Israelsonntag 2007
Jeremia 7,1-15
Handreichung zum Gottesdienst
Mit Dokumentation: Die drei
Erklärungen der württembergischen Landessynode zum Verhältnis von Christen und
Juden
Bitte um Ihr Opfer
für die Denkendorfer Israelhilfe und das Gespräch zwischen Christen und Juden
Die Partner der
Denkendorfer Israelhilfe
Trostlichter in der
Zornesprophetie. Ein jüdischer Kommentar zu Jeremia 7,1-15
Chana Safrai
Predigtmeditation: 10. Sonntag
nach Trinitatis / Israelsonntag: Jeremia 7,1-15
mit
Liturgieentwurf
Zur
aktuellen Lage in und um Israel (April 2007)
Dokumentation
Die
drei Erklärungen der württembergischen Landessynode zum Verhältnis von Christen
und Juden aus den Jahren 1988, 1992 und 2000
Denkendorf, April 2007
Liebe
Kolleginnen und Kollegen,
„Bessert eure Wege und
Taten ...“ ruft Jeremia im Tempel von Jerusalem. Der Predigttext zum
diesjährigen Israelsonntag, Jeremias „Tempelrede“, ist eine besondere
hermeneutische Herausforderung. Wie gehen wir Christen mit dem erstaunlichen
selbstkritischen Potenzial der jüdischen Religion um? Gelingt es uns, es für
die Kirche fruchtbar zu machen? Diese Handreichung will Ihnen helfen, die
Chance zum differenzierten Nachdenken über das Verhältnis von Kirche und
Israel, die Ihnen der Israelsonntag bietet, zum Segen für die Kirche und für
Israel zu nutzen. Die Texte sind, soweit nicht anders bezeichnet, von mir
verfasst.
In diesem Heft
finden Sie wieder eine jüdische Kommentierung des Predigttextes von Prof. Dr.
Chana Safrai, Jerusalem. Prof. Safrai gehört zu den profilierten Teilnehmerinnen
am Gespräch zwischen Christen und Juden. Jährlich gibt sie einen Kurs in der
Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf, den nächsten im Februar 2008 über „Jesus
und Hillel“. Ich danke Prof. Safrai herzlich für ihren Beitrag.
Alljährlich lege
ich Ihnen die Kollektenbitte ans Herz. Ihr ist eine aktualisierte Beschreibung
der von der „Denkendorfer Israelhilfe“ geförderten Einrichtungen beigegeben.
Auch meine Denkendorfer Arbeit ist ohne Opfer und Spenden nicht möglich, um die
ich Sie herzlich bitte.
Unsere Landessynode
hat sich drei Mal mit gewichtigen Worten zum Verhältnis von Christen und Juden
geäußert. Diese Erklärungen aus den Jahren 1988, 1992 und 2000 sind seit
einiger Zeit vergriffen. Für die theologische Arbeit am Thema sind sie jedoch
unverzichtbar. Außerdem sollten sie unter Pfarrerinnen und Pfarrern und in den
Gemeinden noch besser bekannt werden. Darum stelle ich Ihnen die Texte in einer
Dokumentation erneut zur Verfügung.
Vor einem Jahr
erhielten Sie mit der Denkendorfer Handreichung den Tübinger Aufruf an die
Kirchen aller Konfessionen in unserem Land „Für einen offiziellen kirchlichen
Gedenktag am 9. November“. Er wurde in der Frühjahrssynode kurz behandelt und
mit der Bitte um Wiedervorlage in der Sommersynode an den Ausschuss für Mission
und Ökumene verwiesen. Bis es so weit ist, ist jede Unterstützung des Aufrufs
durch Kirchengemeinden und Bezirkssynoden sehr willkommen.
Unsere
Angebote – Fortbildungsprogramm, Vortrags- und Referentenangebote für Gemeinden
– finden Sie auf der Homepage www.kloster-denkendorf.de.
Auf der Homepage finden Sie auch die digitalisierte Version dieser
Handreichung. In rund sechswöchigen Abständen informiere ich in einem
Online-Brief über meine christlich-jüdische Begegnungsarbeit und mit ihr
verbundene Themen. Wenn Sie den kostenlosen „Ölbaum online“ regelmäßig erhalten
möchten, senden Sie bitte eine leere E-Mail mit dem Betreff „Bestellung Ölbaum
online“ an agwege@gmx.de. Bereits
erschienene Ausgaben finden Sie auf der Homepage unter Bereich V: Christen und
Juden.
Mit guten Wünschen
und freundlichen Grüßen
Ihr
Dr. Michael
Volkmann
Landeskirchlicher
Beauftragter für das Gespräch zwischen Christen und Juden
für die
Denkendorfer Israel-Hilfe
und das Gespräch
zwischen Christen und Juden
Die Arbeitsgruppe
„Wege zum Verständnis des Judentums“ im Bereich der Evangelischen Landeskirche in
Württemberg erbittet in diesem Jahr wieder Ihr Gottesdienst-Opfer am
Israelsonntag. Der größere Teil des eingehenden Betrages ist bestimmt zur
Unterstützung bedürftiger Menschen jeder Herkunft und Religion in sozialen
Einrichtungen in Israel durch die „Denkendorfer Israel-Hilfe“, eine Hilfe, die
- weil sie von Christinnen und Christen in Deutschland kommt - viel mehr
bedeutet als nur eine materielle Unterstützung. Sie wird in Israel verstanden
als Ausdruck des Bemühens, ein neues Verhältnis zwischen Christen und Juden
Wirklichkeit werden zu lassen.
Der andere Teil des
Opfers kommt dem Denkendorfer Gespräch und der Begegnung zwischen Christen und
Juden zugute. Im Zentrum der Studientage, Kurse und Lernwochen mit jüdischen
Lehrern stehen biblischen Themen. Darüber hinaus führen wir Studienreisen durch
und vermitteln Referenten an Gemeinden. Ihr Opfer trägt auch zur finanziellen
Sicherung der wichtigen christlich-jüdischen Begegnungsarbeit bei. Wir bitten
herzlich um Ihren Beitrag!
Die Arbeitsgruppe
"Wege zum Verständnis des Judentums" bitte um Ihre Unterstützung.
Konto Nr. 80 800 46 bei
der Kreissparkasse Esslingen (BLZ 611 500 20).
Kollekten senden Sie
bitte auf dem Weg über den Oberkirchenrat an die Arbeitsgruppe „Wege zum
Verständnis des Judentums“ bzw. die Denkendorfer Israelhilfe und das
christlich-jüdische Gespräch.
Vielen Dank!
Aus
seit langem gewachsenen Kontakten zu Krankenhäusern, Alten- und Kinderheimen
oder Behinderteneinrichtungen wissen wir, dass Menschen und die sie
beherbergenden und betreuenden Einrichtungen in Israel Hilfe von Christen aus
Deutschland besonders schätzen. Dabei ist der "Denkendorfer
Israel-Hilfe" nicht zuletzt an der Unterstützung von Einrichtungen
gelegen, die sich auch den vielfältigen Verständigungsprozessen zwischen den
unterschiedlichen Bevölkerungs- und Religionsgruppen in Israel verpflichtet
wissen. Zu allen Einrichtungen unterhalten wir die direkte persönliche
Verbindung.
Shaare
Zedek Medical Center Jerusalem
Seit seiner
Gründung 1902 finden im religiös geführten Shaare Zedek Hospital alle Bewohner
oder Besucher Jerusalems Behandlung und Pflege, seien es Juden, Christen,
Muslime oder Angehörige anderer Religionen. Das Shaare Zedek erhält keine
staatlichen Zuschüsse. Es finanziert sich aus Erstattungen der Krankenkassen
und aus Spenden. Unsere Hilfe floss in den Bau einer Milchküche auf der
Neugeborenenstation und der neuen, wesentlich vergrößerten Notaufnahme, die
2004 in Dienst gestellt wurde.
Sinai-Stiftung Eltern- und
Pflegeheim Haifa
Die
Sinai-Stiftung will Menschen ein würdiges und lebenswertes Alter ermöglichen,
auch wenn sie nicht in der Lage sind, einen teuren Heimplatz zu bezahlen. Das
Heim wird religiös geführt. Viele Heimbewohner
haben Angehörige im Holocaust verloren oder waren selbst in
Konzentrationslagern. "Gerade in einem Altenheim hatte ich erwartet,
Leuten zu begegnen, die nach allem, was Deutsche ihnen angetan haben, einfach
keine Deutschen mehr ertragen können. Das war überhaupt nicht so. Die alten
Menschen empfingen mich überaus offen, freundlich und hilfsbereit",
berichtet eine Volontärin aus Stuttgart.
Verein für das Wohl behinderter Kinder in
Migdal
Seit
Jahrzehnten leistet eine kleine Gruppe engagierter gläubiger Menschen um Günter
Gottschalk in Migdal am See Genezareth eine unverzichtbare ergotherapeutische
Arbeit mit behinderten Kindern, die in der Region ein hohes Ansehen genießt.
Hodayot – Religiöses Jugenddorf
In dem
1950 gegründeten Jugenddorf in Untergaliläa leben 230 junge Israelis und
Neueinwanderer vor allem aus Russland. Das Leben im Dorf
besteht aus einer Verbindung von religiöser jüdischer Erziehung, sozialen
Aktivitäten, Berufsausbildung und Vorbereitung auf die Herausforderungen der
Zukunft.
Kinder- und Jugendheim Neve
Hanna, Kiryat Gat
Im
religiös geführten Kinderheim Neve Hanna im Süden Israels leben 70 Kinder im Alter
von vier bis achtzehn Jahren mit ihren Erzieherinnen in mehreren
Familiengruppen. Weitere 50 Kinder und Jugendliche, die zu Hause übernachten,
kommen tags über hinzu. Unter ihnen sind 20 jüdische Kinder und Beduinenkinder
aus der Nachbarstadt Rahat, die nachmittags zusammen im Tageshort „Netive
Schalom“ (Friedenspfade) betreut werden. Alle kommen aus schwierigen sozialen
Verhältnissen. Mit einer fachlich kompetenten Leitung, engagierten Freiwilligen
(darunter einige aus Württemberg), guter materieller Ausstattung, eigener
Bäckerei und eigenem Zoo bietet ihnen Neve Hanna die Voraussetzungen, die für
eine gesunde Entwicklung notwendig sind.
Soziales Zentrum für arabische
Jugendliche Akko
Die
Altstadt Akkos ist bis heute überwiegend von arabischen Familien bewohnt. Eine
Gruppe engagierter arabischer Israelis schuf dort ein
soziales Zentrum mit Kinderbetreuung, Gruppen für Jugendliche, vor allem
Sport-, Ballet- und Theatergruppen, und einem Programm zur Förderung der
Stellung der Mütter. Auch berufliche Qualifizierungskurse für rund 60 junge
Frauen werden angeboten. Schwerpunkte werden auf die Überwindung von Gewalt und
die jüdisch-muslimische Zusammenarbeit gelegt.
Eran - Telefonseelsorge Jerusalem
Einer
der jüdischen Lehrer Denkendorfs - Meir Brom - arbeitet aktiv in der
Telefonseelsorge von Jerusalem mit – eine segensreiche Arbeit in einer
umkämpften Stadt und in einem Land, das sich nach Frieden sehnt. Täglich nehmen
die ehrenamtlich Mitarbeitenden rund vierzig Anrufe Hilfe Suchender entgegen.
Freunde von Or Torah Stone e. V.
Deutschland
Die
deutschen Freunde von Or Torah Stone unterstützen den Aufbau und die Erneuerung
von jüdischen Studieneinrichtungen durch die israelische Organisation Or Torah
Stone. Diese bildet orthodoxe Rabbiner und Lehrkräfte für die jüdische Diaspora
aus. Ihre Bildungsarbeit steht unter dem Anspruch, die Erziehung zur Toleranz
in der israelischen Gesellschaft zu fördern und die Rolle der Frau im
religiösen Bereich in Israel zu stärken.
Trostlichter in der Zornesprophetie – ein
jüdischer Kommentar zu Jeremia 7,1-15
Chana Safrai
Es ist leicht,
viele Generationen christlicher Predigten jeglicher Couleur zu beschreiben, die
Jeremias Zornesprophetie dazu ausnutzen, genüsslich den Untergang des Judentums
nachzuweisen. Sie berauschen sich an dem Unrecht, das der Prophet Israel
zurechnet, und sehen mit geläutertem Vergnügen ihre Aufgabe darin, den
gewaltigen Vorsprung des christlichen Glaubens aufzuweisen, des wahren Glaubens
im Gegensatz zu dem Frevel und der Sünde, die der Prophet Israel zuschreibt.
Nach den Worten des Propheten besteht ein direkter Zusammenhang zwischen
Tempelzerstörung und Exil und den Vergehen Israels. All das diente früher und
dient noch heute zum Aufweis der Vorzüge des christlichen Glaubens gegenüber
dem jüdischen und der Notwendigkeit des Christentums als wichtiger und
eigentlicher Alternative zum sündigen Israel. Zweifellos ist Jeremias Prophetie
Zornesprophetie, schwere Schelte über unwürdige Taten. Sie stellt einen
Zusammenhang her zwischen Tempelzerstörung und Unrechtstaten. Jedoch muss eine
Lesart, die von der Prophetie noch andere Zusammenhänge fordert, (die wir hier
anbieten,) sich selbst fragen: Wie lesen jüdische Ausleger eine solche zürnende
Prophetie? Sieht die Überlieferung Israels sich in Folge der Prophetie selbst
als verstoßen an? Oder ist es vielmehr möglich, die Prophetie als Ruf zu
ernster Gottesfurcht jenseits des Tempelrituals zu verstehen?
