Da erinnerten sich seine Jünger

Israelsonntag 2005

Johannes 2,13-22

Handreichung zum Gottesdienst

 

 

Inhalt

 

Opferaufruf für die Denkendorfer Israelhilfe und das Gespräch zwischen Christen und Juden

 

Die Denkendorfer Israelhilfe

 

Der Heiligen Schriften gedenken. Eine jüdische Betrachtung von Johannes 2,13-25

Prof. Dr. Chana Safrai, Shalom Hartman Institute Jerusalem

 

Predigtmeditation: 10. Sonntag nach Trinitatis - Israelsonntag: Johannes 2,13-22

mit Liturgieentwurf

Michael Volkmann

 

Predigt über Johannes 2,13-22

Michael Volkmann

 

 

Denkendorf, April 2005

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

das Neue Testament ist von seinem Ursprung her „eine Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte“ (so Leo Baeck 1938). Seine gegenwärtige und eschatologische geographische Mitte ist das Land Israel mit der Stadt Jerusalem. Seine Autoren sind, vielleicht mit Ausnahme des Lukas, jüdischer Herkunft, die weitaus meisten Individuen, die im Text erwähnt werden, ebenfalls. Die Bezeichnung „Christ“ bzw. „Christen“ erscheint im Neuen Testament ganze drei Mal, jeweils als Fremd-, nicht als Selbstbezeichnung. Die zentrale Person, um die es geht, Jesus Christus, ist Jude. Die geschilderten Begebenheiten tragen sich innerhalb des jüdischen Volkes, an seinen Rändern oder, sofern diese überschritten werden, in bleibender Bezogenheit auf das jüdische Volk und seine Religion zu. Die Themen und die Methoden ihrer Bearbeitung sind in der Regel jüdisch. Die berichteten Auseinandersetzungen sind zum großen Teil innerjüdische. Die Überlieferungsgrundlage für das neutestamentliche Geschehen, sein theologischer Bezugsrahmen, ist die Hebräische Bibel, vornehmlich Tora und Propheten.

 

Nimmt man dies alles zur Kenntnis, so erscheint es unangemessen, das Thema Christen und Juden auf einen Sonntag im Jahr, den Israelsonntag, beschränken zu wollen. Es an diesem Sonntag nicht zum Hauptthema zu machen, wäre eine versäumte Gelegenheit. Aber wie gut sind wir Theologinnen und Theologen darauf vorbereitet, über das Verhältnis von Christen und Juden zu sprechen? Und wie weit eignet sich ein Predigttext wie Johannes 2,13-22 dazu? Die vorliegende Handreichung soll Ihnen eine Hilfe zur Vorbereitung des Gottesdienstes am Israelsonntag und Motivation zur weiteren Beschäftigung mit dem Judentum sein.

 

In diesem Heft finden Sie wieder eine jüdische Betrachtung des Textes von Prof. Dr. Chana Safrai vom Shalom Hartman Institute Jerusalem. Prof. Safrai gehört als orthodoxe feministische Jüdin zu den profiliertesten Vertreterinnen des Gesprächs zwischen Christen und Juden, etwa auf Kirchen- und Katholikentagen. Regelmäßig gibt sie auch Kurse in der Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf.

Meine Meditation zu Johannes 2,13-22 folgt dem bewährten Schema der von Wolfgang Kruse herausgegebenen Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext.

 

Schließlich lege ich Ihnen wieder die Kollektenbitte ans Herz, der eine ausführliche Beschreibung der von der „Denkendorfer Israelhilfe“ geförderten Einrichtungen beigegeben ist. Auch meine Denkendorfer Arbeit ist ohne Opfer und Spenden nicht möglich, um die ich Sie herzlich bitte.

 

Mein herzlicher Dank gilt Prof. Dr. Chana Safrai für ihren Beitrag und Dr. Matthias Morgenstern, Tübingen, für das Korrekturlesen meiner Übersetzung von Prof. Safrais Beitrag aus dem Hebräischen.

 

Wenn Sie in Ihrer Gemeinde Veranstaltungen über jüdische Themen oder das christlich-jüdische Verhältnis planen, bin ich Ihnen, nach Möglichkeit auch durch die Vermittlung jüdischer Referenten, gerne behilflich. Gegen Fahrtkostenerstattung und eine Spende auf das Konto der Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“ komme ich gerne auch selbst als Referent in Ihre Gemeinde.

 

Seit Beginn dieses Jahres informiere ich in etwa monatlichen Abständen in einem Online-Brief über meine christlich-jüdische Begegnungsarbeit und mit ihr verbundene Themen. Wenn Sie diesen kostenlosen „Ölbaum online“ regelmäßig erhalten möchten, senden Sie bitte eine leere E-Mail mit dem Betreff „Bestellung Ölbaum online“ an agwege@gmx.de. Bereits erschienene Ausgaben finden Sie auf der Homepage www.kloster-denkendorf.de unter Bereich V: Christen und Juden.

 

Auf dieser Homepage finden Sie auch die digitalisierte Version dieser Handreichung, wo Sie sich Texte wie z. B. die ausgearbeitete Predigt herunterladen können.

 

Mit besten Wünschen und freundlichen Grüßen

Ihr

 

 

Dr. Michael Volkmann

Landeskirchlicher Beauftragter für das Gespräch zwischen Christen und Juden

 

 

 

Bitte um Ihr Opfer am Israelsonntag 2005

für die Denkendorfer Israel-Hilfe

und das Gespräch zwischen Christen und Juden

 

Die Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“ im Bereich der Evangelischen Landeskirche in Württemberg erbittet in diesem Jahr wieder Ihr Gottesdienst-Opfer am Israelsonntag. Der größere Teil des eingehenden Betrages ist bestimmt zur Unterstützung sozialer Einrichtungen in Israel durch die „Denkendorfer Israel-Hilfe“, eine Hilfe, die - weil sie von Christinnen und Christen in Deutschland kommt - viel mehr bedeutet als nur eine materielle Unterstützung. Sie wird in Israel verstanden als Ausdruck des Bemühens, ein neues Verhältnis zwischen Christen und Juden Wirklichkeit werden zu lassen. Zu den von uns geförderten Einrichtungen gehören

das religiöse Jugenddorf Hodayot in Galiläa,

das Kinder- und Jugendheim Neve Chana im Süden des Landes,

das arabische Gemeindezentrum in der Altstadt von Akko,

das Alten- und Pflegeheim der Sinai-Stiftung in Haifa

und das Scha’are-Zedek-Hospital in Jerusalem.

Der andere Teil des Opfers kommt dem Denkendorfer Gespräch und der Begegnung zwischen Christen und Juden zugute. Neben Studientagen und Studienreisen führen wir im Auftrag der Landeskirche mehrtägige Kurse und Lernwochen mit jüdischen Lehrern zu biblischen Themen durch und vermitteln Referenten an Gemeinden. Ihr Opfer trägt zur finanziellen Sicherung der christlich-jüdischen Begegnungsarbeit bei. Wir bitten herzlich um Ihren Beitrag!

 

 

 

Die Denkendorfer Israelhilfe

 

Zur Unterstützung des christlich-jüdischen Gesprächs sowie sozialer Einrichtungen in Israel bittet die Arbeitsgruppe "Wege zum Verständnis des Judentums" alljährlich um das Gottesdienst-Opfer von württembergischen Kirchengemeinden am 10. Sonntag nach Trinitatis, dem Israelsonntag. Aus seit langem gewachsenen Kontakten zu Krankenhäusern, Alten- und Kinderheimen oder Behinderteneinrichtungen wissen wir, dass Menschen und die sie beherbergenden und betreuenden Einrichtungen in Israel auf Hilfe angewiesen sind. Dabei ist der "Denkendorfer Israel-Hilfe" nicht zuletzt an der Unterstützung von Initiativen gelegen, die sich den vielfältigen Verständigungsprozessen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungs- und Religionsgruppen in Israel verpflichtet wissen. Auf Wunsch vermitteln wir Freiwillige zu einem längerfristigen Dienst in einer der mit uns verbundenen Einrichtungen. Nachstehend findet sich eine Auswahl der Einrichtungen, die seit Jahren von der "Denkendorfer Israel-Hilfe" aus Mitteln des Opfers vom Israel-Sonntag unterstützt werden.

  

Shaare Zedek Medical Center Jerusalem

1873 in Frankfurt/Main gegründet, wurde das Shaare Zedek Hospital 1902 in Jerusalem eröffnet. Der erste Direktor, Dr. Moshe Wallach, wurde aus Köln berufen, die Oberschwester Selma Mayer kam aus Hamburg. Seit 1978 befindet sich das ursprünglich im Herzen Jerusalems gelegene medizinische Zentrum Shaare Zedek (= 'Tore der Gerechtigkeit') am Herzl-Berg. Geprägt wird das Krankenhaus durch die Beachtung der jüdischen Tradition und der jüdischen religiösen Vorschriften. Durch seine medizinische Ausstattung und die besondere Fürsorge für Patientinnen und Patienten hat es sich den Namen "Das Hospital mit Herz" erworben. Seit seiner Gründung finden in Shaare Zedek alle Bewohner oder Besucher Jerusalems Behandlung und Pflege, seien es Juden, Christen, Muslime oder Angehörige anderer Religionen. Das Shaare Zedek erhält als private Einrichtung keine staatlichen Zuschüsse. Es finanziert sich aus Erstattungen der Krankenkassen und aus Spenden. Vor dem zweiten Golfkrieg 1991 hat die Evangelische Landeskirche in Württemberg den Ausbau der Notfallambulanz für Patienten mit biologischer und chemischer Verseuchung mit 100.000 DM unterstützt. Die "Denkendorfer Israelhilfe" hat gemeinsam mit dem "Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung e. V." die Einrichtung einer Milchküche für Neugeborene finanziert.  Danach floss unsere Hilfe in den Bau einer neuen, wesentlich vergrößerten Notfallambulanz, die 2004 in Dienst gestellt wurde.

 

Sinai-Stiftung Eltern- und Pflegeheim Haifa

Die Sinai-Stiftung will Menschen, die keinen eigenen Haushalt mehr führen können, ein würdiges und lebenswertes Alter ermöglichen, auch wenn sie nicht in der Lage sind, einen teuren Heimplatz zu bezahlen. Dieses Heim, zu dem die Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“ schon seit vielen Jahren Kontakt hat, liegt im Haifaer Stadtteil Achusa auf dem Karmel. Es wird religiös geführt. In der Heimsynagoge finden täglich Gottesdienste statt. Die Heimbewohner stammen aus den unterschiedlichsten Ländern, vor allem aus Osteuropa. Viele haben Angehörige im Holocaust verloren oder waren selbst in Konzentrationslagern. "Gerade in einem Altenheim hatte ich erwartet, Leuten zu begegnen, die nach allem, was Deutsche ihnen angetan haben, einfach keine Deutschen mehr ertragen können. Das war überhaupt nicht so. Die alten Menschen empfingen mich überaus offen, freundlich und hilfsbereit", berichtet eine junge deutsche Volontärin aus Stuttgart.

