Laudatio
zur Verleihung der Otto-Hirsch-Medaille an
Karl-Hermann Blickle
Rathaus Stuttgart, 26. April 2007
Michael Volkmann
Sehr geehrte Damen und Herren,
wenn Karl-Hermann Blickle von seinem Engagement für das Judentum erzählt, dann fällt immer wieder das Wort „Motivation“. Er ist ein Beweger, weil er zugleich ein Bewegter ist, ein von der Liebe zum Judentum zutiefst Berührter.
Eine seiner zentralen Motivationen ist die Begegnung mit heute gelebtem Judentum. Dies kommt bereits in der Einladung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Stuttgart, deren Mitglied Karl-Hermann Blickle ist, zu der heutigen feierlichen Ehrung zum Ausdruck. In ihr wird hingewiesen auf sein Engagement im Verein „Alte Synagoge e. V. Hechingen“, auf seine intensiven Beziehungen zur Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs in Stuttgart und zum Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam sowie auf seinen Vorsitz im „Freundeskreis Shavei Zion“. Mit diesen Nennungen sind konzentrische Kreise vorgegeben, die wir vom Nahen zum Ferneren durchschreiten.
1987 erfuhr der Balinger Unternehmer Karl-Hermann Blickle von der Neugründung des Vereins „Alte Synagoge Hechingen“. Schon seit 1979 hatte die Initiative Hechinger Synagoge bestanden, die das Bethaus der früheren jüdischen Gemeinde gerettet und vor dem Verfall bewahrt hatte. Er stieß zu dem neu gegründeten Programm-Verein „Alte Synagoge e. V. Hechingen“ und begann, sich an der Erinnerungs- und Begegnungsarbeit, die sich dieser Verein zum Ziel gesetzt hatte, zu beteiligen. Dabei waren ihm das lebendige Judentum und seine Zukunft ebenso wichtig wie der Blick zurück auf die Geschichte der Hechinger jüdischen Gemeinde und ihrer Auslöschung. 1991 wurde er in den Vereinsvorstand gewählt und übernahm den Arbeitszweig „Jüdische Religion und Kontakte zu Israel“. Neben einzelnen Vortragsveranstaltungen begründete er den festen Gesprächskreis „Lernen in der Synagoge“, der sich nach dem Vorbild des modernen jüdischen Lehrhauses jüdischen Stimmen aus jüdischen Quellen zuwendet, und zwar sooft wie möglich auch durch jüdische Lehrer. Vor sechs Jahren kam ich durch meine Denkendorfer Beauftragung zum Gesprächskreis „Lernen in der Synagoge“. Die Zusammenarbeit ist sehr fruchtbar und Denkendorfer jüdische Lehrer kommen regelmäßig auch nach Hechingen. Hier kann Karl-Hermann Blickle seiner Vorliebe für religiöse Themen nachgehen. Tausende Menschen von der Alb im Osten bis zum Schwarzwald im Westen und Tübingen im Norden kamen seither zu Vorträgen, Führungen und zum monatlichen Lernen in die Hechinger Synagoge, die zu einem regionalen Zentrum christlichen Lernens vom Judentum geworden ist. Der Genius loci, so sagt er, wirkt sich auf die Vereinsarbeit positiv aus. Jüdische Referenten spüren die Besonderheit des Ortes, seine Schönheit und die mit Bedacht nicht restlos getilgten Spuren der Verwüstung.
In der Folge der Ereignisse vom Herbst 1989 kamen jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion auch nach Hechingen. Das intakte Synagogengebäude ermutigte die IRGW zur Begründung einer Zweigstelle. Die Verantwortlichen des Vereins „Alte Synagoge“ erkannten die Chance für ein neues Aufleben jüdischer Religion und Kultur am Ort und boten sofort jede mögliche Hilfe an. Jetzt konnte zur Erfüllung kommen, was der Verein erträumt hatte, aber nicht selbst realisieren konnte: dass die Synagoge nicht allein ein Haus der Kultur sei, sondern auch wieder ein Bethaus werde. Der Verein unterstützt das gottesdienstliche Leben der Hechinger Juden, Karl-Hermann Blickles Ehefrau Lisbeth Blickle gehört zur Gruppe derer, die sich in Sprach- und Konversationskursen für die russischen Immigranten engagieren. Die Sozialbetreuung hat die Caritas übernommen, deren Vorsitzender Lothar Vees zugleich Vorstandskollege von Karl-Hermann Blickle im Synagogenverein ist und mit ihm im gemeinsamen Anliegen seit vielen Jahren eng zusammenarbeitet. Doch so günstig auch die Rahmenbedingungen erscheinen, so schwierig ist es, in Hechingen jüdisches Gemeindeleben wieder zu einer Selbstverständlichkeit zu machen. Auch noch nach zwei Generationen ist die Radikalität der Zerstörung erschreckend. Es ist der große Wunsch des Vereinsvorstands, in dem bereits angeschafften Toraschrein eine Torarolle zu sehen, die Woche für Woche zur sabbatlichen Lesung für eine lebendige jüdische Gemeinde ausgehoben wird.
