34:

 

Da trat einer von den Schriftgelehrten herzu, der gehört hatte, wie sie miteinander stritten, und sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte. Der fragte ihn: „Welches Gebot ist das erste von allen?“ Jesus antwortete: „Das erste ist ‘Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein Herr, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzem Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzem Gemüt und aus deiner ganzen Kraft.’ Das zweite ist dies: ‘Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.’ Ein anderes Gebot, größer als diese, gibt es nicht.“ Sprach zu ihm der Schriftgelehrte: „Sehr schön, Meister, aus der Wahrheit hast du gesprochen: ‘Er ist einer und ist kein anderer außer ihm und ihn lieben aus ganzem Herzen, aus ganzem Gemüt und aus ganzer Kraft’ und ‘den Nächsten lieben wie sich selbst’ ist weit mehr als alle Brand- und Schlachtopfer.“ Und Jesus sah, dass er weise geantwortet hatte, und sprach zu ihm: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“ Und niemand wagte mehr ihn zu fragen.

 

Endlich einmal kein Streit und keine Auseinandersetzung, sondern Übereinstimmung und Harmonie, möchte man sagen. Ein Gespräch, das so parallel, symmetrisch und ausgeglichen verläuft, dass es mit Recht die Bezeichnung Dialog verdient. Zweimal erkennt der Schriftgelehrte das, was Jesus sagt, als kaloós - gut und schön an, umgekehrt sind die Worte des Schriftgelehrten in den Augen Jesu weise.

 

Ist diese Perikope nicht zu harmonisierend für eine Predigt über das christlich-jüdische Gespräch? Ein sensibles Terrain sei dieses Gespräch, kann man hören und lesen. Was macht es so sensibel? Ist es unsere Angst, unsere Umkehr von alten ausgetretenen Irrwegen könnte nicht tief greifend genug, unsere Abkehr von judenfeindlichen Traditionen nicht radikal genug sein? Ist es die Unsicherheit, wie wir unsere christliche Identität jetzt nicht mehr in der Distanzierung, sondern in der angemessenen Nähe zum Judentum finden sollen? Ein sensibles Terrain verlangt von denen, die sich auf ihm bewegen, Sensibilität.

 

Unsere Perikope ist ein schönes Beispiel von Sensibilität bei beiden Gesprächspartnern. Nur - hier geht es nicht um das christlich-jüdische Gespräch. Wir haben ein Lehrgespräch zwischen zwei Juden vor uns. Das Besondere ist, dass wir den einen von beiden als Christus verehren. Doch weniger seine Messianität als vielmehr sein Jude sein steht im Mittelpunkt unseres Textes. Seine Zugehörigkeit zu Israel. Seine Übereinstimmung mit einem wesentlichen Teil des jüdischen Volkes. Mit welchem?

 

Nach dem Bericht des Markus geht unserer Szene ein Streit zwischen Jesus und den Sadduzäern, also Tempelpriestern, voraus. Diesen Streit kann man mit einem Wort Martin Bubers als „Vergegnung“ bezeichnen. Jesus bricht dieses Gespräch ab mit den Worten: Ihr irrt sehr! Zu unserer Szene kommt es nur, weil der Schriftgelehrte es gut fand, wie Jesus die Sadduzäer abblitzen ließ. Unsere Szene aber verdient es eine echte Begegnung genannt zu werden.

 

Eine Begegnung mit wem? Erst Matthäus ordnet in seiner Parallelgeschichte diesen Schriftgelehrten ausdrücklich der pharisäische Bewegung zu. Hier bei Markus schließen wir es aus dem, was er sagt: Er stellt Jesus die Einstiegsfrage in ein Gespräch über die Tora. Und er relativiert die Bedeutung des Tempels und der Opfer. Zwischen Jesus und diesem pharisäischen Schriftgelehrten kommt es nicht zur „Vergegnung“, nicht einmal zum Streitgespräch, sondern zum prompten Konsens. Wenige Verse später erfahren wir außerdem, dass das ganze Volk im Tempel Jesus gerne zuhört.

