Ökumenischer Weltrat der Kirchen – Schweizer Evangelischer Kirchenbund

Ökumenisches Forum Palästina Israel – Internationale Theologische Konferenz

10.-14. September 2008 Bern / Schweiz

„Gelobtes Land“

Beitrag zur 5. Vortragsrunde des 2. Themas „Die Kirche und Israel“:

 

„Kirche und Israel – eine deutsche Perspektive“

Dr. Michael Volkmann, Denkendorf

Pfarrer für das Gespräch zwischen Christen und Juden der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

(Deutsche Version des englisch gehaltenen Vortrags)

 

Lassen Sie mich zuerst dem Organisationskomitee für die Einladung danken, zu dieser Konferenz beizutragen. Hier in Bern springe ich für Dr. Ernst Michael Dörrfuß ein, der seine Teilnahme absagen musste. Dr. Dörrfuß ist Vorsitzender des „Gemeinsamen Ausschusses Christen und Juden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirche in Deutschland (VELKD) und der Union Evangelischer Kirchen (UEK), ich selbst bin einer von zwölf Mitgliedern dieses Ausschusses. Wir setzen die Arbeit fort, die vor vierzig Jahren begonnen wurde und zu den drei EKD-Studien „Christen und Juden“ führte. Gegenwärtig sind wir beauftragt zwei Themen zu bearbeiten: das Gelobte Land und die Trinitätslehre.

 

Als ich vor fünf Jahren mit meiner gegenwärtigen Aufgabe betraut wurde, versuchte ich den Horizont des christlich-jüdischen Dialogs in der württembergischen Landeskirche zu öffnen und Verbindung aufzunehmen mit Kollegen, die sich mit der Situation der Palästinenser befassen oder im christlich-islamischen Gespräch engagieren. Bislang habe ich eine Zusammenarbeit erreicht mit Pfarrer Andreas Maurer, ebenfalls Teilnehmer dieser Konferenz, mit dem „Round Table Palästina“ im Evangelischen Missionswerk für Südwestdeutschland (Stuttgart) und mit Pfarrer Wolfgang Wagner an der Evangelischen Akademie Bad Boll. Zusammen erarbeiteten wir eine Erklärung „Einen gerechten Frieden im Nahen Osten fördern“, die von unserer Kirchenleitung offiziell angenommen und publiziert wurde. In dieser Erklärung zählen wir unsere vielfältigen Kontakte zu Christen, Juden und Muslimen in Israel und Palästina auf. Wir sind in der Lage, Spenden, die wir von unseren Gemeinden erhalten, an religiöse und soziale Einrichtungen in Israel und Palästina weiterzugeben, und wir sind dort jederzeit mit Reisegruppen willkommen. Auf meinen Gruppenreisen durch das Land versuche ich es den Leuten zu ermöglichen, mit so vielen Menschen und Einrichtungen wie möglich in Verbindung zu treten und eine große Vielfalt von Sichtweisen der Lage in Nahost zu hören.

 

Im folgenden möchte ich Ihnen einen kurzen Überblick über den christlich-jüdischen Dialog in Deutschland heute geben und einige aktuelle Themen und Fragestellungen beschreiben, die für eine deutsche evangelische Perspektive charakteristisch sein mögen.

 

Seit den späten 1950er Jahren entwickelte sich das Gespräch zwischen Christen und Juden in Deutschland zu einee breiten pluralistischen und vielgestaltigen Bewegung auf allen Ebenen kirchlicher Aktivitäten. Nicht nur die EKD, sondern alle ihre Mitgliedskirchen fassten Beschlüsse und verabschiedeten Erklärungen zu einem neuen Verhältnis zwischen Christen und Juden. Einige von ihnen änderten sogar ihre Kirchenverfassungen. Rainer Kampling, Theologieprofessor in Berlin, stellt fest, dass der christlich-jüdische Dialog in den vergangenen fünf Jahrzehnten der evangelischen und der katholischen Kirche in Deutschland nur Freude und Segen gebracht habe. Das bedeutet, dass wir heute einerseits in der Lage sind, einige der Früchte dieses Prozesses zu ernten, andererseits jedoch in eine Zeitspanne eintreten, in der wir herausgefordert sind, die Ergebnisse des Dialogs in den weiten Bereich der Gemeinden und einzelnen Kirchenmitglieder weiterzuvermitteln.

 

Aus meiner eigenen Erfahrung möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf drei wesentliche Triebkräfte lenken, die dazu beitragen könnten, diesen Vermittlungsprozess voranzubringen.

