„Bessert eure Wege und Taten ...“

Israelsonntag 2007

Jeremia 7,1-15

Handreichung zum Gottesdienst

 

Mit Dokumentation: Die drei Erklärungen der württembergischen Landessynode zum Verhältnis von Christen und Juden

 

Inhalt

 

Bitte um Ihr Opfer für die Denkendorfer Israelhilfe und das Gespräch zwischen Christen und Juden

 

Die Partner der Denkendorfer Israelhilfe

 

Trostlichter in der Zornesprophetie. Ein jüdischer Kommentar zu Jeremia 7,1-15

Chana Safrai

 

Predigtmeditation: 10. Sonntag nach Trinitatis / Israelsonntag: Jeremia 7,1-15

mit Liturgieentwurf

 

Zur aktuellen Lage in und um Israel (April 2007)

 

Dokumentation

Die drei Erklärungen der württembergischen Landessynode zum Verhältnis von Christen und Juden aus den Jahren 1988, 1992 und 2000

 

 

 

Denkendorf, April 2007

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

„Bessert eure Wege und Taten ...“ ruft Jeremia im Tempel von Jerusalem. Der Predigttext zum diesjährigen Israelsonntag, Jeremias „Tempelrede“, ist eine besondere hermeneutische Herausforderung. Wie gehen wir Christen mit dem erstaunlichen selbstkritischen Potenzial der jüdischen Religion um? Gelingt es uns, es für die Kirche fruchtbar zu machen? Diese Handreichung will Ihnen helfen, die Chance zum differenzierten Nachdenken über das Verhältnis von Kirche und Israel, die Ihnen der Israelsonntag bietet, zum Segen für die Kirche und für Israel zu nutzen. Die Texte sind, soweit nicht anders bezeichnet, von mir verfasst.

 

In diesem Heft finden Sie wieder eine jüdische Kommentierung des Predigttextes von Prof. Dr. Chana Safrai, Jerusalem. Prof. Safrai gehört zu den profilierten Teilnehmerinnen am Gespräch zwischen Christen und Juden. Jährlich gibt sie einen Kurs in der Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf, den nächsten im Februar 2008 über „Jesus und Hillel“. Ich danke Prof. Safrai herzlich für ihren Beitrag.

 

Alljährlich lege ich Ihnen die Kollektenbitte ans Herz. Ihr ist eine aktualisierte Beschreibung der von der „Denkendorfer Israelhilfe“ geförderten Einrichtungen beigegeben. Auch meine Denkendorfer Arbeit ist ohne Opfer und Spenden nicht möglich, um die ich Sie herzlich bitte.

 

Unsere Landessynode hat sich drei Mal mit gewichtigen Worten zum Verhältnis von Christen und Juden geäußert. Diese Erklärungen aus den Jahren 1988, 1992 und 2000 sind seit einiger Zeit vergriffen. Für die theologische Arbeit am Thema sind sie jedoch unverzichtbar. Außerdem sollten sie unter Pfarrerinnen und Pfarrern und in den Gemeinden noch besser bekannt werden. Darum stelle ich Ihnen die Texte in einer Dokumentation erneut zur Verfügung.

 

Vor einem Jahr erhielten Sie mit der Denkendorfer Handreichung den Tübinger Aufruf an die Kirchen aller Konfessionen in unserem Land „Für einen offiziellen kirchlichen Gedenktag am 9. November“. Er wurde in der Frühjahrssynode kurz behandelt und mit der Bitte um Wiedervorlage in der Sommersynode an den Ausschuss für Mission und Ökumene verwiesen. Bis es so weit ist, ist jede Unterstützung des Aufrufs durch Kirchengemeinden und Bezirkssynoden sehr willkommen.

 

Unsere Angebote – Fortbildungsprogramm, Vortrags- und Referentenangebote für Gemeinden – finden Sie auf der Homepage www.kloster-denkendorf.de. Auf der Homepage finden Sie auch die digitalisierte Version dieser Handreichung. In rund sechswöchigen Abständen informiere ich in einem Online-Brief über meine christlich-jüdische Begegnungsarbeit und mit ihr verbundene Themen. Wenn Sie den kostenlosen „Ölbaum online“ regelmäßig erhalten möchten, senden Sie bitte eine leere E-Mail mit dem Betreff „Bestellung Ölbaum online“ an agwege@gmx.de. Bereits erschienene Ausgaben finden Sie auf der Homepage unter Bereich V: Christen und Juden.

 

Mit guten Wünschen und freundlichen Grüßen

Ihr

 

 

Dr. Michael Volkmann

Landeskirchlicher Beauftragter für das Gespräch zwischen Christen und Juden

 

 

 

 

Bitte um Ihr Opfer am Israelsonntag 2007

für die Denkendorfer Israel-Hilfe

und das Gespräch zwischen Christen und Juden

 

Die Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“ im Bereich der Evangelischen Landeskirche in Württemberg erbittet in diesem Jahr wieder Ihr Gottesdienst-Opfer am Israelsonntag. Der größere Teil des eingehenden Betrages ist bestimmt zur Unterstützung bedürftiger Menschen jeder Herkunft und Religion in sozialen Einrichtungen in Israel durch die „Denkendorfer Israel-Hilfe“, eine Hilfe, die - weil sie von Christinnen und Christen in Deutschland kommt - viel mehr bedeutet als nur eine materielle Unterstützung. Sie wird in Israel verstanden als Ausdruck des Bemühens, ein neues Verhältnis zwischen Christen und Juden Wirklichkeit werden zu lassen.

Der andere Teil des Opfers kommt dem Denkendorfer Gespräch und der Begegnung zwischen Christen und Juden zugute. Im Zentrum der Studientage, Kurse und Lernwochen mit jüdischen Lehrern stehen biblischen Themen. Darüber hinaus führen wir Studienreisen durch und vermitteln Referenten an Gemeinden. Ihr Opfer trägt auch zur finanziellen Sicherung der wichtigen christlich-jüdischen Begegnungsarbeit bei. Wir bitten herzlich um Ihren Beitrag!

 

 

Die Arbeitsgruppe "Wege zum Verständnis des Judentums" bitte um Ihre Unterstützung.

Konto Nr. 80 800 46 bei der Kreissparkasse Esslingen (BLZ 611 500 20).

Kollekten senden Sie bitte auf dem Weg über den Oberkirchenrat an die Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“ bzw. die Denkendorfer Israelhilfe und das christlich-jüdische Gespräch.

Vielen Dank!

 

Die Partner der Denkendorfer Israelhilfe

 

Aus seit langem gewachsenen Kontakten zu Krankenhäusern, Alten- und Kinderheimen oder Behinderteneinrichtungen wissen wir, dass Menschen und die sie beherbergenden und betreuenden Einrichtungen in Israel Hilfe von Christen aus Deutschland besonders schätzen. Dabei ist der "Denkendorfer Israel-Hilfe" nicht zuletzt an der Unterstützung von Einrichtungen gelegen, die sich auch den vielfältigen Verständigungsprozessen zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungs- und Religionsgruppen in Israel verpflichtet wissen. Zu allen Einrichtungen unterhalten wir die direkte persönliche Verbindung.

  

Shaare Zedek Medical Center Jerusalem

Seit seiner Gründung 1902 finden im religiös geführten Shaare Zedek Hospital alle Bewohner oder Besucher Jerusalems Behandlung und Pflege, seien es Juden, Christen, Muslime oder Angehörige anderer Religionen. Das Shaare Zedek erhält keine staatlichen Zuschüsse. Es finanziert sich aus Erstattungen der Krankenkassen und aus Spenden. Unsere Hilfe floss in den Bau einer Milchküche auf der Neugeborenenstation und der neuen, wesentlich vergrößerten Notaufnahme, die 2004 in Dienst gestellt wurde.

 

Sinai-Stiftung Eltern- und Pflegeheim Haifa

Die Sinai-Stiftung will Menschen ein würdiges und lebenswertes Alter ermöglichen, auch wenn sie nicht in der Lage sind, einen teuren Heimplatz zu bezahlen. Das Heim wird religiös geführt. Viele Heimbewohner haben Angehörige im Holocaust verloren oder waren selbst in Konzentrationslagern. "Gerade in einem Altenheim hatte ich erwartet, Leuten zu begegnen, die nach allem, was Deutsche ihnen angetan haben, einfach keine Deutschen mehr ertragen können. Das war überhaupt nicht so. Die alten Menschen empfingen mich überaus offen, freundlich und hilfsbereit", berichtet eine Volontärin aus Stuttgart.

 

Verein für das Wohl behinderter Kinder in Migdal

Seit Jahrzehnten leistet eine kleine Gruppe engagierter gläubiger Menschen um Günter Gottschalk in Migdal am See Genezareth eine unverzichtbare ergotherapeutische Arbeit mit behinderten Kindern, die in der Region ein hohes Ansehen genießt.

 

Hodayot – Religiöses Jugenddorf

In dem 1950 gegründeten Jugenddorf in Untergaliläa leben 230 junge Israelis und Neueinwanderer vor allem aus Russland. Das Leben im Dorf besteht aus einer Verbindung von religiöser jüdischer Erziehung, sozialen Aktivitäten, Berufsausbildung und Vorbereitung auf die Herausforderungen der Zukunft.

  

Kinder- und Jugendheim Neve Hanna, Kiryat Gat

Im religiös geführten Kinderheim Neve Hanna im Süden Israels leben 70 Kinder im Alter von vier bis achtzehn Jahren mit ihren Erzieherinnen in mehreren Familiengruppen. Weitere 50 Kinder und Jugendliche, die zu Hause übernachten, kommen tags über hinzu. Unter ihnen sind 20 jüdische Kinder und Beduinenkinder aus der Nachbarstadt Rahat, die nachmittags zusammen im Tageshort „Netive Schalom“ (Friedenspfade) betreut werden. Alle kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Mit einer fachlich kompetenten Leitung, engagierten Freiwilligen (darunter einige aus Württemberg), guter materieller Ausstattung, eigener Bäckerei und eigenem Zoo bietet ihnen Neve Hanna die Voraussetzungen, die für eine gesunde Entwicklung notwendig sind.

 

Soziales Zentrum für arabische Jugendliche Akko

Die Altstadt Akkos ist bis heute überwiegend von arabischen Familien bewohnt. Eine Gruppe engagierter arabischer Israelis schuf dort ein soziales Zentrum mit Kinderbetreuung, Gruppen für Jugendliche, vor allem Sport-, Ballet- und Theatergruppen, und einem Programm zur Förderung der Stellung der Mütter. Auch berufliche Qualifizierungskurse für rund 60 junge Frauen werden angeboten. Schwerpunkte werden auf die Überwindung von Gewalt und die jüdisch-muslimische Zusammenarbeit gelegt.  

 

Eran - Telefonseelsorge Jerusalem

Einer der jüdischen Lehrer Denkendorfs - Meir Brom - arbeitet aktiv in der Telefonseelsorge von Jerusalem mit – eine segensreiche Arbeit in einer umkämpften Stadt und in einem Land, das sich nach Frieden sehnt. Täglich nehmen die ehrenamtlich Mitarbeitenden rund vierzig Anrufe Hilfe Suchender entgegen.

 

Freunde von Or Torah Stone e. V. Deutschland

Die deutschen Freunde von Or Torah Stone unterstützen den Aufbau und die Erneuerung von jüdischen Studieneinrichtungen durch die israelische Organisation Or Torah Stone. Diese bildet orthodoxe Rabbiner und Lehrkräfte für die jüdische Diaspora aus. Ihre Bildungsarbeit steht unter dem Anspruch, die Erziehung zur Toleranz in der israelischen Gesellschaft zu fördern und die Rolle der Frau im religiösen Bereich in Israel zu stärken.

 

 

 

Trostlichter in der Zornesprophetie – ein jüdischer Kommentar zu Jeremia 7,1-15

Chana Safrai

 

Es ist leicht, viele Generationen christlicher Predigten jeglicher Couleur zu beschreiben, die Jeremias Zornesprophetie dazu ausnutzen, genüsslich den Untergang des Judentums nachzuweisen. Sie berauschen sich an dem Unrecht, das der Prophet Israel zurechnet, und sehen mit geläutertem Vergnügen ihre Aufgabe darin, den gewaltigen Vorsprung des christlichen Glaubens aufzuweisen, des wahren Glaubens im Gegensatz zu dem Frevel und der Sünde, die der Prophet Israel zuschreibt. Nach den Worten des Propheten besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Tempelzerstörung und Exil und den Vergehen Israels. All das diente früher und dient noch heute zum Aufweis der Vorzüge des christlichen Glaubens gegenüber dem jüdischen und der Notwendigkeit des Christentums als wichtiger und eigentlicher Alternative zum sündigen Israel. Zweifellos ist Jeremias Prophetie Zornesprophetie, schwere Schelte über unwürdige Taten. Sie stellt einen Zusammenhang her zwischen Tempelzerstörung und Unrechtstaten. Jedoch muss eine Lesart, die von der Prophetie noch andere Zusammenhänge fordert, (die wir hier anbieten,) sich selbst fragen: Wie lesen jüdische Ausleger eine solche zürnende Prophetie? Sieht die Überlieferung Israels sich in Folge der Prophetie selbst als verstoßen an? Oder ist es vielmehr möglich, die Prophetie als Ruf zu ernster Gottesfurcht jenseits des Tempelrituals zu verstehen?