Beginnen wir mit
einer bekannten Geschichte aus der Welt der Weisen des 2. Jahrhunderts, gleich
nach der Zerstörung des Zweiten Tempels:
„Einst gingen
Rabban Gamliel, Rabbi Jehoschua, Rabbi Elasar ben Asarja und Rabbi Akiba nach
Rom. Sie hörten den Lärm des Getümmels der Großstadt schon von Puteoli, vierzig
Mil weit. Sie begannen zu weinen. Aber Rabbi Akiba lachte. Sie sagten zu ihm:
Akiba, warum weinen wir, und du lachst? Er sagte zu ihnen: Ihr, warum weint
ihr? Sie sagten zu ihm: Sollen wir nicht weinen, wenn die Heiden, die
Götzendiener, die den Nichtsen opfern und vor Götzenbildern sich niederwerfen,
in Ruhe und Sicherheit dasitzen, während wir und das Haus des Fußschemels
unseres Gottes der Verbrennung durch Feuer preisgegeben sind und zur Wohnung
für die Tiere des Feldes dienen? Er sagte zu ihnen: Gerade deshalb habe ich
gelacht. Wenn er denen so tut, die ihn ärgern, um wie viel mehr wird er tun
denen, die seinen Willen tun? Ein anderes Mal gingen sie nach Jerusalem hinauf.
Sie gelangten zum Skopus und zerrissen ihre Kleider. Sie gelangten zum
Tempelberg und sahen einen Fuchs aus dem Allerheiligsten herauskommen. Sie
fingen an zu weinen, aber Rabbi Akiba lachte. Sie sagten zu ihm: Akiba, immer
setzest du uns in Erstaunen; denn wir weinen, und du lachst! Er sagte zu ihnen:
Und ihr, warum habt ihr geweint? Sie sagten zu ihm: Sollten wir nicht weinen
über einen Ort, von dem geschrieben steht: ‚Wenn ein Unberufener sich daran
macht, soll er getötet werden’ (4. Mose 1,51). Siehe, nun kommt sogar ein Fuchs
aus ihm heraus! Über uns erfüllt sich: ‚Darob ist unser Herz krank geworden,
darob sind unsere Augen trübe, dass der Berg Zion wüste liegt, dass Füchse
darauf streifen’ (Klgl 5,17f.). Er sagte zu ihnen: Gerade darum habe ich
gelacht. Siehe, es heißt: ‚Und bestelle mir glaubwürdige Zeugen, Uria, den
Priester, und Sacharja, den Sohn Jeberechjas’ (Jer 8,21). Und hat etwa Uria
etwas zu schaffen bei Sacharja? Was sagte Uria? ‚Zion wird zum Acker gepflügt
werden, und Jerusalem wird zum Steinhaufen werden, und der Tempelberg zur
Waldhöhe’ (Jer 26,18). Was sagte Sacharja? ‚So spricht der Herr der Heere: Noch
kommt die Zeit, da Greise und Greisinnen [wieder sitzen auf den Plätzen
Jerusalems]’ usw. ‚die Plätze der Stadt [sollen voll sein von Knaben und
Mädchen, die dort spielen]’ usw. (Sach 8,4f.). Der Ort sprach: Siehe, da habe
ich diese beiden Zeugen: Wenn die Worte des Uria sich erfüllen, dann erfüllen
sich auch die Worte Sacharjas; und wenn die Worte Urias zunichte werden, dann
werden auch die Worte Sacharjas zunichte. Ich habe mich gefreut, dass sich die
Worte Urias erfüllt haben; denn am Ende wird auch die Erfüllung der Worte
Sacharjas kommen. Und auf dieses Wort hin sagten sie zu ihm: Akiba, du hast uns
getröstet!“ (Midrasch Sifre zu Deuteronomium, § 43; nach Bietenhard).
Diese Geschichte
bezieht sich nicht auf unsere Zornesprophetie in Jeremia 7. Aber sie stellt
fest, dass Prophetien der Zerstörung und des Untergangs Israels sich neben
Prophetien des Trostes finden. Wenn es sich herausstellt, dass
Zerstörungsprophetien Realität werden, gibt es Raum für große Zuversicht und
für Trostprophetien, für Prophetien der Hoffnung, die sich zweifellos
realisieren werden. Rabbi Akiba sieht nicht nur die Zerstörung, sondern das
gesamte Spektrum der Prophetien, die Israel von den verschiedenen Propheten im
Lauf von Generationen gegeben wurden. Die Zerstörung wird verstanden als ein
Teil der ewigen Beziehung Israels zu seinem Gott. In der Stunde des Zorns wird
die Strafe erkennbar, und zur Zeit des Wohlgefallens stellt sich mit Sicherheit
auch die Erlösung ein. Durch die Strafe infolge der Sünde entsteht Raum zur
Reue. Doch die Strafe ist nicht die Summe der Beziehungsvielfalt, im Gegenteil:
sie wird Teil des Reinigungsprozesses, der Israel besser macht. Daher ist die
Prophetie, mit der wir es hier zu tun haben, keine Besiegelung, sondern eine
Eröffnung. Sie lädt ein zur Änderung des Weges, sie zeichnet einen neuen Weg
vor. Die Weisen um Rabbi Akiba, die Großen der Generation von Javne, waren von
der Not getroffen, sie sahen nur den Untergang. Rabbi Akiba hingegen lacht. Er
sieht das Licht am Ende des Tunnels und erwartet die Erlösung.
Auch in unserem
Abschnitt muss man dieses Licht am Ende des Tunnels – das Versprechen der
Erlösung inmitten der Sprache des Zorns, die Zusicherung des Guten im Rahmen
einer Zerstörungsprophetie – zwischen den Zeilen herauslesen. Dies bedeutet,
die Bausteine für eine Hoffnung jenseits der schweren Zeit zu entdecken für
einen Bau, der anstatt des endgültigen Untergangs verspricht, dass es
weitergeht. Drei von ihnen seien im Folgenden hervorgehoben.
1. Die Prophetie
verwendet als kreatives literarisches Mittel andere biblische Texte und
ermöglicht es, innerhalb der Bibel selbst literarische und gedankliche
Verbindungen herzustellen. Wenn der Prophet sagt: „Bessert [hebr.: hetiv tetivu, also finale
Verbform, verstärkt durch inf. abs., der Wurzel tov im Hif’il] euer Leben und euer Tun“ (Jer 7,5), so ist aus
seinen Worten der Widerhall von Gottes Wort an Kain herauszuhören: „Meinst du
Gutes [tetiv], so kannst du frei den
Blick erheben. Meinst du aber nicht Gutes [lo
tetiv], ...“ (1. Mose 4,7). Gottes Worte an Kain sind die Aufforderung,
über die Mordgedanken, die ihm in den Sinn kommen, nachzudenken. Kain hört aus
diesen Worten eine Erlaubnis heraus, auf seinem Weg fortzufahren und seinen
Bruder zu töten. Aber die Geschichte Kains, die von der Auseinandersetzung mit
dem Gipfel der Bosheit, dem Brudermord, handelt, endet nicht mit der Bestrafung
Kains, sondern gerade mit der Barmherzigkeit Gottes. Gott findet einen Weg Kain
zu beschützen und ihm trotz seiner Sünde und trotz seiner Strafe die
Möglichkeit zum Weiterleben zu geben. Kain wird zur Heimatlosigkeit verurteilt,
doch baut er am Ende des selben Kapitels Städte und Musikinstrumente und lernt
Metalle zu bearbeiten. Die Strafe der Heimatlosigkeit ist da nichts anderes als
der Neubeginn einer verzweigten Kultur. Ebenso ist es hier mit dem Propheten.
Zwar beschreibt er Zerstörung und Exil – die Zerstörung des Tempels Gottes und
den Verlust des gelobten Landes -, aber er verweist in seiner Sprache auch auf
eine Lösung und auf die verschlungenen Wege Gottes. In den Tiefen des Exils ist
auch das Versprechen auf geistige und reale Wiederherstellung verborgen. Darum
erzählt auch die Geschichte, dass Rabbi Akiba gelacht und Wege des Trostes
gefunden habe.
2. Wenn der Prophet
von dem großen Zorn Gottes erzählt, lässt er vor den Hörern auch das
Beziehungsgeflecht zwischen Gott und Mose in der Wüste wieder erstehen. Der
Prophet erzählt, dass Gott ihn warnt: „Du aber sollst für dieses Volk nicht bitten
und sollst für sie weder Klage noch Gebet vorbringen, sie auch nicht vertreten
vor mir; denn ich will dich nicht hören“ (Jer 7,16). Dies erscheint wie das
absolute Ende des Weges und wie der Untergang ohne Aussicht auf Wiederkehr.
Aber, wie gesagt, hallen in diesen Worten die Worte Moses und Gottes in der
Wüste wider. In 4. Mose 11 wendet sich Mose vorwurfsvoll an Gott und bittet
ihn, ihn von seiner Aufgabe zu entbinden, da er dieses Volk nicht mehr tragen
könne (4. Mose 11,11-15). In seinen Worten erscheint der Begriff „tragen“ (hebr. masa) in seinen verschiedenen
Formen insgesamt vier Mal. Ebenso taucht er in Jeremias Worten in Jer 7,16 auf.
Im 4. Buch Mose nun gibt Gott Mose siebzig Älteste an die Seite (4. Mose
11,16), damit sie die Last erleichtern und es Mose möglich machen, den
furchtbaren Zorn Gottes und den eigenen zugleich zu überwinden (4. Mose 10,11).
Der Widerhall der Worte Moses in der Prophetie Jeremias bietet eine Lösung
jenseits des Zorns und jenseits der Sünde an. Der Tiefpunkt der Beziehungen
dient als Sprungbrett zum Aufbau einer neuen Lebensweise –, einer Lebensweise,
die es möglich macht, auf Gottes Weg zu wandeln.
Parallel dazu gibt
es in der Wüste eine weitere Geschichte, in der Gott selbst zu verzweifeln
scheint, während Mose über die Verbindung zwischen dem Volk und seinem Gott
wacht. Als die Kundschafter zurückkehren und schlecht über das Land Israel
reden, erzürnt Gott und schlägt Mose vor, dass er das ganze Volk umbringe und
die ganze Geschichte noch einmal von vorn beginne: „Ich will sie mit der Pest
schlagen und sie vertilgen und dich zu einem größeren und mächtigeren Volk
machen als dieses“ (4. Mose 14,12). Mose rechtet mit Gott, um Israel zu retten.
Er stellt Forderung um Forderung. Diese sind zwar nicht Teil unseres Themas
hier, aber uns interessiert das Modell, das Mose aufrichtet: ein Modell, das
die Möglichkeit des vollständigen und dauerhaften Untergangs ablehnt. Ja, Gott
zürnt, sogar mit großem Zorn. Aber die Verbindung zwischen Gott und seinem Volk
ist größer als jeder Zorn. Sie ist absolute Verpflichtung. Zwar wird das Volk
aufgerufen, seine Wege zu ändern, aber nie kommt es zu einem völligen
Beziehungsabbruch zwischen ihnen. Als Jeremia behauptet, Gott fordere von ihm,
nicht für das Volk zu beten, da wendet er das Modell des Mose an. Auch wenn der
Prophet da nicht wehklagt wie Mose, weist er doch mit seinen Worten auf die
Möglichkeit hin und lehnt gewissermaßen durch seine Rede jede Zornesprophetie
ab. Oder man muss vielleicht so sagen: Im Moment der Sünde entsteht Zorn, aber
für die Beziehung zwischen Gott und Israel gibt es ein Modell dafür, dass Zorn
nicht völlig destruktiv wird. Auch wenn Jeremia dies in seiner Prophetie
vergaß, so können doch wir als Hörer nicht anders, als die beiden Propheten
miteinander zu verbinden und zu verstehen, dass es jenseits des Zornes eine
große Barmherzigkeit gibt. Deshalb verwandelt sich derselbe Jeremia in anderen
Prophetien zum Trostpropheten. Und daher endet Jeremia 7 mit der schrecklichen
Drohung: „Und ich will in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems
wegnehmen den Jubel der Freude und Wonne und die Stimme des Bräutigams und der
Braut; denn das Land soll wüst werden“ (Jer 7,34), während der Prophet in
Jeremia 33,10-11 das Gegenteil ankündigt: „... wird man dennoch wieder hören
den Jubel der Freude und Wonne, die Stimme des Bräutigams und der Braut ...,
denn ich will das Geschick des Landes wenden, dass es werde, wie es im Anfang
war, spricht der Herr“ (Jer 33,11).
3. Im Vers 4 der
Prophetie fordert Jeremia: „Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen:
Hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn
Tempel!“ (Jer 7,4) Der große jüdische Kommentator Raschi bemerkt, dass die
dreimalige Wiederholung des Ausdrucks „Hier ist des Herrn Tempel“ eine
besondere Funktion erfüllt. In dem Moment, als der Prophet diese Worte spricht,
erscheinen ihm die drei Zeitstufen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. So
kehren also in der Tradition jüdischer Schriftauslegung dreifach gefaltet
Geschichten der Vergangenheit und Zukunft zusammen wieder. Die Gegenwart legt
sie aus im Spiegel der Vergangenheit und in der Hoffnung auf Zukunft. Der
Midrasch verleiht der dreifachen Wiederholung einen herausragenden Inhalt: „Nie
lässt Gott die Gerechten länger als drei Tage in Not“ (Midrasch Bereschit Rabba
91,7; Wünsche S. 449). Die dreimalige Wiederholung ist zweifellos Element des
Hauptrituals des Tempels, und man kann ihr in verschiedenen offiziellen
Zusammenhängen im Tempel begegnen. Aber jenseits der Amtlichkeit kommt der
dreifachen Wiederholung eine religiöse Bedeutung zu. Der dritte Tag verweist
wie die dreifache Wiederholung auf Erlösung, Versöhnung und göttliche Hilfe.
Das heißt, auch wenn der Prophet Feuer und Schwefel über Israel ausschüttet,
verwendet er die Sprache, die auf die Lösung hinweist. Seine Prophetie enthält
eine Komponente, die seine Hörer als Komponente der Hilfe und Erlösung
identifizieren können.
Ich fasse zusammen:
Wenn der Prophet zürnt, verschießt er Giftpfeile, fordert aber einen neuen Weg
der Hilfe für die Armen (Jer 7,5), des fairen Gerichts, der Geradheit und
Rechtschaffenheit gegenüber dem Schwachen (Jer 7,6) und des Gottvertrauens (Jer
7,6-9). Er droht, nicht um seine Prophetie Wirklichkeit werden zu lassen,
sondern um Israel auf den rechten, guten Weg auszurichten. In seine Worte
„faltet“ er Hinweise auf Hilfe, um zugleich zu schelten und zu ermutigen. Er
gibt Israel nicht auf, vielmehr bemüht er sich um Israel und sein Wohlergehen.