 

Markus vermittelt uns hier einen Jesus, der voll und ganz in sein Volk integriert ist, und zwar auf der Seite einer Reformbewegung, die die pharisäische Bewegung und ihnen nahe stehende Gruppen als Volksbewegung in Opposition zur herrschenden Priesterpartei und zum Tempel umfasst. Vermutlich möchte Markus damit nicht nur die geistlich-geistige Heimat Jesu beschreiben, sondern auch die der ersten Christen. Kurz vor der Passion stellt Markus Jesus als Juden vor, mitten im Volk. Und, übertragen in seine eigene Zeit, stellt Markus kurz vor oder schon während der Katastrophe des Jüdischen Krieges und der Tempelzerstörung eine Kirche vor, deren Platz an der Seite der pharisäischen Reformbewegung ist.

 

Vielleicht will der Evangelist aus seiner eigenen Zeit heraus ja doch sagen: schaut her, das ist als Dialog zwischen zwei Juden ein christlich-jüdisches Gespräch. Und während die römischen Legionen eine Flut von Gewalt über Galiläa und Judäa bringen, erinnert Markus daran, auf welche Weise es zwischen Kirche und Israel gut hätte weiter gehen können.

 

„Welches Gebot ist das erste von allen?“ fragt der Schriftgelehrte. Die Frage nach dem „Klal“, nach dem einen Gebot, in dem die ganze Tora enthalten ist, ist eine beliebte Frage unter rabbinischen Gelehrten. Jahrzehnte vor Jesus stellte ein Nichtjude eine solche Frage an Rabbi Hillel, die Szene ist auf der großen Menora vor der Knesset in Jerusalem im Relief dargestellt: Wenn du mir die Lehre des Judentums vermitteln kannst, solange ich auf einem Bein stehe, werde ich konvertieren. Hillel antwortete: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Das ist die ganze Tora, alles andere ist Kommentierung.

 

Etwas Vergleichbares haben wir hier. Jesus antwortet mit dem Nächstenliebegebot. Zuvor jedoch zitiert er das „Höre, Israel“, das Bekenntnis zum einen Gott und das Gebot ihn ganz und gar zu lieben. Doppelgebot der Liebe nennen wir diese Verknüpfung. Unsere Konfirmanden lernen es im Katechismus unter der Überschrift „Die zehn Gebote in einem“. Diese beiden Liebesgebote stammen nicht von Jesus. Er zitiert aus der Tora, aus dem 3. und 5. Buch Mose. Nicht einmal die Verknüpfung der beiden Gebote scheint Jesu Idee zu sein, denn der Schriftgelehrte wiederholt sie, als wäre sie ihm längst geläufig.

 

Wie sehr uns der Evangelist Jesus als Juden vorstellt, erkennen wir im synoptischen Vergleich mit Matthäus und Lukas. Nicht nur, dass diese beiden dem Schriftgelehrten Unaufrichtigkeit unterstellen. Sie übergehen auch den ersten Satz des Schma Jisrael, das Bekenntnis „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein Herr“. In der Lutherbibel ist er in den Fettdruck des Doppelgebots nicht einbezogen, und unsere Konfirmanden lernen ihn nicht mit.

 

Doch Jesus hat ihn gesagt, nicht nur hier, sondern als praktizierender Jude mehrmals im täglichen Gebet. Ist doch das „Höre, Israel“ das einzige Gebet, das sich auf ein Gebot der Tora gründet. Im Leben eines gläubigen Juden und der Gemeinde nimmt es eine zentrale Stellung ein. Diese Stellung ist so zentral, dass die erste Frage, mit der Mischna und Talmud, die mündliche Tora, beginnen, dieses Gebet betrifft. Es ist unter den ersten Worten, die ein jüdischer Vater seinem Kind beibringt, und unter den letzten, die einem sterbenden Juden über die Lippen kommen. Wenn jemand hört, wie das Schma Jisrael gebetet wird, soll er in seinem Tun inne halten und es mitbeten.

 

Diese beiden Gebote, das der Gottesliebe und der Nächstenliebe, sind das beste Teil, das höchste Gut, der schönste Schatz. In ihnen kommt die Schönheit der Tora Israels zum Ausdruck. Sie sind die Tora Jesu. Sie bekommen die Zustimmung des Schriftgelehrten.