In der Region gibt es gleich gesinnte Initiativen, die sich in zwei Verbünden zusammengeschlossen haben. Der eine widmet sich der Gedenkstättenarbeit im Zollernalbkreis. Ihm gehören die Gedenkstätten von Hechingen, Haigerloch, Bisingen und im Eckerwald an. Der zweite Verbund ist die „Arbeitsgemeinschaft ehemaliger Synagogen am oberen Neckar“. Sie umfasst Vereine in Hechingen, Haigerloch, Rottweil, Rexingen und Baisingen. Auch hier ist Karl-Hermann Blickle beteiligt. Beispiele für gemeinsame Veranstaltungen sind die Lernwoche an allen fünf Orten mit Abraham Frank aus Jerusalem über „Weisheit in Israel“ im Herbst 2005, die von Heinz Högerle und Barbara Staudacher organisierte Tagung zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des jüdischen Viehhandels im Jahr 2006 in Rexingen und eine geplante Tagung zur Sozialgeschichte der Juden am Oberen Neckar, die besonders die Textilindustrie thematisieren wird.
Karl-Hermann Blickle ist, wie gesagt, ein Mann in Bewegung. Er sucht und fördert Verbindungen zwischen Menschen. Freundschaftliche Beziehungen bestehen zur IRGW in Stuttgart, auch durch die Mitarbeit Lisbeth Blickles bei der zionistischen Frauenorganisation WIZO. Der wirtschaftliche Erfolg und die persönliche Selbstverpflichtung des Ehepaars Blickle zum sozialen Engagement kommen einer ganzen Reihe von Institutionen und Vereinen zugute. Im näheren Umkreis sind dies außer den bereits genannten der Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung mit seiner Kaunas-Hilfe, der Arbeitsbereich „Gespräch zwischen Christen und Juden“ der landeskirchlichen Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf, der Freundeskreis der deutsch-jüdischen Emigrantenzeitschrift „Aufbau“, die lange in New York ediert wurde und die jetzt in Zürich erscheint, sowie die Freunde des Leo-Baeck-Instituts. Auch die beiden alten zionistischen Fonds zählen dazu, früher mehr der Jüdische Nationalfonds „Keren Kajemet Lejisrael“, heute mehr der Gründungsfonds „Keren Hajessod“.
Diese finanzielle Unterstützung geschieht aus der Motivation heraus, die innere Pluralität im neu aufblühenden jüdischen Leben in Deutschland zu fördern. Besonders die Ausbildung von Rabbinern zur Linderung und Behebung der geistlichen Not der jüdischen Gemeinden in Deutschland liegt Karl-Hermann Blickle am Herzen. So kommt es, dass er sich sowohl für die liberale als auch für die orthodoxe Rabbinerausbildung einsetzt. Sein Partner ist einerseits die modern-orthodoxe Organisation Or Tora Stone des Rabbiners Shlomo Riskin in Efrat mit ihrem speziell für Europa ausbildenden Rabbiner-Stipendienprogramm „Amiel“. Andererseits ist der heute zu Ehrende Stiftungsratmitglied der Berliner Leo-Baeck-Stiftung, durch die er das Potsdamer liberale Abraham-Geiger-Kolleg fördert, die erste Rabbinerausbildungsstätte Deutschlands nach der Schoa, mit ihrem Stipendienprogramm für osteuropäische Studierende. Karl-Hermann Blickle stiftet die Preissumme des Abraham-Geiger-Preises. Dieser wird alle zwei Jahre an Personen verliehen, die sich besondere Verdienste im innerjüdischen und im interreligiösen Dialog erworben haben. Dieser Preis verhilft nicht nur dem Abraham-Geiger-Kolleg zu öffentlichem Ansehen. Auch die Hechinger Synagoge hat hierdurch einen Gewinn, denn jeder Preisträger wird zum Vortrag nach Hechingen eingeladen, und Emil Fackenheim, Alfred Grosser und Kardinal Karl Lehmann nahmen die Einladung an und waren da. Seine gleichermaßen guten Verbindungen zur jüdischen Orthodoxie wie zur Reform sind für Karl-Hermann Blickle kein Widerspruch. Christen in Deutschland dürfen sich nicht auf eine Seite schlagen, ist seine Überzeugung, sondern müssen das Aufblühen religiösen jüdischen Lebens in seiner ganzen Breite unterstützen.
