Einen gerechten Frieden im
Nahen Osten fördern
Erklärung evangelischer
Christen in Württemberg
1. Wir melden uns als Christinnen und
Christen zum Nahostkonflikt aus mehreren Gründen zu Wort:
Der Konflikt
zwischen Israelis und Palästinensern und seine Eskalation seit Herbst 2000
erfüllen uns mit Schmerz und Sorge.
In unserer
württembergischen Landeskirche gibt es vielfältige Kontakte zu Christen, Juden
und Muslimen im Nahen Osten. Dazu gehören z.B.
-
die
Partnerschaft der Landeskirche mit der Bischöflichen Kirche in Jerusalem und
dem Mittleren Osten in der Gemeinschaft des Evang. Missionswerks in
Südwestdeutschland (EMS)
-
die
Verbundenheit der Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“ mit
Menschen und Einrichtungen in Israel
-
örtliche
Partnerschaften mit christlichen Gemeinden in Israel und Palästina
-
die Förderung
von Freiwilligendiensten wie Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste und
Studienprogrammen wie „Studium in Israel“
-
vielfältige
Kontakte des Evang. Jugendwerks und der Frauenarbeit der Evang. Landeskirche
-
Kontakte zu
Gemeinden „messianischer Juden“ in Israel
-
Beteiligung am
Ökumenischen Begleitprogramm EAPPI des ÖRK
Diese Kontakte erfahren wir als Bereicherung und als
Erweiterung unseres Horizontes. Wir haben auch Freundschaften geschlossen. Daher haben die unter dem Konflikt leidenden
Menschen für uns konkrete Gesichter. Zugleich wird durch diese verschiedenen
Kontakte unsere Wahrnehmung des Konfliktes unterschiedlich beeinflusst. Daher
brauchen wir den Austausch untereinander.
Die Neuorientierung
im christlich-jüdischen Verhältnis nach 1945 hat uns Beziehungen eröffnet, für
die wir dankbar sind. Juden und Christen sind bleibend verbunden. Daher
brauchen wir um unserer christlichen Identität willen die Begegnung mit Jüdinnen
und Juden.
Mit palästinensischen
Christinnen und Christen und ihren Kirchen sind wir durch eine lange Geschichte
geschwisterlich verbunden. In der Ökumene erfahren wir die weltweite Einheit
des Leibes Christi. Wichtig ist uns auch das Gespräch mit Muslimas und
Muslimen, um Brücken der Verständigung zu bauen.
Auf Grund dieser
vielfältigen Verbindungen und der dadurch eröffneten Einsichten fragen wir
danach, was wir zu einer differenzierter Wahrnehmung der Situation im Nahen
Osten und für einen gerechten Frieden beitragen können. Dabei bringen wir
unsere jeweiligen Beziehungen und Informationen ein und ergänzen sie durch die
Erfahrungen und Informationen anderer Christinnen und Christen.
2. Als Christinnen und Christen bewegt uns
besonders die Rolle der Religionen im Nahostkonflikt
Juden, Christen und Muslime glauben in ihrer
je eigenen Weise an Gott. Ihre Berufung auf den Stammvater Abraham hat sowohl
einende als auch trennende Aspekte. Der politische Missbrauch von Religion
durch extremistische Gruppen in allen drei Religionen verschärft den Konflikt. Uns erfüllt mit Sorge, dass die Christinnen und
Christen unter den Palästinensern durch den anhaltenden Konflikt zunehmend in
Bedrängnis geraten.
Oberhäupter der religiösen Gemeinschaften im Heiligen Land haben am 21.
Januar 2002 in Alexandria eine Weg weisende Erklärung abgegeben, die für ein
Ende von Blutvergießen und Hass eintritt zugunsten eines Weges, der geprägt ist
von Respekt und Versöhnung.
3. Wir halten
den Nahostkonflikt im Wesentlichen für eine politische Auseinandersetzung
Zwei Völker kämpfen um ein und dasselbe Land. Dieser Streit kann und darf
nicht so entschieden werden, dass ein Volk das andere zu unterdrücken, zu
vertreiben oder zu vernichten trachtet. Beide Völker sollen auch in Zukunft in
diesem Land leben. Dies ist unseres Erachtens nur möglich auf der Basis einer
Reihe von Kompromissen wie der Teilung des Landes, der Errichtung eines
lebensfähigen palästinensischen Staates neben dem Staat Israel*1), der gegenseitigen Anerkennung und von Sicherheitsgarantien. Wir beten für einen Frieden, der von Gerechtigkeit
und Gewaltfreiheit bestimmt wird und setzen uns dafür ein. Wir hoffen, dass
politische Fortschritte dazu beitragen, Terror und Gewalt zu überwinden. Der
Weg zum Frieden kann nur gelingen, wenn er gegen alle Widerstände fortgesetzt
und auch von den Nachbarstaaten und der internationalen Staatengemeinschaft
nachhaltig unterstützt wird.