Auf Deutsch zitierte Quellen:
Bietenhard: Hans Bietenhard, Der tannaitische Midrasch Sifre
Deuteronomium, Bern u.a. 1984 (Judaica et Christiana; Band 8).
Wünsche: August Wünsche, Der Midrasch Bereschit Rabba, das ist die
haggadische Auslegung der Genesis, zum ersten Mal ins Deutsche übertragen,
Leipzig 1881.
Predigtmeditation für den 10. Sonntag nach
Trinitatis / Israelsonntag: Jeremia 7,1-15
mit Liturgie-Entwurf
1. Israelsonntag und 9. Av
Die relativ neue
Bezeichnung Israelsonntag bewahrt auch die traditionelle Bedeutung dieses Tages
als Gedenktag der Zerstörung des Tempels. Dieser Aspekt tritt im Predigttext
der V. Reihe der württembergischen Ordnung, Jer 7,1-15, wieder deutlich hervor.
Juden gedenken der Zerstörung am 9. Av, in diesem Jahr am 24. Juli. Er ist auch
ein besonderer Gedenktag für die Verfolgungen der Exilszeit – „alle waren ja
das Ergebnis und die Folge dieses bitteren Tags“ (Lau, S. 288). Der
Mischnatraktat Taanit 4,6 nennt fünf zu erinnernde Ereignisse, deren erstes bis
in die Mosezeit zurückreicht:
1. Nach der
Rückkehr der Kundschafter aus Kanaan und ihren abschreckenden Schilderungen des
Landes wurde das Volk böse auf Gott. In jener Nacht (eines 9. Av) wollte Gott
das Volk vernichten, doch Moses Fürbitte erwirkte die Verwandlung der Strafe in
eine vierzigjährige Wüstenwanderung (4. Mose 13-14). So würde die murrende
Generation das Land nicht mehr selbst betreten.
2. Der Tempel
Salomos wurde von den Babyloniern an einem 9. Av zerstört (586 v. Chr.; 2. Kön
25,8ff.).
3. Der Zweite
Tempel wurde von den Römern an einem 9. Av zerstört (70 n. Chr.).
4. Das Zentrum des
Bar-Kochba-Aufstands, die Stadt Beitar, fiel an einem 9. Av (135 n. Chr.).
5. Um die
Erinnerung an Israel völlig auszulöschen, änderten die Römer den Namen des
Landes Judäa in Palästina und den Namen der Stadt Jerusalem in Aelia Capitolina.
An einem 9. Av (136 n. Chr.) pflügten sie die Stadt Jerusalem um, um sie dem
Erdboden gleichzumachen. So erfüllte sich die Prophetie Michas aus Jeremia
26,18: „Zion wird umgepflügt zu Ackerland“.
Heute gedenken
Juden am 9. Av auch der Vernichtung der jüdischen Gemeinden im Rheinland am
Beginn der Kreuzzüge 1096, der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 und der
Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden 1939-1945.
Der 9. Av ist ein
gewichtiger Fasten- und Trauertag. Beim Abendgebet wird in der Synagoge das
biblische Buch der Klagelieder Jeremias auf dem Fußboden sitzend verlesen. Die
Toralesung nach dem Morgengebet erfolgt aus 5. Mose 4, die Prophetenlesung
(Haftara) aus Jeremia 8,1-9,22. Dann folgen mittelalterliche Klagelieder und
noch einmal die Klagelieder Jeremias. Am Nachmittag wird u. a. der Abschnitt
von Moses Fürsprache (2. Mose 32) vorgelesen und ins Achtzehnbittengebet eine
Bitte um Tröstung eingefügt. Fleisch und Wein dürfen erst wieder am Nachmittag
des 10. Av genossen werden. In Jerusalem verbringen Tausende die Nacht des 9.
Av an der Westmauer, dem letzten sichtbaren Rest des zerstörten Tempels. Auf
beeindruckende Weise wird Erinnerung zur Vergegenwärtigung.
2. Annäherung an den Predigttext
Chana Safrai stellt
in ihren Gedanken zu unserer Perikope in diesem Heft als erstes die
hermeneutische Frage an uns Christen. Wie gehen wir mit Schelt- und
Gerichtsreden alttestamentlicher Propheten um? Ich will die Frage erweitern:
Was nehmen wir uns für den Israelsonntag vor? Wie sprechen wir über das
Verhältnis von Christen und Juden, von Kirche und Israel? Welche Rolle spielt
Israel, wenn wir als Christen über uns selbst nachdenken? Welche Bedeutung hat
bei unseren Überlegungen unsere Vergangenheit?
Am 11. April 2007
besuchte der Rat der EKD Yad Vashem. Dort sagte der Ratsvorsitzende, Bischof
Wolfgang Huber: „Wir wollen die Stätten des Heils hier in Jerusalem und im
Heiligen Land nicht betreten, ohne zuvor die Stätte der Erinnerung an das
Unheil der Shoah aufzusuchen und unsere Herzen für diese Erinnerung zu öffnen.“
So möchte auch ich meine Bibel nicht öffnen, ohne zuvor mein Herz zu öffnen für
diese Erinnerung. „Die Wahrhaftigkeit in der Begegnung mit unserer Geschichte
ist der einzige Weg in die Zukunft, um aus Erinnerung Orientierung werden zu
lassen“, so Bischof Huber. „Auch in Zukunft stellt sich die evangelische Kirche
ihrer historischen Verantwortung, sie wird der erinnernden Wahrheit auch
weiterhin die Ehre geben. Sie wird deshalb an der tiefen Solidarität mit Israel
festhalten und sich an dem Mühen um Gerechtigkeit und Frieden nach Kräften
beteiligen.“ So möchte auch ich mich meiner Verantwortung stellen, aus
Erinnerung Orientierung werden lassen, indem ich den Israelsonntag zu einem Tag
der tiefen Solidarität mit Israel mache und mich an dem Mühen um Gerechtigkeit
und Frieden nach Kräften beteilige.
3. Beobachtungen am Text
Der Text im Kontext
Fischer (S.
287-304) nennt mehrere Argumente dafür, dass in Jer 7,1 ein neuer Abschnitt
beginnt: der Wechsel von Poesie zu Prosa, neue Leitwörter (wie schama – hören, makom – Ort), erstmaliges Erscheinen einer ganzen Reihe von
besonderen Redewendungen.
Mich fasziniert
besonders folgende Feststellung, die mich an Chana Safrais Ausführungen
erinnert:
In Jer 7,1
erscheint eine sehr besondere Wortereignisformel, die so nur noch in 11,1; 18,1
und 30,1 steht und das Jer-Buch in große Textblöcke gliedert. „Es scheint, daß
diese durch die gleiche Wortereignisformel eingeleiteten Texte eine innere Verbindung untereinander erhalten.
In den ersten drei geht Entscheidendes in die Brüche: in Jer 7 das falsche
Vertrauen auf den Tempel, in Kap. 11 der Bund, in Jer 18 ein Gefäß als Bild für
das Volk. Die Trostrolle (Kap. 30f.) heilt diese und andere Zerbrochenheiten in
der neuen Beziehung, die Gott ihm schenkt. Von daher erstellen die vier
speziellen Wortereignisformeln eine Kammlinie mit vier wie Gratpunkte
herausragenden Texten innerhalb von Jer.“ (Fischer, S. 294f.). Dass die in 7,1
beginnende Linie von Zerstörungen auf Wiederherstellung zuläuft, möchte ich als
Leitlinie für die homiletische Ausrichtung meiner Predigt festhalten.
Für die Predigt
lege ich den vollständigen Abschnitt Jer 7,1-15 zu Grunde. Die Verkürzung auf
7,1-11 „würde den Text ohne Not zu einem Torso machen“ (von der Osten Sacken,
S. 159).
Unser Textabschnitt
trägt traditionell die Bezeichnung Tempelrede. Jer 26 schildert eine ähnliche
(vielleicht die selbe) Rede Jeremias im Tempel samt den Turbulenzen, die sie
auslöst: eine Todesdrohung der Priester, Heilspropheten und des Volkes gegen
den Propheten und seine Rettung durch einen hohen Regierungsbeamten auf Grund
eines lange zurück liegenden Präzedenzfalls. Jer 26 legt eine Datierung des
Ereignisses auf das Jahr 609 v. Chr. nahe: König Josia ist gefallen, sein
Nachfolger Jojakim handelt gegen die josianische Reform (2. Kön 23,37), der
Prophet erhebt das Wort.
Jer 7,1-15 wirkt im
NT nach durch das Stichwort „Räuberhöhle“ in der Geschichte von der
Tempelreinigung Mt 21,13; Mk 11,17; Lk 19,46; anders Joh 2,16: „Kaufhaus“.
Zum Textabschnitt Jer 7,1-15
Die
historisch-kritische Forschung hat mehrere Bearbeitungen des Textes
identifiziert. Demnach lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, was auf den
Propheten selbst zurückgeht. Ich gehe für diese Predigtmeditation von der
kanonischen Endgestalt des Textes aus und halte nur mehr fest, dass diese
Endgestalt von Menschen erstellt wurde, die zurückblicken konnten auf die Zeit
des Propheten, auf die Erfüllung seiner Unheilsprophetie in der
Tempelzerstörung des Jahres 586 v. Chr. und auf den Wiederaufbau des Tempels
nach dem babylonischen Exil in den Jahren 520 – 515 v. Chr.
Mit Fischer (S.
293) gliedere ich unseren Text formal und
inhaltlich:
„V 1
Wortereignisformel
V 2-15 Anweisung an
Jeremia zur Verkündigung am Tempeltor
V 2a-c Auftrag an Jeremia
V 2d-7 Mahnungen und
Zuspruch an JHWH-Verehrer
V 8-11
Anklage der Übertretung des Dekalogs
und
der falschen Zuflucht im Tempel
V
12-15 Vergleich mit Schilo und Ankündigung der Entfernung“
Mit Christl Maier (S.
49f.) gliedere ich die fünf Kommunikationsebenen
des Textes:
V 1 Einleitung des
Erzählers
V 2a göttliche Handlungsanweisung an
den Propheten
V 2b-3aα von Gott
aufgetragene Anrede des Propheten an das Volk
V 3aβ-15
Wort Gottes ans Volk durch den Propheten
V
4b.10aβ Zitate, die dem Volk in den Mund gelegt werden
(3x
„Der Tempel des Herrn ...“ bzw. „Wir sind gerettet“)
V. 1: davar – Wort bzw. sprechen, im Text 7 Mal (VV. 2.4.8.13), bezeichnet hier das Wort
Gottes durch den Propheten Jeremia im Gegensatz zu den Lügenworten (VV. 4.8).
V. 2: ba – kommen, amad –
stehen und hischtachawe –
niederfallen sind Verhaltensweisen der Tempelbesucher (V. 10). Jeremia soll
sich ins Tempeltor stellen, wo sonst der Priester die Einzugsliturgie vollzieht
(Ps. 15; 24), und dort Gottes Wort ausrufen. Erstmals in Jer bekommt der
Prophet für einen Auftrag einen konkreten Ort genannt, erstmals sagt er dem
Volk Gottes Willen. Angeredet werden die Leute, die durch alle Tore einziehen,
ganz Juda (das Nordreich Israel wurde 722 v. Chr. zerstört).
V. 3: Die feierliche Botenformel nennt den Herrn der Heerscharen
und Gott Israels. Jisrael ist hier
Ehrenname und Gesamtheit des Volkes. Die eigentliche Rede beginnt mit einem Umkehrruf,
dem positiven Gebot, Wege und Taten zu bessern, und der Verheißung, dann „an
diesem Ort“ wohnen zu bleiben. Makom –
Ort kommt 5 Mal vor (VV. 3.6.7.12.14), dazu 3 Mal bajit – Haus (VV. 10.11.14), und zwar beides sowohl für Jerusalem
als auch für Schilo (V. 14).
V. 4: Das folgende Verbot nennt das Kernproblem beim Namen, um das
es geht: das falsche Vertrauen auf Lügenworte (selbe Formulierung V 8). Diese
machen in ihrer dreifachen Wiederholung einen starken, formelhaften,
liturgischen Eindruck (vgl. Jes 6,3: 3 Mal heilig; Jer 22,29: 3 Mal Land; Hes
21,32: 3 Mal Trümmer).
V. 5f.: Die Gebotsworte von V. 3b (Ruf zur Umkehr: „Bessert ...“)
werden konditional wiederholt, mit inf. abs. verstärkt (hetiv tetivu), um die Parallele „machen“ (ebenfalls mit inf. abs.: aso taasu) verdoppelt und damit auch
konkretisiert: macht Recht! Das Kommen, Stehen, Niederfallen und liturgische
Sprechen im Tempel ist Lüge, wenn es nicht verbunden wird mit dem Recht Tun im
zwischenmenschlichen Bereich, besonders im sozialen Verhalten gegenüber
Fremden, Waisen und Witwen. Das gilt vor allem Richtern. Der Vorwurf des
Blutvergießens richtet sich gegen die Führungsschicht (22,17 direkt gegen König
Jojakim), der des Götzendienstes („zum Bösen für euch!“) wieder gegen alle.
Gradwohl (S. 290)
beschreibt in Anlehnung an Abarbanel die Aufgaben eines Richters:
Verwirklichung eines „gerechten“ Urteils (5. Mose 1,16; 16,18 u. ö.), eines
„Rechts der Wahrheit“ (Sach 7,9), eines „Rechts des Friedens“ (Sach 8,16);
Unbestechlichkeit und Redlichkeit (2. Mose 18,21; 5. Mose 1,16f., 16,19f.),
Qualifikationen in Strafrecht, Erbrecht, Freikaufrecht, Armenrecht.
Der Schutz der
Fremden, Waisen und Witwen ist ein zentrales Gebot der Tora (2. Mose 22,20f.;
5. Mose 24,17; 27,19). Das Bedrücken (aschak)
ist (3. Mose 19,13) generell verboten.
Der Schutz des
Lebens (Verbot des Blutvergießens) erscheint ebenfalls mehrmals in der Tora (2.
Mose 20,13; 5. Mose 19,10; 21,8; 27,25).
