Zum christlich-jüdischen Dialog im deutschen Südwesten nach 1945

Michael Volkmann

 

Für den deutschen Südwesten trifft zu, was Martin Stöhr für den christlich-jüdischen Dialog insgesamt so formuliert hat: „Die Tradition der Dialoglosigkeit reicht aus der Zeit vor 1945 weit in die Zeit danach, genauso wie die Stereotypen theologischer und kirchlicher Arbeit.“[1] Prominentester Beleg für diese These im evangelischen Bereich, auf den ich mich hier konzentriere, ist das Stuttgarter Schuldbekenntnis von 1945, das ausgerechnet über die Schuld an den Juden schweigt. 1950 formulierte die EKD-Synode in Berlin-Weißensee erstmals ein evangelisches Schuldbekenntnis und die Abkehr von der Irrlehre, Israel sei von Gott verworfen. Danach legte die EKD erst 1975 mit der ersten Studie Christen und Juden wieder einen Weg weisenden Text vor.

Eine weitere These Stöhrs ist die, dass Neuansätze nicht aus der wissenschaftlichen Theologie und den Kirchenleitungen kamen, sondern zuerst von einzelnen Christen, aus den Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit[2]. Zu den ersten fünf, 1948 und 1949 begründeten, Gesellschaften gehörte die in Stuttgart. Die mittlerweile mehr als 80 Gesellschaften erfüllen wichtige gesellschaftspolitische Aufgaben. Innerhalb der Kirchen blieb dennoch vorerst fast alles beim alten. In Württemberg zum Beispiel war bis 1953 Landesbischof Theophil Wurm im Amt. In einem Protestbrief an den Reichsjustizminister gegen den Pogrom bekannte er sich im Dezember 1938 zum Antisemitismus: „Ich habe von Jugend auf das Urteil von Männern wie Heinrich von Treitschke und Adolf Stöcker über die zersetzende Wirkung des Judentums auf religiösem, sittlichem, literarischem, wirtschaftlichem und politischem Gebiet für zutreffend gehalten und vor dreißig Jahren als Leiter der Stadtmission in Stuttgart gegen das Eindringen des Judentums in die Wohlfahrtspflege einen öffentlichen und nicht erfolglosen Kampf geführt.“[3] Wurm bereute nach dem Krieg zwar sein öffentliches Schweigen im November 1938, ein Impuls für eine veränderte Lehre und Praxis der Kirche gegenüber dem Judentum ging jedoch von ihm nicht aus. Auch die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin 1961 zog keine unmittelbaren Reaktionen Kirchen leitender Gremien nach sich. Es bedurfte auf der einen Seite des beharrlichen Engagements einzelner und auf der anderen Seite der Anstöße von außen, wie vor allem der völlig neue Maßstäbe setzenden römisch-katholischen Konzilserklärung Nostra Aetate von 1965, um auch im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland eine kontinuierliche Arbeit am Verhältnis von Christen und Juden in Gang zu setzen. In der badischen Landeskirche war ein solcher Einzelner Hermann Maas (1877-1970), allerdings stand sein Interesse für das Judentum merkwürdig unverbunden neben seiner Theologie[4]. In Württemberg gab es keinen, der ihm entsprochen hätte. Hier übernahm der Vikar jüdischer Abstammung Fritz Majer-Leonhard (1915-1995) 1945 die kirchliche Hilfsstelle für Rasseverfolgte, die er bis 1994 leitete. Er organisierte vor allem diakonische Hilfe für Judenchristen und später Sinti und Roma, setzte sich aber auch ein für den Erhalt von Gedenkstätten, für die Überwindung christlichen Antijudaismus’ und für das Begehen des 10. Sonntags nach Trinitatis als Israelsonntag. Majer-Leonhard arbeitete in enger Verbindung zur jüdischen Gemeinde in Stuttgart, blieb in der Landeskirche relativ allein, war theologisch ein Befürworter der Bekehrung der Juden zum Christentum und mobilisierte namhafte Spenden für eine soziale Einrichtung in Kiriat Jearim in Israel.

Prozesse, die kirchliche Strukturen, kirchliche Lehre und kirchliches Handeln veränderten, wurden später und  von Jüngeren initiiert. Diesen Prozessen in den beiden evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg gilt das Hauptinteresse der nachfolgenden Ausführungen.

