Predigt am Sonntag Judika (III), 13.03.2005, 1. Mose 22,1-19
Liebe Gemeinde,
Sie haben den
Predigttext heute schriftlich bekommen. Ich habe die Verdeutschung von Martin
Buber und Franz Rosenzweig gewählt, die die Fremdheit des hebräischen Urtextes
erahnen lässt. Sie kann bewirken, dass uns die scheinbar vertraute Geschichte
von Abrahams Prüfung neu anspricht. Wir haben einen der schwierigsten Texte der
Bibel vor uns. Uns werden sich Fragen aufdrängen. Was ist das für ein Gott, der
von einem Vater verlangt seinen Sohn zu opfern? Was ist das für ein Vater, der
sich diesem Ansinnen widerspruchslos beugt? Was ist das für ein Sohn, der
solches völlig passiv mit sich geschehen lässt? Was ist das für eine
Geschichte, die uns da erzählt wird? Fragen, mit denen man ein ganzes Leben
lang nicht fertig wird.
Ich lese 1. Mose
22,1-19 nach der Verdeutschung von Buber und Rosenzweig.
Heute ist der
vorletzte Sonntag vor Karfreitag. Die christliche Kirche liest diesen Text im
Zusammenhang mit Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi. Vielleicht sprechen
wir deshalb immer von der Opferung Isaaks. Unser Text sagt uns aber, dass Isaak
– anders als Jesus - gerade nicht geopfert wurde. Isaak bleibt am Leben. Darum
möchte ich die Verbindung zur Passion Christi in meiner Auslegung zurückstellen
und hören, was unsere Erzählung aus sich heraus sagt.
Als Leser erfahren
wir im ersten Satz, dass Gott Abraham prüft. Abraham selbst weiß davon nichts.
Für ihn ist der Ausgang ungewiss. Für uns nicht. Wir wissen mehr als Abraham.
Die Prüfung ist für ihn vor allem eine seelische Belastungsprobe. Wie wird sich
Abraham verhalten?
Abraham hört seinen
Namen rufen. Es ist das erste Mal, dass Gott ihn so anspricht. Wenn ich meinen
Namen höre, weiß ich: da ist Beziehung, da ist meist Zuneigung und oft Liebe.
Abraham antwortet: Hier bin ich. So antwortet einer, der hört, der bereit ist,
sich ansprechen zu lassen, bereit, einer Bitte oder einem Auftrag zu folgen.
Insgesamt drei Mal wird Abraham angesprochen. Und jedes Mal antwortet er: Hier
bin ich. Abraham bleibt der Hörende, der Bereite, der Gehorsame, durch die
ganze Geschichte, bis ans Ende. Er bleibt der Vertrauende.
Gott spricht
weiter. Hören wir, wie Raschi, der vor 900 Jahren in Worms verstorbene
Schriftgelehrte Rabbi Schlomo ben Jizchak, Gottes Worte versteht: „’Nimm doch’
– ‚doch’ ist stets ein Ausdruck der Bitte, Er sprach zu ihm, ich bitte dich,
bestehe mir diese Prüfung, damit man nicht sage, an den früheren (Prüfungen)
war nichts Wirkliches. ‚Deinen Sohn’, er antwortete, ich habe zwei Söhne
(Ismael und Isaak); Er sprach, deinen einzigen; er sagte, dieser ist der
einzige seiner Mutter (Hagar), und dieser ist der einzige seiner Mutter (Sara);
Er sprach, den du liebst, er antwortete, ich liebe beide; da sprach Er, Jizchak
(bSanh 89b). Und warum offenbarte Er ihm dies nicht gleich? Um ihn nicht durch
die Plötzlichkeit zu verwirren...“ So Raschi.
Vom ersten Satz an
können wir in dieser Prüfungs-Geschichte einen freundlichen, liebenden Gott
entdecken. Das nimmt ihr nicht etwa ihre Schärfe. Vielmehr verstärkt dies den
Selbstwiderspruch Gottes, der uns hier so irritiert.
„Geh vor dich hin“,
sagt Gott. Eine merkwürdige Formulierung. Mit genau diesen Worten hatte Gott
Abram aus seiner Heimat in Ur / Chaldäa herausgerufen, weg von seiner Vergangenheit.