 

Hodayot – Religiöses Jugenddorf

Das religiöse Jugenddorf Hodayot, gelegen an der Straße von Nazaret nach Tiberias in Untergaliläa, wurde im Mai 1950 gegründet. Die ersten Jugendlichen waren Immigranten aus Indien. Inzwischen leben 230 junge Israelis und Neueinwanderer vor allem aus Russland zusammen in dem Jugenddorf. Das Leben in Hodayot besteht aus einer Verbindung von jüdischer Erziehung, sozialen Aktivitäten, Berufsausbildung und Vorbereitung auf die Herausforderungen der Zukunft. Die Jugendlichen werden in drei Berufszweigen ausgebildet: für Jungen Kraftfahrzeugmechaniker, für Mädchen und Jungen Konstruktionszeichnung, und für Mädchen als kombinierte Ausbildung Hauswirtschaft/Sekretärin/Mode. Hodayot hat es sich zur Aufgabe gemacht, Jugendliche aus den unterschiedlichsten Ländern aufzunehmen, so vor allem auch äthiopische und russische Juden. Die "Denkendorfer Israel-Hilfe" unterstützt die Arbeit des Jugenddorfes Hodayot seit vielen Jahren regelmäßig mit Spenden.

  

Kinder- und Jugendheim Neve Hanna, Kiryat Gat

1974 verwirklichte sich der Traum zweier jüdischer Pädagoginnen: in Kiryat Gat, im Süden Israels, konnte das erste Kinder- und Jugendheim eröffnet werden, das sich in seiner Konzeption am Leben normaler Familien orientiert. Heute leben in diesem Heim 56 Kinder im Alter von vier bis achtzehn Jahren mit ihren Erzieherinnen in fünf Familiengruppen. Weitere 20 Kinder werden nachmittags im Tageshort betreut. Alle diese Kinder kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Neve Hanna bietet ihnen die Voraussetzungen, die für eine gesunde Entwicklung notwendig sind. Zur einer besonderen Aufgabe hat sich Neve Hanna die Begegnung zwischen den jüdischen Heimkindern und Beduinenkindern aus der Nachbarstadt Rahat gemacht. Die "Denkendorfer Israel-Hilfe" unterstützt Neve Hanna seit Jahren regelmäßig mit Spenden und durch Vermittlung von freiwilligen Helfer/innen. Mehrfach waren auch Jugendliche und Erzieher/innen aus Neve Hanna und Rahat zu Besuch in Deutschland. Wir stehen in Verbindung mit dem Verein „Neve Hanna Kinderhilfe e. V. Hamburg“, über den wir auch Volontäre nach Neve Hanna vermitteln können.

 

Soziales Zentrum für arabische Jugendliche Akko

Die Altstadt Akkos ist bis heute überwiegend von arabischen Familien bewohnt. Die Not und Hilfsbedürftigkeit vieler dieser Familien ist freilich sehr groß. Seit Jahren ist die Altstadt zu einem Sammelpunkt für Arme und Wurzellose geworden. Vor einigen Jahren hat sich eine Gruppe engagierter arabischer Israelis zusammengetan, um ein soziales Zentrum für die arabische Bevölkerung in Akko aufzubauen. Es wurden ein Kindergarten geschaffen, Gruppen für Jugendliche aufgebaut, ein Programm zur Förderung der Stellung der Mütter erarbeitet. Schüler bekommen Nachhilfestunden. Kinder aus den ärmsten Familien haben zudem die Möglichkeit, Mahlzeiten zu bekommen. Eine fachlich gut bestückte Kulturabteilung übt Theaterstücke, Malen und andere Aktivitäten mit Kindern und Erwachsenen ein. Auf diesem Feld wird auch ein Schwerpunkt auf die jüdisch-arabische Zusammenarbeit in Akko gelegt.  

 

Eran - Telefonseelsorge Jerusalem

Auch in Israel gibt es Telefonseelsorge. Einer der jüdischen Lehrer Denkendorfs - Meir Brom - arbeitet hierbei aktiv mit. Bis vor wenigen Jahren wurde die Telefonseelsorge staatlich unterstützt. Nun reichen auf Grund von Kürzungen die Fördermittel nicht mehr aus. Andererseits sind die Probleme der Anrufenden durch die Intifada und ihre katastrophalen Auswirkungen schwieriger geworden. Wir überweisen der Jerusalemer Telefonseelsorge seit 1999 einen jährlichen Betrag aus Opfermitteln des Israelsonntags.

 

Freunde von Or Torah Stone e. V. Deutschland

Die deutschen Freunde von Or Torah Stone unterstützen den Aufbau und die Erneuerung von jüdischen Studieneinrichtungen durch die israelische Organisation Or Torah Stone. Diese bildet orthodoxe Rabbiner und Lehrkräfte für die jüdische Diaspora aus. Ihre Bildungsarbeit steht unter dem Anspruch, die Erziehung zur Toleranz in der israelischen Gesellschaft zu fördern und die Rolle der Frau im religiösen Bereich in Israel zu stärken.

 

Unsere Arbeit braucht Ihre Unterstützung. Unser Bankverbindung ist:

Konto Nr. 80 800 46 (Inhaber: AG "Wege zum Verständnis des Judentums") bei der Kreissparkasse Esslingen (BLZ 611 500 20).

Kollekten senden Sie bitte auf dem Weg über den Oberkirchenrat an die Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“ bzw. die Denkendorfer Israelhilfe und das christlich-jüdische Gespräch.

Vielen Dank!

 

 

 

Der Heiligen Schriften gedenken: Johannes 2,13-25

 

Chana Safrai

 

Johannes 2,13-25 ist in Jerusalem ausgestaltet. Der Abschnitt lässt sich in drei ziemlich klare Teile gliedern. Obwohl ihr Textumfang über die vorgegebene Perikope hinausgeht, empfiehlt es sich, sie zusammen zu untersuchen:

  1. VV. 13-17: Die Vertreibung der Händler aus dem Heiligtum
  2. VV. 18-22: Das Zeichen des Tempels
  3. VV. 23-25: Wissen versus Zeichen

Johannes gestaltet die drei Abschnitte als eine literarische Einheit mit einer besonderen Struktur: Die beiden ersten Abschnitte (1. und 2.) enden mit der Erinnerung der Schüler (VV. 17.22; Anm. d. Ü.: hebr. Talmid = Schüler, Jünger. Hier wird die Übersetzung „Schüler“ bevorzugt), die beiden letzten (2.und 3.) befassen sich hingegen mit einem unnötigen Zeichen. Gerade weil man in der Evangelienüberlieferung von den Abschnitten diejenigen Parallelen abteilen muss, die auf unterschiedliche Weise angeordnet sind, ist es dem Leser zweifellos erlaubt, die besondere Bedeutung zu prüfen, die das Johannesevangelium dieser Sammlung von Geschichten aus dem Leben Jesu verleiht. Wie ein in der Tradition jüdischer Lehre ausgebildeter Leser bieten die drei Abschnitte als vollständige Einheit einen Blick auf die Welt des Lehrers Jesus inmitten seiner Schüler. Ich möchte mich auf drei interessante Komponenten aus den angegebenen Versen konzentrieren: Lehre im Schatten des Tempels; Wissen versus Zeichen; der Heiligen Schriften gedenken.

 

Lehre im Schatten des Tempels

 

Die biblische Überlieferung stellt den durch die Priester verrichteten Gottesdienst im Tempel in den Mittelpunkt der religiösen Welt. Während der Zeit des Zweiten Tempels tauchte neben dem prächtigen Tempel langsam eine andere, für die Geschichte des Christentums und des rabbinischen Judentums gleicher Maßen wichtige, Religiosität auf: eine Religiosität, die den Gläubigen mit seinem Können an jedem Ort, wo er wohnt oder sich versammelt – in der Synagoge wie in der Kirche -, auf unabhängig Weise in die Verbindung mit seinem Gott stellt. Tatsächlich entwickeln sich in der jüdischen Welt, in der auch die frühe Kirche lebt, zwei Alternativen, die im Lauf der Zeit zum Mittelpunkt des religiösen Lebens werden: die Synagoge für die Toralesungen und das Gebet und das Lehrhaus als Ort des Toralernens aus dem Munde der Weisen, Rabbinen und Gelehrtenschüler (Talmid chacham). Diese Entwicklung kommt nach der Zerstörung des Zweiten Tempels (70 n. Chr.) voll zum Tragen, als das religiöse Zentrum aus biblischer Zeit verschwindet und ein beträchtlicher Teil der Jerusalemer Priesterschaft der Vernichtung anheim fällt. Aber jüdische Quellen wie auch die vorliegenden Verse erzählen weiterhin von der Zeit des Zweiten Tempels und beschreiben eine langsamere und weniger dramatische Entwicklung in Jerusalem. Neben dem Tempel bietet Jesus mit seinen Schülern ein anderes religiöses Zentrum an. In diesem Zentrum steht nicht zwingend der Tempel, sondern der Lehrer mit seinen Schülern. Ihre Art zu lernen, ihre Fähigkeit in Gemeinschaft zu lernen und eine Gruppe zu bilden, in der die heiligen Worte aus dem Mund des Lehrers den Mittelpunkt ihres religiösen Denkens ausmachen, stellen eine bewusste Alternative zur religiösen Form des Tempels dar. Nicht der Tempel, sondern der lernende und lehrende Lehrer steht im Zentrum und diese Lehre ist Teil der Kritik am Tempel. Diese Frage beschäftigt auch die jüdische Tradition und ihre Weisen. Über Rabban Jochanan ben Sakkai, der seiner Herkunft nach Priester war, wird erzählt, „dass er den ganzen Tag im Schatten des Tempels saß und vortrug“ (Babylonischer Talmud, Traktat Pesachim, Folio 26 a, Lazarus Goldschmidt, Der Babylonische Talmud, Königstein 3. Aufl. 1980, Bd. II S. 384). Die Betonung auf „den ganzen Tag“ stellt die Lehre dem Tempel gegenüber, belässt sie jedoch nahe beim Tempel. Das Haus Gottes wandelt sich zu einem Ort des Toralernens und nicht mehr nur des Opferns. Nach der Zerstörung und vielleicht aus Trauer um die Zerstörung erklärt ein anderer Weiser: „Daher sagte man, solange der Tempel existierte: der Altar in ihm ist Sühne für Israel an allen Orten, wo sie wohnen, und im Ausland sind die Weisen und Schüler der Weisen Sühne für Israel an allen Orten, wo sie wohnen ... ‚Es kam aber ein Mann von Baal-Schalischa und brachte dem Mann Gottes Erstlingsbrot’ (2. Könige 4,42). Aber war Elisa Priester? Nein. (Wo er war,) da war kein Tempel, kein Altar und kein Hoherpriester. Sondern: Elisa war Prophet und Schüler der Weisen saßen vor ihm, ob in Dotan oder Samaria. Daher sagte man: ‚Jedem, der sich mit den Weisen und ihren Schülern beschäftigt, rechnet es die Schrift zu, als ob er Erstlinge darbrächte und den Willen seines Vaters im Himmel tut.’“ (Seder Elijahu Zutta II, vgl. Tanna Debe Eliyyahu. The Lore of the School of Elijah, Übers. William G. Braude u. Israel J. Kapstein, Philadelphia 1981, S. 411f). Der Erklärer nimmt an, dass es sowohl zur Tempelzeit als selbstverständlich auch danach Weise außerhalb des Tempels gibt. Die Hauptfunktion des Tempels war für Israel Sühne zu schaffen. Das bedeutet, das zentrale religiöse Thema - Sühne - durchlief eine Metamorphose. Sie hängt jetzt nicht mehr nur von Opfern ab, sondern von einem religiösen Handeln, das mit Lehre und Wissen verbunden ist.