So wurde Karl-Hermann Blicke ein Brückenbauer, und als solcher ist er ein würdiger Empfänger einer Ehrung, die nach dem Mann benannt ist, dessen Namen auch die Brücken im Stuttgarter Neckarhafen tragen.
An dieser Stelle möchte ich den Gang durch dieses bemerkenswerte Förderungsprogramm jüdischen religiösen Lebens unterbrechen und fragen: Wie ist diese ausgeprägte Zuneigung zum Judentum zu erklären und wo hat sie ihre Wurzeln? „Das bin ich schon oft gefragt worden“, sagt Karl-Hermann Blickle, und beginnt zu erzählen von einer Kombination aus „ursprünglicher Initiation“ und der hinzu kommenden Dynamik, die den ergreift, der sich darauf eingelassen hat und immer mehr zum „Insider“ wird. Die Herkunft aus einem pietistischen Eltern- und Großelternhaus, in dem bereits eine tiefe Achtung für das Judentum vorgeherrscht hatte, sorgte für die ursprünglichste und stärkste Prägung, die emotionale. Sie lässt sich zusammenfassen in dem Jesuswort: „Das Heil kommt von den Juden“ (Joh. 4,22). Obwohl sich Karl-Hermann Blickle in theologischen Hinsicht vom Pietismus entfernt hat, blieb diese Prägung bis heute wirksam. Im Jungscharalter widerfuhr ihm dann eine Bekehrung ganz eigener Art. Rudolf Maurer wurde Bezirksjugendwart in Sulz. Vielen von uns ist er bekannt, der Holzgerlinger Handwerker, Diakon und jetzt Pfarrer im Ruhestand, der 1957 mit einem Bautrupp der Aktion Sühnezeichen den Juden im französischen Villeurbanne ihre Synagoge gebaut hatte. Rudolf Maurer sprach als Christ voll Respekt, Liebe und Kenntnis vom Judentum. Was er erzählte, beeindruckte den Jungen tief. „Rudolf war ein Zeuge für das Judentum“, erzählt Karl-Hermann Blickle, „das war der Beginn“.
Nach dem Abitur und einer Lehre zum Textilkaufmann zog es ihn nach Israel, natürlich in einen Kibbuz, Bror Hail bei Aschdod. 1968 hatte eine Patentante, Ruth Schwarz, in Bethanien / Al-Azarije am Ostabhang des Ölbergs, der Wüste zu, mit dem schweizerischen Christlichen Friedensdienst unter Palästinensern ein Heim für Jugendliche aufgebaut, in dem der Weltfriedensdienst, der aus der Aktion Sühnezeichen hervorgegangen war, mitarbeitete. Dort trat Karl-Hermann Blickle 1971 einen Entwicklungsdienst an Stelle des Zivildienstes an. Von Bethanien aus wurde bei Ramallah ein weiteres Projekt des Weltfriedensdienstes aufgebaut. Er übernahm für zwei Jahre die Geschäftsführung der Frauenkooperative in den Dörfern Bila’in und Kofername, die Stickereien anfertigte und heute als Genossenschaft eine breitere Produktpalette an Textilien produziert. In dieser Zeit lernte er seine Frau Lisbeth kennen, die mit dem Christlichen Friedensdienst aus der Schweiz nach Ramallah gekommen war. Die Liebe zum Land und zu den Menschen war von Anfang an ihre gemeinsame Sache. Mehrmals in der Woche fuhren sie nach Jerusalem und anderen Orten im Land, um Kontakte zu Menschen und Institutionen zu knüpfen, und gewannen viele jüdische Freunde. Lisbeth Blickle war zwei Jahre lang Internats-Hausmutter einer christlich-palästinensischen Schule in Ramallah. Vor rund zehn Jahren gründete sie zur Unterstützung dieser Schule den „Verein der Freunde Ramallahs“.
1981 wurde Karl-Hermann Blickle von Rudolf Maurer und Hartmut Metzger für den Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung geworben. „Diesem Kreis verdanke ich meine theologische Hinwendung zum Judentum als engagierter Christ“, sagt er. Heute ist seine Frau Vorstandsmitglied im Denkendorfer Kreis. Durch die Tora-Lernwochen und Psalmenwochen der Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf wurde seine Leidenschaft für die Theologie verstärkt. Fünf Mal holte er die Tora-Lernwochen nach Hechingen. Das Lernen von der Synagoge wurde ihm zur Herzensangelegenheit, denn: „Das Heil kommt von den Juden“. War im Elternhaus die sachliche Initiation geschehen, so war Rudolf Maurer die personifizierte Initiation, sagt er. Damit waren die Grundlagen gelegt für jedes weitere Engagement.