Und was tut er jetzt? Er fordert Abraham auf, nun auch auf seine Zukunft zu
verzichten. Zwischen diesen beiden Geschichten, der von Abrams Auszug 1. Mose
12 und unserer in 1. Mose 22 hat Abraham nach jüdischer Auslegung zehn
Prüfungen zu bestehen. Die letzte ist die schwerste. Sie lautet: „Geh vor dich
hin in das Land von Morija, und höhe ihn dort zur Darhöhung auf einem der
Berge, den ich dir zusprechen werde.“
Was
Buber-Rosenzweig hier als Darhöhung übersetzen, ist das Brandopfer, das
vollständig verbrannt wird und nur Asche zurücklässt. Es wird auch Ganzopfer
genannt. Griechisch heißt dies holos caustos. Die Bedeutung von Holocaust ist:
Ganzopfer. So wird uns klar: Ein Jude denkt heute bei unserer Geschichte nicht
an Golgatha, sondern fast zwangsläufig an Auschwitz.
Wer den Text genau
liest, merkt, dass ein entscheidendes Wörtchen fehlt: mir. Es heißt: Höhe ihn
dar. Nicht: Höhe ihn mir dar. Auch daraus schließen manche Gelehrte, dass Gott
dieses Opfer nicht wirklich wollte. Gott will überhaupt keine Menschenopfer.
Die Tora sagt dies mehrmals ausdrücklich. Sie sind Gott ein Gräuel. Andere
sagen: eine Darhöhung kann man auch anders verstehen – Gott hat es gereicht,
dass Abraham Isaak auf den Berg und auf den Altar hinaufgebracht hat. Er wollte
das Opfer nicht wirklich. Ob Abraham diese Feinheiten auch herausgehört hat?
Nun stellt die
Ortsangabe im Text eine besondere Beziehung her. Ein Land Morija ist unbekannt.
Aber ein Berg Morija wird in der Bibel erwähnt. Es ist der Tempelberg in
Jerusalem. Er wird auch mit dem Zion gleichgesetzt, von dem Jesaja zufolge die
Lehre, die Tora, ausgeht, die ja bekanntlich zusammengefasst wird im
Doppelgebot der Liebe. Somit wurde der Tempel an der Stelle erbaut, an der Gott
ausdrücklich das Opfern von Menschen abgelehnt hatte. Das kann Abraham auf
keinen Fall wissen.
Abraham steht früh
am Morgen auf. Daraus können wir schließen, dass das Gespräch mit Gott in der
Nacht stattgefunden hat. Jetzt wird uns ein Abraham geschildert, der sich
wortlos daran macht, Gottes Auftrag auszuführen. Er selbst sattelt den Esel.
Außer Isaak nimmt er zwei Knechte mit. Er selbst spaltet das Holz, es ist Teil
des Opfers, das er zu bringen hat. Dann brechen sie auf.
Unsere Geschichte
erzählt äußerst sparsam. Da wird gegangen, dann wieder gesprochen, dann wieder
gegangen. Vieles bleibt ungesagt. So ist auch nicht von Isaaks Mutter Sara die
Rede, auch von keinem Abschied. Nur knappe Wortwechsel werden berichtet, aber
nichts von den näheren Umständen oder der Umgebung und genauso wenig von den
Gefühlen der Beteiligten. So regt der Erzähler seine Hörer und Leser an, umso
mehr der eigenen Phantasie Raum zu geben. Je weiter die Erzählung
fortschreitet, desto mehr wächst die innere Spannung in uns: Was ist das für
ein Gott, der von einem Vater verlangt seinen Sohn zu opfern? Was ist das für
ein Vater, der sich diesem Ansinnen widerspruchslos beugt? Was ist das für ein
Sohn, der solches völlig passiv mit sich geschehen lässt? Was ist das für eine
Geschichte, die uns da erzählt wird?
Am dritten Tag
blickt Abraham auf und sieht den Berg von fern. Sollte er ganze zwei Tage
wortlos mit gesenktem Haupt gewandert sein? Wurde nichts gesprochen auf dem
Weg? Das scheint Abrahams Antwort auf Gottes Befehl zu sein: zu schweigen und
gehorsam zu handeln. Der dritte Tag spielt in etlichen biblischen Geschichten
eine wichtige Rolle. Der Morgen des dritten Tages ist die Stunde der Rettung,
der Wendepunkt. Am dritten Tag erschien der Herr Mose und den Israeliten am
Berg Sinai. Am dritten Tag wurde Jona vom Fisch ans Land gespieen. Der Prophet
Hosea überliefert ein altes Gebet, in dem es heißt: Gott macht uns lebendig
nach zwei Tagen, er wird uns am dritten Tage aufrichten ..., denn er wird
hervorbrechen wie die Morgenröte. Und so geht es fort im Neuen Testament: Am dritten
Tag der Suche fanden Jesu Eltern ihren Zwölfjährigen im Tempel. Am dritten Tag
wurde Jesus Christus von den Toten auferweckt.