 

Beginnen wir mit einer bekannten Geschichte aus der Welt der Weisen des 2. Jahrhunderts, gleich nach der Zerstörung des Zweiten Tempels:

„Einst gingen Rabban Gamliel, Rabbi Jehoschua, Rabbi Elasar ben Asarja und Rabbi Akiba nach Rom. Sie hörten den Lärm des Getümmels der Großstadt schon von Puteoli, vierzig Mil weit. Sie begannen zu weinen. Aber Rabbi Akiba lachte. Sie sagten zu ihm: Akiba, warum weinen wir, und du lachst? Er sagte zu ihnen: Ihr, warum weint ihr? Sie sagten zu ihm: Sollen wir nicht weinen, wenn die Heiden, die Götzendiener, die den Nichtsen opfern und vor Götzenbildern sich niederwerfen, in Ruhe und Sicherheit dasitzen, während wir und das Haus des Fußschemels unseres Gottes der Verbrennung durch Feuer preisgegeben sind und zur Wohnung für die Tiere des Feldes dienen? Er sagte zu ihnen: Gerade deshalb habe ich gelacht. Wenn er denen so tut, die ihn ärgern, um wie viel mehr wird er tun denen, die seinen Willen tun? Ein anderes Mal gingen sie nach Jerusalem hinauf. Sie gelangten zum Skopus und zerrissen ihre Kleider. Sie gelangten zum Tempelberg und sahen einen Fuchs aus dem Allerheiligsten herauskommen. Sie fingen an zu weinen, aber Rabbi Akiba lachte. Sie sagten zu ihm: Akiba, immer setzest du uns in Erstaunen; denn wir weinen, und du lachst! Er sagte zu ihnen: Und ihr, warum habt ihr geweint? Sie sagten zu ihm: Sollten wir nicht weinen über einen Ort, von dem geschrieben steht: ‚Wenn ein Unberufener sich daran macht, soll er getötet werden’ (4. Mose 1,51). Siehe, nun kommt sogar ein Fuchs aus ihm heraus! Über uns erfüllt sich: ‚Darob ist unser Herz krank geworden, darob sind unsere Augen trübe, dass der Berg Zion wüste liegt, dass Füchse darauf streifen’ (Klgl 5,17f.). Er sagte zu ihnen: Gerade darum habe ich gelacht. Siehe, es heißt: ‚Und bestelle mir glaubwürdige Zeugen, Uria, den Priester, und Sacharja, den Sohn Jeberechjas’ (Jer 8,21). Und hat etwa Uria etwas zu schaffen bei Sacharja? Was sagte Uria? ‚Zion wird zum Acker gepflügt werden, und Jerusalem wird zum Steinhaufen werden, und der Tempelberg zur Waldhöhe’ (Jer 26,18). Was sagte Sacharja? ‚So spricht der Herr der Heere: Noch kommt die Zeit, da Greise und Greisinnen [wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems]’ usw. ‚die Plätze der Stadt [sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen]’ usw. (Sach 8,4f.). Der Ort sprach: Siehe, da habe ich diese beiden Zeugen: Wenn die Worte des Uria sich erfüllen, dann erfüllen sich auch die Worte Sacharjas; und wenn die Worte Urias zunichte werden, dann werden auch die Worte Sacharjas zunichte. Ich habe mich gefreut, dass sich die Worte Urias erfüllt haben; denn am Ende wird auch die Erfüllung der Worte Sacharjas kommen. Und auf dieses Wort hin sagten sie zu ihm: Akiba, du hast uns getröstet!“ (Midrasch Sifre zu Deuteronomium, § 43; nach Bietenhard).

 

Diese Geschichte bezieht sich nicht auf unsere Zornesprophetie in Jeremia 7. Aber sie stellt fest, dass Prophetien der Zerstörung und des Untergangs Israels sich neben Prophetien des Trostes finden. Wenn es sich herausstellt, dass Zerstörungsprophetien Realität werden, gibt es Raum für große Zuversicht und für Trostprophetien, für Prophetien der Hoffnung, die sich zweifellos realisieren werden. Rabbi Akiba sieht nicht nur die Zerstörung, sondern das gesamte Spektrum der Prophetien, die Israel von den verschiedenen Propheten im Lauf von Generationen gegeben wurden. Die Zerstörung wird verstanden als ein Teil der ewigen Beziehung Israels zu seinem Gott. In der Stunde des Zorns wird die Strafe erkennbar, und zur Zeit des Wohlgefallens stellt sich mit Sicherheit auch die Erlösung ein. Durch die Strafe infolge der Sünde entsteht Raum zur Reue. Doch die Strafe ist nicht die Summe der Beziehungsvielfalt, im Gegenteil: sie wird Teil des Reinigungsprozesses, der Israel besser macht. Daher ist die Prophetie, mit der wir es hier zu tun haben, keine Besiegelung, sondern eine Eröffnung. Sie lädt ein zur Änderung des Weges, sie zeichnet einen neuen Weg vor. Die Weisen um Rabbi Akiba, die Großen der Generation von Javne, waren von der Not getroffen, sie sahen nur den Untergang. Rabbi Akiba hingegen lacht. Er sieht das Licht am Ende des Tunnels und erwartet die Erlösung.

 

Auch in unserem Abschnitt muss man dieses Licht am Ende des Tunnels – das Versprechen der Erlösung inmitten der Sprache des Zorns, die Zusicherung des Guten im Rahmen einer Zerstörungsprophetie – zwischen den Zeilen herauslesen. Dies bedeutet, die Bausteine für eine Hoffnung jenseits der schweren Zeit zu entdecken für einen Bau, der anstatt des endgültigen Untergangs verspricht, dass es weitergeht. Drei von ihnen seien im Folgenden hervorgehoben.

 

1. Die Prophetie verwendet als kreatives literarisches Mittel andere biblische Texte und ermöglicht es, innerhalb der Bibel selbst literarische und gedankliche Verbindungen herzustellen. Wenn der Prophet sagt: „Bessert [hebr.: hetiv tetivu, also finale Verbform, verstärkt durch inf. abs., der Wurzel tov im Hif’il] euer Leben und euer Tun“ (Jer 7,5), so ist aus seinen Worten der Widerhall von Gottes Wort an Kain herauszuhören: „Meinst du Gutes [tetiv], so kannst du frei den Blick erheben. Meinst du aber nicht Gutes [lo tetiv], ...“ (1. Mose 4,7). Gottes Worte an Kain sind die Aufforderung, über die Mordgedanken, die ihm in den Sinn kommen, nachzudenken. Kain hört aus diesen Worten eine Erlaubnis heraus, auf seinem Weg fortzufahren und seinen Bruder zu töten. Aber die Geschichte Kains, die von der Auseinandersetzung mit dem Gipfel der Bosheit, dem Brudermord, handelt, endet nicht mit der Bestrafung Kains, sondern gerade mit der Barmherzigkeit Gottes. Gott findet einen Weg Kain zu beschützen und ihm trotz seiner Sünde und trotz seiner Strafe die Möglichkeit zum Weiterleben zu geben. Kain wird zur Heimatlosigkeit verurteilt, doch baut er am Ende des selben Kapitels Städte und Musikinstrumente und lernt Metalle zu bearbeiten. Die Strafe der Heimatlosigkeit ist da nichts anderes als der Neubeginn einer verzweigten Kultur. Ebenso ist es hier mit dem Propheten. Zwar beschreibt er Zerstörung und Exil – die Zerstörung des Tempels Gottes und den Verlust des gelobten Landes -, aber er verweist in seiner Sprache auch auf eine Lösung und auf die verschlungenen Wege Gottes. In den Tiefen des Exils ist auch das Versprechen auf geistige und reale Wiederherstellung verborgen. Darum erzählt auch die Geschichte, dass Rabbi Akiba gelacht und Wege des Trostes gefunden habe.

 

2. Wenn der Prophet von dem großen Zorn Gottes erzählt, lässt er vor den Hörern auch das Beziehungsgeflecht zwischen Gott und Mose in der Wüste wieder erstehen. Der Prophet erzählt, dass Gott ihn warnt: „Du aber sollst für dieses Volk nicht bitten und sollst für sie weder Klage noch Gebet vorbringen, sie auch nicht vertreten vor mir; denn ich will dich nicht hören“ (Jer 7,16). Dies erscheint wie das absolute Ende des Weges und wie der Untergang ohne Aussicht auf Wiederkehr. Aber, wie gesagt, hallen in diesen Worten die Worte Moses und Gottes in der Wüste wider. In 4. Mose 11 wendet sich Mose vorwurfsvoll an Gott und bittet ihn, ihn von seiner Aufgabe zu entbinden, da er dieses Volk nicht mehr tragen könne (4. Mose 11,11-15). In seinen Worten erscheint der Begriff „tragen“ (hebr. masa) in seinen verschiedenen Formen insgesamt vier Mal. Ebenso taucht er in Jeremias Worten in Jer 7,16 auf. Im 4. Buch Mose nun gibt Gott Mose siebzig Älteste an die Seite (4. Mose 11,16), damit sie die Last erleichtern und es Mose möglich machen, den furchtbaren Zorn Gottes und den eigenen zugleich zu überwinden (4. Mose 10,11). Der Widerhall der Worte Moses in der Prophetie Jeremias bietet eine Lösung jenseits des Zorns und jenseits der Sünde an. Der Tiefpunkt der Beziehungen dient als Sprungbrett zum Aufbau einer neuen Lebensweise –, einer Lebensweise, die es möglich macht, auf Gottes Weg zu wandeln.

Parallel dazu gibt es in der Wüste eine weitere Geschichte, in der Gott selbst zu verzweifeln scheint, während Mose über die Verbindung zwischen dem Volk und seinem Gott wacht. Als die Kundschafter zurückkehren und schlecht über das Land Israel reden, erzürnt Gott und schlägt Mose vor, dass er das ganze Volk umbringe und die ganze Geschichte noch einmal von vorn beginne: „Ich will sie mit der Pest schlagen und sie vertilgen und dich zu einem größeren und mächtigeren Volk machen als dieses“ (4. Mose 14,12). Mose rechtet mit Gott, um Israel zu retten. Er stellt Forderung um Forderung. Diese sind zwar nicht Teil unseres Themas hier, aber uns interessiert das Modell, das Mose aufrichtet: ein Modell, das die Möglichkeit des vollständigen und dauerhaften Untergangs ablehnt. Ja, Gott zürnt, sogar mit großem Zorn. Aber die Verbindung zwischen Gott und seinem Volk ist größer als jeder Zorn. Sie ist absolute Verpflichtung. Zwar wird das Volk aufgerufen, seine Wege zu ändern, aber nie kommt es zu einem völligen Beziehungsabbruch zwischen ihnen. Als Jeremia behauptet, Gott fordere von ihm, nicht für das Volk zu beten, da wendet er das Modell des Mose an. Auch wenn der Prophet da nicht wehklagt wie Mose, weist er doch mit seinen Worten auf die Möglichkeit hin und lehnt gewissermaßen durch seine Rede jede Zornesprophetie ab. Oder man muss vielleicht so sagen: Im Moment der Sünde entsteht Zorn, aber für die Beziehung zwischen Gott und Israel gibt es ein Modell dafür, dass Zorn nicht völlig destruktiv wird. Auch wenn Jeremia dies in seiner Prophetie vergaß, so können doch wir als Hörer nicht anders, als die beiden Propheten miteinander zu verbinden und zu verstehen, dass es jenseits des Zornes eine große Barmherzigkeit gibt. Deshalb verwandelt sich derselbe Jeremia in anderen Prophetien zum Trostpropheten. Und daher endet Jeremia 7 mit der schrecklichen Drohung: „Und ich will in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems wegnehmen den Jubel der Freude und Wonne und die Stimme des Bräutigams und der Braut; denn das Land soll wüst werden“ (Jer 7,34), während der Prophet in Jeremia 33,10-11 das Gegenteil ankündigt: „... wird man dennoch wieder hören den Jubel der Freude und Wonne, die Stimme des Bräutigams und der Braut ..., denn ich will das Geschick des Landes wenden, dass es werde, wie es im Anfang war, spricht der Herr“ (Jer 33,11).

 

3. Im Vers 4 der Prophetie fordert Jeremia: „Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel!“ (Jer 7,4) Der große jüdische Kommentator Raschi bemerkt, dass die dreimalige Wiederholung des Ausdrucks „Hier ist des Herrn Tempel“ eine besondere Funktion erfüllt. In dem Moment, als der Prophet diese Worte spricht, erscheinen ihm die drei Zeitstufen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. So kehren also in der Tradition jüdischer Schriftauslegung dreifach gefaltet Geschichten der Vergangenheit und Zukunft zusammen wieder. Die Gegenwart legt sie aus im Spiegel der Vergangenheit und in der Hoffnung auf Zukunft. Der Midrasch verleiht der dreifachen Wiederholung einen herausragenden Inhalt: „Nie lässt Gott die Gerechten länger als drei Tage in Not“ (Midrasch Bereschit Rabba 91,7; Wünsche S. 449). Die dreimalige Wiederholung ist zweifellos Element des Hauptrituals des Tempels, und man kann ihr in verschiedenen offiziellen Zusammenhängen im Tempel begegnen. Aber jenseits der Amtlichkeit kommt der dreifachen Wiederholung eine religiöse Bedeutung zu. Der dritte Tag verweist wie die dreifache Wiederholung auf Erlösung, Versöhnung und göttliche Hilfe. Das heißt, auch wenn der Prophet Feuer und Schwefel über Israel ausschüttet, verwendet er die Sprache, die auf die Lösung hinweist. Seine Prophetie enthält eine Komponente, die seine Hörer als Komponente der Hilfe und Erlösung identifizieren können.

 

Ich fasse zusammen: Wenn der Prophet zürnt, verschießt er Giftpfeile, fordert aber einen neuen Weg der Hilfe für die Armen (Jer 7,5), des fairen Gerichts, der Geradheit und Rechtschaffenheit gegenüber dem Schwachen (Jer 7,6) und des Gottvertrauens (Jer 7,6-9). Er droht, nicht um seine Prophetie Wirklichkeit werden zu lassen, sondern um Israel auf den rechten, guten Weg auszurichten. In seine Worte „faltet“ er Hinweise auf Hilfe, um zugleich zu schelten und zu ermutigen. Er gibt Israel nicht auf, vielmehr bemüht er sich um Israel und sein Wohlergehen.