 

Die Entwicklung des christlich-jüdischen Dialogs in der Evangelischen Landeskirche von Baden[5]

 

1969 regte Pfarrer Ernst Ströhlein beim Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe die Gründung eines Studienkreises „Kirche und Israel“ an und legte seinem Schreiben eine konkret ausgearbeitete Konzeption bei. Die Idee zu diesem Studienkreis war bei einer christlich-jüdischen Jugendbegegnung zwischen dem Kirchenbezirk Durlach und dem Leo-Baeck-Erziehungszentrum Haifa entstanden. Ströhleins Brief hatte den gewünschten Erfolg. Der Oberkirchenrat setzte den Studienkreis ein und berief Ströhlein zu seinem Leiter. Ströhlein sollte diese Funktion 28 Jahre lang innehaben. Rasch entwickelte der Studienkreis seine spezifische Arbeitsstruktur, „neben aktuellen kirchenpolitischen Fragen jeweils ein einschlägiges theologisches Thema nach Einführung durch ein Mitglied“[6] zu behandeln. Schon früh wurde auf der Grundlage einer eingehenden Analyse von Römer 9 -11 die ablehnende Position zur Judenmission festgeschrieben. 1972 brachte der Studienkreis einen Formulierungsvorschlag in die  aktuelle Diskussion um eine Änderung der Grundordnung der badischen Landeskirche ein. § 69 der Grundordnung der badischen Landeskirche lautet seitdem: „Die Landeskirche mit ihren Kirchenbezirken und Gemeinden bemüht sich um die Begegnung mit der Judenheit.“ Der Studienkreis bezog im Yom-Kippur-Krieg 1973 und in Reaktion auf die Zionismus-Rassismus-Erklärung der UNO 1975 Position für Israel und regte nach dem 40. Jahrestag des Novemberpogroms eine Tagung der badischen Landessynode mit dem Themenschwerpunkt „Kirche und Israel“ an. Diese Sondertagung fand am 10. und 11. November 1980 statt. Sie setzte Impulse zur Weiterarbeit am Thema im Religionsunterricht und im Gottesdienst und bat die Theologische Fakultät der Universität Heidelberg um mehr judaistische Arbeit und den Oberkirchenrat um die Förderung von Kontakten nach Israel. Außerdem setzte die Synode einen Konsultationsprozess zum Thema „Christen und Juden“ in den Gemeinden und Kirchenbezirken in Gang. Dieser sollte nach dem Vorbild der Bahn brechenden Erklärung der rheinischen Synode von 1980 zu einer eigenen badischen Synodalerklärung führen. Der Studienkreis beteiligte sich an der Auswertung der Konsultationsergebnisse und formulierte eine Beschlussvorlage für die Synode. Die Erklärung wurde am 3. Mai 1984 ohne Gegenstimme bei einer Enthaltung verabschiedet.

In ihrer Erklärung bekennt sich die badische Landessynode zur „Mitverantwortung und Schuld der Christenheit in Deutschland am Holocaust“[7]. Sie stellt fest, „dass das Alte Testament gemeinsame Grundlage für Glauben und Handeln von Juden und Christen ist“ und dass die Erwählung Israels durch die Erwählung der Kirche nicht aufgehoben sei. Obwohl der Glaube an Jesus Christus die Christen von den Juden trenne, wolle sie das Verhältnis beider zueinander neu verstehen und das Verbindende festhalten, nämlich den gemeinsamen Glauben an den einen Schöpfergott, an seine Weisung zu Gerechtigkeit und Liebe und an die von beiden geteilte Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Die Erklärung schließt mit der Bitte an die Gemeinden und Kirchenbezirke, an diesem Thema weiter zu arbeiten und „in der Begegnung mit der Judenheit zu einem erneuerten Verhältnis zueinander zu gelangen“.

Baden war nach dem Rheinland die zweite deutsche evangelische Landeskirche, die eine eigene Erklärung verabschiedete, und die rheinische Erklärung diente den Badenern als Vorbild. So auch vier Jahre später für eine Erklärung zum vierzigjährigen Bestehen des Staates Israel[8]. In ihr betont die Synode die christliche Mitverantwortung für Israel: „In der Existenz des Volkes Israel sehen wir ein Zeichen der Treue Gottes, dessen Verheißungen weiterwirken, und sind überzeugt, dass auch die Gründung des Staates Israel ein Zeichen des Weges Gottes mit Israel ist“, heißt es da in Anlehnung an rheinische Formulierungen. Auch zum 50. Jahrestag der Staatsgründung Israels 1998 gab die badische Landessynode eine Erklärung ab.