V. 7: Nun macht Gott das Wohnen bleiben abhängig von der Erfüllung
dieser Bedingungen, und weitet den Ort aus, auf das es sich bezieht: nicht nur
der Tempel und die Stadt Jerusalem, sondern das ganze Land, das er den Vätern
auf ewig (formuliert in einmaliger Unbegrenztheit: „von Weltzeit auf Weltzeit
hin“) gegeben hat, wird betroffen sein. Das Land bleibt Gottes Eigentum, sein
Besitz an die Bedingung gerechten Lebens geknüpft.
V. 8: Die Worte aus dem Verbot von V. 4 werden nun in der
Feststellung der vollzogenen Zuwiderhandlung wiederholt. Die Lügenworte werden
als nutzlos disqualifiziert. Der Vers beginnt mit hinne – siehe, das Wort wird in V. 11 wiederholt. Es markiert
jeweils einen Einschnitt. Dazwischen kommt die Zornesprophetie zu ihrem
Höhepunkt. Es ergeht kein weiterer Umkehrruf.
V. 9: Sechs inf. abs. in Folge reihen die Vergehen auf. Sie alle
lassen sich direkt oder indirekt als Verstöße gegen die Zehn Gebote
identifizieren: Stehlen, morden, vergewaltigen, zur Lüge schwören, dem Baal
räuchern, anderen – nicht einmal bekannten! – Göttern nachlaufen. Auch bei den
Propheten bleibt die Tora der Maßstab für das Rechtverhalten. Das Fehlverhalten
führt zum Bruch der wichtigsten Beziehungen zu Menschen und zu Gott und zur
Annullierung der Reform Josias, die auf dem Fund des Deuteronomiums basierte.
V. 10: Als Rechtsbrecher stellen sich die Leute im Tempel vor Gott
hin – in große Nähe zu Gott – und sagen in der Meinung, ihr Opfer schaffe
Sühne: „Wir sind gerettet!“, um so ihre Verbrechen zu rechtfertigen. Die
konfrontierende Entlarvung ist vollständig und wirkungsvoll.
V. 11: „Der Tempel ist damit wahrlich zu einer ‚Räuberhöhle’ geworden, in der man sich geborgen und dem strafenden
Arm der Gerechtigkeit entzogen fühlt“ (Gradwohl, S. 294). Seiner Bestimmung
nach ist er das Haus, „über dem mein Name ausgerufen ist“ (VV. 10.11.14). Wie
in V. 9 macht die Fragepartikel ha-
auch V. 11 als Frage erkennbar: ist mein Haus in euren Augen zur Räuberhöhle
geworden? „Nun, ich sehe es genauso!“ Eine abschließende Spruchformel und eine Setuma (der allein stehende Buchstabe samech) markieren einen Einschnitt vor
der durch ihren ironischen Ton und radikalen Inhalt provokanten Gerichtsansage.
V. 12: Nun folgt, mit ki – ja
eingeleitet, die Aufforderung nach Schilo zu reisen. Dort, rund 30 km nördlich
von Jerusalem, stand ein Tempel, der von den Philistern nach archäologischem
Befund etwa 1050 v. Chr. zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde. Auch dort
hatte Gottes Name gewohnt, auch über jenes Haus war Gottes Name ausgerufen
worden (V. 14). Jetzt geht es nur noch darum zu sehen, was aus jenem Tempel
geworden ist, der in seiner Beschreibung die gleiche Wertigkeit einnimmt wie
der Tempel zu Jerusalem. Asiti lo – ich
habe ihm angetan sagt Gott nun über seine Zerstörung, wegen der Bosheit meines Volkes Jisrael. Die durch Götzendienst
erworbene Bosheit Judas war bereits in V. 6 festgestellt worden. Asa – tun wird hier erstmals mit Gott
als Subjekt erwähnt (weitere 2 Mal in V. 14), ansonsten fünf Mal vom Treiben
des Volkes (VV. 5.5.10.13 und 13 maasim
-Taten).
V. 13f.: Mit weata – und jetzt
eingeleitet, folgt zuerst noch einmal eine dreifache Begründung (diese Taten,
unermüdliches Reden und kein Hören, Rufen und keine Antwort), dann die
Ankündigung der Zerstörung des Tempels zu Jerusalem analog zur der des Tempels
von Schilo. Auch der Tempel wird dreifach beschrieben (Namensausrufung,
Vertrauen, Gabe an euch und eure Väter).
V. 15: Die Zerstörung des Tempels (und der Stadt Jerusalem und des
Landes Juda) ist verbunden mit der Exilierung meal panai – weg von meinem Angesicht. Hier wird die Analogie
gezogen zum ganzen Samen Ephraims, das ist das Nordreich Israel. Achichem – eure Geschwister nennt sie
Gott und stellt so – vermutlich ironisch – eine Solidarität in der Sünde und
Bestrafung her. Hier endet die Perikope. In V. 16 schließt sich Gottes Verbot
an Jeremia an, für das Volk zu bitten.
Zusammenfassung
Was Gott möchte,
ist keine von der Alltagsethik abgelöste Religion (Gradwohl S. 294f. mit
Verweis auf M. Buber). Sie wäre eine falsche Form der Frömmigkeit (Fischer, S.
287). Der Kult bzw. Kultort bietet keine Sicherheit an sich, lautet die
Botschaft Jeremias; in der überarbeiteten Endgestalt des Textes erscheint der
Prophet als Lehrer der Tora, „als Mahner auf der Grundlage herausragender
Gebote des Deuteronomiums“ (Maier, S. 91). Damit ist keine grundsätzliche
Ablehnung des Tempels verbunden, sondern die Kritik an einer Ausgestaltung des
Tempelkults ohne Beachtung der Tora (Maier, S. 90; Gradwohl, S. 295; von der
Osten-Sacken, S. 165). Für diese Kritik wird Jeremia angefeindet (Jer 26), aber
posthum rehabilitiert, da sich seine Prophetie bewahrheitet und der Tempel und
die Stadt Jerusalem zerstört sowie das jüdische Volk exiliert werden. Dies ist
den Bearbeitern des Jeremiabuches und auch heutigen Lesern bekannt. „Wenn aber
alles drei bereits geschehen ist, dann gewinnen alle Elemente in 7,3-15 in
ihrem Miteinander Sinn: Die Gerichtsankündigung wird zur Drohung, deren Ernst
geschichtlich ablesbar ist, Umkehrruf und Verheißung aber verlieren den
Charakter einer verlorenen Möglichkeit und werden zur aktuellen, offenen Anrede
an die, die die Rede in ihrem Heute vernehmen“ (von der Osten-Sacken, S. 171).
Heutige jüdische Auslegung erkennt: der Prophet „droht nicht, um seine
Prophetie Wirklichkeit werden zu lassen, sondern um Israel auf den rechten,
guten Weg auszurichten. Er gibt Israel nicht auf, vielmehr bemüht er sich um
Israel und sein Wohlergehen“ (Chana Safrai in ihrem Beitrag in diesem Heft).
4. Homiletische Entscheidungen
Die Predigt soll
„Wort Gottes an die Kirche in ihrem Verhältnis zu Israel“ sein, nicht „Wort der
Kirche an (das im Gottesdienst gar nicht vertretene) Israel“ (von der
Osten-Sacken, S. 158).
Ich schlage vor,
folgende Schritte auszuführen:
1. Am 24. Juli
begehen Juden auch in Württemberg den 9. Av. Sie gedenken der großen
Zerstörungen und Verfolgungen in ihrer Geschichte von der Mosezeit bis ins 20.
Jahrhundert. Besonders der beiden Zerstörungen des Tempels von Jerusalem.
2. Unser
Predigttext führt uns zurück in die Zeit Jeremias, der die Zerstörung des
ersten Tempels ankündigen muss. Der Text erscheint wie eine Zornespredigt, die
der Prophet im Tempel halten muss. Als die Katastrophe dann eingetreten war,
erkannte man, dass Jeremia Recht gehabt hatte und bewahrte seine Worte in der
Bibel auf bis heute. Hier passt das Ebach-Zitat (s. u. 5. Kontexte).
3. Nicht nur wir,
sondern auch Juden tun sich mit solchen Texten schwer. Beispiel: die Predigt
des Kibbuzniks Yudka (s. u. 5. Kontexte). Vergessen wollen ist menschlich. Aber
sich erinnern ist notwendig, um menschlich zu bleiben, um in der Humanität zu
wachsen.
4. Für das Volk
Israel hat die Erinnerung eine ganz entscheidende Funktion. Sie wird
ausgedrückt in Jeremias Mahnung: Bessert eure Wege und Taten! Wir hören mit
Schrecken, dass Jeremia vergeblich mahnte. Aber dadurch, dass seine Worte
überliefert wurden, bekommen sie für uns einen neuen Sinn: Zitat Osten-Sacken
(s. o. Zusammenfassung von 3.): „... Umkehrruf und Verheißung verlieren den
Charakter einer verlorenen Möglichkeit und werden zur aktuellen, offenen Anrede
an die, die die Rede in ihrem Heute vernehmen.“
5. Der Prophet
mahnt, die Frömmigkeit mit der Erfüllung von Gottes Willen im Alltag gegenüber
den Mitmenschen zu verbinden. Auch Jesus sagt: Gottesliebe und Menschenliebe
bedingen einander.
6. Das Volk Israel
erinnert sich an die Zerstörungen aber auch aus einem weiteren Grund: aus
Dankbarkeit für die Wiederherstellung. Sogar in einer so strengen Rede wie Jer
7,1-15 leuchten Trostlichter auf (siehe Beitrag von Chana Safrai).
7. Israel ist
getröstet, weil es immer wieder neu Gottes Treue erfährt. Dies ist für uns ganz
wesentlich: denn auch die Kirche lebt von der Treue Gottes (siehe die Erklärung
der württembergischen Landessynode zum Verhältnis von Christen und Juden vom 6.
April 2000, in diesem Heft).
8. Viele Juden und viele Christen glauben
auch in der Bewahrung des jüdischen Volkes, in seiner Rückkehr ins Land der
Väter und in der Gründung des Staates Israel ein Zeichen von Gottes Treue zu
erkennen. Unsere Landessynode hat 1988 erklärt: „Auf dem Hintergrund ihrer
jahrtausendelangen Leidensgeschichte teilen wir die Freude der Juden über die
Heimkehr ins Land der Väter und begreifen ihre Verbundenheit mit dem Staat
Israel. ... Als mit dem Volk Israel verbundene Kirche beten wir für den Frieden
im Nahen Osten und bitten alle am arabisch-israelischen Konflikt mittelbar und
unmittelbar Beteiligten, den Mut zu Verständigungs- und Aussöhnungsbereitschaft
nicht zu verlieren. Feindschaft, Misstrauen, Gewalt und Hass führen ins
Verderben. Nur die beharrliche Bemühung um Verständigung, Ausgleich und Frieden
kann den Völkern im Nahen Osten den Weg in eine gemeinsame Zukunft ebnen.“ (Die
Erklärung ist in diesem Heft vollständig abgedruckt.)
9. Wir sind als Kirche mittlerweile auch mit
palästinensischen Christen vielfältig verbunden. Unsere Gesprächspartner in Israel
und Palästina erwarten von uns aufmerksames Wahrnehmen, Einfühlung in ihre Lage
und konkrete Hilfe. Wir setzen uns für Verständigung, Ausgleich und friedliches
Zusammenleben von Israelis und Palästinensern ein.
10. Christen und
Juden kommen aus einer Wurzel. Sie gehen auf eine umfassende zukünftige
Erlösung zu. Sie sind jetzt getrennt, aber sie gehören zusammen und sollen das
Gemeinsame suchen, ohne die Unterschiede zu überspielen. So werden sie
entdecken, dass es ungleich mehr Verbindendes als Trennendes zwischen ihnen
gibt.
5. Kontexte
„In der explosiven
Kurzgeschichte Ha-Derasha – ‚Die
Predigt’ – des hebräischen Schriftstellers Haim Hazaz [1956, M. V.] findet eine
Versammlung im Kibbuz statt. Yudka, der bei solchen Gelegenheiten sonst nie
etwas sagt, überrascht alle Anwesenden, als er das Wort ergreift, um Gedanken
loszuwerden, die er nicht mehr für sich behalten kann. Er erläutert, anfangs
noch stockend, was ihn beschäftigt hat: ’Ich möchte feststellen’, sagte Yudka
mühsam mit leiser, angespannter Stimme, ‚dass ich gegen die jüdische Geschichte
bin. Ich würde es einfach verbieten, unseren Kindern jüdische Geschichte
beizubringen. Warum zum Teufel sollen wir ihnen von der Schande unserer
Vorfahren erzählen? Ich würde einfach sagen: Buben, seit der Zeit, als wir aus
unserem Land verbannt wurden, sind wir ein Volk ohne Geschichte. Die Stunde ist
vorbei. Geht Fußball spielen.’ ... Yudka, der gegen die jüdische Geschichte
ist, hat eine Vergangenheit, allerdings mit einer Lücke von nahezu zwei Jahrtausenden.
Für ihn ist das Rad der Geschichte beim Fall von Massada im 2. Jahrhundert
stehengeblieben, um sich im späten 19. Jahrhundert bei der Rückkehr nach Zion
wieder in Gang zu setzen. Die Ereignisse dazwischen sind ein Alptraum, den man
am besten vergißt.“
Yosef Hayim Yerushalmi, ZACHOR: Erinnere
Dich! Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis, Berlin 1988, S. 103f., 105.
„Viele der Texte
der hebräischen Bibel sind gleichsam durch die Niederlage von 587/6
hindurchgegangen. Ohne diese Niederlage, ohne diese Erinnerungs- und
Trauerarbeit gäbe es nach aller Wahrscheinlichkeit keine Bibel.“
Jürgen Ebach, Die Niederlage von 587/6 und
ihre Reflexion in der Theologie Israels, in: Einwürfe 5, München 1988, S. 71.
„Ich will mit allen Völkern ein Ende machen,
unter die ich dich zerstreut habe, aber mit dir will ich nicht ein Ende machen“
Jeremia 30,11.