 

Auf Deutsch zitierte Quellen:

Bietenhard: Hans Bietenhard, Der tannaitische Midrasch Sifre Deuteronomium, Bern u.a. 1984 (Judaica et Christiana; Band 8).

Wünsche: August Wünsche, Der Midrasch Bereschit Rabba, das ist die haggadische Auslegung der Genesis, zum ersten Mal ins Deutsche übertragen, Leipzig 1881.

 

 

 

Predigtmeditation für den 10. Sonntag nach Trinitatis / Israelsonntag: Jeremia 7,1-15

mit Liturgie-Entwurf

 

 

1. Israelsonntag und 9. Av

 

Die relativ neue Bezeichnung Israelsonntag bewahrt auch die traditionelle Bedeutung dieses Tages als Gedenktag der Zerstörung des Tempels. Dieser Aspekt tritt im Predigttext der V. Reihe der württembergischen Ordnung, Jer 7,1-15, wieder deutlich hervor. Juden gedenken der Zerstörung am 9. Av, in diesem Jahr am 24. Juli. Er ist auch ein besonderer Gedenktag für die Verfolgungen der Exilszeit – „alle waren ja das Ergebnis und die Folge dieses bitteren Tags“ (Lau, S. 288). Der Mischnatraktat Taanit 4,6 nennt fünf zu erinnernde Ereignisse, deren erstes bis in die Mosezeit zurückreicht:

1. Nach der Rückkehr der Kundschafter aus Kanaan und ihren abschreckenden Schilderungen des Landes wurde das Volk böse auf Gott. In jener Nacht (eines 9. Av) wollte Gott das Volk vernichten, doch Moses Fürbitte erwirkte die Verwandlung der Strafe in eine vierzigjährige Wüstenwanderung (4. Mose 13-14). So würde die murrende Generation das Land nicht mehr selbst betreten.

2. Der Tempel Salomos wurde von den Babyloniern an einem 9. Av zerstört (586 v. Chr.; 2. Kön 25,8ff.).

3. Der Zweite Tempel wurde von den Römern an einem 9. Av zerstört (70 n. Chr.).

4. Das Zentrum des Bar-Kochba-Aufstands, die Stadt Beitar, fiel an einem 9. Av (135 n. Chr.).

5. Um die Erinnerung an Israel völlig auszulöschen, änderten die Römer den Namen des Landes Judäa in Palästina und den Namen der Stadt Jerusalem in Aelia Capitolina. An einem 9. Av (136 n. Chr.) pflügten sie die Stadt Jerusalem um, um sie dem Erdboden gleichzumachen. So erfüllte sich die Prophetie Michas aus Jeremia 26,18: „Zion wird umgepflügt zu Ackerland“.

Heute gedenken Juden am 9. Av auch der Vernichtung der jüdischen Gemeinden im Rheinland am Beginn der Kreuzzüge 1096, der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 und der Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden 1939-1945.

Der 9. Av ist ein gewichtiger Fasten- und Trauertag. Beim Abendgebet wird in der Synagoge das biblische Buch der Klagelieder Jeremias auf dem Fußboden sitzend verlesen. Die Toralesung nach dem Morgengebet erfolgt aus 5. Mose 4, die Prophetenlesung (Haftara) aus Jeremia 8,1-9,22. Dann folgen mittelalterliche Klagelieder und noch einmal die Klagelieder Jeremias. Am Nachmittag wird u. a. der Abschnitt von Moses Fürsprache (2. Mose 32) vorgelesen und ins Achtzehnbittengebet eine Bitte um Tröstung eingefügt. Fleisch und Wein dürfen erst wieder am Nachmittag des 10. Av genossen werden. In Jerusalem verbringen Tausende die Nacht des 9. Av an der Westmauer, dem letzten sichtbaren Rest des zerstörten Tempels. Auf beeindruckende Weise wird Erinnerung zur Vergegenwärtigung.

 

 

2. Annäherung an den Predigttext

 

Chana Safrai stellt in ihren Gedanken zu unserer Perikope in diesem Heft als erstes die hermeneutische Frage an uns Christen. Wie gehen wir mit Schelt- und Gerichtsreden alttestamentlicher Propheten um? Ich will die Frage erweitern: Was nehmen wir uns für den Israelsonntag vor? Wie sprechen wir über das Verhältnis von Christen und Juden, von Kirche und Israel? Welche Rolle spielt Israel, wenn wir als Christen über uns selbst nachdenken? Welche Bedeutung hat bei unseren Überlegungen unsere Vergangenheit?

Am 11. April 2007 besuchte der Rat der EKD Yad Vashem. Dort sagte der Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber: „Wir wollen die Stätten des Heils hier in Jerusalem und im Heiligen Land nicht betreten, ohne zuvor die Stätte der Erinnerung an das Unheil der Shoah aufzusuchen und unsere Herzen für diese Erinnerung zu öffnen.“ So möchte auch ich meine Bibel nicht öffnen, ohne zuvor mein Herz zu öffnen für diese Erinnerung. „Die Wahrhaftigkeit in der Begegnung mit unserer Geschichte ist der einzige Weg in die Zukunft, um aus Erinnerung Orientierung werden zu lassen“, so Bischof Huber. „Auch in Zukunft stellt sich die evangelische Kirche ihrer historischen Verantwortung, sie wird der erinnernden Wahrheit auch weiterhin die Ehre geben. Sie wird deshalb an der tiefen Solidarität mit Israel festhalten und sich an dem Mühen um Gerechtigkeit und Frieden nach Kräften beteiligen.“ So möchte auch ich mich meiner Verantwortung stellen, aus Erinnerung Orientierung werden lassen, indem ich den Israelsonntag zu einem Tag der tiefen Solidarität mit Israel mache und mich an dem Mühen um Gerechtigkeit und Frieden nach Kräften beteilige.

 

 

3. Beobachtungen am Text

 

Der Text im Kontext

 

Fischer (S. 287-304) nennt mehrere Argumente dafür, dass in Jer 7,1 ein neuer Abschnitt beginnt: der Wechsel von Poesie zu Prosa, neue Leitwörter (wie schama – hören, makom – Ort), erstmaliges Erscheinen einer ganzen Reihe von besonderen Redewendungen.

Mich fasziniert besonders folgende Feststellung, die mich an Chana Safrais Ausführungen erinnert:

In Jer 7,1 erscheint eine sehr besondere Wortereignisformel, die so nur noch in 11,1; 18,1 und 30,1 steht und das Jer-Buch in große Textblöcke gliedert. „Es scheint, daß diese durch die gleiche Wortereignisformel eingeleiteten Texte eine innere Verbindung untereinander erhalten. In den ersten drei geht Entscheidendes in die Brüche: in Jer 7 das falsche Vertrauen auf den Tempel, in Kap. 11 der Bund, in Jer 18 ein Gefäß als Bild für das Volk. Die Trostrolle (Kap. 30f.) heilt diese und andere Zerbrochenheiten in der neuen Beziehung, die Gott ihm schenkt. Von daher erstellen die vier speziellen Wortereignisformeln eine Kammlinie mit vier wie Gratpunkte herausragenden Texten innerhalb von Jer.“ (Fischer, S. 294f.). Dass die in 7,1 beginnende Linie von Zerstörungen auf Wiederherstellung zuläuft, möchte ich als Leitlinie für die homiletische Ausrichtung meiner Predigt festhalten.

Für die Predigt lege ich den vollständigen Abschnitt Jer 7,1-15 zu Grunde. Die Verkürzung auf 7,1-11 „würde den Text ohne Not zu einem Torso machen“ (von der Osten Sacken, S. 159).

Unser Textabschnitt trägt traditionell die Bezeichnung Tempelrede. Jer 26 schildert eine ähnliche (vielleicht die selbe) Rede Jeremias im Tempel samt den Turbulenzen, die sie auslöst: eine Todesdrohung der Priester, Heilspropheten und des Volkes gegen den Propheten und seine Rettung durch einen hohen Regierungsbeamten auf Grund eines lange zurück liegenden Präzedenzfalls. Jer 26 legt eine Datierung des Ereignisses auf das Jahr 609 v. Chr. nahe: König Josia ist gefallen, sein Nachfolger Jojakim handelt gegen die josianische Reform (2. Kön 23,37), der Prophet erhebt das Wort.

Jer 7,1-15 wirkt im NT nach durch das Stichwort „Räuberhöhle“ in der Geschichte von der Tempelreinigung Mt 21,13; Mk 11,17; Lk 19,46; anders Joh 2,16: „Kaufhaus“.

 

Zum Textabschnitt Jer 7,1-15

 

Die historisch-kritische Forschung hat mehrere Bearbeitungen des Textes identifiziert. Demnach lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, was auf den Propheten selbst zurückgeht. Ich gehe für diese Predigtmeditation von der kanonischen Endgestalt des Textes aus und halte nur mehr fest, dass diese Endgestalt von Menschen erstellt wurde, die zurückblicken konnten auf die Zeit des Propheten, auf die Erfüllung seiner Unheilsprophetie in der Tempelzerstörung des Jahres 586 v. Chr. und auf den Wiederaufbau des Tempels nach dem babylonischen Exil in den Jahren 520 – 515 v. Chr.

 

Mit Fischer (S. 293) gliedere ich unseren Text formal und inhaltlich:

„V 1 Wortereignisformel

V 2-15 Anweisung an Jeremia zur Verkündigung am Tempeltor

            V 2a-c Auftrag an Jeremia

                        V 2d-7 Mahnungen und Zuspruch an JHWH-Verehrer

                                   V 8-11 Anklage der Übertretung des Dekalogs
                                                           und der falschen Zuflucht im Tempel

                                               V 12-15 Vergleich mit Schilo und Ankündigung der Entfernung“

 

Mit Christl Maier (S. 49f.) gliedere ich die fünf Kommunikationsebenen des Textes:

V 1 Einleitung des Erzählers

            V 2a göttliche Handlungsanweisung an den Propheten

                        V 2b-3aα von Gott aufgetragene Anrede des Propheten an das Volk

                                   V 3aβ-15 Wort Gottes ans Volk durch den Propheten

                                               V 4b.10aβ Zitate, die dem Volk in den Mund gelegt werden

(3x „Der Tempel des Herrn ...“ bzw. „Wir sind gerettet“)

 

V. 1: davarWort bzw. sprechen, im Text 7 Mal (VV. 2.4.8.13), bezeichnet hier das Wort Gottes durch den Propheten Jeremia im Gegensatz zu den Lügenworten (VV. 4.8).

V. 2: ba – kommen, amad – stehen und hischtachawe – niederfallen sind Verhaltensweisen der Tempelbesucher (V. 10). Jeremia soll sich ins Tempeltor stellen, wo sonst der Priester die Einzugsliturgie vollzieht (Ps. 15; 24), und dort Gottes Wort ausrufen. Erstmals in Jer bekommt der Prophet für einen Auftrag einen konkreten Ort genannt, erstmals sagt er dem Volk Gottes Willen. Angeredet werden die Leute, die durch alle Tore einziehen, ganz Juda (das Nordreich Israel wurde 722 v. Chr. zerstört).

V. 3: Die feierliche Botenformel nennt den Herrn der Heerscharen und Gott Israels. Jisrael ist hier Ehrenname und Gesamtheit des Volkes. Die eigentliche Rede beginnt mit einem Umkehrruf, dem positiven Gebot, Wege und Taten zu bessern, und der Verheißung, dann „an diesem Ort“ wohnen zu bleiben. Makom – Ort kommt 5 Mal vor (VV. 3.6.7.12.14), dazu 3 Mal bajit – Haus (VV. 10.11.14), und zwar beides sowohl für Jerusalem als auch für Schilo (V. 14).

V. 4: Das folgende Verbot nennt das Kernproblem beim Namen, um das es geht: das falsche Vertrauen auf Lügenworte (selbe Formulierung V 8). Diese machen in ihrer dreifachen Wiederholung einen starken, formelhaften, liturgischen Eindruck (vgl. Jes 6,3: 3 Mal heilig; Jer 22,29: 3 Mal Land; Hes 21,32: 3 Mal Trümmer).

V. 5f.: Die Gebotsworte von V. 3b (Ruf zur Umkehr: „Bessert ...“) werden konditional wiederholt, mit inf. abs. verstärkt (hetiv tetivu), um die Parallele „machen“ (ebenfalls mit inf. abs.: aso taasu) verdoppelt und damit auch konkretisiert: macht Recht! Das Kommen, Stehen, Niederfallen und liturgische Sprechen im Tempel ist Lüge, wenn es nicht verbunden wird mit dem Recht Tun im zwischenmenschlichen Bereich, besonders im sozialen Verhalten gegenüber Fremden, Waisen und Witwen. Das gilt vor allem Richtern. Der Vorwurf des Blutvergießens richtet sich gegen die Führungsschicht (22,17 direkt gegen König Jojakim), der des Götzendienstes („zum Bösen für euch!“) wieder gegen alle.

Gradwohl (S. 290) beschreibt in Anlehnung an Abarbanel die Aufgaben eines Richters: Verwirklichung eines „gerechten“ Urteils (5. Mose 1,16; 16,18 u. ö.), eines „Rechts der Wahrheit“ (Sach 7,9), eines „Rechts des Friedens“ (Sach 8,16); Unbestechlichkeit und Redlichkeit (2. Mose 18,21; 5. Mose 1,16f., 16,19f.), Qualifikationen in Strafrecht, Erbrecht, Freikaufrecht, Armenrecht.

Der Schutz der Fremden, Waisen und Witwen ist ein zentrales Gebot der Tora (2. Mose 22,20f.; 5. Mose 24,17; 27,19). Das Bedrücken (aschak) ist (3. Mose 19,13) generell verboten.