*1)Der
Name „Israel“ kann verschiedenes bezeichnen. „Israel“ ist das gesamte von Gott erwählte Volk der Juden. Es trägt den
seinem Stammvater Jakob von Gott verliehenen Ehrennamen (1.Mose 32,29). Von
beiden unterscheiden wir den Gebrauch dieses Namens für den heutigen Staat
Israel. In der jüdischen Tradition ist „Israel“ auch Bezeichnung für das Land.
4. Wir warnen vor der Gefahr des
Antisemitismus.
Im Zusammenhang mit
der Nahostdiskussion sind immer wieder pauschale, oft subtile judenfeindliche
Äußerungen zu hören. Diese sind zum Teil auf die Tradition einer
judenfeindlichen Bibelauslegung zurückzuführen. Daneben ist nach wie vor ein rassistisch
motivierter Antisemitismus wirksam. Neu vernehmbar ist ein aggressiver Antisemitismus
innerhalb des Islam. - Christentum und
Antisemitismus sind unvereinbar. Es gilt jeder Form von Judenfeindschaft zu
widerstehen.
Die Politik eines
jeden Staates ist zu messen am Völkerrecht und an den internationalen Abkommen
zum Schutze der Menschenrechte. Kritik an der Politik des Staates Israel wird
aber inakzeptabel, wenn sie pauschal antijüdisch, verzerrend oder hasserfüllt
ist, wenn sie politische oder militärische Maßnahmen Israels mit
nationalsozialistischen Verbrechen vergleicht oder Israels Existenz in Frage
stellt.
5. Unsere Aufgabe
Wir bekräftigen die
Erklärung unserer Landessynode zum 9. November 1988: „Als mit dem Volk Israel“ – und wir fügen hinzu: auch mit den
Christinnen und Christen in Israel und
Palästina – „verbundene Kirche beten wir
für den Frieden im Nahen Osten und bitten alle am arabisch-israelischen
Konflikt mittelbar und unmittelbar Beteiligten, den Mut zu Verständigungs- und
Aussöhnungsbereitschaft nicht zu verlieren. Feindschaft, Misstrauen, Gewalt und
Hass führen ins Verderben. Nur die beharrliche Bemühung um Verständigung,
Ausgleich und Frieden kann den Völkern im Nahen Osten den Weg in eine
gemeinsame Zukunft ebnen.“
Unsere
Gesprächspartner in Israel und Palästina erwarten von uns aufmerksames
Wahrnehmen, Einfühlung in ihre Situation und konkrete Hilfe. Einfache Erklärungsmuster,
schematisches Freund-Feind-Denken und einseitige Schuldzuschreibungen werden
der Realität nicht gerecht und tragen nicht zum Frieden bei. Angesichts der
vielschichtigen Konflikte ist es wichtig, dass wir miteinander und mit unseren
Partnern im Gespräch bleiben und uns
verstärkt darum bemühen, diejenigen
miteinander ins Gespräch zu bringen, die keine Kontakte zueinander
haben. Wir plädieren für die verstärkte Unterstützung von Personen und Gruppen,
die sich um Verständigung, Ausgleich und friedliches Zusammenleben von
Israelis und Palästinensern bemühen.
Der Text dieser Erklärung wurde erarbeitet von:
Dr. Ernst Michael
Dörrfuß, Johannes Gruner, Dr. Michael Volkmann (AG Wege zum Verständnis des
Judentums)
Bernhard
Dinkelaker, Andreas Maurer (Evangelisches Missionswerk in Südwestdeutschland)
Karin Lindner
(Evangelische Frauenarbeit)
Wolfgang Wagner
(Evangelische Akademie Bad Boll)
Dr. Jürgen Quack,
Ernst-Ludwig Vatter (Evangelischer Oberkirchenrat Stuttgart)
Anlagen:
-
Erklärung von
Alexandria
- Adressen von Organisationen und
Institutionen im Bereich der Württembergischen Landeskirche, bei denen weitere
Informationen erhältlich sind:
Erklärung von Alexandria
Abgegeben von den Oberhäuptern der religiösen Gemeinschaften im Heiligen Land
Jüdische, muslimische und christliche Oberhäupter haben in der ägyptische Hafenstadt Alexandria eine Übereinstimmung unterzeichnet, welche die Gewalt im Nahen Osten verurteilt: "Gemäß unseres Glaubens und Traditionen ist das Morden Unschuldiger im Namen Gottes eine Entweihung des Namen Gottes und diffamiert alle Religion in der Welt. Die Gewalt im Heiligen Land ist ein Übel, dem sich alle Menschen guten Willens entgegensetzen müssen."