2001 wurde die Grundordnung erneut geändert, dieses Mal im grundlegenden § 2, Absatz 3, der nun lautet: „Die Landeskirche will im Glauben an Jesus Christus und im Gehorsam ihm gegenüber festhalten, was sie mit der Judenheit verbindet. Sie lebt aus der Verheißung, die zuerst an Israel ergangen ist, und bezeugt Gottes bleibende Erwählung Israels. Sie beugt sich unter die Schuld der Christenheit am Leiden des jüdischen Volkes und verurteilt alle Formen der Judenfeindlichkeit.“[9]

Und schließlich bekräftigte die Synode zwanzig Jahre nach ihrer Erklärung von 1984 den eingeschlagenen Weg und beauftragte den Studienkreis und die Theologische Fakultät Heidelberg, Anregungen zur Weiterarbeit am Thema Christen und Juden zu geben.

Bereits 1983 regte der Studienkreis die Einrichtung von Kirchenbezirksbeauftragten für „Kirche und Israel“ an. Sie sollten die Anliegen des christlich-jüdischen Dialogs in den Praxisfeldern der Kirche vor Ort fördern. Diese Frage wurde von der Kirchenleitung sehr zögernd angegangen. Es dauerte vier Jahre, bis der Studienkreis zu einem ersten Arbeitstag der Bezirksbeauftragten einladen konnte. Durch jährliche Zusammenkünfte etablierten sich die Tagungen der Bezirksbeauftragten zur festen Einrichtung. Gegenwärtig wird der Studienkreis geleitet von Pfarrerin Kira Busch-Wagner, Ettlingen. Landeskirchlicher Beauftragter für den christlich-jüdischen Dialog ist Kirchenrat i. R. Hans Maaß.

Resümierend lässt sich sagen, dass in der badischen Landeskirche früh ein synodaler Prozess der Neuformulierung des christlich-jüdischen Verhältnisses eingesetzt hat, der kontinuierlich bis in die Gegenwart fortgeführt wird.

 

Die Entwicklung des christlich-jüdischen Dialogs in der Evangelischen Landeskirche von Württemberg

 

In Württemberg verlief die Entwicklung ganz anders. Allerdings gingen die ersten Impulse zu dem, was heute als Gespräch zwischen Christen und Juden im Auftrag der württembergischen Landeskirche bezeichnet werden kann, ebenfalls von der beharrlichen Initiative eines einzelnen aus[10]. Dr. Hartmut Metzger war Gemeindepfarrer in Bad Cannstatt, als um 1960 eine Welle von Antisemitismus durch Deutschland ging und auch die Schüler seiner Religionsklasse im Keplergymnasium erfasste. Er reagiert mit einer Monate langen Unterrichtseinheit über das Judentum von biblischer Zeit bis zur Staatsgründung Israels. Bei einem Klassenbesuch in der Stuttgarter Synagoge lernte er den jüdischen Religionslehrer Herbert Kahn kennen, der den jungen Leuten sagte, von Israel könne man nicht erzählen, das müsse man erleben. Ein Jahr lang bereitete Metzger die Abitursfahrt der Klasse nach Israel vor, kein geringerer als Theodor Heuss verhinderte ihr drohendes Scheitern. So kam Metzger mit seinen Abiturienten 1962 zum ersten Mal nach Israel, genau nach Shavej Zion, und blieb dem Land und besonders dem Ort bis heute verbunden. Begegnungen mit Juden gehörten fortan fest zu seiner Gemeindearbeit.

1969 trat Metzger die Leiterstelle des Diakonieseminars Kloster Denkendorf an und reformierte es zur Fortbildungsstätte für haupt-, neben- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Landeskirche. Auch hier brachte er das jüdische Thema ein, wie zuvor mit dem vordringlichen Ziel, es an die Gemeinden der Landeskirche zu vermitteln. Ab 1970 reiste er mit den Kursgruppen, die ihre zweijährige Fortbildung zur Gemeindehelferin oder Katechetin abgeschlossen hatten, nach Israel. Ab 1976 führte er in Denkendorf Wochenkurse zum Thema Judentum ein. Und 1977 entstand das Konzept der Toralernwochen, das bis heute im Zentrum des Denkendorfer Gesprächs zwischen Christen und Juden steht.