Der Schutz des Lebens (Verbot des Blutvergießens) erscheint ebenfalls mehrmals in der Tora (2. Mose 20,13; 5. Mose 19,10; 21,8; 27,25).

V. 7: Nun macht Gott das Wohnen bleiben abhängig von der Erfüllung dieser Bedingungen, und weitet den Ort aus, auf das es sich bezieht: nicht nur der Tempel und die Stadt Jerusalem, sondern das ganze Land, das er den Vätern auf ewig (formuliert in einmaliger Unbegrenztheit: „von Weltzeit auf Weltzeit hin“) gegeben hat, wird betroffen sein. Das Land bleibt Gottes Eigentum, sein Besitz an die Bedingung gerechten Lebens geknüpft.

V. 8: Die Worte aus dem Verbot von V. 4 werden nun in der Feststellung der vollzogenen Zuwiderhandlung wiederholt. Die Lügenworte werden als nutzlos disqualifiziert. Der Vers beginnt mit hinne – siehe, das Wort wird in V. 11 wiederholt. Es markiert jeweils einen Einschnitt. Dazwischen kommt die Zornesprophetie zu ihrem Höhepunkt. Es ergeht kein weiterer Umkehrruf.

V. 9: Sechs inf. abs. in Folge reihen die Vergehen auf. Sie alle lassen sich direkt oder indirekt als Verstöße gegen die Zehn Gebote identifizieren: Stehlen, morden, vergewaltigen, zur Lüge schwören, dem Baal räuchern, anderen – nicht einmal bekannten! – Göttern nachlaufen. Auch bei den Propheten bleibt die Tora der Maßstab für das Rechtverhalten. Das Fehlverhalten führt zum Bruch der wichtigsten Beziehungen zu Menschen und zu Gott und zur Annullierung der Reform Josias, die auf dem Fund des Deuteronomiums basierte.

V. 10: Als Rechtsbrecher stellen sich die Leute im Tempel vor Gott hin – in große Nähe zu Gott – und sagen in der Meinung, ihr Opfer schaffe Sühne: „Wir sind gerettet!“, um so ihre Verbrechen zu rechtfertigen. Die konfrontierende Entlarvung ist vollständig und wirkungsvoll.

V. 11: „Der Tempel ist damit wahrlich zu einer ‚Räuberhöhle’ geworden, in der man sich geborgen und dem strafenden Arm der Gerechtigkeit entzogen fühlt“ (Gradwohl, S. 294). Seiner Bestimmung nach ist er das Haus, „über dem mein Name ausgerufen ist“ (VV. 10.11.14). Wie in V. 9 macht die Fragepartikel ha- auch V. 11 als Frage erkennbar: ist mein Haus in euren Augen zur Räuberhöhle geworden? „Nun, ich sehe es genauso!“ Eine abschließende Spruchformel und eine Setuma (der allein stehende Buchstabe samech) markieren einen Einschnitt vor der durch ihren ironischen Ton und radikalen Inhalt provokanten Gerichtsansage.

V. 12: Nun folgt, mit ki – ja eingeleitet, die Aufforderung nach Schilo zu reisen. Dort, rund 30 km nördlich von Jerusalem, stand ein Tempel, der von den Philistern nach archäologischem Befund etwa 1050 v. Chr. zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde. Auch dort hatte Gottes Name gewohnt, auch über jenes Haus war Gottes Name ausgerufen worden (V. 14). Jetzt geht es nur noch darum zu sehen, was aus jenem Tempel geworden ist, der in seiner Beschreibung die gleiche Wertigkeit einnimmt wie der Tempel zu Jerusalem. Asiti lo – ich habe ihm angetan sagt Gott nun über seine Zerstörung, wegen der Bosheit meines Volkes Jisrael. Die durch Götzendienst erworbene Bosheit Judas war bereits in V. 6 festgestellt worden. Asa – tun wird hier erstmals mit Gott als Subjekt erwähnt (weitere 2 Mal in V. 14), ansonsten fünf Mal vom Treiben des Volkes (VV. 5.5.10.13 und 13 maasim -Taten).

V. 13f.: Mit weata – und jetzt eingeleitet, folgt zuerst noch einmal eine dreifache Begründung (diese Taten, unermüdliches Reden und kein Hören, Rufen und keine Antwort), dann die Ankündigung der Zerstörung des Tempels zu Jerusalem analog zur der des Tempels von Schilo. Auch der Tempel wird dreifach beschrieben (Namensausrufung, Vertrauen, Gabe an euch und eure Väter).

V. 15: Die Zerstörung des Tempels (und der Stadt Jerusalem und des Landes Juda) ist verbunden mit der Exilierung meal panai – weg von meinem Angesicht. Hier wird die Analogie gezogen zum ganzen Samen Ephraims, das ist das Nordreich Israel. Achichem – eure Geschwister nennt sie Gott und stellt so – vermutlich ironisch – eine Solidarität in der Sünde und Bestrafung her. Hier endet die Perikope. In V. 16 schließt sich Gottes Verbot an Jeremia an, für das Volk zu bitten.

 

Zusammenfassung

 

Was Gott möchte, ist keine von der Alltagsethik abgelöste Religion (Gradwohl S. 294f. mit Verweis auf M. Buber). Sie wäre eine falsche Form der Frömmigkeit (Fischer, S. 287). Der Kult bzw. Kultort bietet keine Sicherheit an sich, lautet die Botschaft Jeremias; in der überarbeiteten Endgestalt des Textes erscheint der Prophet als Lehrer der Tora, „als Mahner auf der Grundlage herausragender Gebote des Deuteronomiums“ (Maier, S. 91). Damit ist keine grundsätzliche Ablehnung des Tempels verbunden, sondern die Kritik an einer Ausgestaltung des Tempelkults ohne Beachtung der Tora (Maier, S. 90; Gradwohl, S. 295; von der Osten-Sacken, S. 165). Für diese Kritik wird Jeremia angefeindet (Jer 26), aber posthum rehabilitiert, da sich seine Prophetie bewahrheitet und der Tempel und die Stadt Jerusalem zerstört sowie das jüdische Volk exiliert werden. Dies ist den Bearbeitern des Jeremiabuches und auch heutigen Lesern bekannt. „Wenn aber alles drei bereits geschehen ist, dann gewinnen alle Elemente in 7,3-15 in ihrem Miteinander Sinn: Die Gerichtsankündigung wird zur Drohung, deren Ernst geschichtlich ablesbar ist, Umkehrruf und Verheißung aber verlieren den Charakter einer verlorenen Möglichkeit und werden zur aktuellen, offenen Anrede an die, die die Rede in ihrem Heute vernehmen“ (von der Osten-Sacken, S. 171). Heutige jüdische Auslegung erkennt: der Prophet „droht nicht, um seine Prophetie Wirklichkeit werden zu lassen, sondern um Israel auf den rechten, guten Weg auszurichten. Er gibt Israel nicht auf, vielmehr bemüht er sich um Israel und sein Wohlergehen“ (Chana Safrai in ihrem Beitrag in diesem Heft).

 

 

4. Homiletische Entscheidungen

 

Die Predigt soll „Wort Gottes an die Kirche in ihrem Verhältnis zu Israel“ sein, nicht „Wort der Kirche an (das im Gottesdienst gar nicht vertretene) Israel“ (von der Osten-Sacken, S. 158).

Ich schlage vor, folgende Schritte auszuführen:

1. Am 24. Juli begehen Juden auch in Württemberg den 9. Av. Sie gedenken der großen Zerstörungen und Verfolgungen in ihrer Geschichte von der Mosezeit bis ins 20. Jahrhundert. Besonders der beiden Zerstörungen des Tempels von Jerusalem.

2. Unser Predigttext führt uns zurück in die Zeit Jeremias, der die Zerstörung des ersten Tempels ankündigen muss. Der Text erscheint wie eine Zornespredigt, die der Prophet im Tempel halten muss. Als die Katastrophe dann eingetreten war, erkannte man, dass Jeremia Recht gehabt hatte und bewahrte seine Worte in der Bibel auf bis heute. Hier passt das Ebach-Zitat (s. u. 5. Kontexte).

3. Nicht nur wir, sondern auch Juden tun sich mit solchen Texten schwer. Beispiel: die Predigt des Kibbuzniks Yudka (s. u. 5. Kontexte). Vergessen wollen ist menschlich. Aber sich erinnern ist notwendig, um menschlich zu bleiben, um in der Humanität zu wachsen.

4. Für das Volk Israel hat die Erinnerung eine ganz entscheidende Funktion. Sie wird ausgedrückt in Jeremias Mahnung: Bessert eure Wege und Taten! Wir hören mit Schrecken, dass Jeremia vergeblich mahnte. Aber dadurch, dass seine Worte überliefert wurden, bekommen sie für uns einen neuen Sinn: Zitat Osten-Sacken (s. o. Zusammenfassung von 3.): „... Umkehrruf und Verheißung verlieren den Charakter einer verlorenen Möglichkeit und werden zur aktuellen, offenen Anrede an die, die die Rede in ihrem Heute vernehmen.“

5. Der Prophet mahnt, die Frömmigkeit mit der Erfüllung von Gottes Willen im Alltag gegenüber den Mitmenschen zu verbinden. Auch Jesus sagt: Gottesliebe und Menschenliebe bedingen einander.

6. Das Volk Israel erinnert sich an die Zerstörungen aber auch aus einem weiteren Grund: aus Dankbarkeit für die Wiederherstellung. Sogar in einer so strengen Rede wie Jer 7,1-15 leuchten Trostlichter auf (siehe Beitrag von Chana Safrai).

7. Israel ist getröstet, weil es immer wieder neu Gottes Treue erfährt. Dies ist für uns ganz wesentlich: denn auch die Kirche lebt von der Treue Gottes (siehe die Erklärung der württembergischen Landessynode zum Verhältnis von Christen und Juden vom 6. April 2000, in diesem Heft).

8. Viele Juden und viele Christen glauben auch in der Bewahrung des jüdischen Volkes, in seiner Rückkehr ins Land der Väter und in der Gründung des Staates Israel ein Zeichen von Gottes Treue zu erkennen. Unsere Landessynode hat 1988 erklärt: „Auf dem Hintergrund ihrer jahrtausendelangen Leidensgeschichte teilen wir die Freude der Juden über die Heimkehr ins Land der Väter und begreifen ihre Verbundenheit mit dem Staat Israel. ... Als mit dem Volk Israel verbundene Kirche beten wir für den Frieden im Nahen Osten und bitten alle am arabisch-israelischen Konflikt mittelbar und unmittelbar Beteiligten, den Mut zu Verständigungs- und Aussöhnungsbereitschaft nicht zu verlieren. Feindschaft, Misstrauen, Gewalt und Hass führen ins Verderben. Nur die beharrliche Bemühung um Verständigung, Ausgleich und Frieden kann den Völkern im Nahen Osten den Weg in eine gemeinsame Zukunft ebnen.“ (Die Erklärung ist in diesem Heft vollständig abgedruckt.)

9. Wir sind als Kirche mittlerweile auch mit palästinensischen Christen vielfältig verbunden. Unsere Gesprächspartner in Israel und Palästina erwarten von uns aufmerksames Wahrnehmen, Einfühlung in ihre Lage und konkrete Hilfe. Wir setzen uns für Verständigung, Ausgleich und friedliches Zusammenleben von Israelis und Palästinensern ein.

10. Christen und Juden kommen aus einer Wurzel. Sie gehen auf eine umfassende zukünftige Erlösung zu. Sie sind jetzt getrennt, aber sie gehören zusammen und sollen das Gemeinsame suchen, ohne die Unterschiede zu überspielen. So werden sie entdecken, dass es ungleich mehr Verbindendes als Trennendes zwischen ihnen gibt.

 

 

5. Kontexte

 

„In der explosiven Kurzgeschichte Ha-Derasha – ‚Die Predigt’ – des hebräischen Schriftstellers Haim Hazaz [1956, M. V.] findet eine Versammlung im Kibbuz statt. Yudka, der bei solchen Gelegenheiten sonst nie etwas sagt, überrascht alle Anwesenden, als er das Wort ergreift, um Gedanken loszuwerden, die er nicht mehr für sich behalten kann. Er erläutert, anfangs noch stockend, was ihn beschäftigt hat: ’Ich möchte feststellen’, sagte Yudka mühsam mit leiser, angespannter Stimme, ‚dass ich gegen die jüdische Geschichte bin. Ich würde es einfach verbieten, unseren Kindern jüdische Geschichte beizubringen. Warum zum Teufel sollen wir ihnen von der Schande unserer Vorfahren erzählen? Ich würde einfach sagen: Buben, seit der Zeit, als wir aus unserem Land verbannt wurden, sind wir ein Volk ohne Geschichte. Die Stunde ist vorbei. Geht Fußball spielen.’ ... Yudka, der gegen die jüdische Geschichte ist, hat eine Vergangenheit, allerdings mit einer Lücke von nahezu zwei Jahrtausenden. Für ihn ist das Rad der Geschichte beim Fall von Massada im 2. Jahrhundert stehengeblieben, um sich im späten 19. Jahrhundert bei der Rückkehr nach Zion wieder in Gang zu setzen. Die Ereignisse dazwischen sind ein Alptraum, den man am besten vergißt.“

Yosef Hayim Yerushalmi, ZACHOR: Erinnere Dich! Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis, Berlin 1988, S. 103f., 105.

 

„Viele der Texte der hebräischen Bibel sind gleichsam durch die Niederlage von 587/6 hindurchgegangen. Ohne diese Niederlage, ohne diese Erinnerungs- und Trauerarbeit gäbe es nach aller Wahrscheinlichkeit keine Bibel.“

Jürgen Ebach, Die Niederlage von 587/6 und ihre Reflexion in der Theologie Israels, in: Einwürfe 5, München 1988, S. 71.