„Das Volk Israel
wird das Volk Gottes bleiben, in Ewigkeit, das einzige Volk, das nicht vergehen
wird, denn Gott ist sein Herr geworden, Gott hat in ihm Wohnung gemacht und
sein Haus gebaut.“
Dietrich Bonhoeffer, Bibelarbeit über König
David (1936), D. Bonhoeffer Werke, München 1986-1999, Bd. XIV, S. 894.
„Den Christen
fehlen die Juden. Dieses Fehlen hat sich auf die Entwicklung der christlichen
Theologie in einem so tiefgreifenden Maße ausgewirkt, wie es hier auch nicht
andeutungsweise dargestellt werden kann. Es hatte außerdem eine ähnliche
Wirkung wie das umgekehrte Fehlen bei den Juden: nämlich die Separation der
Religion vom praktischen Alltagsleben, besonders vom Gesellschaftsleben, die
Trennung des Sonntags vom Werktag, die Verselbständigung des Profanen vom
Gotteswillen, unterstützt durch die individualisierende und spiritualisierende
Tendenz der christlichen Verkündigung. Im speziell theologischen Bereich sieht
man das am Eindringen außerbiblischer Denkweisen, schon in der altkirchlichen
Dogmenbildung, und im Verständnis des Glaubens als ein Fürwahrhalten. Wo man
diese Gefahr erkannte und das biblische Glaubensverständnis wiederzugewinnen
versuchte (z. B. bei Martin Luther,
Albrecht Ritschl, Wilhelm Herrmann, Rudolf Bultmann), drohte Glauben in den Bereich der inneren Gesinnung
eingeschlossen und auf seine Trostbedeutung verengt zu werden; das Verhältnis
von Glauben und Tun, das immer eine Stärke des Judentums war, wird unsicher, es
droht gelöst zu werden.“
Helmut Gollwitzer, Befreiung zur
Solidarität. Einführung in die Evangelische Theologie, München 1978, S. 138.
„Christen haben im Dialog mit dem Judentum
gelernt, die wechselseitige Beziehung zwischen Theologie und Glaubenspraxis
ernster zu nehmen. Sie beginnen nach Auschwitz zu erkennen, dass sowohl die
Sprache als auch das Handeln Kriterien für die Wahrhaftigkeit von Theologie
sind. Diese Umkehr im Denken muss sich in einer veränderten Praxis bewähren.“
Christen und Juden III (2000), in: Christen
und Juden I-III. Die Studien der Evangelischen Kirche in Deutschland 1975-2000,
Gütersloh 2002, S. 213 (Abschnitt „5.7 Vor neuen Aufgaben“).
„Juden und Christen sind, was ihre ‚urzeitliche’ Herkunft und ihre
endzeitliche Zukunft angeht, eine Religion. Sie sind gegenwärtig, ihren
geschichtlichen Manifestationen nach, zwei Religionen. Die Einheit am Anfang
und am Ende ist Glaubensgegenstand oder Teil des Glaubens, die Zweiheit ist
geschichtliches Faktum und wohl auch geschichtlich nicht aufhebbar. Ein
wesentlicher Teil unserer theologischen, seelsorgerlichen, pädagogischen
Aufgabe wird darin bestehen, dies beides – die geglaubte Einheit und die
geschichtliche Zweiheit beider Religionen – ins rechte Verhältnis zueinander zu
setzen.“
von der
Osten-Sacken, Peter, Zum gegenwärtigen Stand des christlich-jüdischen Dialogs
und seinen Perspektiven, in: Rainer Kampling, Michael Weinrich (Hg.),Dabru emet
– redet Wahrheit. Eine jüdische Herausforderung zum Dialog mit den Christen,
Gütersloh 2003, S. 212.
6. Literatur
Fischer, Georg,
Jeremia 1-25, Freiburg 2005 (HThKAT).
Gradwohl, Roland,
Bibelauslegung aus jüdischen Quellen Bd. 3: Die alttestamentlichen Predigttexte
des 5. Jahrgangs, Stuttgart 1988.
Huber, Wolfgang,
Nur durch die Wahrheit wird aus Erinnerung Orientierung. Grußwort am 11.4.2007
in Yad Vashem, www.ekd.de.
Lau, Israel M., Wie
Juden leben. Glaube, Alltag, Feste, Gütersloh 1988.
Maier, Christl,
Jeremia als Lehrer der Tora. Soziale Gebote des Deuteronomiums in
Fortschreibungen des Jeremiabuches, Göttingen 2002 (FRLANT; 196).
von der
Osten-Sacken, Peter, Der Friedensstörer. Exegese von Jeremia 7,1-11(12-15), in:
Raupach, Wolfgang (Hg.), Weisung fährt von Zion aus, von Jerusalem seine Rede.
Exegesen und Meditationen zum Israel-Sonntag, Berlin 1991, S. 157-174.
Meine
ausformulierte Predigt von 2001 steht – wie die gesamte Handreichung zum
Israelsonntag – nach wie vor im Internet: http://www.kloster-denkendorf.de/predigthilfe_israelsonntag_2001.htm.
7.
Liturgieentwurf
Eingangslied
EG 665,1-4 Gelobt sei deine Treu
Gruß
Im Namen Gottes,
der Himmel und Erde geschaffen hat,
der Israel zu
seinem Volk erwählt hat und ihm die Treue hält,
der in dem Juden
Jesus, dem gekreuzigten und auferstandenen Christus, Menschen zu sich ruft,
der durch den
Heiligen Geist Kirche und Israel gemeinsam zu seinen Zeugen und zu Erben seiner
Verheißung macht.
Amen.
Begrüßung
„Wohl dem Volk,
dessen Gott der Herr ist, dem Volk das er zum Erbe erwählt hat.“ Mit dem
Wochenspruch aus Psalm 33,12 grüße ich Sie herzlich am heutigen Israelsonntag.
Traditionell ist dies der christliche Gedenktag an die Zerstörung des Tempels
in Jerusalem durch die Römer 70 n. Chr. In den jüdischen Gemeinden wurde der
entsprechende Trauertag, der 9. Av, am 23./24. Juli 2007 begangen. Am
Israelsonntag erinnern wir uns daran, dass Gott Israel aus Liebe zu seinem Volk
erwählt hat und dass er diesem Volk ewig treu ist. Wir bedenken unsere
unlösliche Verbundenheit mit dem Volk Israel und loben Gottes Barmherzigkeit.
Psalm
Wir beten im Wechsel
einen Psalm Israels: Psalm 100 (EG 740, Wochenpsalm)
Eingangsgebet
Herr der Welt,
du hast dir das
Volk Israel zu deinem Eigentum erwählt.
Du hast ihm deine
Weisung zum Leben gegeben und begleitest seinen Weg in tiefem Erbarmen.
Nach deinem Willen
ist Israel dein Zeuge unter den Völkern.
Gib, dass wir das
mit Dank erkennen und achten.
Lass unsere
Einsicht Israel und uns zum Frieden dienen
durch Jesus
Christus, den du im heiligen Geist gesandt hast, Frieden zu verkündigen.
Amen.
(Nach: Lobe mit
Abrahams Samen, Heppenheim 1995, S. 40 / M 36)
Stilles Gebet und
Votum
Schriftlesung
Johannes 4,19-26
Wochenlied
EG 290,1.3-4.6-7
Nun danket Gott, erhebt und preiset
Predigt
Jeremia 7,1-15
Lied nach der
Predigt
EG 133,3.5-8 Zieh
ein zu deinen Toren
Fürbitten
mit gesungenem
Agios o theos EG 185.4
Lasst uns voll
Hoffnung zu Gott beten:
Für Christen und
Juden,
dass sie sich
begegnen und einander vertrauen können,
dass Wunden und
Verletzungen, die Christen Juden zugefügt haben, heilen,
dass Schuld ernst
genommen und nicht verdrängt wird,
lasst uns zu Gott
rufen: Agios o theos.
Für den Staat
Israel, alle seine Bewohner, Nachbarn und Bedränger,
dass sie auf Gewalt
verzichten, das Gespräch suchen und Misstrauen abbauen,
dass niemand mehr
um sein Leben fürchten muss
und dass ein
gerechter Frieden in diesem Teil der Welt gefunden wird,
lasst uns zu Gott
rufen: Agios o theos.
Für die
Überlebenden der Judenverfolgungen,
die bis heute
gezeichnet und von Erinnerungen gequält sind wegen des erlittenen Grauens,
dass sie Linderung
finden für ihren Schmerz
und dass sie und
ihre Nachkommen Frieden für ihre Seelen finden,
lasst uns zu Gott
rufen: Agios o theos
Für alle, die das
Volk Israel noch immer verachten,
dass sie zur
Erkenntnis der Wahrheit finden, dass die Juden die Geliebten Gottes sind, Licht
der Völker, Mittler von Segen und Heil;
für alle, die
schuldig geworden sind an Juden,
dass sie ihr Tun
bereuen und umkehren,
lasst uns zu Gott
rufen: Agios o theos
(Nach
Gebetsvorlagen aus den Evangelischen Kirchen von Hessen-Nassau und
Kurhessen-Waldeck)
Vaterunser
Schlusslied
EG 302,2.8 Du, meine Seele, singe
Bekanntgaben
Segensbitte
Ose Schalom
Bimromaw / Der Frieden gibt in den Höh’n (Liedblatt, siehe Denkendorfer
Handreichung zum Israelsonntag 2004, letzte Seite. Auch in: „Wo wir dich loben,
wachsen neue Lieder“ Nr. 17)
Aaronitischer Segen
und dreifaches Amen
Zur aktuellen Lage in und um Israel (April
2007)
Dies ist ein sehr geraffter Versuch, die aktuelle
Lage im Nahostkonflikt darzustellen. Er wird sicher nicht alle Leserinnen und
Leser zufrieden stellen. Erlauben Sie mir daher einen Rat: Wenn Sie dieses
Thema Ihrer Gemeinde nahe bringen möchten, so tun Sie das bitte im Rahmen einer
Vortrags- und Gesprächsveranstaltung, nicht in der Predigt am Israelsonntag,
denn das Thema ist sehr komplex. Versuchen Sie lieber, dem Predigttext gerecht
zu werden und für den Frieden zu beten.
Der Libanonkrieg
des vergangenen Sommers brachte eine neue Situation im Nahen Osten ans Licht,
die sich seit längerem angebahnt hatte: der israelisch-arabische Konflikt wurde
zu einem israelisch-iranischen ausgeweitet. Der Iran versuchte seit Jahren
Israel zu bedrohen, bislang meist rhetorisch. So erregte 2000 Rafsandschanis Bemerkung
Besorgnis, mit zwei Atombomben auf Haifa und Tel-Aviv sei der Nahostkonflikt
erledigt. Rafsandschani galt im Westen gegenüber Achmedinedschad als der
gemäßigte Kandidat bei den Präsidentenwahlen. Iranische Kriegsrhetorik und
antisemitische Propaganda sind Mittel zum Hauptzweck, nämlich regionale
Großmacht zu werden. Dazu gehören auch Atomwaffen, obwohl der Iran dies
offiziell abstreitet.
Iran hatte die
libanesische Hisbollah mächtig gemacht und Einfluss auf die palästinensische
Hamas gewonnen. Sie alle verbindet ihr aggressiver antisemitischer Islamismus,
ihre ideologische Herkunft von den Muslimbrüdern. Im iranischen Auftrag hatte
die Hisbollah den größten antisemitischen Anschlag außerhalb Israels verübt:
1994 auf das jüdische Gemeindezentrum von Buenos Aires mit 85 Toten und über
300 Verletzten. Die argentinische Staatsanwaltschaft macht Hashemi
Rafsandschani persönlich für den Bombenanschlag verantwortlich. Der abstoßende
Antisemitismus der Hamas ist für alle Welt in der Hamas-Charta im Internet nachlesbar.
Ein Ziel dieser vom Iran angeführten Allianz ist die völlige Vernichtung
Israels. Ein weiter gehendes Ziel ist die islamistische Vorherrschaft in der
arabischen Welt, um dann die islamistische Weltherrschaft anzustreben. Diesem
Ziel dient auch die Verfälschung der Geschichte etwa durch die Leugnung des
Holocaust. Da die USA bis in wenigen Jahren mit potenziellen iranischen
Atomraketenangriffen rechnen, bemühen sie sich zurzeit um den Aufbau eines
Raketenabwehrschirms in Osteuropa.
Auch die arabischen
Regime sehen die iranischen Bestrebungen mit Sorge. König Abdullah von
Jordanien warnte während des Libanonkrieges vor einem islamistischen
schiitischen Halbmond innerhalb des mehrheitlich sunnitischen arabischen
Halbmonds, der, durch den Iran gestützt, vom Gazastreifen über den Libanon in
den Irak reiche und die nicht islamistischen arabischen Regime bedrohe. Aus
diesem Grund waren sogar verständnisvolle arabische Reaktionen auf die heftige
israelische Gegenwehr gegen die Hisbollahangriffe vom Juli 2006 zu hören.
Bei Ausbruch der
Feindseligkeiten hatte die Hisbollah vom Iran, vorwiegend über Syrien, bereits
etwa 15.000 Raketen erhalten. Die Hisbollah bildet im Libanon einen Staat im
Staate. 40 Millionen Dollar monatliche Unterstützung aus dem Iran versetzen sie
dazu in die Lage. Nach dem von der UN bestätigten vollständigen einseitigen
Abzug der israelischen Armee unter Ministerpräsident Barak im Jahr 2000 war der
Südlibanon eine praktisch waffenfreie Zone. Doch die libanesische Armee, die
die Kontrolle über den Südlibanon bereits Ende der 1960er Jahre (!) an die PLO
verloren und seither nicht wieder zurück gewonnen hatte, war auch jetzt zu
schwach. Sie ließ es zu, dass die islamistische Privatorganisation sich des
Gebiets bemächtigte und es mit dem Iran im Rücken für einen Krieg gegen Israel
aufrüstete. Sechs Jahre lang kam es immer wieder zu kleineren Angriffen der
Hisbollah gegen Israel. Die UN warnte den Libanon und die Welt 2004 in ihrer
Resolution 1559 vor dem entstehenden Gefahrenpotenzial, verlangte den Abzug der
syrischen Besatzungsmacht und wies die Regierung in Beirut an, die Hisbollah zu
entwaffnen und den Südlibanon wieder unter Regierungskontrolle zu bringen.