Ausgehend von der Erkenntnis, dass im pietistisch geprägten Württemberg die Bibel im Mittelpunkt auch der christlich-jüdischen Begegnungen stehen müsse, lud Hartmut Metzger zur ersten Lernwoche im Sommer 1978 eine Gruppe christlicher Teilnehmer und eine Gruppe jüdischer Lehrer ein. Die Lehrer hatte er in Israel mit Hilfe Herbert Kahns in Kreisen der modernen Orthodoxie gefunden, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland von Samson Raphael Hirsch begründet worden war. Noch zwei von diesen Ersten feierten 2003 das 25-jährige Jubiläum der Lernwochen mit. Zum gemeinsamen Lernen kam das gemeinsame Leben im Kloster während der Lernwoche und das gemeinsame Feiern am Sabbat hinzu. Menschliche Beziehungen entstanden und trugen zur Attraktivität der Lernwochen bei. Bald wurde die Konzeption erweitert: im ersten Jahr fand die Lernwoche als intensive Tagung in der Fortbildungsstätte statt; im zweiten Jahr reiste die Gruppe der Lernenden nach Israel, um in Shavej Zion ebenso intensiv von den jüdischen Lehrern zu lernen; im dritten Jahr kam die Gruppe der Lehrer nach Denkendorf und ging von hier aus für fünf Tage zum eher extensiven Bibelseminar in einzelne landeskirchliche Gemeinden. Auf diese Weise hatten im Lauf von drei Jahrzehnten über hundert württembergische Kirchengemeinden für fünf Tage ein jüdisches Lehrerehepaar zu Gast, manche bereits mehrere Male. In den letzten Jahren beteiligten sich bis zu 19 Gemeinden mit über 600 Teilnehmenden. Die Lehrer erleben in Denkendorf, wie sie sagen, ein Stück Israel. Koschere Einrichtungen sind vorhanden. Wenn die Gruppe in Minjanstärke da ist, wird ein Raum im Kloster zur Synagoge. Mit einer Torarolle der Stuttgarter jüdischen Gemeinde wird Gottesdienst gefeiert.

Ein interessierter Kreis von Teilnehmerinnen und Teilnehmern schloss sich bereits 1980 zum Denkendorfer Kreis zusammen. Die von Metzger verfassten Rundbriefe wurden mit der Zeit zur drei Mal jährlich erscheinenden rund 80-seitigen Zeitschrift. Ihre Auflage beträgt heute rund 2.200 Exemplare, davon gehen rund 150 nach Israel. Vor allem durch die Lernwochen und den Rundbrief wurde Denkendorf zu einem Markenzeichen des christlich-jüdischen Dialogs.

Parallel zu der geschilderten Entwicklung einer intensiven Bildungsarbeit entstand auch in Württemberg ein Prozess struktureller und lehrmäßiger Veränderung. Hartmut Metzger begründete 1975 zusammen mit einem Kreis engagierter Israelfreunde in kirchlichen Ämtern die Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“. Sie ist in gewisser Weise dem badischen Studienkreis Kirche und Israel zu vergleichen. 1978 waren Württemberg und Hessen-Nassau maßgeblich an der Gründung der Konferenz landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden im Bereich der EKD (KLAK) beteiligt, der heute die Arbeitskreise aller Landeskirchen angehören.

Mit dem Gespräch zwischen Christen und Juden entstand an der Fortbildungsstätte für kirchliche Mitarbeiter ein für alle Interessierten offener Bereich christlich-jüdischer Bildungsarbeit. Pfarrer waren in den Kursen allerdings immer schwach vertreten. So entstand die Idee zu dem vierbändigen Werk Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, das Rabbiner Roland Gradwohl für die praktische Predigtvorbereitung evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer verfasste und das weite Verbreitung fand. Es bietet zu allen alttestamentlichen Predigttexten der evangelischen Perikopenordnung die wichtigsten jüdischen Kommentierungen von der Antike bis in die Gegenwart.

Später als in Baden kam es in Württemberg zu synodalen Prozessen. Eine erste von der Arbeitsgruppe vorbereitete umfassende Synodalerklärung „Verbundenheit mit dem jüdischen Volk“[11] wurde 1988 beschlossen. Ihre zwölf kurz gefassten Punkte behandeln die Themen

  1. Geschichtliche Entwicklung und christliche Schuld
  2. Erinnern, nicht vergessen!
  3. Vom Trennenden zum Gemeinsamen
  4. Überlegungen zum „Neuen Weg“
  5. Hören und Annehmen
  6. Umbesinnung: auf allen Gebieten notwendig
  7. Umkehr: auf allen Ebenen zu vollziehen
  8. Schwerpunkte des Dialogs in der württembergischen Landeskirche
  9. Dank an jüdische Gesprächspartner
  10. Zum Staat Israel
  11. Zum Nahost-Konflikt
  12. Unter Gottes Segen

Als nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten der Antisemitismus neu aufflammte, richtete die Synode an die Gemeinden die dringende Bitte, verstärkt an der Neuorientierung im Verhältnis zum Judentum mitzuarbeiten.