 

 „Ich will mit allen Völkern ein Ende machen, unter die ich dich zerstreut habe, aber mit dir will ich nicht ein Ende machen“

Jeremia 30,11.

 

„Das Volk Israel wird das Volk Gottes bleiben, in Ewigkeit, das einzige Volk, das nicht vergehen wird, denn Gott ist sein Herr geworden, Gott hat in ihm Wohnung gemacht und sein Haus gebaut.“

Dietrich Bonhoeffer, Bibelarbeit über König David (1936), D. Bonhoeffer Werke, München 1986-1999, Bd.  XIV, S. 894.

 

„Den Christen fehlen die Juden. Dieses Fehlen hat sich auf die Entwicklung der christlichen Theologie in einem so tiefgreifenden Maße ausgewirkt, wie es hier auch nicht andeutungsweise dargestellt werden kann. Es hatte außerdem eine ähnliche Wirkung wie das umgekehrte Fehlen bei den Juden: nämlich die Separation der Religion vom praktischen Alltagsleben, besonders vom Gesellschaftsleben, die Trennung des Sonntags vom Werktag, die Verselbständigung des Profanen vom Gotteswillen, unterstützt durch die individualisierende und spiritualisierende Tendenz der christlichen Verkündigung. Im speziell theologischen Bereich sieht man das am Eindringen außerbiblischer Denkweisen, schon in der altkirchlichen Dogmenbildung, und im Verständnis des Glaubens als ein Fürwahrhalten. Wo man diese Gefahr erkannte und das biblische Glaubensverständnis wiederzugewinnen versuchte (z. B. bei Martin Luther, Albrecht Ritschl, Wilhelm Herrmann, Rudolf Bultmann), drohte Glauben in den Bereich der inneren Gesinnung eingeschlossen und auf seine Trostbedeutung verengt zu werden; das Verhältnis von Glauben und Tun, das immer eine Stärke des Judentums war, wird unsicher, es droht gelöst zu werden.“

Helmut Gollwitzer, Befreiung zur Solidarität. Einführung in die Evangelische Theologie, München 1978, S. 138.

 

 „Christen haben im Dialog mit dem Judentum gelernt, die wechselseitige Beziehung zwischen Theologie und Glaubenspraxis ernster zu nehmen. Sie beginnen nach Auschwitz zu erkennen, dass sowohl die Sprache als auch das Handeln Kriterien für die Wahrhaftigkeit von Theologie sind. Diese Umkehr im Denken muss sich in einer veränderten Praxis bewähren.“

Christen und Juden III (2000), in: Christen und Juden I-III. Die Studien der Evangelischen Kirche in Deutschland 1975-2000, Gütersloh 2002, S. 213 (Abschnitt „5.7 Vor neuen Aufgaben“).

 

„Juden und Christen sind, was ihre ‚urzeitliche’ Herkunft und ihre endzeitliche Zukunft angeht, eine Religion. Sie sind gegenwärtig, ihren geschichtlichen Manifestationen nach, zwei Religionen. Die Einheit am Anfang und am Ende ist Glaubensgegenstand oder Teil des Glaubens, die Zweiheit ist geschichtliches Faktum und wohl auch geschichtlich nicht aufhebbar. Ein wesentlicher Teil unserer theologischen, seelsorgerlichen, pädagogischen Aufgabe wird darin bestehen, dies beides – die geglaubte Einheit und die geschichtliche Zweiheit beider Religionen – ins rechte Verhältnis zueinander zu setzen.“

von der Osten-Sacken, Peter, Zum gegenwärtigen Stand des christlich-jüdischen Dialogs und seinen Perspektiven, in: Rainer Kampling, Michael Weinrich (Hg.),Dabru emet – redet Wahrheit. Eine jüdische Herausforderung zum Dialog mit den Christen, Gütersloh 2003, S. 212.

 

 

6. Literatur

 

Fischer, Georg, Jeremia 1-25, Freiburg 2005 (HThKAT).

Gradwohl, Roland, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen Bd. 3: Die alttestamentlichen Predigttexte des 5. Jahrgangs, Stuttgart 1988.

Huber, Wolfgang, Nur durch die Wahrheit wird aus Erinnerung Orientierung. Grußwort am 11.4.2007 in Yad Vashem, www.ekd.de.

Lau, Israel M., Wie Juden leben. Glaube, Alltag, Feste, Gütersloh 1988.

Maier, Christl, Jeremia als Lehrer der Tora. Soziale Gebote des Deuteronomiums in Fortschreibungen des Jeremiabuches, Göttingen 2002 (FRLANT; 196).

von der Osten-Sacken, Peter, Der Friedensstörer. Exegese von Jeremia 7,1-11(12-15), in: Raupach, Wolfgang (Hg.), Weisung fährt von Zion aus, von Jerusalem seine Rede. Exegesen und Meditationen zum Israel-Sonntag, Berlin 1991, S. 157-174.

 

Meine ausformulierte Predigt von 2001 steht – wie die gesamte Handreichung zum Israelsonntag – nach wie vor im Internet: http://www.kloster-denkendorf.de/predigthilfe_israelsonntag_2001.htm.

 

 

7. Liturgieentwurf

 

Eingangslied

EG 665,1-4 Gelobt sei deine Treu

 

Gruß

Im Namen Gottes, der Himmel und Erde geschaffen hat,

der Israel zu seinem Volk erwählt hat und ihm die Treue hält,

der in dem Juden Jesus, dem gekreuzigten und auferstandenen Christus, Menschen zu sich ruft,

der durch den Heiligen Geist Kirche und Israel gemeinsam zu seinen Zeugen und zu Erben seiner Verheißung macht.

Amen.

 

Begrüßung

„Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk das er zum Erbe erwählt hat.“ Mit dem Wochenspruch aus Psalm 33,12 grüße ich Sie herzlich am heutigen Israelsonntag. Traditionell ist dies der christliche Gedenktag an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer 70 n. Chr. In den jüdischen Gemeinden wurde der entsprechende Trauertag, der 9. Av, am 23./24. Juli 2007 begangen. Am Israelsonntag erinnern wir uns daran, dass Gott Israel aus Liebe zu seinem Volk erwählt hat und dass er diesem Volk ewig treu ist. Wir bedenken unsere unlösliche Verbundenheit mit dem Volk Israel und loben Gottes Barmherzigkeit.

 

Psalm

Wir beten im Wechsel einen Psalm Israels: Psalm 100 (EG 740, Wochenpsalm)

 

Eingangsgebet

Herr der Welt,

du hast dir das Volk Israel zu deinem Eigentum erwählt.

Du hast ihm deine Weisung zum Leben gegeben und begleitest seinen Weg in tiefem Erbarmen.

Nach deinem Willen ist Israel dein Zeuge unter den Völkern.

Gib, dass wir das mit Dank erkennen und achten.

Lass unsere Einsicht Israel und uns zum Frieden dienen

durch Jesus Christus, den du im heiligen Geist gesandt hast, Frieden zu verkündigen.

Amen.

(Nach: Lobe mit Abrahams Samen, Heppenheim 1995, S. 40 / M 36)

 

Stilles Gebet und Votum

 

Schriftlesung

Johannes 4,19-26

 

Wochenlied

EG 290,1.3-4.6-7 Nun danket Gott, erhebt und preiset

 

Predigt

Jeremia 7,1-15

 

Lied nach der Predigt

EG 133,3.5-8 Zieh ein zu deinen Toren

 

Fürbitten

mit gesungenem Agios o theos EG 185.4

 

Lasst uns voll Hoffnung zu Gott beten:

 

Für Christen und Juden,

dass sie sich begegnen und einander vertrauen können,

dass Wunden und Verletzungen, die Christen Juden zugefügt haben, heilen,

dass Schuld ernst genommen und nicht verdrängt wird,

lasst uns zu Gott rufen: Agios o theos.

 

Für den Staat Israel, alle seine Bewohner, Nachbarn und Bedränger,

dass sie auf Gewalt verzichten, das Gespräch suchen und Misstrauen abbauen,

dass niemand mehr um sein Leben fürchten muss

und dass ein gerechter Frieden in diesem Teil der Welt gefunden wird,

lasst uns zu Gott rufen: Agios o theos.

 

Für die Überlebenden der Judenverfolgungen,

die bis heute gezeichnet und von Erinnerungen gequält sind wegen des erlittenen Grauens,

dass sie Linderung finden für ihren Schmerz

und dass sie und ihre Nachkommen Frieden für ihre Seelen finden,

lasst uns zu Gott rufen: Agios o theos

 

Für alle, die das Volk Israel noch immer verachten,

dass sie zur Erkenntnis der Wahrheit finden, dass die Juden die Geliebten Gottes sind, Licht der Völker, Mittler von Segen und Heil;

für alle, die schuldig geworden sind an Juden,

dass sie ihr Tun bereuen und umkehren,

lasst uns zu Gott rufen: Agios o theos

 

(Nach Gebetsvorlagen aus den Evangelischen Kirchen von Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck)

 

Vaterunser

 

Schlusslied

EG 302,2.8 Du, meine Seele, singe

 

Bekanntgaben

 

Segensbitte

Ose Schalom Bimromaw / Der Frieden gibt in den Höh’n (Liedblatt, siehe Denkendorfer Handreichung zum Israelsonntag 2004, letzte Seite. Auch in: „Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder“ Nr. 17)

 

Aaronitischer Segen und dreifaches Amen

 

 

 

Zur aktuellen Lage in und um Israel (April 2007)

 

Dies ist ein sehr geraffter Versuch, die aktuelle Lage im Nahostkonflikt darzustellen. Er wird sicher nicht alle Leserinnen und Leser zufrieden stellen. Erlauben Sie mir daher einen Rat: Wenn Sie dieses Thema Ihrer Gemeinde nahe bringen möchten, so tun Sie das bitte im Rahmen einer Vortrags- und Gesprächsveranstaltung, nicht in der Predigt am Israelsonntag, denn das Thema ist sehr komplex. Versuchen Sie lieber, dem Predigttext gerecht zu werden und für den Frieden zu beten.

Der Libanonkrieg des vergangenen Sommers brachte eine neue Situation im Nahen Osten ans Licht, die sich seit längerem angebahnt hatte: der israelisch-arabische Konflikt wurde zu einem israelisch-iranischen ausgeweitet. Der Iran versuchte seit Jahren Israel zu bedrohen, bislang meist rhetorisch. So erregte 2000 Rafsandschanis Bemerkung Besorgnis, mit zwei Atombomben auf Haifa und Tel-Aviv sei der Nahostkonflikt erledigt. Rafsandschani galt im Westen gegenüber Achmedinedschad als der gemäßigte Kandidat bei den Präsidentenwahlen. Iranische Kriegsrhetorik und antisemitische Propaganda sind Mittel zum Hauptzweck, nämlich regionale Großmacht zu werden. Dazu gehören auch Atomwaffen, obwohl der Iran dies offiziell abstreitet.

Iran hatte die libanesische Hisbollah mächtig gemacht und Einfluss auf die palästinensische Hamas gewonnen. Sie alle verbindet ihr aggressiver antisemitischer Islamismus, ihre ideologische Herkunft von den Muslimbrüdern. Im iranischen Auftrag hatte die Hisbollah den größten antisemitischen Anschlag außerhalb Israels verübt: 1994 auf das jüdische Gemeindezentrum von Buenos Aires mit 85 Toten und über 300 Verletzten. Die argentinische Staatsanwaltschaft macht Hashemi Rafsandschani persönlich für den Bombenanschlag verantwortlich. Der abstoßende Antisemitismus der Hamas ist für alle Welt in der Hamas-Charta im Internet nachlesbar. Ein Ziel dieser vom Iran angeführten Allianz ist die völlige Vernichtung Israels. Ein weiter gehendes Ziel ist die islamistische Vorherrschaft in der arabischen Welt, um dann die islamistische Weltherrschaft anzustreben. Diesem Ziel dient auch die Verfälschung der Geschichte etwa durch die Leugnung des Holocaust. Da die USA bis in wenigen Jahren mit potenziellen iranischen Atomraketenangriffen rechnen, bemühen sie sich zurzeit um den Aufbau eines Raketenabwehrschirms in Osteuropa.

Auch die arabischen Regime sehen die iranischen Bestrebungen mit Sorge. König Abdullah von Jordanien warnte während des Libanonkrieges vor einem islamistischen schiitischen Halbmond innerhalb des mehrheitlich sunnitischen arabischen Halbmonds, der, durch den Iran gestützt, vom Gazastreifen über den Libanon in den Irak reiche und die nicht islamistischen arabischen Regime bedrohe. Aus diesem Grund waren sogar verständnisvolle arabische Reaktionen auf die heftige israelische Gegenwehr gegen die Hisbollahangriffe vom Juli 2006 zu hören.

Bei Ausbruch der Feindseligkeiten hatte die Hisbollah vom Iran, vorwiegend über Syrien, bereits etwa 15.000 Raketen erhalten. Die Hisbollah bildet im Libanon einen Staat im Staate. 40 Millionen Dollar monatliche Unterstützung aus dem Iran versetzen sie dazu in die Lage. Nach dem von der UN bestätigten vollständigen einseitigen Abzug der israelischen Armee unter Ministerpräsident Barak im Jahr 2000 war der Südlibanon eine praktisch waffenfreie Zone. Doch die libanesische Armee, die die Kontrolle über den Südlibanon bereits Ende der 1960er Jahre (!) an die PLO verloren und seither nicht wieder zurück gewonnen hatte, war auch jetzt zu schwach. Sie ließ es zu, dass die islamistische Privatorganisation sich des Gebiets bemächtigte und es mit dem Iran im Rücken für einen Krieg gegen Israel aufrüstete. Sechs Jahre lang kam es immer wieder zu kleineren Angriffen der Hisbollah gegen Israel. Die UN warnte den Libanon und die Welt 2004 in ihrer Resolution 1559 vor dem entstehenden Gefahrenpotenzial, verlangte den Abzug der syrischen Besatzungsmacht und wies die Regierung in Beirut an, die Hisbollah zu entwaffnen und den Südlibanon wieder unter Regierungskontrolle zu bringen.