An diesem dritten
Morgen lässt Abraham seine beiden Knechte zurück mit den Worten: Ich und der
Knabe wollen bis drüben hin gehen, niederwerfen wollen wir uns und dann zu euch
kehren. Wie kann er so etwas sagen? Er sagt die Wahrheit, denn so wird es
kommen, aber er weiß es nicht. Will er die Knechte also belügen? Das wäre eine
Unterstellung. Ist er ein Prophet? Das wäre eine nachträgliche
Textharmonisierung.
Nein, Abraham ist
und bleibt der, der „Da bin ich“ sagt, der nicht versucht, aus dem Jetzt
auszusteigen, der sich der Prüfung stellt. Aber er ist zugleich der Vater eines
Kindes mit einer besonderen Verheißung: Nachkommen so zahlreich wie die Sterne
am Himmel und der Sand unter seinen Füßen würde er haben. Daran glaubt Abraham.
Gottes Befehl bringt diesen Glauben nicht zum Einsturz, aber er stellt ihn in
die äußerste Zerreißprobe.
Abraham lädt das
Holz Isaak auf. Er selbst nimmt das Feuer und das Messer. Manche Erklärer
sagen, die gefährlichen Dinge trug Abraham lieber selber. Aber Isaak war kein
Kind mehr. Es gibt eine jüdische Tradition, die ihm ein Alter von 37 Jahren
zuschreibt. Er ist also kräftig genug das Holz zu tragen. Dies regt
verschiedene Assoziationen an. Wir Christen denken an Jesus, der sein Kreuz
selbst zu tragen hatte. Dem kommt die Auslegung in einem alten jüdischen
Midrasch sehr nahe, wo es heißt: Einer, der gehängt werden soll, muss das Holz,
an dem er hängen soll, selbst zum Richtplatz tragen. An dieser Stelle sagt der
Erzähler: „So gingen die beiden mitsammen“. Der, der opfern sollte, und der,
der, noch ohne es zu ahnen, geopfert werden sollte.
Oder ahnte er es
doch? Denn jetzt bricht Isaak das Schweigen: Mein Vater! – Da bin ich, mein
Sohn. – Da ist nun das Feuer und die Hölzer, aber wo ist das Lamm zur
Darhöhung? Jetzt, kurz vor dem Ziel, ist dies in der Tat die nächstliegende
Frage. Isaak ist nicht stumm. Er ist auch nicht dumm. Er vertraut seinem Vater,
wie dieser Gott vertraut, wenn er ihm zur Antwort gibt: Gott ersieht sich das
Lamm zur Darhöhung, mein Sohn. Wieder die Frage: Täuscht Abraham seinen Sohn?
Bestimmt nicht! Ist er ein Prophet? Auch das nicht. Abraham glaubt, obwohl Gott
ihm zutiefst widersprüchlich erscheint. Und sagt, ohne es zu wissen, die
Wahrheit. Abraham glaubt sozusagen mit dem Gott der Verheißung gegen den Gott,
der ihn prüft. Und doch ist dies ein und derselbe Gott.
„So gingen die
beiden mitsammen“. Das kurze Zwiegespräch konnte sie nicht auseinander bringen.
Es beginnt mit „Mein Vater!“ und endet mit „Mein Sohn“. Doch dann trennt sie
nichts mehr von ihrem Ziel. Wieder handelt Abraham schweigend. Er richtet den
Altar auf, schichtet das Holz darauf, bindet den Sohn und legt ihn auf die
Schlachtstatt zuoberst der Hölzer. Die Handlung nähert sich ihrem Höhepunkt, da
zerdehnt der Erzähler die Zeit, wie wenn ein Film zum Stehen kommt: Abraham
streckt die Hand aus, greift zum Messer, will zustoßen und seinen Sohn
schächten. Dieses Wort erscheint hier zum ersten Mal in der Bibel.
Da ruft eine
Engelsstimme vom Himmel zwei Mal seinen Namen. Da bin ich, sagt Abraham,
nunmehr zum dritten Mal. Und dann folgt der erlösende Befehl, den Sohn zu
schonen und an seiner Stelle einen im Dickicht festhängenden Widder zu opfern.