Wiederum nach Vorarbeiten der Arbeitsgruppe beschloss die Landessynode im April 2000 eine theologische Erklärung zum Verhältnis von Christen und Juden[12]. Im Entstehungsprozess dieser Erklärung absolvierte die gesamte Synode in fünf Kleingruppen einen Schi’ur (biblische Lehrstunde) bei Denkendorfer jüdischen Lehrern. Die synodale Erklärung betont die ewige Treue Gottes zum jüdischen Volk, die Israelvergessenheit und den Antijudaismus als Schuld der Kirche, die vielfache Verbundenheit von Kirche und Israel und ihre gemeinsame Weltverantwortung. Eine Besonderheit ist der Abschnitt über Juden, die sich zu Jesus als dem Messias bekennen. Der Schlussabschnitt behandelt die Frage des christlichen Zeugnisses gegenüber Juden. In ihm spaltete sich die Synode in eine knappe Mehrheit, die die Judenmission ablehnt, und eine große Minderheit, die an ihr festhält – Abbild der Gespaltenheit der württembergischen Kirche in dieser Frage. Dennoch ist die Erklärung des Jahres 2000 eine wichtige Grundlage für den christlich-jüdischen Dialog.

Zu einer Änderung der Kirchenverfassung im Sinne des christlich-jüdischen Dialogs kam es in Württemberg nicht.

Im Januar 2005 nahm der Oberkirchenrat eine Erklärung evangelischer Christen in Württemberg Einen gerechten Frieden im Nahen Osten fördern an und übergab sie der Öffentlichkeit. Sie umfasst fünf Abschnitte:

„1. Wir melden uns als Christinnen und Christen zum Nahostkonflikt aus mehreren Gründen zu Wort

2. Als Christinnen und Christen bewegt uns besonders die Rolle der Religionen im Nahostkonflikt

3. Wir halten den Nahostkonflikt im Wesentlichen für eine politische Auseinandersetzung

4. Wir warnen vor der Gefahr des Antisemitismus

5. Unsere Aufgabe“[13]

Aktuell unterstützt die Arbeitsgruppe die Initiative der Tübinger Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde für einen offiziellen kirchlichen Gedenktag Erinnerung und Umkehr am 9. November[14].

Das Denkendorfer Gespräch zwischen Christen und Juden erhielt erst spät und schrittweise die offizielle landeskirchliche Anerkennung. Nach mehr als drei Jahrzehnten intensiver Arbeit ist es fest in der Landeskirche verwurzelt. Bis 1996 stand es unter der Leitung von Hartmut Metzger, dem Leiter der Fortbildungsstätte. Als dieser 1997 in den Ruhestand ging, kam es zur Trennung des Denkendorfer Kreises von der landeskirchlichen Arbeit und zur Weiterarbeit des Kreises unter Leitung Metzgers als eingetragener Verein. Nach seinem Abschied schuf die Landeskirche eine eigene Pfarrstelle für das christlich-jüdische Gespräch. Sie ist heute eine von vier vollen Pfarrstellen dieser Art im Bereich der EKD. Ihre bisherigen Inhaber waren von 1997-2000 Dr. Ernst Michael Dörrfuß und von 2000 bis 2002 Dr. Joachim Hahn. Seit 2003 hat Dr. Michael Volkmann diese Stelle inne. Der landeskirchliche Beauftragte ist zugleich Dozent für den christlich-jüdischen Dialog im Kloster Denkendorf und Vorsitzender der Arbeitsgruppe. Der gegenwärtige Stelleninhaber ist auch Vorsitzender der KLAK und Mitglied im Gemeinsamen Ausschuss Kirche und Judentum der EKD, VELKD und UEK. Die Arbeitsgruppe pflegt die Beziehungen zu jüdischen Gesprächspartnern, fördert den christlich-jüdischen Dialog in der Landeskirche, arbeitet theologisch der Kirchenleitung zu und leitet durch die Denkendorfer Israelhilfe Kollekten aus württembergischen Kirchengemeinden an soziale Einrichtungen in Israel weiter. Das Jahresprogramm „Gespräch zwischen Christen und Juden“ umfasst heute drei bis vier Fortbildungskurse, zwei bis drei Studienreisen und sechs bis acht Studiennachmittage pro Jahr. Die Intensität und Ausstrahlung der Denkendorfer Bildungsarbeit stehen im Bereich der EKD einzig da. Ebenso ist es eine württembergische Besonderheit, dass der Dialog schwerpunktmäßig mit orthodoxen Juden geführt wird.

