Auszug aus dem Protokoll der Landessynode
vom 11. März 2005 – „Daran glauben wir“
Fleischmann:
Herr Präsident,
verehrte Synodale! Ich habe wohl gehört, was am Anfang gesagt wurde: dass sich dieses
Papier mit der Vielfalt der Eingaben schwer getan hat, weil das so etwas wie
eine Quadratur der Theologie gibt. Allerlei Gesichtspunkte auf einmal
einbringen fällt sehr schwer.
Ich habe auch
gehört, welche Stellungnahmen berücksichtigt wurden. Ich möchte dennoch auf
eine im Besonderen aufmerksam machen, die mir zu kurz zu kommen scheint, gerade
wenn es der Beginn eines Gespräches sein soll, auch in den Gemeinden oder an
den unterschiedlichen Stellen.
Wir machen uns ja
viel Mühe um Menschen. Wir wollen sie interessieren und zur Kirche und zur
Gemeinde bringen, gewinnen und zum Glauben anleiten. Dem gelten unsere
Bemühungen in allen möglichen Bereichen, auch unsere Sprachübungen – so sage
ich jetzt in Kürze –, z. B. in diesem Papier. Wir mögen dann über die Sprache
streiten und auch das streiten, was zu geschehen hat. Das ist das eine. Das
andere ist eben, dass es ganz bestimmte Dinge gibt, die vielleicht noch stärker
gewichtet werden sollten.
Die Synode war an
diesem Punkt vielleicht schon weiter als im jetzigen Augenblick. Sie hat am 6.
April 2000 eine Erklärung verabschiedet, in der es heißt: Bei allen Aussagen zu
unserem Selbstverständnis und zu unserem Verhältnis von Christen und Juden
wollen wir den jüdischen Weg und das jüdische Schicksal mit bedenken. Ich gehe
nicht auf den zweiten Teil des Satzes ein, sondern nur auf die erste Hälfte:
bei allen Aussagen zu unserem Selbstverständnis.
Daran hat die
Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“ in ihrer Stellungnahme
erinnert. Daraufhin hat sie einige Vorschläge gemacht, die sie gerne in das
Papier gebracht hätte, einfache Dinge. Davon sind – es ist schon erwähnt
worden, und ich sagte es auch – wenige aufgenommen worden, für mein Gefühl die
marginalen, z. B. dass Jesus ein geborener Jude ist. Wir wissen das seit 1523.
Warum kann man bei
der Bibel – ich gehe der Reihe nach, wie das Papier ursprünglich vorlag – nicht
den schlichten Satz hinzufügen: Durch sie sind wir mit Israel verbunden? Warum
können wir nicht bei Jesus Christus darauf aufmerksam machen, dass es einen
besonderen Weg Gottes mit Israel gibt, die Erwählung zum Bundesvolk, der Segen,
die Heilsgaben? Warum können wir nicht in dem Abschnitt, wo wir von Jesus
Christus sprechen, sagen, dass wir zusammen mit seinem Volk Gott loben, und, um
auf Paulus am Ende seines Römerbriefs zu kommen, versuchen, theologisch und im
Gespräch deutlich zu machen, was es heißt: Christus ist ein Diener geworden der
Juden, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind?
Warum können wir
bei der Kirche nicht davon reden: Wir unterhalten respektvolle Beziehungen zu
Juden und fördern das Gespräch zwischen Christen und Juden; wir wenden uns
gegen jede Form von Antisemitismus; Judenfeindschaft trifft auch die Kirche und
ihren Herrn Jesus Christus?
Warum sind wir auch
so zurückhaltend im Zusammenhang mit dem Hinweis auf das Doppelgebot der Liebe,
dass dieses Gebot Jesus wie jüdische Schriftgelehrte seiner Zeit auch
zusammengefasst hat, und dass wir es nicht nach dem Kürzel des Matthäus,
sondern in der ausführlicheren Form zitieren könnten, die Markus überliefert
hat: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst ihn
lieben von ganzem Herzen, ganzer Seele und mit all deinen Kräften usw.?
Warum ist es
schließlich nicht möglich, am Ende, wo wir von der Vollendung der Welt
sprechen, zu sagen: Diese Hoffnung teilen wir mit dem Volk Israel? Ich denke,
beim jetzigen Wortlaut unterbleibt ein wesentlicher Akzent für das Gespräch mit
den Menschen hin und her im Land. Es unterbleibt auch nicht nur eine
Randgeschichte, sondern eine wesentliche Änderung unseres eigenen Denkens und
vor allem unseres Lebens als Christen.
Es gibt einen
harten Satz, den ich bei Eberhard Bethge in einem Vortrag bzw. Artikel „Shoa
und Protestantismus“ fand: Im Lichte des Holocaust gibt es nur die Alternative:
Das klassische Christentum stirbt, um zu neuem Leben zu erstehen, oder es wird
unberührt bleiben, damit aber für Gott und für die Menschen absterben. Irving
Greenberg hat es gesagt, ein Rabbiner aus New York. Wir können’s ja so nicht
wollen, und er will es offensichtlich auch nicht. Aber dann muss es
selbstverständlich werden, dass wir bei allen Aussagen zu unserem
Selbstverständnis dies mit aussprechen, dass Israel dazugehört.