So ist wahrscheinlich zu verstehen, was der Schreiber in V. 21 sagt: „Er aber redete von dem Tempel seines Leibes“. Er sprach von seinem Können, seiner Lehre, seiner Auslegung, nicht nur von seinem physischen Tod. Und so lässt sich vielleicht auch der folgende Vers deuten, in dem die Schüler nach Meinung des Evangelisten nach dem Tod Jesu verstehen, dass sie seine Worte und Taten von neuem zu lernen verpflichtet sind. Denn auch nach der Zerstörung, d. h. dem Tod, bleibt seine Lehre lebendig als eine Möglichkeit im Mund derer, die sie lernen. So heißt es auch in einer Überlieferung der Weisen: „Wenn man eine Lehre im Namen eines [verstorbenen] Schriftgelehrten auf dieser Welt vorträgt, so murmeln seine Lippen im Grabe.“ (Babylonischer Talmud Traktat Berachot, Folio 31 b, Goldschmidt Bd. XI, S. 541). Ein Mensch ist tot, aber seine Lehre fährt fort aus seinem schweigenden Mund zu sprechen. Und ein Schüler, der die Worte seines Meisters wiederholt, erhebt ihn dem Anschein nach zu einer neuen Auferstehung.

Im Gegensatz zu einem Tempel aus Holz und Stein benötigt ein Bau aus Toralernen keine lange Zeit. Drei Tage genügen, um sich mit den Worten der Tora zu befassen. Die Diskrepanz der Zeitangaben drückt die Diskrepanz aus zwischen der Konzeption eines zentralen Tempels und der dezentralen Konzeption eines Lehrers und seiner Schüler, wo immer sie auch wohnen.

 

Wissen versus Zeichen

 

Ein anderer Teil der Welt des Torastudiums – und das Phänomen der Schüler um Jesus ist ein Teil der lernenden Welt der Tora – ist die ausgesprochene Bevorzugung des Torawissens und nicht mystischer oder exotischer Bereiche der Religiosität. Dies ist in der Erzählung von Johannes gut erkennbar. Die Volksmenge - Johannes nennt sie „die Juden“ -, d. h. die im Tempel Versammelten, möchte ein Zeichen sehen. Sie versucht die Besonderheit Jesu zu verstehen mit Hilfe eines akzeptierten Mittels charismatischen Verstehens – einer besonderen Fähigkeit, die seine religiöse Qualität unter Beweis stellen soll. Aber Jesus weigert sich in der Erzählung des Johannes wie auch an anderen Stellen, sich auf diese Forderung des Volkes einzulassen. Nach Johannes (V. 23) lehnt er sie auch wieder am Passahfest ab. Diesen letzten Abschnitt gibt es in den anderen Evangelien nicht. Johannes entscheidet sich ihn in diesem Zusammenhang zu bringen und die Ablehnung der Zeichenschau zu verstärken. Was bietet Jesus als Alternative zur charismatischen Frömmigkeit an? In V. 24 spricht er von Wissen, während er in V. 19 eine belehrende Andeutung macht: – dass er bauen kann, ohne sich auf Tempel und Heiligtümer zu stützen.

Eine lange christliche Tradition verstand mit Recht, dass in den VV. 19-20 die der jüdischen überlegene christliche Alternative angeboten wird. Mir scheint, man kann in diesen Worten eine Bevorzugung sehen. Aber keine Bevorzugung des Christentums vor dem Judentum, sondern die Bevorzugung eines sich entwickelnden religiösen Modells. Dieses gründet sich, wie wir gesehen haben, auf das Torastudium, und seine Begriffe sind religiöse Begriffe, die aus der Tora gelernt wurden. Der Glaube des Volkes steht also dem Glauben gegenüber, der ein Weg der besonderen Tora für Gelehrtenschüler ist. Nicht Glaube gegen Tora, sondern ein Weiser und seine Schüler gegen die Volksmenge, die nicht die Zeit aufbringt, die fürs Studium gefordert wird, und die sich für eine offensichtliche mirakulöse Frömmigkeit interessiert.

Was ist die lehrhafte Tora, die in diesen Versen erscheint? Zwei interessante Erscheinungen in diesen Versen sind der weiteren Erörterung wert.

Der dritte Tag: Als Jesus dem andauernden Tempelbau den kurzen Bau gegenüberstellt, wählt er eine bekannte biblische Komponente: „Drei Tage“. So verbindet er unserer Ansicht nach sein Wort mit einer langen Liste biblischer Ereignisse, die sich am dritten Tag zutragen. Diese Information zur Bedeutung des dritten Tages als bedeutendem Tag Gottes kann man im Midrasch Genesis Rabba (zu 22,4f, vgl. Der Midrasch Bereschit Rabba, übertragen von August Wünsche, Leipzig 1881, S. 265) nachlesen:

„Zu 1.Mose 22,4 f: ‘Am dritten Tag usw.’:

Hosea 6,2: ‘Er belebt uns nach zwei Tagen, am dritten Tage richtet Er uns auf, dass wir vor Ihm leben.’

Am dritten Tag der Stämme – 1. Mose 42,18: ‘Da sagte Joseph am dritten Tage zu ihnen’.

Am dritten Tag der Gabe der Tora – 2. Mose 19,16: ‘Es geschah am dritten Tage, als Morgen ward’.

Am dritten Tag der Kundschafter – Josua 2,16: ‘Verbergt euch drei Tage dort’.

Am dritten Tag des Jona – Jona 2,1: ‘Jona war drei Tage im Inneren des Fisches’.

Am dritten Tag der Rückkehr aus dem Exil – Esra 8,15: ‘Wir lagerten dort drei Tage’.

Am dritten Tag der Belebung der Toten – Hosea 6,2: ‘Er belebt uns nach zwei Tagen, am dritten Tage richtet Er uns auf, dass wir vor Ihm leben.’

Am dritten Tag der Esther – Esther 4,1: ‘Es geschah am dritten Tage, da kleidete sich Esther mit Königsschmuck’. Sie kleidete sich mit dem Königsschmuck ihres Vaterhauses. In wessen Würdigung? Unsere Meister sagen: In Würdigung des dritten Tages der Gabe der Tora. Rabbi Levi sagt: In Würdigung des dritten Tages unseres Vaters Avraham, wie es heißt 1. Mose 22,4: ‘Es war am dritten Tage, da sah er den Ort von fern’.“

Das biblische Denken ermöglicht gerade beim Gebrauch des „dritten Tages“ mannigfaltige Auslegungen. Die klassische christliche Überlieferung las speziell die Rettung und die Auferstehung heraus. Aber man kann selbstverständlich weitere parallele Zusammenhänge herstellen. Ohne Zweifel ereignet sich auch die Gabe der Tora am dritten Tag. Das bedeutet, dass religiöses Lernen und Tun in einem lernbeflissenen Rahmen mannigfaltige Auslegungen ermöglichen und die Worte Jesu mit dem Wesen des Torastudiums verbinden: nicht eine lange Periode, sondern eine kurze und bedeutungsvolle Zeit auf mannigfaltigen Gebieten.

Wenn wir uns mit der Bedeutung biblischer Zahlen befassen, so ist die in V. 20 vorgeschlagene Alternative „vierzig Tage“. Auch mit dieser literarischen Zahl gibt es einen hervorragenden biblischen Zusammenhang – die Zeit der Wüste, der Strafe, des Leidens, aber auch des Mannas, d. h. des direkten Kontakts mit dem für Israel sorgenden Gott. In unserem Zusammenhang lohnt es sich vielleicht zwei Redensarten zu erwähnen, die dem Nachdenken über den Vers Gewicht verleihen. „Rabbi Jochanan sagte: Die ganzen vierzig Tage, die Mose auf dem Berg zubrachte, lernte er Tora, vergaß sie wieder, und am Ende wurde sie ihm ganz zum Geschenk gegeben. Warum? Um die Dummen zurückzuholen.“ (Jerusalemer Talmud, Traktat Horajot III,5). D. h. vierzig Tage im Zusammenhang mit Torastudium bedeuten für Rabbi Jochanan eine lange Zeit, die aber zu nicht mehr führt, als dass sie  das Vergessen fördert, eine Art Belehrung der Volksmenge. Dieselbe Atmosphäre steigt aus den vorliegenden Versen auf. Die konzentrierte Dreizahl des Lehrers und seiner Schüler steht der sich hinziehenden Vierzig, die in bestimmtem Maße überflüssig ist, gegenüber. Aber andererseits durchlief auch unser Lehrer Mose denselben Prozess. Für alle besteht Hoffnung. Der Weg steht auch ihnen offen.

Die zweite Redensart hängt mit der Diskussion zwischen Juden und Christen zusammen, genauer: wie die christliche Überlieferung diese Verse ansah und wie sie Quelle und Beweis für den Vorzug des Christentums seien. Doch auch eine jüdische Tradition, die das Phänomen des Christentums als ganzes und Jesus im besonderen negiert, behauptet in ähnlicher Gelehrtensprache: „Es wird gelehrt: Am Vorabend des Passahfestes hängte man Jesus von Nazareth. Der Herold ging vierzig Tage vor ihm her ...“ (Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin, Folio 43 a). D. h. vierzig Tage sind eine lange Frist, wenn an ihrem Ende Erhängung und Vernichtung stehen. Indem die Erzählung im Johannesevangelium genau diese beiden Beispiele auswählt und das eine im Gegenüber zum anderen gestaltet, den Bau in drei bzw. den nebensächlichen Bau in vierzig Tagen, ist sie ein Teil der literarischen Kultur, die ihre Vorstellungswelt aus der biblischen Erzählung und aus der der Auslegungstradition obliegenden Befugnis heraus gestaltet, die Bibel zu deuten und ihre Bedürfnisse mittels der Überlieferung der biblischen Literatur zu gestalten. Das bezeichne ich als Midrasch.