1986 initiierte der badische Studienkreis nach dem württembergischen Vorbild eine jährliche Bibelwoche. 1988 übernahmen die Badener das erfolgreiche Konzept des Denkendorfer Kreises und begründeten ihrerseits einen Freundeskreis Kirche und Israel und einen Rundbrief, der in 600 Exemplaren verbreitet wird. Umgekehrt übernahm Württemberg 1997 die Einrichtung von Kontaktpfarrerinnen und –pfarrern für Kirche und Israel in den 51 Kirchenbezirken. Unter diesen Kontaktpersonen sind immer mehr Absolventen des theologischen Studienjahres an der Hebräischen Universität Jerusalem „Studium in Israel“.

 

Zusammenfassung

 

Mit ihren unterschiedlichen Entwicklungen haben sich die beiden evangelischen Landeskirchen im deutschen Südwesten auch gegenseitig beeinflusst. In beiden ist der christlich-jüdische Dialog 60 Jahre nach der Schoa fest etabliert. In beiden haben sich regelrechte Basisbewegungen ausgebildet. Die synodalen Erklärungen sind gute Grundlagen für die Weiterarbeit. Allerdings lässt sich eine jahrtausendelange Fehlentwicklung nicht in ein bis zwei Generationen korrigieren. Darum muss das Thema des christlich-jüdischen Verhältnisses in den Kirchen mit verstärkter Kraft als Querschnittsthema bearbeitet werden. Alle wesentlichen theologischen und kirchlichen Bereiche gewinnen durch eine Besinnung auf ihre jüdischen Wurzeln.



1 Stöhr (1986), S. 197.

2 Ebenda, S. 219.

3 Zit. in: Metzger (1978), S. 49.

4 So Eckart Marggraf in seinem Vortrag über Hermann Maas.

5 Maaß (2007).

6 Ebenda, S. 3.

7 Rendtorff / Henrix (Hg.), (2001), S. 610. Dort auch die weiteren Zitate.

8 Henrix / Kraus (Hg.), (2001), S. 562f.

9 Ekiba intern, 3/2004, S. 4.

10 Metzger (2007).

11 Henrix / Kraus (Hg.), (2001), S. 571-575.

12 Ebenda, S. 933-938

13 Einen gerechten Frieden im Nahen Osten fördern (2005).

14 www.bonhoeffer-gemeinde.de

 

 

Literatur

 

Ekiba intern. Mitteilungen der Evangelischen Landeskirche in Baden 3/2004.

Einen gerechten Frieden im Nahen Osten fördern. Erklärung evangelischer Christen in Württemberg. Sonderdruck des Evangelischen Medienhauses Stuttgart, 2005.

Henrix, Hans Hermann / Kraus, Wolfgang (Hg.): Die Kirchen und das Judentum, Bd. II: Dokumente von 1986-2000, Paderborn 2001.

Maaß, Hans: Die Anfänge des Studienkreises Kirche und Israel. Auszug aus einer Lebensbeschreibung: Ernst Ströhlein, Typoskript 2007, vom Autor dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.

Metzger, Hartmut: Kristallnacht. Dokumente von gestern zum Gedenken heute, Stuttgart 1978.

Ders.: Shavej Zion und der Denkendorfer Kreis – eine lange Freundschaft, Typoskript 2007, vom Autor dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.

Rendtorff, Rolf / Henrix, Hans Hermann (Hg.): Die Kirchen und das Judentum, Bd. I: Dokumente von 1945-1985, Paderborn 3. Aufl. 2001.

Stöhr, Martin: Gespräche nach Abels Ermordung – Die Anfänge des christlich-jüdischen Dialogs, in: Brumlik, Micha u.a. (Hg.):  Jüdisches Leben in Deutschland seit 1945, Frankfurt am Main 1986, S. 197-229.

www.bonhoeffer-gemeinde.de