Abraham tut dies, aber von einem Gefühl der Erleichterung oder Freude erfahren
wir nichts.
Die Alternative,
die sich Abraham stellte, schien ausweglos. Würde er das Opfer vollziehen,
würde er den von Gott Verheißenen vernichten. Würde er sich dem Befehl
entziehen, scheiterte er an Gott. Die Ausweglosigkeit einer solchen Situation
können wir gleichsetzen mit Gottesfinsternis oder Gottverlassenheit. Abraham
selbst sieht trotz allem keinen Grund, Gott das Vertrauen und den Gehorsam zu
verweigern. Er ist bereit, den von Gott geschenkten Sohn Gott zurückzugeben.
Dies wird ihm vom
Engel des Herrn als Gottesfurcht zugerechnet. Nur so bekommt die Geschichte
ihren Ausweg: Gott will das Opfer nicht haben. Die Absicht wird wie die Tat gewertet.
Die Absicht zeigt die Gottesfurcht. Die Tat wäre Mord.
Abraham gibt dem
Ort den Namen Morija – der Herr sieht. Gott sieht, wer Abraham ist. Für Abraham
ist Morija der Gipfel der Gotteserfahrung. Dieser Gott ist lebendig und
gegenwärtig, kein anonymes Dunkel. Er ist unerforschlich, aber kein zeitloses
Fatum, wie Dietrich Bonhoeffer bekennt. Er ist einer, es existiert keine von
ihm abgelöste Macht des Bösen. Dieser Gott zerstört immer wieder die
Vorstellungen, die man sich von ihm macht, holt einen immer wieder aus den
Verkrustungen der eigenen Gottesbilder heraus ins Leben, so wie es ist, ruft
den Menschen immer neu in Beziehung zu sich und seiner Lebendigkeit, auch über
Abgründe. Morija – der Herr sieht: das ist die Erfahrung des Abraham, der in der
Gottesfinsternis Gott gehorsam bleibt.
Die Schlussverse
enthalten bereits eine Deutung der Geschichte. In einem Schwur erneuert Gott
die zuvor gegebenen Verheißungen. Abraham war bereit ihnen allen zu entsagen.
Jetzt werden sie feierlich bestätigt: die große Nachkommenschaft, das Land und
der Segen für alle Völker.
Die Erzählung von
der Prüfung Abrahams hat viele Deutungen erfahren. Für uns Christen ist der
Gedanke der Stellvertretung der Opfer wichtig: Der Widder wurde an Stelle des
Sohnes geopfert, Isaak durfte leben und seine Nachkommen bis zum heutigen Tag.
So starb Christus stellvertretend für uns, als wir noch Sünder waren, damit
auch wir leben.
Ende möchte ich mit
einer jüdischen Stimme. Yehoshua Amir sagte in einer Predigt über unseren Text,
die er zum vierzigsten Jahrestag des Novemberpogroms in seiner früheren
rheinischen Heimat hielt: „In Auschwitz ist die Stimme vom Himmel ausgeblieben.
Und es ist dem Menschen schwerer gemacht zu glauben. Nicht nur denen, die in
den Tod gegangen sind, sondern auch uns Überlebenden. Nicht uns Nachkommen der
Opfer, sondern auch euch, allen Menschen, die guten Willens sind. Es ist nicht
unsere Sache, darüber nachzugrübeln, warum Gott das hat geschehen lassen.
Unsere Sache ist es zu erkennen, was in dieser neuen Weltenstunde Gott von uns
will. Und wenn wir all die Schrecken bedenken, die wir in dieser Stunde vor
Augen haben, kann das wohl nur eins sein: Wir alle, ihr und wir, sollen ein
jeder an seinem Teil das unsere dazu tun, um die Welt von den Wunden zu heilen,
die ihr geschlagen worden sind, auf dass es dem Menschen wieder leichter werde
zu glauben, dass diese Welt Gottes Welt ist.“
So kann ein Jude
nach Auschwitz über Morija sprechen. Und er verbindet diesen Wunsch mit der
Hoffnung, ein künftiger Historiker möge über den Umgang von Christen und Juden
in unserer Zeit dereinst zu dem Schluss kommen: „So gingen die beiden
mitsammen“.
Amen.
Verfasser: Dr.
Michael Volkmann, Pfarrer für das Gespräch zwischen Christen und Juden,
Klosterhof 5, 73770 Denkendorf, agwege@gmx.de