 

Der Heiligen Schriften gedenken

 

Die zweite Erscheinung ist mit den VV. 17 und 22 verbunden. „Die Schüler dachten“ (emnéestheesan) – aber woran denken sie? In V. 19 knüpfen sie das Geschehnis im Tempel an Psalm 69,10: „Denn der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt.“ Und in V. 22 denken und glauben sie an Jesus. Im Widerspruch zu der Auslegungstradition, die in beidem eine Distanzierung von der Welt der Weisen und des Torastudiums sieht, kann man sie auf eine völlig andere Weise lesen.

Die Welt der mündlichen Tora erzog ihre Schüler dazu, die heiligen Schriften zu einem integralen Bestandteil ihrer religiösen und sozialen Welt zu machen. Ihr Glaube rührt von genau dieser Fähigkeit her, ihre praktische Welt in Verse zu übersetzen und sich selbst, ihre Lehrer und ihre Studiengenossen in einen herausragenden lehrbeflissenen Rahmen hinein zu lesen, d. h. das Alltagsleben in einen Teil des Studiums und die heiligen Schriften in einen Teil des Lebens und seiner Geschehnisse zu verwandeln. Dieses Phänomen ist in der talmudischen Literatur sehr verbreitet. Es stärkt seine Gläubigen und gibt ihrem Leben Bedeutung.

Als Rabbi Elieser ben Hyrkanos sich als treuer, aber armer Schüler erweist, der nichts zu essen hat und an Mundgeruch leidet, sagt zu ihm sein Lehrer und Meister Rabbi Jochanan ben Sakkai: „Wehe dir, Rabbi Elieser, dass du aus unserem Kreis weggeschickt wurdest, aber ich sage dir: So wie dein Mundgeruch vor mir aufsteigt, so möge die Lehre aus deinem Munde gehen vom einen Ende der Erde zum andern. Ich lese über dich: ‚Und der Name des anderen – Elieser’ (2. Mose 18,4).“ (Avot de Rabbi Nathan B,13, vgl. The Fathers According to Rabbi Nathan [Abot de Rabbi Nathan] Version B, Übers. Anthony J. Saldarini, Leiden 1975, S. 101). Der biblische Elieser, Moses Sohn, wird zum Modell des Rabbi Elieser im Lehrhaus.

Aber auch zur Ablehnung eines gequälten Menschen: „Eine Begebenheit mit dem Sohn Rabbi Chaninas ben Tardion, der vom rechten Weg abwich: Räuber ergriffen und ermordeten ihn. Man fand seinen verstümmelten Körper nach drei Tagen, tat ihn in ein Netz, legte ihn auf eine Bahre, brachte ihn in die Stadt und pries ihn bei der Ehre seines Vaters. Da las sein Vater den Schriftvers über ihn: ‚... und müssest hernach seufzen, wenn dir Leib und Leben vergehen, und sprechen: Ach, wie konnte ich die Zucht hassen, und wie konnte mein Herz die Warnung verschmähen, dass ich nicht gehorchte der Stimme meiner Lehrer und mein Ohr nicht kehrte zu denen, die mich lehrten! Ich wäre fast ganz ins Unglück gekommen vor allen Leuten und allem Volk’ (Sprüche 5,11-14). Und seine Schwester las über ihn den Schriftvers: ‚Das gestohlene Brot schmeckt dem Manne gut, aber am Ende hat er den Mund voller Kieselsteine’ (Sprüche 20,17).“ (Semachot = Ebel Rabbati 12,13, vgl. The Tractate „Mourning“ (Semahot). Regulations Relating to Death, Burial, and Mourning, Übers. Dov Zlotnick, New Haven und London 1966, S. 83). Der Sohn Rabbi Chaninas ben Tardion ist in der Literatur als Flegel bekannt. Doch die Gestaltung der Auslegung erinnert zu einem gewissen Maß an die Erzählung von Kreuzigung und Tod Jesu. Auch hier kehrt das Motiv der drei Tage wieder, und neben dem Vater gibt es auch die trauernde Mutter. Es mag sein, dass die Gestaltung einen antichristlichen Midrasch oder eine jüdische Reaktion auf die christliche Erzählung darstellt. In unserem Fall identifiziert die ganze Familie seinen Tod als Verbrecher mit verschiedenen Versen aus der Bibel. So handeln nicht nur Weise, sondern Familienangehörige wie sein Vater passen sich an und finden Parallelen und relevante Verse für das tragische Ereignis. Ihre Welt hat eine biblische Deutung oder eine biblische Bezugnahme.

Oder als Ausdruck für eine wichtige allgemeine Richtlinie, Gerechtigkeit zu üben: „Wenn du dem Armen in der Stunde seiner Bedrängnis etwas leihst, widerfährt dir: ‚Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten’ (Jesaja 58,9).“ (Traktat Derech Erez Zutta IX,24, vgl. The Ways of the Sages and the Way of the World. The Minor Tractates of the Babylonian Talmud: Derekh ‘Eretz Rabbah, Derekh ‘Eretz Zuta, Pereq ha-Shalom, Übers. Marcus van Loopik, Tübingen 1991, S. 309). Oder als Ben Dama Rabbi Jischmael fragt, ob es erlaubt sei Griechisch zu lernen, antwortet ihm Rabbi Jischmael mit einem passenden Vers: „Lies über ihm den Schriftvers: ‚Lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern murmle darüber Tag und Nacht’ (Josua 1,8). Geh und prüfe die Stunde, dass sie nicht vom Tag noch von der Nacht sei und lerne in ihr griechische Philosophie.“ (Babylonischer Talmud, Traktat Menachot, Folio 99 b).

Die christliche Tradition versteht eine solche Art zu lesen als besondere Eigentümlichkeit in Bezug auf Jesus in der Bibel. Die Welt des Torastudiums, in der Jesus und seine Schüler leben, ist dagegen gewohnt, sich selbst mit verschiedenen Ereignissen im biblischen Rahmen zu identifizieren. Deswegen gibt es auch verschiedene Lesarten für denselben Vers. „Am Tag, als Rabbi Akiba starb, wurde Rabbenu geboren und man las über ihn: ‚Die Sonne geht auf und die Sonne geht unter’ (Kohelet 1,5). Am Tag als Rabbenu starb, wurde Raw Ada bar Ahawa geboren und man las über ihn: ‚Die Sonne geht auf und die Sonne geht unter’. Am Tag als Raw Ada starb, wurde Raw Awin geboren und man las über ihn: ‚Die Sonne geht auf und die Sonne geht unter’. Am Tag als Raw Awin starb, wurde Rabbi Awin Berija geboren und man las über ihn: ‚Die Sonne geht auf und die Sonne geht unter’. Am Tag als Rabbi Awin starb, wurde Aba Hoschaja aus Terija geboren und man las über ihn: ‚Die Sonne geht auf und die Sonne geht unter’. Am Tag, als Aba Hoschaja aus Terija starb, wurde Rabbi Hoschaja geboren und man las über ihn: ‚Die Sonne geht auf und die Sonne geht unter’.“ (Midrasch Genesis Rabba 58, vgl. Der Midrasch Bereschit Rabba, übertragen von August Wünsche, Leipzig 1881, S. 274). Dies ist eine Aufzählung, die sich mit der Traditionskette befasst und die Geschlechterfolge der Führerschaft der Weisen oder im Wechsel das gesamte Phänomen der Weisen nach ihren Generationen als Teil der biblischen Botschaft in einen Vers aus Kohelet (Prediger) hineinliest.

Und hier treffen sich die beiden biblischen Überlieferungen, Christentum und Judentum. Beide lesen sich selbst als Teil der biblischen Botschaft. Die Erzählungen über den Tempel und über Jerusalem sind nicht zwangsläufig Teil des Zusammenstoßes zwischen Christentum und Judentum. Man kann sie als Teil einer Überlieferung deuten, die einen religiösen Wandel fördert: den Übergang von der Religiosität des Tempels zur Religiosität der lernenden Gemeinde, von den Priestern zu den Schülern der Weisen. In ihrer Welt besteht die Hauptsache in der Beschäftigung mit der Tora und ihren religiösen Botschaften, in der Entwicklung eines Lernens, das ein freies und schöpferisches Bibellesen im praktischen Leben und in den Alltagsbegebenheiten ermöglicht. Dann besteht die Spannung nicht zwischen denen, die Tora lernen je nach ihrer Färbung, sondern zwischen denen, die sie lernen, und denen, die die Wichtigkeit der göttlichen Tora nicht gewärtigen. Wenn es eine Spannung gibt, dann nicht zwischen Christen und Juden, sondern zwischen Torawissen und Zeichenforderung, zwischen Mystik und Studium der göttlichen Tora, vielleicht sogar zwischen denen, die ihr Leben dem Studium widmen, und dem Rest der Menschheit, der sich nicht der Tora hingibt. Doch die Wege des lernenden Interesses und Nachdenkens gehören den Schülern Jesu ebenso wie den Schülern der Weisen. Diese wie jene erinnern sich an einen Bibelvers und lesen in ihn ein wichtiges Ereignis ihrer Lebenswelt hinein.

 

 

Predigtmeditation

 

10. Sonntag nach Trinitatis – Israelsonntag: Johannes 2,13-22

 

Michael Volkmann

 

1. Annäherung

 

Mit den Prädikaten „ein harter Brocken“, „widerborstig“ und „voller Ungereimtheiten“ versehen kritische Exegeten die Perikope Joh 2,13-22 (Schreiner 12, Osten-Sacken 69). Eignet sie sich überhaupt für eine Predigt am Israelsonntag? Früher dem Reformationsfest zugeordnet, wurde sie 1981 erstmals am 10. Sonntag nach Trinitatis gepredigt und im neuen Gottesdienstbuch der EKD bereits wieder von dort weg genommen. Nicht so in Württemberg. Hier bleibt die johanneische „Tempelreinigung“ Predigttext der III. Reihe und zugleich, angesichts der Auslegungstradition, eine Herausforderung nicht antijüdisch zu predigen. Für das Anliegen des Israelsonntags ist dies keine gute Voraussetzung. Hier hilft nur: mitten hinein ins Thema Christen und Juden! Der Umgang mit heiligen Stätten oder mit Geld in Tempel und Kirche sind im Vergleich dazu unwesentliche Nebenthemen, die meist auf Kosten „der Juden“ abgehandelt werden, die im Johannesevangelium als Typen gedacht sein mögen, im wirklichen Leben aber wirkliche Menschen sind und die Folgen christlicher Schriftauslegung immer wieder zu spüren bekommen haben.