Die Regierung
handelte nicht. Sie wäre das Risiko eines Bürgerkrieges eingegangen. Der letzte
Bürgerkrieg im Libanon, 1975 vor allem auf Grund der Destabilisierung des
empfindlichen politischen Kräfteverhältnisses durch die PLO verursacht, dauerte
eineinhalb Jahrzehnte und forderte nach Schätzungen zwischen 170.000 und
270.000 Menschenleben. Der Bürgerkrieg wurde von Syrien beendet, doch Syrien,
das den Libanon beansprucht und nicht als souveränen Staat anerkennt, hielt den
Libanon besetzt, bis es auf Grund des Drucks der USA 2004 seine Soldaten abzog.
Die Alternative zum
Bürgerkrieg wäre eine internationale Intervention im Libanon gewesen. Doch
hätte es die UNO, die Klärung der völkerrechtlichen Fragen vorausgesetzt,
schwer gehabt Staaten zu finden, die dazu bereit gewesen wären. Ausländische
Truppen hätten mit massiver Gegenwehr der Hisbollah und hohen eigenen,
gegnerischen und zivilen Opfern rechnen müssen, außerdem wären sie als fremde
Invasoren angeprangert worden.
So blieben alle
Verantwortlichen passiv, während die Bedrohung gegen Israel täglich wuchs.
Israel hatte seit seinem Rückzug 2000 die libanesische Grenze respektiert und
nicht verletzt. Am 12. Juli 2006 griff die Hisbollah militärische und zivile
Ziele in Nordisrael mit Raketen an und tötete eine Person. Etwa eine Stunde
nach Beginn der Raketenangriffe entdeckte die israelische Armee das Fehlen
einer Grenzpatrouille. Man fand acht ermordete Soldaten und Hinweise darauf,
dass zwei Überlebende entführt worden waren. Daraufhin befahl die israelische
Regierung den Gegenangriff auf die Hisbollah. Völkerrechtlich gesehen, hatte der
Libanon Israel angegriffen. Israel betonte jedoch, nicht Krieg gegen den
Libanon zu führen, sondern allein gegen die Hisbollah. Nachdem weder die
libanesische Regierung noch die UNO bereit gewesen waren, die Resolution 1559
durchzusetzen, sondern alle Welt zusah, wie Iran und Hisbollah Israel einen
Krieg aufzwangen, waren die Kriegsziele Israels klar begrenzt: Befreiung der
entführten Soldaten und Umsetzung der UN-Resolution 1559. Hätte Israel auf die
Hisbollah-Angriffe vom 12. Juli 2006 zurückhaltend reagiert, wäre die große
Konfrontation dennoch unausweichlich gewesen, zu jedem späteren Zeitpunkt wegen
der weiteren massiven Aufrüstung der Hisbollah mit iranischen Raketen jedoch
noch viel verheerender geworden. Die Angriffe gegen Israel waren völkerrechtlich
ein klarer Kriegsgrund. Dennoch wurde Israel als der Aggressor dargestellt,
auch in Deutschland, auch in kirchlichen Kreisen. Nur zur Erinnerung:
Deutschland hatte 1870/71, 1914-18 und 1939-45 Kriege geführt, die alle auf
Grund wesentlich geringerer, 1939 sogar selbst konstruierter, Anlässe aus
reinen Macht- und Expansionsgelüsten begonnen wurden. Nie war Deutschland in
seiner Existenz bedroht. Häufig wird in großer Naivität darauf verwiesen, dass
die Hisbollah auch eine sozial-karitative Organisation sei. Die Hisbollah ist
eine totalitäre Gruppe, die die Menschen vollständig unterwerfen und abhängig
machen möchte. Dazu ist ihr jedes Mittel recht. Ihre sozialen und medizinischen
Einrichtungen sind häufig als Tarnung und Schutzschilde über Raketenbunkern und
Waffenlagern errichtet. Ihre Kämpfer missbrauchten systematisch die
südlibanesische Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde.
Nach vier Wochen
Krieg wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Die libanesische Armee rückte
erstmals seit 38 Jahren wieder an ihre südliche Grenze vor. Sie wurde verstärkt
durch 15.000 Soldaten der UN-Friedenstruppe. Diese sollte die Hisbollah
entwaffnen und den Waffennachschub unterbinden. Beides wurde bis heute nicht
erreicht, da die Friedenstruppe die militärische Auseinandersetzung mit der
Hisbollah scheut. So bleibt die Gefahr für Israel bestehen, sie wird jedoch
dadurch abgeschwächt, dass die Hisbollah im Südlibanon nicht mehr schalten und
walten kann wie sie möchte und dass sie die Grenze nicht mehr verletzen kann.
Auch die beiden entführten israelischen Soldaten sind bis heute nicht frei. Die
Bilanz des Krieges ist erschütternd. Im Libanon starben über tausend
Zivilisten, in Israel vor allem wegen des besseren Luftschutzes wesentlich
weniger, rund hundert. Israel verlor sechzig Soldaten und tötete nach eigenen
Angaben etwa siebenhundert Hisbollah-Kämpfer. In beiden Ländern flohen jeweils
etwa eine Million Menschen vor den Kämpfen. In beiden Ländern wurden tausende
Häuser zerstört oder beschädigt, im Libanon wesentlich mehr als in Israel, da
die Hisbollah ihre Stützpunkte häufig in bewohntem Gebiet errichtet hatte und
von dort aus rund 5.000 Raketen wahllos ungelenkt nach Israel abschoss. Dort
wurde auch ein großer Teil der militärisch relevanten Infrastruktur zerstört oder
beschädigt. Die ökologischen Schäden sind in beiden Ländern immens: im Hafen
von Beirut kam es zu einer Ölpest, in Galiläa ist durch mehr als vierhundert
von Hisbollah-Raketen ausgelöste Waldbrände rund ein Viertel des Waldbestandes
vernichtet worden. Bis die Wälder wieder so erstehen, wie sie vor dem Krieg
standen, wird es sechzig Jahre dauern.
In Israel
entbrannte eine heftige Diskussion um richtige oder falsche Entscheidungen im
Zusammenhang mit der Kriegführung, in deren Verlauf der Generalstabschef ausgewechselt
wurde. Folgenschwerer ist jedoch die gedrückte Stimmung in der israelischen
Gesellschaft nach diesem Krieg. Viele Israelis fürchten wegen der anhaltenden
iranischen Bedrohung um die Existenz ihres Staates und ihrer selbst.
Der Libanonkrieg drängte
den bewaffneten Konflikt im Gazastreifen in den Hintergrund. Israel hatte nach
der Entführung eines Soldaten durch die Hamas Teile des Gazastreifens besetzt
und Hamas-Aktivisten, die es für die Entführung haftbar machte, verhaftet oder,
bei Gegenwehr, getötet. Auch dieser Soldat ist bis heute in den Händen seiner
Entführer. In Gaza entzündete sich ein offener innerpalästinensischer
Machtkampf zwischen Hamas und Fatah, dem rund zweihundert Menschen zum Opfer
fielen. Hintergrund ist die internationale Isolation der Palästinenser nach dem
Wahlsieg der Hamas. Die Hamas kämpft für die Vernichtung Israels, sie erkennt
Israel nicht an und lehnt sämtliche zwischen Israel und der palästinensischen
Vorgängerregierung geschlossenen Abkommen ab. In den knapp zehn Monaten
zwischen dem einseitigen Rückzug Israels aus Gaza und der Rückkehr israelischer
Truppen nach der Entführung von Gilad Shalit hatte die Hamas mehr als
sechshundert Raketen auf israelischen Staatsgebiet geschossen. In dieser
Situation nehmen sich Forderungen, die Hamasregierung anzuerkennen und die
internationale Ächtung zurückzunehmen, als realitätsfremd aus.
„Friedensverhandlungen sind Zeitverschwendung“, heißt ein Punkt der
Hamas-Charta. Dies erklärt zu einem großen Teil den Stillstand in den israelisch-palästinensischen
Beziehungen.
Unter deutscher
EU-Ratspräsidentschaft kam aktuell wieder Bewegung in die Nahostsituation. Die
arabische Liga erinnerte an den mehrere Jahre alten saudiarabischen
Friedensplan, Israel zeigte sich an Gesprächen interessiert. Die Positionen
liegen zwar weit auseinander, aber in Verhandlungen könnte man sich eventuell
annähern. Der Hintergrund: Die westlich orientierten arabischen Staaten möchten
den Einfluss des Iran zurückdrängen und einen denkbaren iranisch-israelischen
oder iranisch-amerikanischen Krieg abwenden. Bislang haben nur Ägypten und
Jordanien Frieden mit Israel geschlossen, andere arabische Staaten wollen, so
scheint es, folgen. Die Palästinenserfrage scheint bei diesen Ansätzen eine
Nebenrolle zu spielen. Der Einfluss des Iran auf die unmittelbaren Gegner
Israels könnte deutlich geschwächt werden, wenn es gelänge, Israel und Syrien
zu einem Friedensabkommen zu bewegen. Zwei Szenarien finden sich in den Medien:
ein rascher Friedensschluss, der durch geheime Verhandlungen vielleicht sogar
schon weit gehend vorbereitet ist – oder eine Neuauflage des Hisbollahkrieges,
dann aber mit Beteiligung Syriens.
Israels
wirtschaftliche Situation hat sich seit der Intifada dramatisch verbessert,
daran konnten auch die militärischen Auseinandersetzungen des vergangenen
Sommers nichts ändern. Israel hat die höchste Wachstumsrate der westlichen
Industriestaaten. Die innere Sicherheitslage ist durch den Bau der
Terrorabwehranlage aus Zaun und Mauer, durch engmaschige Kontrollen und
effektive Geheimdiensttätigkeit so entspannt, dass auch die Touristenströme
wieder anschwellen. Die Lage der Palästinenser ist sehr schlecht. Das Stocken
des Osloprozesses ließ sie in zerstückelten Gebieten zurück, die so genannte
Al-Aksa-Intifada war politisch ein gewaltiger Fehler, militärisch ein
Fehlschlag und wirtschaftlich ein Desaster. Die Wahl der Hamas brachte die
Einschränkung demokratischer Freiheiten, verschärfte die Auseinandersetzungen
im Inneren und bescherte den Palästinensern eine internationale Blockade. Die
israelische Siedlungstätigkeit im Westjordanland ist ungebrochen. Je länger
eine Regelung des Konflikts hinausgeschoben wird, desto nachteiliger ist dies
für die Palästinenser.
Grundlage für jedes
Friedensszenario ist – übrigens schon seit 1937 – eine Zweistaatenlösung.
Wesentliche Eckpunkte wurden in Camp David und Taba bereits verhandelt, jedoch
ohne verbindliches Ergebnis. Die Genfer Privat-Initiative hat gezeigt, wie ein
Kompromiss aussehen könnte, das Papier ist vernünftig, hat aber keinerlei
offiziellen Status. Der saudiarabische Friedensplan enthält Punkte, die Israel
nicht akzeptieren kann, wie das reale Rückkehrrecht aller palästinensischer
Flüchtlinge, über die es aber offenbar bereit ist zu sprechen. Sowohl Israel
als auch die Fatah und Palästinenserpräsident Abbas haben die Roadmap als
Grundlage für künftige Verhandlungen anerkannt. Das größte Hindernis für
weitere Fortschritte ist die ungebrochene Macht der Feinde jeder
Friedensverhandlungen und -regelungen, allen voran der Hamas. Erst nach einer
politischen Neutralisierung der Extremisten haben Pragmatiker eine Chance zum
Kompromiss.
Dokumentation
Die drei
Erklärungen der württembergischen Landessynode zum Verhältnis von Christen und
Juden aus den Jahren 1988, 1992 und 2000
Verbundenheit
mit dem jüdischen Volk
Erklärung der Evangelischen Landeskirche in
Württemberg zum 50. Jahrestag des Judenpogroms „Reichskristallnacht“ am 9.
November 1938
Erklärung des
württembergischen Oberkirchenrats und der Württembergischen Landessynode vom
15. September 1988
Die Beziehung zwischen den Juden als dem
Volk Gottes und der Kirche Jesu Christi beschreibt der Apostel Paulus mit dem
Bild des Ölbaums und den eingepfropften Zweigen: „Nicht du trägst die Wurzel,
sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,18). Gleichzeitig warnt er seine
heidenchristlichen Brüder vor Überheblichkeit.
1. Geschichtliche Entwicklung und
christliche Schuld
Die Mahnung des Apostels geriet schnell in Vergessenheit.
Statt des gemeinsamen Wurzelgrunds begannen Distanz und Ablehnung das
Verhältnis zu prägen.
In den fast 2000 Jahren ihres Exils unter
christlichen Völkern waren die Juden Vorurteilen, Verleumdungen,
gesellschaftlicher Isolierung und Verfolgungen ausgesetzt. Durch die Geschichte
des christlichen Abendlandes zieht sich eine unheilvolle Spur von
Judenfeindschaft. Sie endete auch nicht, als im 19. Jahrhundert in den meisten
europäischen Staaten die Juden gleichberechtigte Bürger wurden. Gegen den
Judenhass und die Hetzpropaganda des Dritten Reiches formierte sich darum kein
nachhaltiger geistiger Widerstand. Als im November 1938 in der später
verharmlosend so genannten „Reichskristallnacht“ Synagogen angezündet, jüdische
Geschäfte geplündert und demoliert, jüdische Mitmenschen schändlich
misshandelt, gefangen genommen und in Konzentrationslager verschleppt wurden,
blieb bis auf wenige Ausnahmen jeder öffentliche Protest aus. Auch die Kirchen
waren weithin sprachlos und blind.
Als Christen leiden wir unter der schweren
Last dieser Vergangenheit. Wir erkennen und bekennen unsere Schuld vor Gott und
vor dem jüdischen Volk und bitten den Herrn, dass er uns helfe zur Umkehr im
Glauben und Tun.
2. Erinnern, nicht vergessen!
Die lange Tradition der Ablehnung alles
„Jüdischen“ in der Christenheit lässt sich nicht allein durch gute Absicht und
schnelle Aufklärung verändern. Eine gründliche und selbstkritische geistliche
Arbeit von Generationen wird nötig sein, um den langen Weg zu gehen, der vom
Misstrauen zur Aufgeschlossenheit, von der Abweisung zur Bejahung und zum
Bewusstsein des Zusammengehörens führt.