Die Verbindungen der Blickles nach Israel bringen ein bemerkenswertes Bild zur Abrundung. Da ist zum einen der Vorsitz Karl-Hermann Blickles im „Freundeskreis Shavei Zion“, dem von ehemaligen Rexingern gegründeten Dorf in Nordisrael, dem die Stadt Stuttgart eng verbunden ist. Er ist darin Nachfolger des verstorbenen, in lebendiger Erinnerung bewahrten Vereinsgründers Heinz Bleicher. Und so stärkt er auch die Verbindung hinüber nach Rexingen.
Da ist zum zweiten das unternehmerische Engagement Blickles durch seine Beteiligung an einer israelischen High-Tech-Firma, die Software zur digitalen Präsentation auf Flachbildschirmen entwickelt. Für ihre Produkte gründete er eine separate deutsche Vertriebsfirma. Er freut sich als einziger Goj im Aufsichtsrat über die spannende Erfahrung interkulturellen Managements und ist beeindruckt von der Verbindung von Religiosität und Geschäftstüchtigkeit bei den orthodoxen Manager-Kollegen. Ein ehemaliger Basler Kommilitone, Ron Schaffermann, hatte ihm diese Tür geöffnet, und Karl-Hermann Blickle erkannte die Chance und ergriff sie.
Und da sind die weiter bestehenden unterstützenden Verbindungen zur Textilkooperative und zur christlichen Schule in Ramallah.
„Wir sind mit dem palästinensischen Problem seit 35 Jahren vertraut,“ sagt Karl-Hermann Blickle über sich und seine Frau Lisbeth, „weil wir dort zwei Jahre gearbeitet haben. Schon dort und durch die ein- bis mehrmaligen jährlichen Besuche seither haben wir gelernt, dass wir als ausländische Freunde keine falschen Alternativen schaffen und nicht in ein falsches Freund-Feind-Denken verfallen dürfen. Die Zukunft gibt es für Israelis und Palästinenser nur gemeinsam. Deshalb engagieren wir uns mit menschlicher und wirtschaftlicher Unterstützung bewusst auf beiden Seiten und sind überzeugt, dass dies im wohl verstandenen beiderseitigen Friedensinteresse liegt.“ Und auch hier benennt er klar seine Motivation: „Aus dieser langjährigen Erfahrung wissen wir, dass auf beiden Seiten die Stimme der versöhnungsbereiten Mehrheit zur Sprache gebracht werden muss.“ In den Medien dominiere normalerweise die Minderheit der Polarisierer, und auch die hiesige Unterstützerszene sei zu stark polarisiert. Doch die Blickles bleiben mit beiden Seiten im Gespräch, sie bringen die ungehörten Stimmen zu Gehör und vermeiden die Überidentifikation mit der einen oder der anderen Seite. Diese Haltung wird von ihren israelischen und palästinensischen Freunden seit vielen Jahren respektiert, und es sind Freundschaften mit den unterschiedlichsten Menschen gewachsen. „Wir haben gelernt, die ‚Narrative’ der jeweiligen Seite stehen zu lassen, nur so ist Empathie zu entwickeln,“ sagt Karl-Hermann Blickle. „Wenn wir zu Besuch kommen, fragen die einen immer, wie es denen auf der anderen Seite geht.“ So regen sie zur Wahrnehmung des anderen und zum Nachdenken an. Und wieder bietet sich das Bild vom Brückenbauer an, der seine Verbindungen immer mehr zu einem Netzwerk gegenseitiger friedlicher Kooperation weiterentwickelt.
Meine Damen und Herren, wenn ein Mensch, der sich so intensiv mit anderen zusammen für eine gute Sache einsetzt, dafür geehrt wird, dann dürfen sich diese alle nicht nur mit ihm freuen, sondern auch mit ihm geehrt fühlen, an erster Stelle seine Ehefrau Lisbeth Blickle, und gleich danach die vielen in den genannten Gruppen und Kreisen. Karl-Hermann Blickle bewegt viel, er weiß das, und er weiß auch, warum er das tut. Er trägt das jüdische Schicksal in seinem Herzen und setzt seine Kraft ein für den Frieden des jüdischen Volkes. Es ist eine gute zukunftsweisende Entscheidung der Stifter der Otto-Hirsch-Medaille, diese Auszeichnung in diesem Jahr Karl-Hermann Blickle zukommen zu lassen.