Es war wohl der im Evangelium nachzuvollziehende Ausbau der Christologie, der zur Entfremdung zwischen der johanneischen judenchristlichen Gemeinde und der Synagoge geführt hatte (Dietzfelbinger 16). Manche Ausleger verstehen sie in unserem Text im Sinne der Substitutionstheorie: „Das Kommen Jesu wird als Erfüllung und Ende des jüdischen Tempelkultes verstanden ... Im doppelten Ereignis von Tod und Auferstehung aber beweist sich Jesus als der wahre Tempel“ (Lachenmann, Hans, Der wahre Tempel, Predigtmeditation Johannes 2,13-22, in: Für Arbeit und Besinnung 13/14 vom 1. Juli 1993, 500). Ich lese den Text anders. W.A. Meeks schreibt: „Das vierte Evangelium ist am antijüdischsten gerade an den Punkten, an denen es am jüdischsten ist“ (zit. bei Osten-Sacken 77). Wenn das stimmt, entschärft man das Antijüdische am besten durch das Auffinden und Benennen des Jüdischen im Text. Dies mag in einer fast rein heidenchristlichen Kirche zunächst befremdlich erscheinen, wird aber immer vertrauter werden, je selbstverständlicher wir über die engen Verbindungen zwischen Judentum und Christentum uns zu sprechen angewöhnen. Dann erkennen wir auch, dass christliche Identität gestärkt wird nicht durch die Abgrenzung, sondern durch das Hören auf Juden und Judentum.

 

2. Beobachtungen am Text

 

Der Text im Kontext

Nach dem „Beglaubigungswunder“ Jesu in Kana (Schreiner 12) erfolgt 2,12 der Ortswechsel nach Jerusalem, wo Jesus auch für die nachfolgende Perikope mit Nikodemus (3,1-21) bleibt. Jesus pilgert zum Passahfest, hier bei Johannes das erste von drei Mal gegenüber einem einzigen Mal bei den Synoptikern. Johannes legt Jesu Aufruhr im Tempel auf diesen ersten Besuch. Vor allem durch Jesu Wort vom Abbruch und Wiederaufrichten des Tempels V. 19 wird schon früh die Verbindung zu Passion und Auferstehung Jesu hergestellt. Reagieren „die Juden“ hier noch gelassen auf Jesu Aktion, so folgen in 5,16.18 die Tötungsabsicht, in 8,59 und 10,31 Steinigungsversuche, in 10,39 ein Verhaftungsversuch, in 11,53 der Tötungsbeschluss des Hohen Rates und von da an die Passion.

 

Textgliederung

Der Text ist zweiteilig: VV. 13-16 schildern die Vertreibung der Geschäftsleute aus dem Tempel, gipfelnd in Jesu Ausruf: Macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus! VV. 18-21 berichten von einem ruhigen Gespräch zwischen „den Juden“ und Jesus, das mit einem totalen Missverständnis endet (V.21). Die die beiden Teile jeweils abschließenden VV. 17 und 22 enthalten ähnlich lautende Erinnerungen der Jünger, die das Geschehene deuten.

 

Textauslegung

V. 13: Jesus steigt zum nahenden Passahfest nach Jerusalem hinauf (anabáino bzw. hebr. alá ist t.t. für die Wallfahrt) und erfüllt damit ein biblisches Gebot (3. Mose 23,5ff., 5. Mose 12,5). Weitere Wallfahrten Jesu werden in 5,1; 7,10 (zum Laubhüttenfest) und 12,12 berichtet. Die Geschichte wird ganz aus der Perspektive des handelnden Jesus erzählt. Jünger und „die Juden“ treten erst später auf. Eine Volksmenge, die am Passahfest im Tempel mit Sicherheit vorhanden ist, wird gar nicht erwähnt. Der Stil ist straff, die Dinge und Handlungen werden bis V. 16 elf Mal mit „und“ verknüpft.

V. 14: Der erste Gang eines Jerusalempilgers ist zum Tempel. Über die Haltung dessen, der zum Tempel kommt, gibt Psalm 24,3-5 Auskunft. Der Tempel ist Gottes Wohnung bei seinem Volk und das Zentrum des Volkslebens: Heiligtum mit Opferstätte und Synagoge, Lehrhaus und Torazentrum, Versammlungs- und Kommunikationsort, Tagungsstätte des Hohen Rates und Ort der Rechtsprechung, Wohlfahrtsinstitut und Ausbildungsstätte, Wissenschaftszentrum und Bibliothek, Kunstgebäude und Schatzhaus. Im Tempel trifft Jesus auf Opfertierhändler und da sitzende Geldwechsler, die fremde Münzen in die am Tempel erlaubte tyrische Währung wechseln. Manche Ausleger vermuten sie in der südlichen Säulenhalle, in der auch das Synhedrium tagte. Rabbinische Quellen sprechen gegen Tiere und Händler auf dem Tempelberg, möglicherweise aber erst nach der Zeit Jesu. An der Südwestecke (Ophel) wurden Läden und Ritualbäder außerhalb der Mauer ausgegraben. Das deutet darauf hin, dass auf dem Tempelplatz strenge Reinheitsregeln herrschten. Er musste ohne Schuhe betreten werden. Vieh passt nicht zu diesem Bild vom Tempel.

V. 15: ekbállein – hinauswerfen, austreiben, ist neben seiner räumlichen Bedeutung auch t. t. für die Austreibung von bösen Geistern und Dämonen. Jesus macht eine Geißel aus Stricken, das bedeutet, er hält sich an das Waffenverbot, das sogar Stöcke einschließt. Mit der Peitsche treibt er Schafe und Rinder hinaus, offenbar nicht die Menschen. Den Wechslern leert er das Geld aus und stößt die Tische um. Alle treibt er hinaus. In der Realität ist das nur schwer vorstellbar. Hat sich niemand widersetzt? Hat niemand die Tempelwache oder die römischen Soldaten gerufen? Wie kann er allein sie alle hinaustreiben, ohne dass Vieh und Menschen sich auf dem ganzen großen Tempelplatz verteilen und ein Chaos hervorrufen? Zu welchem Tor treibt er sie hinaus? Die südliche Säulenhalle lag hoch über dem Niveau der Stadt. Die Nordseite war über 500 m entfernt. Hat Jesus Vieh und Leute samt ihren Tischen durch die anströmende Pilgermasse hindurch die große Freitreppe über den heute so genannten Robinsonbogen hinabgetrieben? Oder die unterirdischen Treppen hinab zum Huldator? Das klingt alles unwahrscheinlich. Entweder war das Ereignis ein symbolisches und sehr begrenztes (Dietzfelbinger 76) oder es hat nie stattgefunden, sondern ist eine theologische Konstruktion auf der Basis von falschen Anklagen gegen Jesus (vgl. Markus 14,57-59) oder von Jesusworten (wie V. 19) und von Bibelstellen wie Psalm 69,10 (s.u. zu V. 17) und dem messianischen Schlussvers des Propheten Sacharja 14,21: „Und es wird keinen Händler mehr geben im Hause der HERRN Zebaoth zu der Zeit.“

V. 16: Die Taubenhändler lässt Jesus ihre Ware selbst beseitigen, vielleicht damit die Tiere nicht entfliegen oder sich verletzen und als Opfer untauglich werden. Seine Aufforderung dazu versieht er mit einer Ermahnung, seines Vaters Haus nicht zum Kaufhaus zu machen. Jesus betont damit seine enge persönliche Beziehung zum Tempel. So könnte jeder Jude sprechen, denn jeder einzelne und ganz Israel ist Gottes Sohn bzw. Tochter. Jesu Gottessohnschaft ist hier jedoch messianisch gemeint und betont seine besondere Beziehung zu Gott dem Vater. Bei den Synoptikern spielt Jesus mit dem Wortpaar „Räuberhöhle – Bethaus“ auf Jeremia 7,11 an. „Kaufhaus“ erinnert dagegen an Sacharja 14,21 (s.o. zu V. 15). Mit dieser Rückbeziehung stellt sich Jesus in die Tradition prophetischer Kritik an der Ausgestaltung des Tempelbetriebes und gibt zugleich den Hinweis auf den Anbruch der messianischen Heilszeit. Mit diesem Vers endet die erste Szene der Perikope.

V. 17: Jetzt erst werden die Jünger erwähnt. Es bleibt unklar, ob sie als passive Augenzeugen mit dabei sind oder sich erst später an eine bestimmte Bibelstelle erinnern, die sie mit Jesu Handeln in Verbindung bringen. Der Beitrag von Chana Safrai in diesem Heft erläutert dieses bei Juden übliche „Hineinlesen“ einer Bibelstelle in eine Person oder ein Ereignis. In Psalm 69,10 heißt es: Der Eifer um dein Haus hat mich gefressen. Johannes setzt das Zitat ins Futur und macht es so zur Voraussage des Todes Jesu. Durch dieses Zitat allein erschließt sich den Jüngern jedoch noch nicht die ganze Bedeutung des Ereignisses.

Interessant ist, dass die Jünger zu Jesu Handeln das Wort zéelos – Eifer assoziieren, von dem die Zeloten ihren Namen haben. Ihn deswegen als Revolutionär zu bezeichnen, ist romantisches Wunschdenken. Dietzfelbinger (74) führt das Fehlen jedes Widerstandes gegen Jesu Handeln auf diesen zéelos des Gottessohnes zurück. Klausner (432) hält Jesu Tat für eine religiös-politische. Stegemann (92f) liest dagegen eine konsequente Entpolitisierung Jesu aus dem Text. Er hält dagegen die

V. 18 folgende Zeichenforderung „der Juden“ für politisch, auf die Jesus nicht eingeht. „Die Juden“ werden hier (nach 1,19) in der Perikope erstmals erwähnt. Diese Bezeichnung aus der Feder eines judenchristlichen Autors verrät Distanz und Entfremdung, innerhalb „der Juden“ wird kaum mehr differenziert. Sie werden im Johannesevangelium typisiert und zu Repräsentanten der ungläubigen, feindseligen Welt gemacht. Ist diese Typisierung in der Entstehungssituation des Evangeliums noch als Folge einer innerjüdischen Konfliktsituation zu bewerten, so wird sie als kanonisierter Text in den Händen einer fast rein heidenchristlichen Kirche zur nicht versiegenden Quelle antijüdischer Theologie – es sei denn, die Völkerkirche versucht ihre Distanz zu Juden und Judentum zu überbrücken.

„Die Juden“ intervenieren nicht, als Jesus die Geschäftsleute aus dem Tempel weist, sondern sie beginnen ein Gespräch. Sie verstehen Jesu Aufruhr im Tempel nicht als prophetisch-messianisches Zeichen und fragen daher nach seiner Legitimation. Möglicherweise erwarten sie ein mystisches Wunder (so C. Safrai) oder eine politische Befreiungstat (Stegemann).