An der Friedenskonferenz hatten prominente Vertreter der drei wichtigsten Religionsgemeinschaften Israels und der palästinensischen Gebiete teilgenommen. Auch der höchste geistliche Würdenträger der Sunniten, Sheikh Mohammed Sayed Tantawi, Grossscheich der Al-Azhar-Universität in Kairo, nahm am Treffen teil, zu der auf Anregung des stellvertretenden israelischen Außenministers, Rabbiner Michael Malkhior, der Erzbischof von Canterbury, George Carey, eingeladen hatte.
Die jüdische Delegation wurde vom sephardischen Oberrabbiner, Raw Bakshi-Doron, angeführt. Weitere Teilnehmer waren der Rabbiner und stellvertretende Aussenminister Israels, Malkhior, Rabbi David Rosen, Rabbi Froman und Rabbi Brodman.
Der palästinensischen Delegation gehörten Sheikh Taisir Tamimi (Vorsitzender des Rechtsausschusses der Sharia in der PA), Sheikh Tal El Sider (Staatsminister der PA und eine der höchsten religiösen Authoritäten der palästinensischen Autonomie. Christlich-palästinensische Gemeinden waren durch vier Bischöfe vertreten, unter ihnen Michel Sabbah.
In einer Zeit, in der es um das Los der Palästinenser täglich schlechter bestellt sei, war es nicht einfach eine solche Konferenz zu organisieren, sagte Ali as-Samman, Vizepräsident des Azhar- Komitees für interreligiösen Dialog
Ursprünglich war ein rein religiöser Friedensaufruf geplant gewesen, die gute Atmosphäre ermöglichte schließlich aber auch die Aufnahme politischer Punkte in die Abschlussdeklaration.
Alexandria, den 21. Januar 2002
Im Namen Gottes des Allmächtigen und des Barmherzigen beten wir, die wir uns an diesem Ort als religiöse Oberhäupter der islamischen, christlichen und jüdischen Gemeinschaften versammelt haben, für einen wahren Frieden in Jerusalem. Wir fühlen uns verpflichtet, die Gewalt und das Blutvergießen zu beenden, welche den Menschen das Recht auf Leben und Würde nehmen.
Nach den Traditionen unseres Glaubens bedeutet das Töten Unschuldiger im Namen Gottes eine Entweihung Seines Heiligen Namens und eine Diffamierung der Religion in dieser Welt. Die Gewalt im Heiligen Land ist ein Übel, dem sich alle in gutem Glauben handelnden Menschen widersetzen müssen. Wir streben danach, als Nachbarn zusammenzuleben, welche die Integrität unseres gegenseitigen historischen und religiösen Erbes respektieren. Wir rufen alle auf, sich gegen Hetze, Hass und falsche Darstellung der anderen Seite zu wenden.
1. Das Heilige Land ist unseren drei Glaubensgemeinschaften
heilig. Deshalb müssen die Angehörigen der göttlichen Religionen die Heiligkeit
des Landes respektieren und verhindern, dass dieses durch Blutvergießen
beschmutzt wird. Die Heiligkeit und Integrität der Heiligen Stätten müssen
bewahrt und die Freiheit der Religionsausübung gewährleistet werden.
2. Palästinenser und Israelis müssen den heiligen Ratschluss des Schöpfers
respektieren, dessen Gnade wegen sie in demselben Land leben, das heilig
genannt wird.
3. Wir rufen die politische Führung beider Völker auf, sich
für eine gerechte, sichere und dauerhafte Lösung im Geiste Gottes und der
Propheten einzusetzen.
4. Als ersten unmittelbaren Schritt rufen wir zu einem religiös gebilligten
Waffenstillstand auf, der von allen Seiten respektiert und beachtet werden
soll. Wir fordern, die Empfehlungen des Mitchell- und Tenet- Plans umzusetzen,
einschließlich der Aufhebung der Beschränkungen und der Wiederaufnahme von
Verhandlungen.
5. Wir streben danach, eine Atmosphäre
zu schaffen, in der die jetzigen und künftigen Generationen in gegenseitigem
Respekt und Vertrauen zusammenleben können. Wir rufen alle dazu auf, von Hass
und Dämonisierung abzusehen und die künftigen Generationen entsprechend zu erziehen.
6. Als religiöse Oberhäupter geloben wir, das gemeinsame Streben nach einem gerechten
Frieden fortzusetzen. Dieser soll zu einer Versöhnung in Jerusalem und im
Heiligen Land führen, zum gemeinsamen Wohl aller unserer Völker.
7. Wir geben die Errichtung einer ständigen gemeinsamen Kommission bekannt,
welche die Empfehlungen dieser Erklärung verwirklichen und mit unserer
jeweiligen politischen Führung in Beziehung treten soll.