Unerlässlich ist dabei, dass wir uns der
Erinnerung stellen und nicht verdrängen, was geschehen ist. Nur wenn wir die
Geschichte kennen und ihre Last verantwortlich auf uns nehmen, kann sie uns
helfen, die Herausforderungen der Gegenwart zu bestehen.
3. Vom Trennenden zum Gemeinsamen
In der Tradition der Kirche gab es bisher
wenig Raum für Überlegungen, die auf das Juden und Christen Verbindende zielten.
Die Kirchengeschichte war eher darauf angelegt, Unterschiede und Gegensätze zu
betonen.
Der neue Weg, den wir gehen wollen, führt
uns weit weg von falschem Selbstbewusstsein und hin zu geistiger
Aufgeschlossenheit, die sich vom gegenseitigen Kennen lernen, von Dialog und
Gedankenaustausch etwas verspricht und sich darum bemüht.
Im Vordergrund aller Überlegungen soll
stehen, was Juden und Christen gemeinsam haben und gemeinsam tun können. Was
uns im Glauben unterscheidet, soll nicht verschwiegen werden, es darf aber auch
nicht mehr zur Trennung führen.
Gottes Treue gilt uneingeschränkt sowohl
Seinem erwählten Volk, wie der in Christus Jesus berufenen Gemeinde aus allen
Völkern. Nicht gegenseitige Abgrenzung, sondern gemeinsames Lob der Treue
Gottes ist unser Anliegen.
4. Überlegungen zum „Neuen Weg“
Wäre das Judentum nur eine religiöse Lehre,
so könnte man sich durch Literatur und Medien damit vertraut machen. Da es aber
in erster Linie eine im Glauben praktizierte Lebensform ist, die von der Thora,
der Weisung Gottes, bestimmt wird, kann kein bloßes Wissen über das Judentum
die Begegnung mit jüdischen Menschen ersetzen.
Begegnung und Gespräch sind in der Bibel der
beispielhafte Weg zum Mitmenschen. Sollten nicht Christen und Juden, von der
Menschenfreundlichkeit Gottes angereizt, aufeinander zugehen, sich mit
wohlwollendem Interesse beobachten, sich anfreunden, sich kennen und schätzen
und gegenseitig vertrauen lernen? Satte Selbstgenügsamkeit, die sich dem
Gespräch verschließt, ist keine christliche Tugend; Offenheit und
Entgegenkommen entsprechen dem Verhalten Jesu.
5. Hören und Aufnehmen
Bei der angestrebten Begegnung steht uns gut
an, wenigstens eine Zeitlang eher Zurückhaltung zu üben. Wir wollen hören,
lernen und aufnehmen, was jüdische Gesprächspartner über sich selbst und andere
sagen. Christliche Repräsentanten haben, obwohl sie echtes, gelebtes Judentum
kaum kannten, viele Jahrhunderte lang ohne Scheu die Rolle der Wissenden
übernommen – auch in der Belehrung über das, was Juden denken und glauben und
tun.
6. Umbesinnung: Auf allen Gebieten notwendig
Die Beziehung zu Israel als dem Volk Gottes
stellt eine Grundkomponente christlicher Selbsterkenntnis dar. Es gibt darum
kein Gebiet, wo sie nicht aufgenommen und reflektiert werden müsste. Wir sehen
darin eine Aufgabe für die wissenschaftliche Theologie an den Universitäten,
wie für die kirchliche Lehre; die Verbundenheit mit dem jüdischen Volk ist
Inhalt christlicher Erziehung, Verkündigung und Öffentlichkeitsarbeit.
Einzelne Daten, wie etwa der „Israelsonntag“
am 10. Sonntag nach Trinitatis oder der Buß- und Bettag im November, können ein
Anlass sein, diese Beziehung besonders und ausdrücklich zum Thema zu machen.
7. Umkehr: Auf allen Ebenen zu vollziehen
Neubesinnung und Umkehr ereignen sich nicht
durch bloße Absichtserklärungen. Sie müssen von jedem einzelnen konkret
vollzogen werden. Darum stehen alle, die im Raum der Kirche Verantwortung
tragen, in der Pflicht: Kirchengemeinderäte und Leiter von Gemeindekreisen, Jugendgruppen
und Gemeinschaften wie auch hauptamtliche kirchliche Mitarbeiter, Lehrer und
Pfarrer.
Ein besonderes Maß an Verantwortung kommt
Oberkirchenrat und Synode zu, die für die Landeskirche sich äußern und handeln.
Sie haben ein Wächteramt auch gegenüber den christlichen Weltorganisationen zu
üben und in kritischer Wahrnehmung unserer Mitgliedschaft beim Ökumenischen Rat
der Kirchen und beim Lutherischen Weltbund darauf zu achten, dass politischer
Anliegen wegen nicht die wesensmäßige Verbundenheit mit dem jüdischen Volk
verschwiegen oder in Frage gestellt wird.
Umkehr müsste sich auch darin erweisen, dass
wir als Christen den Ansätzen eines neu aufkommenden Antisemitismus in unserem
Land entgegentreten. Es gilt aber auch, der vereinfachenden Gleichsetzung von
Antisemitismus und kritischer Solidarität mit dem Staat Israel
entgegenzuwirken.
8. Schwerpunkte des Dialogs in der
württembergischen Landeskirche
Es hat einen guten Sinn, wenn der
christlich-jüdische Dialog schwerpunktmäßig bei den charakteristischen
Eigenheiten der jeweiligen Kirchen ansetzt. Die Verwurzelung breiter Kreise in
der Heiligen Schrift war und ist ein besonderes Kennzeichen der
württembergischen Landeskirche. Mit Anerkennung und Zustimmung stellt die
Kirchenleitung fest, dass das Gespräch zwischen Christen und Juden in der
württembergischen Landeskirche sich gerade auch in dieser Tradition entfaltet
und einen unverwechselbaren Beitrag leistet. Exemplarisch seien hier genannt:
Christlich-jüdische Bibelwochen über alttestamentliche Texte mit thoratreuen
jüdischen Lehrern; biblisch-theologische Arbeit mit jüdischen Gelehrten bei
Pfarrkonventen; „Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen“ zu den
alttestamentlichen Predigtperikopen, in Buchform vorgelegt von einem
dialogerfahrenen Rabbiner; junge Theologen, die in Jerusalem Bibel und Judentum
studieren; Werke der Nächstenliebe in Israel, wie das „Liebeswerk Zedakah“ für
Überlebende aus den Konzentrationslagern.
Dass das Kennen lernen über dem Bibelwort
sich nicht in Kommissionen, sondern bevorzugt in Kirchengemeinden und bei der
Fortbildung kirchlicher Mitarbeiter abspielt, ist eine der Besonderheiten
unserer Landeskirche, zu deren Pflege wir ermutigen.
9. Dank an jüdische Gesprächspartner
Oberkirchenrat und Synode nehmen in diesem
Zusammenhang gerne die Gelegenheit wahr, öffentlich jüdischen Lehrern und
Familien zu danken, dass sie sich im Raum unserer Landeskirche an einer von
gegenseitiger Achtung und Vertrauen getragenen Zusammenarbeit beteiligen.
Mit großem Respekt erfüllt uns die Bereitschaft
jüdischer Menschen, trotz zum Teil schwerster persönlicher Erlebnisse und über
die Zerwürfnisse und Gräben der Vergangenheit hinweg das Gespräch mit Christen
in Deutschland zu führen. Wir sehen darin ein Stück gelebter Vergebung.
10. Zum Staat Israel
Auf dem Hintergrund ihrer jahrtausendelangen
Leidensgeschichte teilen wir die Freude der Juden über die Heimkehr ins Land
der Väter und begreifen ihre Verbundenheit mit dem Staat Israel. Wir anerkennen
und verstehen, was ein deutscher Jude zum 40jährigen Bestehen des Staates
Israel schrieb: „Aus Israel schöpfen wir, und noch in höherem Maße unsere
Kinder, die Kraft für eine kontinuierliche jüdische Identität, die aufzugeben
mit dem Verzicht auf unsere weitere Existenz gleichzusetzen wäre, wie uns die
historische Erfahrung schmerzhaft lehrt. Ob er sich dessen bewusst wird oder
nicht, ob er es wünscht oder nicht, ist heute jeder Jude, wo immer auf dieser
Welt er auch leben möge, auf das innigste mit dem Staat Israel verbunden.“
(Heinz Galinski, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, in der
Allgemeinen jüdischen Wochenzeitung vom 22. April 1988.)
11. Zum Nahost-Konflikt
Als mit dem Volk Israel verbundene Kirche
beten wir für den Frieden im Nahen Osten und bitten alle am arabisch-israelischen
Konflikt mittelbar und unmittelbar Beteiligten, den Mut zu Verständigungs- und
Aussöhnungsbereitschaft nicht zu verlieren. Feindschaft, Misstrauen, Gewalt und
Hass führen ins Verderben. Nur die beharrliche Bemühung um Verständigung,
Ausgleich und Frieden kann den Völkern im Nahen Osten den Weg in eine
gemeinsame Zukunft ebnen.
12. Unter Gottes Segen
Die Kirchenleitung sieht in dem
Berufungswort an Abraham den tragenden Grund, auf dem die Verbundenheit der
Kirche mit dem jüdischen Volk Bestand hat, und hört auf diese Gottesverheißung:
„Ich will segnen, die dich segnen …; und in dir sollen gesegnet werden alle
Geschlechter auf Erden“ (Gen 12,3).
Verhältnis zu unseren jüdischen Mitmenschen
Beschluss der
Württembergischen Evangelischen Landessynode vom 26. November 1992
Mit Besorgnis
beobachten wir das Wiederaufleben antisemitischen Ungeistes in unserem Land.
Wir sehen uns verpflichtet, allen Äußerungen dieses Ungeistes entschieden zu
widerstehen.
An die Gemeinden
richten wir die dringende Bitte, verstärkt an der Neuorientierung im Verhältnis
zum Judentum mitzuarbeiten. Es muss unser aller Aufgabe sein, die auch auf
christlicher Tradition gründenden Vorurteile gegenüber dem Judentum abzubauen
und dem immer wieder in unserem Land aufflackernden Antijudaismus bzw.
Antisemitismus und der Israelvergessenheit entgegenzuwirken. Dabei können die
Erklärung des Oberkirchenrats und der Landessynode vom 15. September 1988 zum
Judenpogrom „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 und die EKD-Studie
„Christen und Juden“ (II) von 1991 gute Ausgangspunkte sein. Wir ermutigen die
Gemeinden, sich auf den Weg zu machen und bitten Gott, dass er uns helfe zur
Umkehr im Glauben und Tun.
Zugleich regen wir
an, dass die theologische und kirchliche Ausbildung noch stärker auf das
Verhältnis von Judentum und Christentum eingeht, und dass auf christlicher
Seite vermehrt Voraussetzungen zu einem Gespräch zwischen Judentum und
Christentum geschaffen werden. Hierzu gehört notwendig die Besinnung auf die gemeinsamen
biblischen Wurzeln. Dabei ist festzuhalten, dass die „biblische Verheißung des
Landes ein tragendes Element der jüdischen Tradition“ darstellt (vgl.
EKD-Studie Christen und Juden II, S. 19), wobei der säkulare Staat Israel
hinsichtlich seiner Politik denselben Kriterien unterliegt wie die übrige
Völkergemeinschaft (vgl. aaO. S. 57). Möglichkeiten, das Gespräch zu fördern,
sehen wir besonders in Unterricht und Verkündigung, in Bibelwochen und in
Reisen ins Land der Bibel.
„Gottes
Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen“ oder „… der Treue hält ewiglich“
(Römer 11,29 / Psalm 146,6b)
Erklärung der Württembergische Evangelische
Landessynode zum Verhältnis von Christen und Juden vom 6. April 2000
Die Württembergische Evangelische
Landessynode hat auf einer Klausurtagung in Bad Boll vom 5. bis 6. April 2000
über das Verhältnis von Christen und Juden beraten. Sie hat dabei auf jüdische
Gesprächspartner gehört. Als Mitglieder der Landessynode sind wir dankbar für
Erkenntnisse und Einsichten, die durch die Begegnung mit und die Beteiligung
von jüdischen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern möglich wurden. Ihre
freundliche Mitwirkung und Offenheit für das Gespräch ermutigen zu weiteren
Begegnungen. Wir haben viel vom Reichtum des jüdischen Glaubens, vom Hören auf
die Tora, von messianischer Hoffnung, von jüdischer Gelehrsamkeit und von der
Freude am Studium der Heiligen Schrift wahrgenommen.
Mit dieser Erklärung nimmt die 12.
Landessynode auf, was der württembergische Evangelische Oberkirchenrat und die
10. Württembergische Evangelische Landessynode in der Erklärung vom 15.
September 1988 zum 50. Jahrestag des Judenpogroms „Reichskristallnacht“ am 9.
November 1938 „Verbundenheit mit dem jüdischen Volk“ und die 11. Landessynode
am 26. November 1992 zum „Verhältnis zu unseren jüdischen Mitmenschen“ gesagt
haben. Die Synode verpflichtet sich, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen; sie
will über ihre Klausurtagung hinaus das Gespräch in den Kirchengemeinden
fördern. Sie bittet dabei besonders, folgende Punkte aufzunehmen.
1. „... der Treue hält ewiglich“
Gottes Berufungswort an Abraham begründet
die bleibende Verbundenheit der Kirche mit dem jüdischen Volk: „Ich will
segnen, die dich segnen …; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter
auf Erden“ (1. Mose 12,3). Gott hat sein Volk aus allen anderen Völkern in
Liebe erwählt (5. Mose 7,7ff.) und mit ihm einen Bund geschlossen, den er nicht
aufgehoben hat (Römer 11,29). Gott hat sein Volk Israel nicht verstoßen (Römer
11,2). Auch die Kirche lebt von der Treue Gottes.