V. 19: Mit denselben Worten wie V. 18a die Frage „der Juden“ wird Jesu Antwort eingeleitet. Er fordert „die Juden“ auf, selbst den Tempel einzureißen. Bultmann (88) hält dies für „den ironischen Imperativ des prophetischen Stils“. In Markus 14,57-59 wird ein ähnlicher Ausspruch von falschen Zeugen Jesus in den Mund gelegt. Dass er hier nun wie ein authentisches Jesuswort erscheint, hat wohl kaum etwas mit dem historischen Sachverhalt zu tun, sondern entspringt im doppelten Sinn dem theologischen Gestaltungswillen des vierten Evangelisten. Zum einen: Zur angenommenen Abfassungszeit des Evangeliums war der Tempel bereits zerstört. „Brecht ihr ihn ab“ könnte in diesem Zusammenhang als eine Schuldzuschreibung an „die Juden“ für die Tempelzerstörung verstanden werden. In der rabbinischen Selbstkritik war es üblich, die Schuld bei sich selbst zu suchen. Die johanneische Distanziertheit zu „den Juden“ und ihre christliche Wirkungsgeschichte lassen die konstruktive jüdische Selbstkritik allzu leicht zur destruktiven Fremdkritik von außen mutieren. Zum andern sagt Jesus von V. 20 her auch: Brecht den Tempel meines Leibes ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Die Auferstehung ist sein „Beglaubigungszeichen“ (Dietzfelbinger 75). Es wird aber nur im Glauben erkannt.

V. 20: Am herodianischen Tempel wurde von etwa 19 v. Chr. bis 63 n. Chr. gebaut, also auch zu Lebzeiten Jesu. 70 n. Chr. wurde er zerstört. Dass „die Juden“ überhaupt noch auf Jesu Angebot antworten, er wolle den Tempel in drei Tagen wieder aufbauen, ist erstaunlich. Wie sollten sie verstehen, was Jesus meint, wenn es selbst die Jünger erst nach Ostern begreifen? Ihre Frage ist typisch dafür, wie Jesus und „die Juden“ im Johannesevangelium aneinander vorbeireden. Franz Overbeck stellt fest: Die miteinander sprechenden „Personen gehören verschiedenen Welten an und haben gar nicht dieselben Bedingungen ihres Redens und Handelns, aber eben daher reden sie aneinander vorbei, indem eben jede in ihrer Welt bleibt“ (zit. bei Osten-Sacken 71). Damit bricht das Gespräch ab.

V. 21: Hier nun fügt der Evangelist eine deutende Bemerkung für glaubende Leser ein, die ebenfalls nur aus der nachösterlichen Perspektive denkbar ist. Jesus redet vom Tempel seines Leibes. Das Wort egéirein für das Wiederaufrichten des Tempels in V. 19, das ein weiteres Mal in V. 22, nun für die Auferstehung, erscheint, gibt bereits die Richtung zu dieser Deutung an.

V. 22: Wieder erinnern sich die Jünger an Jesu Worte, nun nach seiner Auferstehung von den Toten. Und nun scheinen sie sie erst zu verstehen. Denn jetzt glauben sie, und zwar der Schrift und seinem Wort.

 

Textzusammenfassung

Die theologische Absicht des Evangelisten wird vom Ende der Perikope her deutlich, jedoch unterschiedlich interpretiert:

Dietzfelbinger (77): „Jetzt zeigt der Ort der Tempelreinigung im johanneischen Kontext seinen Sinn: Von Anfang an und den ‚Juden’ noch unbewußt läuft die Geschichte Jesu auf den gewaltsamen Tod Jesu zu. Man bekommt die tiefe Gegnerschaft zu Gesicht, in der die johanneische Gemeinde der synagogalen Gemeinde gegenübersteht.“

Osten-Sacken (75f): „Der wohl exemplarisch zu verstehende Kampf Jesu gegen einen gottwidrigen Umgang mit dem Gotteshaus, wie er in 2,13ff. geschildert wird, mithin sein eigenes Verhalten, ist der Grund für seinen Tod... Es sind Tod und Auferweckung, die zu einem Verständnis führen, das die in der ersten Szene intendierte Kultkritik überschreitet und den Tempel, den Ort der Gegenwart Gottes, in Jesus selbst erkennt.“ Nach Osten-Sacken zielt dieses Textverständnis auf die ortsunabhängige Anbetung in „Geist und Wahrheit“ (Johannes 4,23f), wobei er kritisiert, dass der Evangelist den irdischen Jesus mit seiner Zukunftsverheißung „es kommt die Zeit“ zu sehr im auferstandenen Christus („und ist schon jetzt“) aufgehen lässt. Jesus selbst habe „den Gottesdienst im Tempel in gottgewollte Bahnen lenken“ wollen und „den Tempel unangetastet“ gelassen (Osten-Sacken 78), der Evangelist dagegen komme in Kapitel 4 zu einem „prinzipielle[n] Nein zum Tempel“ (79). In Wirklichkeit hat das jüdische Volk nicht nur die Erinnerung an den Tempel bewahrt, sondern den opferlosen Gottesdienst der Synagoge dem im Tempel nachgestaltet – mit Konsequenzen auch für den christlichen Gottesdienst. Denn auch die „Kirche, paulinisch gesprochen ‚in Christus’, johanneisch im ‚Tempel seines Leibes’ existierend, hat doch nicht ohne das ‚Haus des Vaters’ leben können.“ (Osten-Sacken 80).

Schreiner (13) kommt  zu dem Fazit: „Erst die Ostererfahrung, d. i. der Glaube, daß Jesus auferstanden ist, gibt dem Satz ‚ubi Christus, ibi templum’ einen verstehbaren Sinn und grenzt seine Tragweite damit zugleich auch ein, insofern nämlich, als sich der Sinn dieses Satzes nur denen erschließt, die diesen Glauben teilen... Und daraus darf man wohl den Schluß ziehen, daß für Juden, die zwar – wie Johannes vielleicht sagen würde – post Christus natum, aber dennoch ante Christum resurrectum leben, die Aussage des Johannes daher nicht gilt. Für sie hat der Tempel seinen bleibenden Wert und seine bleibende Bedeutung.“

Wengst resümiert (112-114): „Wie Gott im Tempel gegenwärtig ist, so ist er es auch in Jesus. Nichts weist darauf hin, dass Johannes das im Sinne eines Ablösungsmodells verstanden hat... Zur Zeit, da Johannes sein Evangelium schreibt, ist der Tempel zwar zerstört. Aber zum einen behält der Tempelberg seine besondere Bedeutung, und zum andern erweist sich Gottes bleibende Gegenwart inmitten seines Volkes als nicht an den Tempel gebunden. Wieder ist hier also auf Jesus konzentriert, was vom Volk Gottes im Ganzen gilt... Wenn daher wir Menschen aus den Völkern in dieser Geschichte des Johannesevangeliums Gottes lebendige Gegenwart in Jesus bezeugt finden und uns in der darauf bezogenen Verkündigung Gottes Mitsein und seine vergebende Zuwendung zugesagt sein lassen, verstehen wir den ‚Tempel seines Leibes’ nicht als Ablösung des dann später zerstörten Tempels, sondern nehmen dabei zugleich wahr, dass noch und wieder Jüdinnen und Juden an der Westmauer des Tempelberges in Jerusalem beten und Gottesdienst feiern und dass Israel es gelernt hat, auch ohne den Tempel in der Gegenwart Gottes zu leben.“

 

3. Homiletische Entscheidungen

 

Nach der Textverlesung empfiehlt es sich gleich die Ungereimheiten des Textes anzusprechen: die distanzierte Rede von „den Juden“ – und ihre gelassene Reaktion; die vorgezogene Stellung der Perikope bei Johannes als Auftakt zur Passion – und die weiteren ungehinderten Wallfahrten Jesu zum Tempel; die undifferenzierte Rede von „den Juden“ – und Jesu jüdische Religiosität. Die Erklärung für diese Ungereimtheiten findet man nicht in der Zeit Jesu, sondern des Evangelisten: daher folgt eine kurze Schilderung der Bedrängnis, in der die johanneische Gemeinde lebte, und ihre Auswirkungen auf ihre Christologie (Zitat Steffensky, s.u. 4. Kontexte). Die theologische Stilisierung der Perikope im ersten Teil (nach Sacharja 14,21) sollte mit der Wirklichkeit im Tempel nach jüdischen Quellen kontrastiert werden, eventuell unter kritischem Hinweis auf Vorurteile gegen Juden, die bis heute existieren. Die Jünger hingegen denken bei Jesu Aufruhr im Tempel an ein bestimmtes Psalmwort: 69,10. Mit diesem biblischen Bezug zeigt der Evangelist seine Erzählabsicht, die im zweiten Teil der Perikope noch deutlicher wird. Es folgt eine Paraphrase und Deutung der zweiten Szene. Was hat es zu bedeuten, dass Jesus seinen Leib als Tempel bezeichnet? Der Gedankengang wird von Kap. 2 ausgezogen bis Kap. 4, der Anbetung in „Geist und Wahrheit“. Dann muss aber auch die Wahrheit über das Judentum gesagt werden: dass es lebt, obwohl der Tempel längst zerstört ist, dass es ebenfalls Gottesdienste im Geist und in der Wahrheit feiert, sogar an der erhaltenen Westmauer des Tempels in Jerusalem. Die Predigt kann schließen mit dem Zitat von Peter von der Osten-Sacken (s. u. 4. Kontexte) und der Hoffnung, dass Christen und Juden ihren irdischen Weg in Verbundenheit und gegenseitigem Respekt gehen.

 

4. Kontexte

 

„Der Mensch benehme sich nicht leichtfertig vor dem Osttore [des Tempels], weil er sich genau gegenüber dem Allerheiligsten befindet. Man gehe nicht auf dem Tempelberg mit Stock, Schuhen, Geldgürtel und Staub auf den Füßen. Man benutze ihn ferner nicht als Durchgang, und was vom Leichteren auf das Schwerere [zu schließen], zum Ausspucken.“

Mischna Traktat Berachot, IX,5

Goldschmidt, Lazarus, Der Babylonische Talmud, Bd. I, Königstein 3. Aufl. 1980, S. 235.

 

„Also beschließt Jesus, den Tempel zu reinigen. Und in der Tat gab es dort manches zu reinigen. Wirklich ‚heilig’ waren außer dem Allerheiligsten nur die inneren Vorhöfe, zu denen Priester und Leviten Zutritt hatten; die äußeren Höfe, die Hallen, Kammern und Galerien waren allen Juden zugänglich. Selbst der fromme Christ Dalman muß allerdings zugeben, dass ‚von einem Handel mit Opfertieren, den die Priester getrieben hätten, nirgends berichtet wird.’“

Klausner, Joseph, Jesus von Nazareth. Seine Zeit, sein Leben und seine Lehre, 3. erw. Aufl. Jerusalem 1952, S. 433.