Die Regierung handelte nicht. Sie wäre das Risiko eines Bürgerkrieges eingegangen. Der letzte Bürgerkrieg im Libanon, 1975 vor allem auf Grund der Destabilisierung des empfindlichen politischen Kräfteverhältnisses durch die PLO verursacht, dauerte eineinhalb Jahrzehnte und forderte nach Schätzungen zwischen 170.000 und 270.000 Menschenleben. Der Bürgerkrieg wurde von Syrien beendet, doch Syrien, das den Libanon beansprucht und nicht als souveränen Staat anerkennt, hielt den Libanon besetzt, bis es auf Grund des Drucks der USA 2004 seine Soldaten abzog.

Die Alternative zum Bürgerkrieg wäre eine internationale Intervention im Libanon gewesen. Doch hätte es die UNO, die Klärung der völkerrechtlichen Fragen vorausgesetzt, schwer gehabt Staaten zu finden, die dazu bereit gewesen wären. Ausländische Truppen hätten mit massiver Gegenwehr der Hisbollah und hohen eigenen, gegnerischen und zivilen Opfern rechnen müssen, außerdem wären sie als fremde Invasoren angeprangert worden.

So blieben alle Verantwortlichen passiv, während die Bedrohung gegen Israel täglich wuchs. Israel hatte seit seinem Rückzug 2000 die libanesische Grenze respektiert und nicht verletzt. Am 12. Juli 2006 griff die Hisbollah militärische und zivile Ziele in Nordisrael mit Raketen an und tötete eine Person. Etwa eine Stunde nach Beginn der Raketenangriffe entdeckte die israelische Armee das Fehlen einer Grenzpatrouille. Man fand acht ermordete Soldaten und Hinweise darauf, dass zwei Überlebende entführt worden waren. Daraufhin befahl die israelische Regierung den Gegenangriff auf die Hisbollah. Völkerrechtlich gesehen, hatte der Libanon Israel angegriffen. Israel betonte jedoch, nicht Krieg gegen den Libanon zu führen, sondern allein gegen die Hisbollah. Nachdem weder die libanesische Regierung noch die UNO bereit gewesen waren, die Resolution 1559 durchzusetzen, sondern alle Welt zusah, wie Iran und Hisbollah Israel einen Krieg aufzwangen, waren die Kriegsziele Israels klar begrenzt: Befreiung der entführten Soldaten und Umsetzung der UN-Resolution 1559. Hätte Israel auf die Hisbollah-Angriffe vom 12. Juli 2006 zurückhaltend reagiert, wäre die große Konfrontation dennoch unausweichlich gewesen, zu jedem späteren Zeitpunkt wegen der weiteren massiven Aufrüstung der Hisbollah mit iranischen Raketen jedoch noch viel verheerender geworden. Die Angriffe gegen Israel waren völkerrechtlich ein klarer Kriegsgrund. Dennoch wurde Israel als der Aggressor dargestellt, auch in Deutschland, auch in kirchlichen Kreisen. Nur zur Erinnerung: Deutschland hatte 1870/71, 1914-18 und 1939-45 Kriege geführt, die alle auf Grund wesentlich geringerer, 1939 sogar selbst konstruierter, Anlässe aus reinen Macht- und Expansionsgelüsten begonnen wurden. Nie war Deutschland in seiner Existenz bedroht. Häufig wird in großer Naivität darauf verwiesen, dass die Hisbollah auch eine sozial-karitative Organisation sei. Die Hisbollah ist eine totalitäre Gruppe, die die Menschen vollständig unterwerfen und abhängig machen möchte. Dazu ist ihr jedes Mittel recht. Ihre sozialen und medizinischen Einrichtungen sind häufig als Tarnung und Schutzschilde über Raketenbunkern und Waffenlagern errichtet. Ihre Kämpfer missbrauchten systematisch die südlibanesische Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde.

Nach vier Wochen Krieg wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Die libanesische Armee rückte erstmals seit 38 Jahren wieder an ihre südliche Grenze vor. Sie wurde verstärkt durch 15.000 Soldaten der UN-Friedenstruppe. Diese sollte die Hisbollah entwaffnen und den Waffennachschub unterbinden. Beides wurde bis heute nicht erreicht, da die Friedenstruppe die militärische Auseinandersetzung mit der Hisbollah scheut. So bleibt die Gefahr für Israel bestehen, sie wird jedoch dadurch abgeschwächt, dass die Hisbollah im Südlibanon nicht mehr schalten und walten kann wie sie möchte und dass sie die Grenze nicht mehr verletzen kann. Auch die beiden entführten israelischen Soldaten sind bis heute nicht frei. Die Bilanz des Krieges ist erschütternd. Im Libanon starben über tausend Zivilisten, in Israel vor allem wegen des besseren Luftschutzes wesentlich weniger, rund hundert. Israel verlor sechzig Soldaten und tötete nach eigenen Angaben etwa siebenhundert Hisbollah-Kämpfer. In beiden Ländern flohen jeweils etwa eine Million Menschen vor den Kämpfen. In beiden Ländern wurden tausende Häuser zerstört oder beschädigt, im Libanon wesentlich mehr als in Israel, da die Hisbollah ihre Stützpunkte häufig in bewohntem Gebiet errichtet hatte und von dort aus rund 5.000 Raketen wahllos ungelenkt nach Israel abschoss. Dort wurde auch ein großer Teil der militärisch relevanten Infrastruktur zerstört oder beschädigt. Die ökologischen Schäden sind in beiden Ländern immens: im Hafen von Beirut kam es zu einer Ölpest, in Galiläa ist durch mehr als vierhundert von Hisbollah-Raketen ausgelöste Waldbrände rund ein Viertel des Waldbestandes vernichtet worden. Bis die Wälder wieder so erstehen, wie sie vor dem Krieg standen, wird es sechzig Jahre dauern.

In Israel entbrannte eine heftige Diskussion um richtige oder falsche Entscheidungen im Zusammenhang mit der Kriegführung, in deren Verlauf der Generalstabschef ausgewechselt wurde. Folgenschwerer ist jedoch die gedrückte Stimmung in der israelischen Gesellschaft nach diesem Krieg. Viele Israelis fürchten wegen der anhaltenden iranischen Bedrohung um die Existenz ihres Staates und ihrer selbst.

Der Libanonkrieg drängte den bewaffneten Konflikt im Gazastreifen in den Hintergrund. Israel hatte nach der Entführung eines Soldaten durch die Hamas Teile des Gazastreifens besetzt und Hamas-Aktivisten, die es für die Entführung haftbar machte, verhaftet oder, bei Gegenwehr, getötet. Auch dieser Soldat ist bis heute in den Händen seiner Entführer. In Gaza entzündete sich ein offener innerpalästinensischer Machtkampf zwischen Hamas und Fatah, dem rund zweihundert Menschen zum Opfer fielen. Hintergrund ist die internationale Isolation der Palästinenser nach dem Wahlsieg der Hamas. Die Hamas kämpft für die Vernichtung Israels, sie erkennt Israel nicht an und lehnt sämtliche zwischen Israel und der palästinensischen Vorgängerregierung geschlossenen Abkommen ab. In den knapp zehn Monaten zwischen dem einseitigen Rückzug Israels aus Gaza und der Rückkehr israelischer Truppen nach der Entführung von Gilad Shalit hatte die Hamas mehr als sechshundert Raketen auf israelischen Staatsgebiet geschossen. In dieser Situation nehmen sich Forderungen, die Hamasregierung anzuerkennen und die internationale Ächtung zurückzunehmen, als realitätsfremd aus. „Friedensverhandlungen sind Zeitverschwendung“, heißt ein Punkt der Hamas-Charta. Dies erklärt zu einem großen Teil den Stillstand in den israelisch-palästinensischen Beziehungen.

Unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft kam aktuell wieder Bewegung in die Nahostsituation. Die arabische Liga erinnerte an den mehrere Jahre alten saudiarabischen Friedensplan, Israel zeigte sich an Gesprächen interessiert. Die Positionen liegen zwar weit auseinander, aber in Verhandlungen könnte man sich eventuell annähern. Der Hintergrund: Die westlich orientierten arabischen Staaten möchten den Einfluss des Iran zurückdrängen und einen denkbaren iranisch-israelischen oder iranisch-amerikanischen Krieg abwenden. Bislang haben nur Ägypten und Jordanien Frieden mit Israel geschlossen, andere arabische Staaten wollen, so scheint es, folgen. Die Palästinenserfrage scheint bei diesen Ansätzen eine Nebenrolle zu spielen. Der Einfluss des Iran auf die unmittelbaren Gegner Israels könnte deutlich geschwächt werden, wenn es gelänge, Israel und Syrien zu einem Friedensabkommen zu bewegen. Zwei Szenarien finden sich in den Medien: ein rascher Friedensschluss, der durch geheime Verhandlungen vielleicht sogar schon weit gehend vorbereitet ist – oder eine Neuauflage des Hisbollahkrieges, dann aber mit Beteiligung Syriens.

Israels wirtschaftliche Situation hat sich seit der Intifada dramatisch verbessert, daran konnten auch die militärischen Auseinandersetzungen des vergangenen Sommers nichts ändern. Israel hat die höchste Wachstumsrate der westlichen Industriestaaten. Die innere Sicherheitslage ist durch den Bau der Terrorabwehranlage aus Zaun und Mauer, durch engmaschige Kontrollen und effektive Geheimdiensttätigkeit so entspannt, dass auch die Touristenströme wieder anschwellen. Die Lage der Palästinenser ist sehr schlecht. Das Stocken des Osloprozesses ließ sie in zerstückelten Gebieten zurück, die so genannte Al-Aksa-Intifada war politisch ein gewaltiger Fehler, militärisch ein Fehlschlag und wirtschaftlich ein Desaster. Die Wahl der Hamas brachte die Einschränkung demokratischer Freiheiten, verschärfte die Auseinandersetzungen im Inneren und bescherte den Palästinensern eine internationale Blockade. Die israelische Siedlungstätigkeit im Westjordanland ist ungebrochen. Je länger eine Regelung des Konflikts hinausgeschoben wird, desto nachteiliger ist dies für die Palästinenser.

Grundlage für jedes Friedensszenario ist – übrigens schon seit 1937 – eine Zweistaatenlösung. Wesentliche Eckpunkte wurden in Camp David und Taba bereits verhandelt, jedoch ohne verbindliches Ergebnis. Die Genfer Privat-Initiative hat gezeigt, wie ein Kompromiss aussehen könnte, das Papier ist vernünftig, hat aber keinerlei offiziellen Status. Der saudiarabische Friedensplan enthält Punkte, die Israel nicht akzeptieren kann, wie das reale Rückkehrrecht aller palästinensischer Flüchtlinge, über die es aber offenbar bereit ist zu sprechen. Sowohl Israel als auch die Fatah und Palästinenserpräsident Abbas haben die Roadmap als Grundlage für künftige Verhandlungen anerkannt. Das größte Hindernis für weitere Fortschritte ist die ungebrochene Macht der Feinde jeder Friedensverhandlungen und -regelungen, allen voran der Hamas. Erst nach einer politischen Neutralisierung der Extremisten haben Pragmatiker eine Chance zum Kompromiss.

 

 

 

Dokumentation

Die drei Erklärungen der württembergischen Landessynode zum Verhältnis von Christen und Juden aus den Jahren 1988, 1992 und 2000

 

 

Verbundenheit mit dem jüdischen Volk

Erklärung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg zum 50. Jahrestag des Judenpogroms „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938

Erklärung des württembergischen Oberkirchenrats und der Württembergischen Landessynode vom 15. September 1988

 

Die Beziehung zwischen den Juden als dem Volk Gottes und der Kirche Jesu Christi beschreibt der Apostel Paulus mit dem Bild des Ölbaums und den eingepfropften Zweigen: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,18). Gleichzeitig warnt er seine heidenchristlichen Brüder vor Überheblichkeit.

 

1. Geschichtliche Entwicklung und christliche Schuld

 

Die Mahnung des Apostels geriet schnell in Vergessenheit. Statt des gemeinsamen Wurzelgrunds begannen Distanz und Ablehnung das Verhältnis zu prägen.

In den fast 2000 Jahren ihres Exils unter christlichen Völkern waren die Juden Vorurteilen, Verleumdungen, gesellschaftlicher Isolierung und Verfolgungen ausgesetzt. Durch die Geschichte des christlichen Abendlandes zieht sich eine unheilvolle Spur von Judenfeindschaft. Sie endete auch nicht, als im 19. Jahrhundert in den meisten europäischen Staaten die Juden gleichberechtigte Bürger wurden. Gegen den Judenhass und die Hetzpropaganda des Dritten Reiches formierte sich darum kein nachhaltiger geistiger Widerstand. Als im November 1938 in der später verharmlosend so genannten „Reichskristallnacht“ Synagogen angezündet, jüdische Geschäfte geplündert und demoliert, jüdische Mitmenschen schändlich misshandelt, gefangen genommen und in Konzentrationslager verschleppt wurden, blieb bis auf wenige Ausnahmen jeder öffentliche Protest aus. Auch die Kirchen waren weithin sprachlos und blind.

Als Christen leiden wir unter der schweren Last dieser Vergangenheit. Wir erkennen und bekennen unsere Schuld vor Gott und vor dem jüdischen Volk und bitten den Herrn, dass er uns helfe zur Umkehr im Glauben und Tun.