 

Das letzte Wort hat Jesus. Er anerkennt die Weisheit seines Gesprächspartners und sagt zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr ihn zu fragen.

 

Im Neuen Testament, so scheint es, hat diese Geschichte keine Chance auf eine Fortsetzung. Und vielleicht ist es vermessen zu glauben, wir seien dazu berufen sie fortzusetzen. Für unsere Neuorientierung im christlich-jüdischen Verhältnis und unser Bestreben mit Jüdinnen und Juden ins Gespräch zu kommen kann sie jedoch Weg weisend sein. Weg weisend für unser Gottesbild, für unser Menschenbild und für unser Selbstbild.

 

Gott lässt sich nicht auseinander dividieren in einen Gott des Alten Testaments und einen Vater Jesu Christi. Er ist einer. Er, der Gott Israels und der Christenheit, ist der Gott der Liebe, liebend und liebenswert. Er fordert uns auf zur Nächstenliebe. Das Gebot kann auch übersetzt werden: Liebe deinen Nächsten, er ist wie du. Das ist die Wegweisung für unser Menschenbild wie auch für unser Selbstbild: Dein Nächster ist wie du.

 

Was „lieben“ heißt, erfahren wir aus der Parallelerzählung bei Lukas. Dort konkretisiert Jesus das Nächstenliebegebot mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Zehn Dinge tut der Samariter an dem überfallenen Juden, der so ist wie er. Er sieht ihn, hat Mitleid, geht zu ihm hin, tut die nötigen Handgriffe ihm zu helfen, bringt ihn in Sicherheit, bleibt bei ihm bis er ihn dem Wirt überlassen kann und trifft Vorsorge, bis er wieder für sich selbst eintreten kann. Lieben ist nicht nur Fühlen und Reden, sondern vor allem Handeln für den Mitmenschen.

 

Was kann nun aus dem innerjüdischen Gespräch, das Markus überliefert, für das christlich-jüdische Gespräch gefolgert werden?

Eine erste Antwort könnte lauten: Höre, Christenheit, dein Christus ist Jude. Ihn zu lieben geht nicht zusammen mit Feindseligkeit und Verachtung gegen Juden, nicht mit Verurteilungen und auch nicht mit Israelvergessenheit. Sondern nur mit Respekt, Offenheit und Solidarität.

Ein zweites Mal könnte es heißen: Höre, Christenheit! Höre auf die jüdischen Stimmen, auf die überlieferten Stimmen einer überaus reichen religiösen Tradition, auf jüdische Bibelauslegung, auf jüdisches Glaubenszeugnis, aber auch auf die vielfältigen Stimmen der heute Lebenden, auf das, was sie bewegt, was sie erfreut und was sie ängstigt.

Erst dann kommt das Sprechen, das Fragen, das Diskutieren, das vielleicht noch lange nicht als Dialog bezeichnet werden kann. Denn der Dialog in gegenseitiger „Umfassung“, wie Buber sagt, ist nicht programmierbar, sondern ein Geschenk.

Vielleicht kann ein solches christlich-jüdisches Gespräch auch einmal in gemeinsames Handeln übergehen, nicht nur, wenn gemeinsame Interessen berührt sind, sondern auch wenn es gilt, gemeinsam für die Interessen benachteiligter Dritter einzutreten. Denn Juden und Christen sind nicht nur dazu berufen, einander wahrzunehmen, sondern auch Verantwortung in der Welt und für die Welt zu übernehmen.

 

Ein solches christlich-jüdisches Gespräch mag dann auch unter der Verheißung stehen, mit der Jesus alle weiteren Fragen zum Verstummen bringt: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Wenn alle Fragen verstummen, entsteht in der Stille Raum zum Lob Gottes. Durch Jesus Christus stimmen wir mit den Worten Paul Gerhards ein in den Lobpreis Israels:

                                    Jedoch weil ich gehöre gen Zion in sein Zelt,

                                    ist’s billig, dass ich mehre sein Lob vor aller Welt.

 

Amen.