 

„Mir ist jetzt versagt das Heiligtum, aber mein Herz besitzt die Synagogen und Lehrhäuser.

Mir sind jetzt versagt die Opfer, aber mein Herz besitzt die Gebote und das Wohltun.

Mir sind jetzt versagt die Gebote, aber mein Herz besitzt, sie zu tun.

Mir ist jetzt versagt das Zeitenende, aber mein Herz besitzt die Erlösung.“

Cant. r. 5, Tanchuma zu Genesis 27,9 (Lied aus der Zeit der Hadranischen Verfolgung), zit. bei:

Raupach, Wolfgang (Hg.), Weisung fährt von Zion aus, von Jerusalem seine Rede. Exegesen und Meditationen zum Israel-Sonntag, Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste Berlin 1991, S. 106.

 

„Der Jesus des Johannesevangeliums ist sich immer selber weit voraus. Schon früh weiß er von seiner Kreuzigung. Er weiß auch, dass sie nicht seine Vernichtung, sondern seine Erhöhung ist. Im Verhör mit Pilatus ist er nicht der Verhörte, sondern der Verhörende. Zusammenbruch, Unsicherheit, Angstschweiß und Gottverlassenheit kennt er nicht. Es ist fast, als hätte dieser Gottessohn vergessen, Mensch zu werden. Warum aber hat Johannes Jesus so gezeichnet? Vielleicht braucht man beide Figuren: den uns nahen Christus, der uns kennt, weil er sich in unseren Masken in der Welt herumtreibt, in unserem Leiden, in unseren Zusammenbrüchen, in unseren Ängsten und Niederlagen. Aber auch den uns fernen Christus, dessen Unverwundbarkeit schon in seinen Wunden erscheint, dessen Tod Erhöhung ist und nicht Untergang. Damit hat die junge verfolgte johanneische Gemeinde ihren Sieg schon in die eigenen Untergänge geschrieben.“

Steffensky, Fulbert, Das Wort zum Sonntag Reminiszere (V. Reihe) über Johannes 2,13-22, in: Chrismon März (?) 2001.

 

„Juden und Christen sind, was ihre ‚urzeitliche’ Herkunft und ihre endzeitliche Zukunft angeht, eine Religion. Sie sind gegenwärtig, ihren geschichtlichen Manifestationen nach, zwei Religionen. Die Einheit am Anfang und am Ende ist Glaubensgegenstand oder Teil des Glaubens, die Zweiheit ist geschichtliches Faktum und wohl auch geschichtlich nicht aufhebbar. Ein wesentlicher Teil unserer theologischen, seelsorgerlichen, pädagogischen Aufgabe wird darin bestehen, dies beides – die geglaubte Einheit und die geschichtliche Zweiheit beider Religionen – ins rechte Verhältnis zueinander zu setzen.“

Osten-Sacken, Peter von der, Zum gegenwärtigen Stand des christlich-jüdischen Dialogs und seinen Perspektiven, in: Rainer Kampling, Michael Weinrich (Hg.),Dabru emet – redet Wahrheit. Eine jüdische Herausforderung zum Dialog mit den Christen, Gütersloh 2003, S. 212.

 

5. Literatur

 

Bultmann, Rudolf, Das Evangelium des Johannes, Göttingen (1941) 1985 (Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament, Bd. II, 20. Auflage).

Dietzfelbinger, Christian, Das Evangelium nach Johannes, Zürich 2. Aufl. 2004 (Zürcher Bibelkommentare NT 4.1 und 4.2 in einem Band).

Klausner, Joseph, Jesus von Nazareth. Seine Zeit, sein Leben und seine Lehre, 3. erw. Aufl. Jerusalem 1952.

Osten-Sacken, Peter von der, Jesus – Tempel im Tempel. Exegese zu Johannes 2,13-22, in: Raupach, Wolfgang (Hg.), Weisung fährt von Zion aus, von Jerusalem seine Rede. Exegesen und Meditationen zum Israel-Sonntag, Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste Berlin 1991, S. 69-83.

Schreiner, Stefan, Ubi Christus, ibi templum? Eine Meditation zu Johannes 2,13-22, in: Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste (Hg.), Predigthilfe zum Israel-Sonntag 1987, Berlin 1987, S. 11-14.

Stegemann, Ekkehard W., ‚Entpolitisierung’ und ‚Antijudaisierung’ des Auftretens Jesu. Exegese zu Johannes 2,13-22, in: Raupach, Wolfgang (Hg.), Weisung fährt von Zion aus, von Jerusalem seine Rede. Exegesen und Meditationen zum Israel-Sonntag, Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste Berlin 1991, S. 85-96.

Wengst, Klaus, Das Johannesevangelium 1. Teilband, Stuttgart 2000 (ThKNT 4,1).

 

6. Liturgieentwurf

 

Eingangslied

EG 279,1.6-8 Jauchzt, alle Lande, Gott zu Ehren

 

Gruß

Im Namen des einen Gottes, des Vaters, der Himmel und Erde geschaffen und Israel zu seinem Volk gemacht hat, und Jesu Christi, Sohn Israels und Erstgeborener aus den Toten, der uns herbeigeführt hat aus der Fremde, und des Heiligen Geistes, der uns hilft zu glauben, zu lieben und zu hoffen.

Amen.

(Nach Peter von der Osten-Sacken)

 

Begrüßung

„Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk das er zum Erbe erwählt hat.“ Mit dem Wochenspruch aus Psalm 33,12 grüße ich Sie herzlich am heutigen Israelsonntag. Traditionell ist dies der christliche Gedenktag an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer 70 n. Chr. In den jüdischen Gemeinden wird der entsprechende Trauertag, der 9. Av, am 14. August 2005 begangen. Wir nehmen Jüdinnen und Juden mit Respekt wahr und bedenken die enge Verbundenheit von Christen und Juden, wenn wir uns heute in der Predigt mit Jesu Austreibung der Geschäftsleute aus dem Tempel nach Johannes 2 befassen.

 

Psalm

Wir beten im Wechsel einen Psalm Israels: Psalm 84 (EG 734)

 

Eingangsgebet

siehe Gottesdienstbuch S. 159-161 (z. B. Nr. 82)

 

Stilles Gebet und Votum

 

Schriftlesung

Römer 9,1-5

 

Wochenlied

EG 290,1-7 Nun danket Gott, erhebt und preiset

 

Predigt

Johannes 2,13-22

 

Lied nach der Predigt

EG 282,1-4 Wie lieblich schön, Herr Zebaoth

 

Fürbitten

siehe Gottesdienstbuch S. 263f (Nr. 42)

 

Schlusslied

EG 286,2-3 Der Herr gedenkt an sein Erbarmen

 

Bekanntgaben

 

Segensbitte

Ose Schalom Bimromaw (Liedblatt, siehe Denkendorfer Handreichung zum Israelsonntag 2004, letzte Seite)

 

Aaronitischer Segen und dreifaches Amen

 

 

 

 

10. Sonntag nach Trinitatis, Israelsonntag, 31.07.2005

Johannes 2,13-22

Predigt

 

Michael Volkmann

 

„Und das Passahfest der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Und er fand im Tempel die Händler, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Wechsler, die da saßen. Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um und sprach zu denen, die die Tauben verkauften: Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus! Seine Jünger aber dachten daran, dass geschrieben steht (Psalm 69,10): ‘Der Eifer um dein Haus wird mich fressen.’

Da fingen die Juden an und sprachen zu ihm: Was zeigst du uns für ein Zeichen, dass du dies tun darfst? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes. Als er nun auferstanden war von den Toten, dachten seine Jünger daran, dass er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte.“

 

Liebe Gemeinde,

 

dies ist eine Geschichte voller Ungereimtheiten - nicht für den Evangelisten Johannes, aber für uns und besonders an diesem Tag, dem Israelsonntag. Zwei Szenen sind zusammengestellt und miteinander verbunden: die sogenannte Tempelreinigung, die uns auch aus den anderen Evangelien bekannt ist, und ein Gespräch darüber zwischen Jesus und Leuten, die pauschal als „die Juden“ bezeichnet werden. Schon das ist merkwürdig: andere hätten längst die Polizei gerufen, aber „die Juden“ verhalten sich korrekt, stellen Fragen und lassen die Sache ansonsten auf sich beruhen.

 

Bei den anderen Evangelisten ist die Tempelreinigung der Anlass für den Beschluss der Priester, Jesus zu töten. Sie steht dort am Beginn der letzten Tage Jesu in Jerusalem, im engsten Zusammenhang mit der Passion. Bei Johannes steht sie am Anfang des Evangeliums, im 2. Kapitel, und Johannes sagt damit: das ganze Evangelium ist Passionserzählung. Es folgen weitere Zusammenstöße zwischen Jesus und „den Juden“, der Konflikt schaukelt sich auf. Aber bis es so weit ist, reist der johanneische Jesus noch mehrmals nach Jerusalem und geht ungehindert im Tempel ein und aus.

 

Damit ist eine weitere Ungereimtheit angesprochen: das Verhältnis zwischen Jesus und „den Juden“. Die Unterscheidung zwischen Pharisäern, Sadduzäern, Zeloten und dem einfachen Volk ist dem Evangelisten nicht mehr wichtig. Für ihn sind sie unterschiedslos „die Juden“, und alle sind gegen Jesus, denn sie glauben nicht an ihn. Andererseits erzählt Johannes, dass Jesus als frommer Jude gelebt hat und regelmäßig zu den Wallfahrtsfesten nach Jerusalem gereist ist.

 

Die Erklärung für diesen Widerspruch findet man nicht in der Zeit Jesu, sondern in der Zeit des Evangelisten, sechzig Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung. Inzwischen waren der jüdische Aufstand von Rom brutal niedergeschlagen und Jerusalem samt dem Tempel zerstört worden. Beim Versuch, das Judentum zu retten und neu zu organisieren, war für die junge johanneische Gemeinde kein Platz mehr. Sie wurde aus der jüdischen Religion und dem jüdischen Volk ausgeschlossen, was für sie besonders traumatisch war. Die Not und die Bitterkeit dieser Judenchristen legte sich auf die Jesusgeschichten des Johannesevangeliums und erfüllte sie mit einer bis dahin nicht gekannten Feindseligkeit gegen - pauschal - „die Juden“.

 

Eine Gruppe, die aus einer anderen ausgeschlossen wird, steht unter dem Druck, sich zu legitimieren und die Rechtmäßigkeit ihres Weges aufzuzeigen. Das ist der Sinn des Johannesevangeliums, das auf unsere moderne Frage, wie es denn eigentlich gewesen ist, nicht eingeht.