Indem wir uns als Kirche durch Jesus
Christus in die Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung und mit seinem Volk
Israel hineingenommen wissen, halten wir gleichzeitig daran fest, dass der Bund
Gottes mit seinem Volk Israel weiterbesteht. Christen bekennen den Gott
Abrahams, Isaaks und Jakobs als den Vater Jesu Christi. Durch das Bekenntnis
zum Einen Gott der Bibel, dem Schöpfer und Erlöser, „der Treue hält ewiglich“,
stehen sie in einem besonderen Verhältnis zum jüdischen Volk.
2. Israelvergessenheit als Schuld der Kirche
Die evangelische Kirche hat über
Jahrhunderte weithin vergessen und verdrängt, dass das Christentum seine Wurzel
in Israel hat. Wir blicken zurück auf die lange Geschichte der Judenverfolgung
und auf die Schoa, die alle bisherigen Verfolgungen in ihrer programmatischen
Brutalität und Perfektion überstieg. Unsere Kirche hat in dieser Situation
versagt. Sie versagte aus Lieblosigkeit, Furcht und Schwäche. Falsche Auslegung
biblischer Texte führte zur Ablehnung und Abwertung des Judentums. So wurde
ausdrückliche Judenfeindschaft ein Teil des christlichen Selbstverständnisses.
Dieser unentschuldbare theologische Irrtum hatte entsetzliche Folgen. Die
Evangelische Landeskirche in Württemberg hat in doppelter Hinsicht Anteil an
dieser Schuld: Als lutherische Kirche steht sie in der Tradition Martin
Luthers. Deswegen distanzieren wir uns ausdrücklich von seinen judenfeindlichen
Äußerungen. Als Landeskirche in Deutschland steht sie in der besonderen
Geschichte unseres Volkes. Wir erkennen diese Schuld und bekennen sie. Wir
wollen daraus Konsequenzen ziehen:
– Wir wollen als Kirche lernen, um unserer
Identität willen auf das Judentum zu hören. Bei allen Aussagen zu unserem Selbstverständnis
und zum Verhältnis von Christen und Juden wollen wir den jüdischen Weg und das
jüdische Schicksal mit bedenken. Wir leben davon, dass Israel unser Gegenüber
ist, und nehmen Juden als Juden wahr.
– Wir stellen uns allen Formen des Antisemitismus
entgegen.
Dabei sind uns die Frauen und Männer eine
Ermutigung, die der jahrhundertelangen Israelvergessenheit widersprochen haben
und für Juden eingetreten sind. Was sie getan haben, ist ein Zeichen der
Hoffnung.
Wir sind dankbar, dass trotz allem, was war,
jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger wieder unter uns in Deutschland leben und
wieder jüdische Gemeinden entstanden sind.
3. Israel als Zeuge Gottes und seiner Treue
Israels Zeugnis von dem Einen Gott und
dessen Treue wurzelt in einer eigenen biblisch begründeten Glaubens- und
Wahrheitsgewissheit. Dieses Zeugnis unterscheidet sich von dem Zeugnis der
Gnade Gottes in Jesus Christus. Christen sind verpflichtet, ihr Zeugnis und
ihren Dienst in Achtung vor der Überzeugung und dem Glauben Israels wahrzunehmen
und dabei zu entdecken, was Christen mit Juden verbindet:
a) Durch die Schrift verbunden
Die Heilige Schrift der Juden ist
gleichzeitig Teil der Heiligen Schrift der Christen. Die ersten Christen
kannten, ebenso wie Jesus selbst, keine andere „Schrift“ als die jüdische
Bibel, die von den Christen heute „Altes Testament“ genannt wird. „Alt“ heißt
dabei nicht veraltet, sondern bedeutet anfänglich und grundlegend. Der erste
Teil der Bibel ist durch den zweiten Teil nicht ersetzt oder abgelöst.
Die Bibel Israels bezeugt die Geschichte
Gottes, der sein Volk erwählt hat. Das Neue Testament bezeugt, dass eben
derselbe Gott sich in Jesus Christus offenbart und durch ihn gehandelt hat.
Christen lesen das Alte Testament von der Auferstehung Jesu Christi her. Es ist
der Eine Gott, der im Alten Testament und im Neuen Testament handelt. Christen
lernen von Israel, wie dieses seine Heilige Schrift, die Jüdische Bibel
versteht.
b) Gemeinsam erwählt
Nach neutestamentlichem Zeugnis versteht
sich die Kirche als Gemeinschaft derer, die durch Jesus Christus zum Volk
Gottes aus Juden und Heiden berufen wurden. Die mehrheitlich heidenchristliche
Kirche hat sich dankbar als „Volk des Eigentums Gottes“ (1. Petrus 2,9)
verstanden, das in den Bund Gottes mit Abraham hineingenommen ist.
Die bleibende Erwählung Israels und die
Erwählung der Kirche ist ein von Gott herkommendes Geschehen. Die Kirche ist
nicht an die Stelle Israels getreten. Gott ist der souverän Handelnde für beide
(Römer 11,21–24).
Deswegen darf das Selbstverständnis der
Christen das des jüdischen Volkes nicht herabsetzen.
c) Von Hoffnung getragen
Christen lernen von Israel, dass Gott einen
neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird (Jesaja 65,17). Das ist keine
leere Hoffnung. Sie eröffnet konkrete Perspektiven. Die Erfüllung dieser
Hoffnung liegt im erlösenden Tun Gottes. Bis dahin „sehen wir durch einen
Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne
ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin“ (1. Korinther
13,12).
Das Neue Testament bezeugt die Hoffnung aus
Jesaja 65 in Offenbarung 21 und in 2. Petrus 3,13: „Wir warten eines neuen
Himmels und einer neuen Erde nach seiner Verheißung, in welchen Gerechtigkeit
wohnt.“ Auch wenn sich die Hoffnung der Christen auf Christus, den
Präexistenten und den geschichtlich Offenbarten, bezieht, verbindet die
gemeinsame Hoffnung auf Gottes Zukunft Juden und Christen.
d) Gemeinsam Verantwortung wahrnehmen
Christen und Juden werden durch die
gemeinsame biblische Grundlage ermutigt, miteinander Verantwortung in der Welt
wahrzunehmen. Dies setzt voraus, dass nach der langen Geschichte der
christlichen Schuld Vertrauen zwischen beiden Partnern wachsen kann.
Wir sehen beispielsweise folgende Bereiche
der gemeinsamen Verantwortung:
– Die Bedeutung des Feiertags (Sabbat und
Sonntag) – Das Verhältnis von Arbeit und Ruhe
Die Sieben-Tage-Woche mit dem Ruhetag als
ihrem Höhepunkt ist in der Schöpfungsgeschichte und in den Geboten verankert.
Sie prägt Judentum und Christentum bis heute. Arbeit und Alltag werden durch
heilige Zeiten unterbrochen, in denen wir auf das schauen, was Gott tut und
überprüfen, ob unser Wirken noch dem entspricht, was die Schöpfungsgeschichte
von Gottes Tun berichtet, nämlich „und siehe, es war sehr gut“ (1. Mose 1,31).
Sabbat und Sonntag eröffnen Freiräume zum Hören auf Gottes Wort und zum Lob
Gottes. Darin gewinnt die Gottesbeziehung Gestalt. So kommt der Mensch zu sich
selbst und zu seiner Bestimmung. Deshalb darf nach biblischer Überlieferung der
Rhythmus von Arbeit und Ruhe für den Menschen und seine Mitwelt nicht
aufgegeben werden. Die Bibel stellt das Sabbatgebot in größere Zusammenhänge.
Sabbat- und Erlassjahr machen dies deutlich und lenken den Blick auch auf die
Bewahrung der Schöpfung und den Aspekt der Gerechtigkeit.
– Bewahrung der Schöpfung
Weil die Welt Gottes gute Schöpfung ist,
bleibt die menschliche Verfügungsgewalt über die Mitwelt begrenzt. Gottes Gebot
schützt die Schöpfung vor menschlicher Willkür (5. Mose 22,6f; 5. Mose 25,4; 3.
Mose 25,3f). Dazu erinnert die Bibel an die Verantwortung für die kommenden
Generationen (2. Mose 20,5; Jeremia 31,29; Ezechiel 18,2). Diese Grundlagen
verpflichten dazu, der Mitwelt eigene Rechte zuzuerkennen. An ihnen sollen wir
uns orientieren, wenn wir nach Regeln und Grenzen für Eingriffe in das Erbgut
von Pflanzen, Tieren und Menschen fragen. Sie veranlassen uns, beim Umgang mit
Ressourcen auf Nachhaltigkeit zu achten.
– Gerechtigkeit und Menschenrechte
„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde ...
und schuf sie als Mann und Frau“ (1. Mose 1,27). Damit hat Gott jedem Menschen
eine unantastbare Würde verliehen. Das ist nach jüdischem und christlichem
Verständnis der Grund der Menschenwürde, aus der sich der Anspruch auf
Gerechtigkeit und die Verpflichtung, die Menschenrechte zu achten, ableiten. Wo
Christen und Juden für Solidarität in der einen Welt eintreten, konkretisieren
sie Gerechtigkeit und Menschenrechte. Diese bewähren sich, wo Christen und
Juden die Rechte der Menschen vertreten, die als Fremde und Ausländer,
Flüchtlinge, Vertriebene und Asylsuchende in der Gefahr stehen, entrechtet zu
werden. Der Schutz der Fremden ist biblische Verpflichtung (2. Mose 22,20; 3.
Mose 24,22; 4. Mose 15,16f). Jeglicher Antisemitismus widerspricht den
Menschenrechten und dem biblischem Verständnis von Gerechtigkeit.
4. Juden, die sich zu Jesus als dem Messias
bekennen
Es waren jüdische Frauen und Männer, die
sich als erste zu Jesus als dem „Messias“ (= Christus) bekannten. Paulus litt
darunter, dass dieses Bekenntnis von den meisten seiner Brüder und Schwestern
nicht geteilt werden konnte (Römer 9,3). Umso wichtiger war ihm die Erkenntnis,
dass Gott seinen Bund mit Israel aufrecht erhält (Römer 9,4).
Schon bald bildeten Menschen aus den Völkern
die Mehrzahl der Christen. Es gehört zu den Verhängnissen der
Kirchengeschichte, dass die Judenchristen früh aus dem Blick geraten sind. In
unserer Zeit begegnen uns erneut jüdische Menschen, die Jesus Christus als
Messias erkennen. Sie verbinden ihre jüdische Lebensweise mit dem Glauben an
Jesus. Damit treten sie in die Gemeinschaft der an Jesus Christus Glaubenden
ein. Aus diesem Grund sind wir mit ihnen verbunden.
Wir nehmen zur Kenntnis, dass nach
rabbinischem Verständnis ein Jude, der sich zu Jesus als seinem Messias bekennt
und sich auf den Namen des Dreieinigen Gottes taufen lässt, nicht mehr zur
jüdischen Gemeinschaft gehört. Wir nehmen gleichzeitig wahr, dass „Messianische
Juden“ darin keineswegs ihr Jude-Sein verleugnet, sondern im Gegenteil erfüllt
sehen.
Nach christlichem Verständnis gehören
Menschen, die sich zu Jesus als Messias bekennen und auf den Namen des
Dreieinigen Gottes getauft sind, zur Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi. Wir
bedauern, wenn es über den Status dieser Menschen zwischen Juden und Christen
zu Irritationen kommt. Wir wollen sowohl mit jüdischen Gemeinden wie mit
„Messianischen Juden“ und ihren Gemeinden in Kontakt und Austausch bleiben und
für beide eintreten.
5. Das christliche Zeugnis und die Begegnung
von Christen und Juden
Weil Christen und Juden in der gemeinsamen
Tradition des Glaubens untrennbar verbunden sind und das Christentum in Israel
verwurzelt ist, stehen sie in einer besonderen Beziehung zueinander. Diese
Beziehung ist anders qualifiziert als das Verhältnis zu allen anderen Völkern
und Religionen. Israel muss der Weg zu Gott nicht erst gewiesen werden.
Vielmehr sind Christen und Juden Partner mit
je eigener Identität in der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Die Kirche
glaubt und bezeugt im Christusgeschehen das endgültige, nicht überbietbare
Gotteshandeln für das Volk Israel und für die Völkerwelt. Dabei gehören die
Bindung an Christus und die Verwurzelung in Israel für Christen untrennbar
zusammen. Diesen Glauben bezeugen Christen aller Welt.
Angesichts der gemeinsamen Geschichte des
Glaubens und der je eigenen Erfahrungen mit dem Einen Gott und angesichts der
besonders belasteten Geschichte von Christen und Juden in Deutschland ist der
Begriff der Judenmission unangemessen. Deshalb sollten wir das Wort
„Judenmission“ endgültig aus unserem Wortschatz streichen. Was wir mit Zeugnis
in Wort und Tat meinen, wird durch diesen Begriff nur belastet. Vielmehr geben
sich Christen und Juden wechselseitig Anteil an ihren Erfahrungen mit Gott und
an dem, wovon sie gemeinsam und je eigen leben.
Die angemessene Gestaltung des Verhältnisses
von Christen und Juden geschieht in der Form des Gesprächs über den Glauben und
im je eigenen Zeugnis in diesem Dialog in Achtung vor der Identität des
Gegenübers.
Soweit entschied die Synode einmütig. Die
Mehrheit der Synode sagt weiter: Wir suchen die Begegnung zwischen Christen und
Juden und wollen den Dialog fördern. Wir erklären: Mission unter Juden lehnen
wir ab.
(39 Ja-Stimmen,
32 Nein-Stimmen
und 5 Enthaltungen)
Der andere Teil der Synode kann der
grundsätzlichen Ablehnung einer Mission unter Juden nicht zustimmen. Er stellt
sich hinter das Votum der Evangelisch- Theologischen Fakultät Tübingen zum
Verhältnis von Juden und Christen vom 23. Februar 2000 und betont insbesondere
Folgendes:
„Die den Christen im Ostergeschehen
erschlossene Wahrheit über den Heilswillen Gottes ist das Evangelium für alle
Menschen, für die Juden zuerst und auch für die Heiden (Römer 1,16). Das
Evangelium Juden und Heiden zu bezeugen, gehört von Anfang an zur Apostolizität
der Kirche (Galater 2,7–9). Dieses Zeugnis ist unablösbar vom Christsein
selbst.“