 

2. Erinnern, nicht vergessen!

 

Die lange Tradition der Ablehnung alles „Jüdischen“ in der Christenheit lässt sich nicht allein durch gute Absicht und schnelle Aufklärung verändern. Eine gründliche und selbstkritische geistliche Arbeit von Generationen wird nötig sein, um den langen Weg zu gehen, der vom Misstrauen zur Aufgeschlossenheit, von der Abweisung zur Bejahung und zum Bewusstsein des Zusammengehörens führt.

Unerlässlich ist dabei, dass wir uns der Erinnerung stellen und nicht verdrängen, was geschehen ist. Nur wenn wir die Geschichte kennen und ihre Last verantwortlich auf uns nehmen, kann sie uns helfen, die Herausforderungen der Gegenwart zu bestehen.

 

3. Vom Trennenden zum Gemeinsamen

 

In der Tradition der Kirche gab es bisher wenig Raum für Überlegungen, die auf das Juden und Christen Verbindende zielten. Die Kirchengeschichte war eher darauf angelegt, Unterschiede und Gegensätze zu betonen.

Der neue Weg, den wir gehen wollen, führt uns weit weg von falschem Selbstbewusstsein und hin zu geistiger Aufgeschlossenheit, die sich vom gegenseitigen Kennen lernen, von Dialog und Gedankenaustausch etwas verspricht und sich darum bemüht.

Im Vordergrund aller Überlegungen soll stehen, was Juden und Christen gemeinsam haben und gemeinsam tun können. Was uns im Glauben unterscheidet, soll nicht verschwiegen werden, es darf aber auch nicht mehr zur Trennung führen.

Gottes Treue gilt uneingeschränkt sowohl Seinem erwählten Volk, wie der in Christus Jesus berufenen Gemeinde aus allen Völkern. Nicht gegenseitige Abgrenzung, sondern gemeinsames Lob der Treue Gottes ist unser Anliegen.

 

4. Überlegungen zum „Neuen Weg“

 

Wäre das Judentum nur eine religiöse Lehre, so könnte man sich durch Literatur und Medien damit vertraut machen. Da es aber in erster Linie eine im Glauben praktizierte Lebensform ist, die von der Thora, der Weisung Gottes, bestimmt wird, kann kein bloßes Wissen über das Judentum die Begegnung mit jüdischen Menschen ersetzen.

Begegnung und Gespräch sind in der Bibel der beispielhafte Weg zum Mitmenschen. Sollten nicht Christen und Juden, von der Menschenfreundlichkeit Gottes angereizt, aufeinander zugehen, sich mit wohlwollendem Interesse beobachten, sich anfreunden, sich kennen und schätzen und gegenseitig vertrauen lernen? Satte Selbstgenügsamkeit, die sich dem Gespräch verschließt, ist keine christliche Tugend; Offenheit und Entgegenkommen entsprechen dem Verhalten Jesu.

 

5. Hören und Aufnehmen

 

Bei der angestrebten Begegnung steht uns gut an, wenigstens eine Zeitlang eher Zurückhaltung zu üben. Wir wollen hören, lernen und aufnehmen, was jüdische Gesprächspartner über sich selbst und andere sagen. Christliche Repräsentanten haben, obwohl sie echtes, gelebtes Judentum kaum kannten, viele Jahrhunderte lang ohne Scheu die Rolle der Wissenden übernommen – auch in der Belehrung über das, was Juden denken und glauben und tun.

 

6. Umbesinnung: Auf allen Gebieten notwendig

 

Die Beziehung zu Israel als dem Volk Gottes stellt eine Grundkomponente christlicher Selbsterkenntnis dar. Es gibt darum kein Gebiet, wo sie nicht aufgenommen und reflektiert werden müsste. Wir sehen darin eine Aufgabe für die wissenschaftliche Theologie an den Universitäten, wie für die kirchliche Lehre; die Verbundenheit mit dem jüdischen Volk ist Inhalt christlicher Erziehung, Verkündigung und Öffentlichkeitsarbeit.

Einzelne Daten, wie etwa der „Israelsonntag“ am 10. Sonntag nach Trinitatis oder der Buß- und Bettag im November, können ein Anlass sein, diese Beziehung besonders und ausdrücklich zum Thema zu machen.

 

7. Umkehr: Auf allen Ebenen zu vollziehen

 

Neubesinnung und Umkehr ereignen sich nicht durch bloße Absichtserklärungen. Sie müssen von jedem einzelnen konkret vollzogen werden. Darum stehen alle, die im Raum der Kirche Verantwortung tragen, in der Pflicht: Kirchengemeinderäte und Leiter von Gemeindekreisen, Jugendgruppen und Gemeinschaften wie auch hauptamtliche kirchliche Mitarbeiter, Lehrer und Pfarrer.

Ein besonderes Maß an Verantwortung kommt Oberkirchenrat und Synode zu, die für die Landeskirche sich äußern und handeln. Sie haben ein Wächteramt auch gegenüber den christlichen Weltorganisationen zu üben und in kritischer Wahrnehmung unserer Mitgliedschaft beim Ökumenischen Rat der Kirchen und beim Lutherischen Weltbund darauf zu achten, dass politischer Anliegen wegen nicht die wesensmäßige Verbundenheit mit dem jüdischen Volk verschwiegen oder in Frage gestellt wird.

Umkehr müsste sich auch darin erweisen, dass wir als Christen den Ansätzen eines neu aufkommenden Antisemitismus in unserem Land entgegentreten. Es gilt aber auch, der vereinfachenden Gleichsetzung von Antisemitismus und kritischer Solidarität mit dem Staat Israel entgegenzuwirken.

 

8. Schwerpunkte des Dialogs in der württembergischen Landeskirche

 

Es hat einen guten Sinn, wenn der christlich-jüdische Dialog schwerpunktmäßig bei den charakteristischen Eigenheiten der jeweiligen Kirchen ansetzt. Die Verwurzelung breiter Kreise in der Heiligen Schrift war und ist ein besonderes Kennzeichen der württembergischen Landeskirche. Mit Anerkennung und Zustimmung stellt die Kirchenleitung fest, dass das Gespräch zwischen Christen und Juden in der württembergischen Landeskirche sich gerade auch in dieser Tradition entfaltet und einen unverwechselbaren Beitrag leistet. Exemplarisch seien hier genannt: Christlich-jüdische Bibelwochen über alttestamentliche Texte mit thoratreuen jüdischen Lehrern; biblisch-theologische Arbeit mit jüdischen Gelehrten bei Pfarrkonventen; „Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen“ zu den alttestamentlichen Predigtperikopen, in Buchform vorgelegt von einem dialogerfahrenen Rabbiner; junge Theologen, die in Jerusalem Bibel und Judentum studieren; Werke der Nächstenliebe in Israel, wie das „Liebeswerk Zedakah“ für Überlebende aus den Konzentrationslagern.

Dass das Kennen lernen über dem Bibelwort sich nicht in Kommissionen, sondern bevorzugt in Kirchengemeinden und bei der Fortbildung kirchlicher Mitarbeiter abspielt, ist eine der Besonderheiten unserer Landeskirche, zu deren Pflege wir ermutigen.

 

9. Dank an jüdische Gesprächspartner

 

Oberkirchenrat und Synode nehmen in diesem Zusammenhang gerne die Gelegenheit wahr, öffentlich jüdischen Lehrern und Familien zu danken, dass sie sich im Raum unserer Landeskirche an einer von gegenseitiger Achtung und Vertrauen getragenen Zusammenarbeit beteiligen.

Mit großem Respekt erfüllt uns die Bereitschaft jüdischer Menschen, trotz zum Teil schwerster persönlicher Erlebnisse und über die Zerwürfnisse und Gräben der Vergangenheit hinweg das Gespräch mit Christen in Deutschland zu führen. Wir sehen darin ein Stück gelebter Vergebung.

 

10. Zum Staat Israel

 

Auf dem Hintergrund ihrer jahrtausendelangen Leidensgeschichte teilen wir die Freude der Juden über die Heimkehr ins Land der Väter und begreifen ihre Verbundenheit mit dem Staat Israel. Wir anerkennen und verstehen, was ein deutscher Jude zum 40jährigen Bestehen des Staates Israel schrieb: „Aus Israel schöpfen wir, und noch in höherem Maße unsere Kinder, die Kraft für eine kontinuierliche jüdische Identität, die aufzugeben mit dem Verzicht auf unsere weitere Existenz gleichzusetzen wäre, wie uns die historische Erfahrung schmerzhaft lehrt. Ob er sich dessen bewusst wird oder nicht, ob er es wünscht oder nicht, ist heute jeder Jude, wo immer auf dieser Welt er auch leben möge, auf das innigste mit dem Staat Israel verbunden.“ (Heinz Galinski, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, in der Allgemeinen jüdischen Wochenzeitung vom 22. April 1988.)

 

11. Zum Nahost-Konflikt

 

Als mit dem Volk Israel verbundene Kirche beten wir für den Frieden im Nahen Osten und bitten alle am arabisch-israelischen Konflikt mittelbar und unmittelbar Beteiligten, den Mut zu Verständigungs- und Aussöhnungsbereitschaft nicht zu verlieren. Feindschaft, Misstrauen, Gewalt und Hass führen ins Verderben. Nur die beharrliche Bemühung um Verständigung, Ausgleich und Frieden kann den Völkern im Nahen Osten den Weg in eine gemeinsame Zukunft ebnen.

 

12. Unter Gottes Segen

 

Die Kirchenleitung sieht in dem Berufungswort an Abraham den tragenden Grund, auf dem die Verbundenheit der Kirche mit dem jüdischen Volk Bestand hat, und hört auf diese Gottesverheißung: „Ich will segnen, die dich segnen …; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (Gen 12,3).

 

 

 

 

Verhältnis zu unseren jüdischen Mitmenschen

Beschluss der Württembergischen Evangelischen Landessynode vom 26. November 1992

 

Mit Besorgnis beobachten wir das Wiederaufleben antisemitischen Ungeistes in unserem Land. Wir sehen uns verpflichtet, allen Äußerungen dieses Ungeistes entschieden zu widerstehen.

An die Gemeinden richten wir die dringende Bitte, verstärkt an der Neuorientierung im Verhältnis zum Judentum mitzuarbeiten. Es muss unser aller Aufgabe sein, die auch auf christlicher Tradition gründenden Vorurteile gegenüber dem Judentum abzubauen und dem immer wieder in unserem Land aufflackernden Antijudaismus bzw. Antisemitismus und der Israelvergessenheit entgegenzuwirken. Dabei können die Erklärung des Oberkirchenrats und der Landessynode vom 15. September 1988 zum Judenpogrom „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 und die EKD-Studie „Christen und Juden“ (II) von 1991 gute Ausgangspunkte sein. Wir ermutigen die Gemeinden, sich auf den Weg zu machen und bitten Gott, dass er uns helfe zur Umkehr im Glauben und Tun.

 

Zugleich regen wir an, dass die theologische und kirchliche Ausbildung noch stärker auf das Verhältnis von Judentum und Christentum eingeht, und dass auf christlicher Seite vermehrt Voraussetzungen zu einem Gespräch zwischen Judentum und Christentum geschaffen werden. Hierzu gehört notwendig die Besinnung auf die gemeinsamen biblischen Wurzeln. Dabei ist festzuhalten, dass die „biblische Verheißung des Landes ein tragendes Element der jüdischen Tradition“ darstellt (vgl. EKD-Studie Christen und Juden II, S. 19), wobei der säkulare Staat Israel hinsichtlich seiner Politik denselben Kriterien unterliegt wie die übrige Völkergemeinschaft (vgl. aaO. S. 57). Möglichkeiten, das Gespräch zu fördern, sehen wir besonders in Unterricht und Verkündigung, in Bibelwochen und in Reisen ins Land der Bibel.

 

 

 

„Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen“ oder „… der Treue hält ewiglich“ (Römer 11,29 / Psalm 146,6b)

Erklärung der Württembergische Evangelische Landessynode zum Verhältnis von Christen und Juden vom 6. April 2000

 

Die Württembergische Evangelische Landessynode hat auf einer Klausurtagung in Bad Boll vom 5. bis 6. April 2000 über das Verhältnis von Christen und Juden beraten. Sie hat dabei auf jüdische Gesprächspartner gehört. Als Mitglieder der Landessynode sind wir dankbar für Erkenntnisse und Einsichten, die durch die Begegnung mit und die Beteiligung von jüdischen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern möglich wurden. Ihre freundliche Mitwirkung und Offenheit für das Gespräch ermutigen zu weiteren Begegnungen. Wir haben viel vom Reichtum des jüdischen Glaubens, vom Hören auf die Tora, von messianischer Hoffnung, von jüdischer Gelehrsamkeit und von der Freude am Studium der Heiligen Schrift wahrgenommen.

Mit dieser Erklärung nimmt die 12. Landessynode auf, was der württembergische Evangelische Oberkirchenrat und die 10. Württembergische Evangelische Landessynode in der Erklärung vom 15. September 1988 zum 50. Jahrestag des Judenpogroms „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 „Verbundenheit mit dem jüdischen Volk“ und die 11. Landessynode am 26. November 1992 zum „Verhältnis zu unseren jüdischen Mitmenschen“ gesagt haben. Die Synode verpflichtet sich, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen; sie will über ihre Klausurtagung hinaus das Gespräch in den Kirchengemeinden fördern. Sie bittet dabei besonders, folgende Punkte aufzunehmen.

 

1. „... der Treue hält ewiglich“

 

Gottes Berufungswort an Abraham begründet die bleibende Verbundenheit der Kirche mit dem jüdischen Volk: „Ich will segnen, die dich segnen …; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (1. Mose 12,3). Gott hat sein Volk aus allen anderen Völkern in Liebe erwählt (5. Mose 7,7ff.) und mit ihm einen Bund geschlossen, den er nicht aufgehoben hat (Römer 11,29). Gott hat sein Volk Israel nicht verstoßen (Römer 11,2). Auch die Kirche lebt von der Treue Gottes.