 

Der Theologe Fulbert Steffensky schreibt: „Der Jesus des Johannesevangeliums ist sich immer selber weit voraus. Schon früh weiß er von seiner Kreuzigung. Er weiß auch, dass sie nicht seine Vernichtung, sondern seine Erhöhung ist. Im Verhör mit Pilatus ist er nicht der Verhörte, sondern der Verhörende. Zusammenbruch, Unsicherheit, Angstschweiß und Gottverlassenheit kennt er nicht. Es ist fast, als hätte dieser Gottessohn vergessen, Mensch zu werden. Warum aber hat Johannes Jesus so gezeichnet? Vielleicht braucht man beide Figuren: den uns nahen Christus, der uns kennt, weil er sich in unseren Masken in der Welt herumtreibt, in unserem Leiden, in unseren Zusammenbrüchen, in unseren Ängsten und Niederlagen. Aber auch den uns fernen Christus, dessen Unverwundbarkeit schon in seinen Wunden erscheint, dessen Tod Erhöhung ist und nicht Untergang. Damit hat die junge verfolgte johanneische Gemeinde ihren Sieg schon in die eigenen Untergänge geschrieben.“

 

So gibt auch die Erzählung von der Tempelaustreibung wenig Aufschluss über die tatsächlichen Vorgänge und Verhältnisse im Tempel. Stattdessen erinnert sie an den Schluss des Prophetenbuches Sacharja. Dort kündet der Prophet vom Tag des Herrn, dem Tag des Gerichts und des Heils. „Zu der Zeit“, heißt es da, werden „die Töpfe im Hause des Herrn dem Becken vor dem Altar gleichgestellt sein. Und es werden alle Töpfe in Jerusalem und Juda dem Herrn Zebaoth heilig sein, so dass alle, die da opfern wollen, kommen werden und sie nehmen und darin kochen werden. Und es wird keinen Händler mehr geben im Hause des Herrn Zebaoth zu der Zeit.“ (Sach. 14,20-21)

 

Was Sacharja fünfhundert Jahre vor Jesus verkündet hatte, war im jüdischen Volk nicht ohne Wirkung geblieben. Die pharisäische Bewegung setzte sich dafür ein, dass die Heiligkeit und rituelle Reinheit des Tempels in jedem jüdischen Haus eingehalten würde. Und aus der Zeit Jesu gibt es keine schriftlichen oder archäologischen Hinweise darauf, dass es Händler und Geldwechsler im Tempel gegeben hätte, vielmehr waren sie damals schon nur in der Stadt um den Tempel herum zugelassen. Die Erzählung von der Tempelreinigung ist stilisiert. Sie will sagen: Die von Sacharja angekündigte letzte Zeit ist da, Jesus ist der Messias. Die Schrift erfüllt sich jetzt durch ihn.

 

Freilich ist durch diese Geschichte bis heute an den Juden hängen geblieben, sie seien geldgierige Geschäftemacher. Erst neulich habe ich es wieder gehört: Die Juden wollen doch nur unser Geld. Der das sagte, sprach von Entschädigungszahlungen für ehemalige Zwangsarbeiter. Gott sei Dank!, sage ich, dass diese geschundenen Menschen endlich Gerechtigkeit erfahren! Mir macht viel mehr Kopfzerbrechen die wirkliche Geldgier, die jetzt so vehement gegen den Sonntagsschutz anrennt. Macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus, sagt Jesus. Ich höre mit, dass wir auch den Tag des Herrn nicht zum Tag des Kommerzes machen sollen.

 

Die Jünger haben an etwas ganz anderes gedacht. Ihnen fiel der 69. Psalm ein, das Gebet eines Menschen in Anfechtung und Schmach. Es stellt die Verbindung zur bedrängten Situation der johanneischen Gemeinde und zur Passion Jesu wieder her. „Der Eifer um dein Haus wird mich fressen“. Vom Verlauf der Erzählung her ist es nicht logisch, dass die Jünger daran denken, dass Jesus getötet werden wird. Hier gibt der Evangelist seine Erzählabsicht zu erkennen. Und diese wird im zweiten Teil der Geschichte noch deutlicher.

 

„Die Juden“ fragen Jesus: Was zeigst du uns für ein Zeichen, dass du dies tun darfst? Sie rufen also nicht die Tempelwache und erteilen Jesus auch kein Hausverbot. Sie halten es sogar für möglich, dass hinter der Tat Jesu ein tieferer, ein religiöser Sinn steckt. Darüber soll er Auskunft geben.

 

Was Jesus nun antwortet, können sie nicht verstehen. Auch die Jünger verstehen es erst später. So führt dieses erste Gespräch Jesu mit „den Juden“ dahin, wo die meisten im Evangelium folgenden Gespräche auch hinführen: man redet aneinander vorbei. „Die Juden“ reden vom Tempelkomplex, in dem sie sind, Jesus aber meint etwas ganz anderes, wenn er Tempel sagt. „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Er aber redete von dem Tempel seines Leibes. Als er nun auferstanden war von den Toten, dachten seine Jünger daran, daß er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte.“ Erst im Nach hinein und nur für die Glaubenden erschließen sich Jesu Worte. Die Juden, die nicht an Jesus glauben, haben keine Chance, ihn zu verstehen.

 

Brecht diesen Tempel ab, sagt Jesus. Im Klartext heißt das: Bringt mich um! - und am dritten Tage werde ich von den Toten auferstehen. Damit geht der Evangelist im zweiten Abschnitt der Erzählung weit über den ersten hinaus. Kann man die Tempelreinigung noch als eine Tat im jüdischen Sinn bezeichnen, die dem Tempel seine wahre Bestimmung zurückgeben will, so ist jetzt von Abbruch und Tod die Rede. Und hinter diesen Worten wird der schlimme Vorwurf laut, „die Juden“ hätten den Tempel seines Leibes abgebrochen und trügen die Verantwortung für seinen Tod. Hier wird die Problematik dieser verallgemeinernden Redeweise überdeutlich.

 

Was hat es zu bedeuten, dass Jesus seinen Leib als Tempel bezeichnet? Das ist das Zeichen Jesu, das nur versteht, wer an ihn glaubt, und es hat Mehreres zu bedeuten. Der Tempel in Jerusalem war über Jahrhunderte der Brennpunkt des jüdischen nationalen Lebens in all seinen Erscheinungen: nicht nur zentrales Heiligtum, sondern zugleich auch Torahochschule, Synagoge, Nationalbibliothek, Parlamentsgebäude, Gerichtshof, Wallfahrtsort, Begegnungszentrum und nationales Schatzhaus. Der Jesus der Evangelien sagt zu seiner Gemeinde: ich bin euer Tempel, das heißt: ich bin der Brennpunkt eures Lebens.

 

Warum darf er das tun? Jesus nennt den Tempel „meines Vaters Haus“. Wenn er nun seinen Leib als Tempel bezeichnet, sagt er: Gott wohnt in mir. Mein Leib ist ebenso Gottes Wohnung wie der Tempel. In mir ist Gott bei euch.

 

Als die Evangelien entstehen, ist der Tempel bereits zerstört. An die Stelle des zerstörten Tempels tritt bei uns Christen nicht die jüdische Erwartung, dass er wieder aufgebaut werden wird. Der Tempel ist für uns nicht nur verloren, weil er zerstört ist, sondern auch, weil die Christen seit der Zeit des Johannesevangeliums nicht mehr zu den Juden gehören. Darum heißt es auch in Offenbarung 21,22 vom himmlischen Jerusalem: „Und ich sah keinen Tempel darin; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm.“

 

Im Gespräch mit der Samariterin in Johannes 4 sagt Jesus: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge, dem Garizim, noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit.

 

Diese und andere Bibelstellen haben uns Evangelische zu der Erkenntnis geführt, dass wir ohne heilige Stätten auskommen. Aber ohne Kirchengebäude kommen auch wir nicht aus. Unsere Seele sucht einen Ort, an dem sie sich Gott öffnen und sich zu ihm wenden kann. Einen Ort, zu dem wir immer wieder hinkommen können. Und unsere Gemeinschaft sucht schützende Wände und ein Dach über dem Kopf. Nur - unter Kirche verstehen wir mehr als ein Gebäude und eine Institution: eben auch Gemeinschaft der Heiligen und Leib Christi in der Welt.

 

Gott anzubeten im Geist und in der Wahrheit - das ist ein hoher Anspruch. Jesus setzt ihn im Johannesevangelium. Aber gerade dieses Evangelium muss sich fragen lassen, ob es dem Wahrheitsanspruch auch dort gerecht wird, wo es über „die Juden“ spricht.

 

Denn „die Juden“ existieren bis heute, mitten unter uns, und am 14. August begehen sie weltweit Tisch’a Be’av, den Gedenktag an die Tempelzerstörung. Ein Gedenktag an die Tempelzerstörung war bis vor kurzem auch der Israelsonntag, vielleicht sogar absichtlich in die Nähe von Tisch’a Be’av gestellt, um den vermeintlich „christlichen“ Gegenakzent zu setzen: Gott habe durch die Tempelzerstörung Israel gerichtet, die Kirche sei das wahre Israel und der christliche Gottesdienst der wahre Gottesdienst. Dieser falschen Auffassung haben wir auch die Platzierung unseres heutigen Predigttextes zu verdanken, der einen unvoreingenommenen Blick auf das Judentum erschwert. Dieser Blick fällt auf ein Volk, das sich wieder in seinem Land gesammelt hat und heute an der erhaltenen Westmauer des Tempelplatzes und in den Synagogen Gott ebenfalls im Geist und in der Wahrheit und nicht mehr durch Tieropfer anbetet. Der Inhalt des Israelsonntags sollte daher seinem neuen Namen Rechnung tragen durch geeignetere Predigttexte als den heutigen.

 

Zum Israelsonntag gehört auch die Hoffnung auf Begegnungen mit Juden und der jüdischen Religion. Peter von der Osten-Sacken, der im März dieses Jahres in Erfurt die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen bekam, sagt: „Juden und Christen sind, was ihre ‚urzeitliche’ Herkunft und ihre endzeitliche Zukunft angeht, eine Religion. Sie sind gegenwärtig, ihren geschichtlichen Manifestationen nach, zwei Religionen.“ Wir sind getrennt, doch wir gehören zusammen. Darum begegnen wir Juden in Respekt und Verbundenheit.

 

Im jüdischen Gebetbuch heißt es in einem Gebet für die Begegnung der Religionen: „Jetzt ist es für uns an der Zeit, dass wir uns im Bewusstsein unserer Vergangenheit begegnen, mit ehrlichen Absichten, mit Mut und der Bereitschaft, einander zu vertrauen, in Liebe und Zuversicht. ... Lass uns in unserer Verbundenheit und in unserer Verschiedenheit nicht vergessen, dass du, Gott, ein und derselbe bist. ... Mögen unsere Begegnungen mit der Vergangenheit und unsere Erfahrungen in der Gegenwart Segen bringen für unsere Zukunft.“

 

Amen.