Indem wir uns als Kirche durch Jesus Christus in die Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung und mit seinem Volk Israel hineingenommen wissen, halten wir gleichzeitig daran fest, dass der Bund Gottes mit seinem Volk Israel weiterbesteht. Christen bekennen den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs als den Vater Jesu Christi. Durch das Bekenntnis zum Einen Gott der Bibel, dem Schöpfer und Erlöser, „der Treue hält ewiglich“, stehen sie in einem besonderen Verhältnis zum jüdischen Volk.

 

2. Israelvergessenheit als Schuld der Kirche

 

Die evangelische Kirche hat über Jahrhunderte weithin vergessen und verdrängt, dass das Christentum seine Wurzel in Israel hat. Wir blicken zurück auf die lange Geschichte der Judenverfolgung und auf die Schoa, die alle bisherigen Verfolgungen in ihrer programmatischen Brutalität und Perfektion überstieg. Unsere Kirche hat in dieser Situation versagt. Sie versagte aus Lieblosigkeit, Furcht und Schwäche. Falsche Auslegung biblischer Texte führte zur Ablehnung und Abwertung des Judentums. So wurde ausdrückliche Judenfeindschaft ein Teil des christlichen Selbstverständnisses. Dieser unentschuldbare theologische Irrtum hatte entsetzliche Folgen. Die Evangelische Landeskirche in Württemberg hat in doppelter Hinsicht Anteil an dieser Schuld: Als lutherische Kirche steht sie in der Tradition Martin Luthers. Deswegen distanzieren wir uns ausdrücklich von seinen judenfeindlichen Äußerungen. Als Landeskirche in Deutschland steht sie in der besonderen Geschichte unseres Volkes. Wir erkennen diese Schuld und bekennen sie. Wir wollen daraus Konsequenzen ziehen:

– Wir wollen als Kirche lernen, um unserer Identität willen auf das Judentum zu hören. Bei allen Aussagen zu unserem Selbstverständnis und zum Verhältnis von Christen und Juden wollen wir den jüdischen Weg und das jüdische Schicksal mit bedenken. Wir leben davon, dass Israel unser Gegenüber ist, und nehmen Juden als Juden wahr.

– Wir stellen uns allen Formen des Antisemitismus entgegen.

Dabei sind uns die Frauen und Männer eine Ermutigung, die der jahrhundertelangen Israelvergessenheit widersprochen haben und für Juden eingetreten sind. Was sie getan haben, ist ein Zeichen der Hoffnung.

Wir sind dankbar, dass trotz allem, was war, jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger wieder unter uns in Deutschland leben und wieder jüdische Gemeinden entstanden sind.

 

3. Israel als Zeuge Gottes und seiner Treue

 

Israels Zeugnis von dem Einen Gott und dessen Treue wurzelt in einer eigenen biblisch begründeten Glaubens- und Wahrheitsgewissheit. Dieses Zeugnis unterscheidet sich von dem Zeugnis der Gnade Gottes in Jesus Christus. Christen sind verpflichtet, ihr Zeugnis und ihren Dienst in Achtung vor der Überzeugung und dem Glauben Israels wahrzunehmen und dabei zu entdecken, was Christen mit Juden verbindet:

 

a) Durch die Schrift verbunden

Die Heilige Schrift der Juden ist gleichzeitig Teil der Heiligen Schrift der Christen. Die ersten Christen kannten, ebenso wie Jesus selbst, keine andere „Schrift“ als die jüdische Bibel, die von den Christen heute „Altes Testament“ genannt wird. „Alt“ heißt dabei nicht veraltet, sondern bedeutet anfänglich und grundlegend. Der erste Teil der Bibel ist durch den zweiten Teil nicht ersetzt oder abgelöst.

Die Bibel Israels bezeugt die Geschichte Gottes, der sein Volk erwählt hat. Das Neue Testament bezeugt, dass eben derselbe Gott sich in Jesus Christus offenbart und durch ihn gehandelt hat. Christen lesen das Alte Testament von der Auferstehung Jesu Christi her. Es ist der Eine Gott, der im Alten Testament und im Neuen Testament handelt. Christen lernen von Israel, wie dieses seine Heilige Schrift, die Jüdische Bibel versteht.

 

b) Gemeinsam erwählt

Nach neutestamentlichem Zeugnis versteht sich die Kirche als Gemeinschaft derer, die durch Jesus Christus zum Volk Gottes aus Juden und Heiden berufen wurden. Die mehrheitlich heidenchristliche Kirche hat sich dankbar als „Volk des Eigentums Gottes“ (1. Petrus 2,9) verstanden, das in den Bund Gottes mit Abraham hineingenommen ist.

Die bleibende Erwählung Israels und die Erwählung der Kirche ist ein von Gott herkommendes Geschehen. Die Kirche ist nicht an die Stelle Israels getreten. Gott ist der souverän Handelnde für beide (Römer 11,21–24).

Deswegen darf das Selbstverständnis der Christen das des jüdischen Volkes nicht herabsetzen.

 

c) Von Hoffnung getragen

Christen lernen von Israel, dass Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird (Jesaja 65,17). Das ist keine leere Hoffnung. Sie eröffnet konkrete Perspektiven. Die Erfüllung dieser Hoffnung liegt im erlösenden Tun Gottes. Bis dahin „sehen wir durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin“ (1. Korinther 13,12).

Das Neue Testament bezeugt die Hoffnung aus Jesaja 65 in Offenbarung 21 und in 2. Petrus 3,13: „Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde nach seiner Verheißung, in welchen Gerechtigkeit wohnt.“ Auch wenn sich die Hoffnung der Christen auf Christus, den Präexistenten und den geschichtlich Offenbarten, bezieht, verbindet die gemeinsame Hoffnung auf Gottes Zukunft Juden und Christen.

 

d) Gemeinsam Verantwortung wahrnehmen

Christen und Juden werden durch die gemeinsame biblische Grundlage ermutigt, miteinander Verantwortung in der Welt wahrzunehmen. Dies setzt voraus, dass nach der langen Geschichte der christlichen Schuld Vertrauen zwischen beiden Partnern wachsen kann.

Wir sehen beispielsweise folgende Bereiche der gemeinsamen Verantwortung:

– Die Bedeutung des Feiertags (Sabbat und Sonntag) – Das Verhältnis von Arbeit und Ruhe

Die Sieben-Tage-Woche mit dem Ruhetag als ihrem Höhepunkt ist in der Schöpfungsgeschichte und in den Geboten verankert. Sie prägt Judentum und Christentum bis heute. Arbeit und Alltag werden durch heilige Zeiten unterbrochen, in denen wir auf das schauen, was Gott tut und überprüfen, ob unser Wirken noch dem entspricht, was die Schöpfungsgeschichte von Gottes Tun berichtet, nämlich „und siehe, es war sehr gut“ (1. Mose 1,31). Sabbat und Sonntag eröffnen Freiräume zum Hören auf Gottes Wort und zum Lob Gottes. Darin gewinnt die Gottesbeziehung Gestalt. So kommt der Mensch zu sich selbst und zu seiner Bestimmung. Deshalb darf nach biblischer Überlieferung der Rhythmus von Arbeit und Ruhe für den Menschen und seine Mitwelt nicht aufgegeben werden. Die Bibel stellt das Sabbatgebot in größere Zusammenhänge. Sabbat- und Erlassjahr machen dies deutlich und lenken den Blick auch auf die Bewahrung der Schöpfung und den Aspekt der Gerechtigkeit.

– Bewahrung der Schöpfung

Weil die Welt Gottes gute Schöpfung ist, bleibt die menschliche Verfügungsgewalt über die Mitwelt begrenzt. Gottes Gebot schützt die Schöpfung vor menschlicher Willkür (5. Mose 22,6f; 5. Mose 25,4; 3. Mose 25,3f). Dazu erinnert die Bibel an die Verantwortung für die kommenden Generationen (2. Mose 20,5; Jeremia 31,29; Ezechiel 18,2). Diese Grundlagen verpflichten dazu, der Mitwelt eigene Rechte zuzuerkennen. An ihnen sollen wir uns orientieren, wenn wir nach Regeln und Grenzen für Eingriffe in das Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen fragen. Sie veranlassen uns, beim Umgang mit Ressourcen auf Nachhaltigkeit zu achten.

– Gerechtigkeit und Menschenrechte

„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde ... und schuf sie als Mann und Frau“ (1. Mose 1,27). Damit hat Gott jedem Menschen eine unantastbare Würde verliehen. Das ist nach jüdischem und christlichem Verständnis der Grund der Menschenwürde, aus der sich der Anspruch auf Gerechtigkeit und die Verpflichtung, die Menschenrechte zu achten, ableiten. Wo Christen und Juden für Solidarität in der einen Welt eintreten, konkretisieren sie Gerechtigkeit und Menschenrechte. Diese bewähren sich, wo Christen und Juden die Rechte der Menschen vertreten, die als Fremde und Ausländer, Flüchtlinge, Vertriebene und Asylsuchende in der Gefahr stehen, entrechtet zu werden. Der Schutz der Fremden ist biblische Verpflichtung (2. Mose 22,20; 3. Mose 24,22; 4. Mose 15,16f). Jeglicher Antisemitismus widerspricht den Menschenrechten und dem biblischem Verständnis von Gerechtigkeit.

 

4. Juden, die sich zu Jesus als dem Messias bekennen

 

Es waren jüdische Frauen und Männer, die sich als erste zu Jesus als dem „Messias“ (= Christus) bekannten. Paulus litt darunter, dass dieses Bekenntnis von den meisten seiner Brüder und Schwestern nicht geteilt werden konnte (Römer 9,3). Umso wichtiger war ihm die Erkenntnis, dass Gott seinen Bund mit Israel aufrecht erhält (Römer 9,4).

Schon bald bildeten Menschen aus den Völkern die Mehrzahl der Christen. Es gehört zu den Verhängnissen der Kirchengeschichte, dass die Judenchristen früh aus dem Blick geraten sind. In unserer Zeit begegnen uns erneut jüdische Menschen, die Jesus Christus als Messias erkennen. Sie verbinden ihre jüdische Lebensweise mit dem Glauben an Jesus. Damit treten sie in die Gemeinschaft der an Jesus Christus Glaubenden ein. Aus diesem Grund sind wir mit ihnen verbunden.

Wir nehmen zur Kenntnis, dass nach rabbinischem Verständnis ein Jude, der sich zu Jesus als seinem Messias bekennt und sich auf den Namen des Dreieinigen Gottes taufen lässt, nicht mehr zur jüdischen Gemeinschaft gehört. Wir nehmen gleichzeitig wahr, dass „Messianische Juden“ darin keineswegs ihr Jude-Sein verleugnet, sondern im Gegenteil erfüllt sehen.

Nach christlichem Verständnis gehören Menschen, die sich zu Jesus als Messias bekennen und auf den Namen des Dreieinigen Gottes getauft sind, zur Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi. Wir bedauern, wenn es über den Status dieser Menschen zwischen Juden und Christen zu Irritationen kommt. Wir wollen sowohl mit jüdischen Gemeinden wie mit „Messianischen Juden“ und ihren Gemeinden in Kontakt und Austausch bleiben und für beide eintreten.

 

5. Das christliche Zeugnis und die Begegnung von Christen und Juden

 

Weil Christen und Juden in der gemeinsamen Tradition des Glaubens untrennbar verbunden sind und das Christentum in Israel verwurzelt ist, stehen sie in einer besonderen Beziehung zueinander. Diese Beziehung ist anders qualifiziert als das Verhältnis zu allen anderen Völkern und Religionen. Israel muss der Weg zu Gott nicht erst gewiesen werden.

Vielmehr sind Christen und Juden Partner mit je eigener Identität in der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Die Kirche glaubt und bezeugt im Christusgeschehen das endgültige, nicht überbietbare Gotteshandeln für das Volk Israel und für die Völkerwelt. Dabei gehören die Bindung an Christus und die Verwurzelung in Israel für Christen untrennbar zusammen. Diesen Glauben bezeugen Christen aller Welt.

Angesichts der gemeinsamen Geschichte des Glaubens und der je eigenen Erfahrungen mit dem Einen Gott und angesichts der besonders belasteten Geschichte von Christen und Juden in Deutschland ist der Begriff der Judenmission unangemessen. Deshalb sollten wir das Wort „Judenmission“ endgültig aus unserem Wortschatz streichen. Was wir mit Zeugnis in Wort und Tat meinen, wird durch diesen Begriff nur belastet. Vielmehr geben sich Christen und Juden wechselseitig Anteil an ihren Erfahrungen mit Gott und an dem, wovon sie gemeinsam und je eigen leben.

Die angemessene Gestaltung des Verhältnisses von Christen und Juden geschieht in der Form des Gesprächs über den Glauben und im je eigenen Zeugnis in diesem Dialog in Achtung vor der Identität des Gegenübers.

Soweit entschied die Synode einmütig. Die Mehrheit der Synode sagt weiter: Wir suchen die Begegnung zwischen Christen und Juden und wollen den Dialog fördern. Wir erklären: Mission unter Juden lehnen wir ab.

(39 Ja-Stimmen,

32 Nein-Stimmen

und 5 Enthaltungen)

Der andere Teil der Synode kann der grundsätzlichen Ablehnung einer Mission unter Juden nicht zustimmen. Er stellt sich hinter das Votum der Evangelisch- Theologischen Fakultät Tübingen zum Verhältnis von Juden und Christen vom 23. Februar 2000 und betont insbesondere Folgendes:

„Die den Christen im Ostergeschehen erschlossene Wahrheit über den Heilswillen Gottes ist das Evangelium für alle Menschen, für die Juden zuerst und auch für die Heiden (Römer 1,16). Das Evangelium Juden und Heiden zu bezeugen, gehört von Anfang an zur Apostolizität der Kirche (Galater 2,7–9). Dieses Zeugnis ist unablösbar vom Christsein selbst.“