 

Erstens kann man sagen, dass es für die deutschen evangelischen Kirchen charakteristisch ist, dass der christlich-jüdische Dialog seit seinen ersten Anfängen eine Basisbewegung ist. Hunderte von Lernkreisen und Solidaritätsgruppen befassen sich mit christlich-jüdischen Themen und unterstützen oder initiieren sogar manchmal Prozesse des Wandels in den Kirchen.

Dafür ein herausragendes Beispiel: Vor zwölf Jahren schenkten Christen aus Tübingen, wo ich lebe, den Juden in der Partnerstadt Petrosawodsk, Hauptstadt der russischen Republik Karelien, eine Torarolle. Aufgrund dieses Geschenks gründeten die Juden dort eine Religionsgemeinde und begründeten eine interreligiöse Partnerschaft mit der Tübinger Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde. Die beiden Gemeinden begannen einen Austausch mit jährlich abwechselnden Besuchen und motivierten einander zu weiter gehenden Aktivitäten. Der christliche Arbeitskreis leistete Beiträge zu einer Gedenkkultur, beteiligte sich am Bau eines Denkmals am Ort der früheren Tübinger Synagoge, die in den Novemberpogromen 1938 zerstört worden war, und initiierte einen erfolgreichen Aufruf, den 9. November zu einem offiziellen kirchlichen Gedenktag zu erheben. Die jüdische Gemeinde initiierte einen Interreligiösen Runden Tisch, der von den verschiedenen christlichen und der muslimischen Gemeinde von Petrosawodsk angenommen wurde und seither unter der Schirmherrschaft des karelischen Ministeriums für Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften zusammenkommt. Vor drei Jahren konstituierte sich in den Räumen der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde eine neue jüdische Gruppe von Tübingen, die sich bis heute dort versammelt, um Sabbatgottesdienste und Festtage gemeinsam zu feiern. Auf diese Weise beteiligte sich diese christliche Kirchengemeinde an der Gründung zweier jüdischer Gemeinden.

 

Zweitens sehen wir nun die Folgen des Studienjahres für christliche Theologen an der Hebräischen Universität in Jerusalem, „Studium in Israel“, das vor über dreißig Jahren eingerichtet und kürzlich in die offizielle Struktur der EKD in Jerusalem integriert wurde. Europäische christliche Studierende ergreifen die Gelegenheit mit jüdischem, christlichem und muslimischem Leben in der Heiligen Stadt vertraut zu werden und die Grenzen zwischen den Konfliktparteien leicht zu überqueren. Mittlerweile haben über fünfhundert Studierende von diesem Programm profitiert und die verschiedenen Bereiche von Kirchen und Universitäten erreicht. Dort verbessern sie die Qualität nicht nur dessen, was über Judentum gelehrt wird, sondern auch, was über Israel, Palästina und den Nahostkonflikt gesprochen wird.

 

Und drittens erleben wir eine kräftige jüdische Einwanderung aus Osteuropa nach Deutschland, ein erstaunliches Wachsen jüdischer Gemeinden und das Auftauchen von Juden in unserer Nachbarschaft. Nach der Schoa ist dies ein unverdientes Geschenk für die deutsche Gesellschaft als ganze und die Kirchen im besonderen. Diese Entwicklung hat ein neues, tiefes Interesse am Judentum hervorgerufen. So nahm ich z. B. vor einigen Tagen an der Eröffnungsfeier der wieder eingerichteten jüdischen Grundschule in Stuttgart teil. Diese Gründung war nicht nur möglich, sondern notwendig geworden, weil die jüdische Gemeinde Stuttgart von 870 Mitgliedern im Jahr 1989 auf 3.300 im Jahr 2008 angewachsen ist. Ich war nicht allein aus offiziellem Anlass eingeladen, sondern auch, weil mein sechs Jahre alter Neffe Simon Schüler dieser Schule ist. Er ist mein Patenkind, seine beiden Eltern sind Pfarrer unserer Kirche. Vielleicht wird es die nächste Generation von Christen und Juden in Deutschland für ganz selbstverständlich halten, dass sie zusammen leben und arbeiten – zum Wohl unserer Gesellschaft als ganzer.

 

Aus einer deutschen Perspektive heraus sind zwei Diskussionen erwähnenswert, die eine betrifft die Judenmission, die andere die theologische Bedeutung der jüdischen Rückkehr nach Zion.

 

In der EKD-Studie „Christen und Juden III“ aus dem Jahr 2000 heißt es, die EKD-Mitgliedskirchen würden organisierte Mission unter Juden weder praktizieren noch unterstützen. Doch gerade in meiner württembergischen Kirche mit ihrer starken pietistischen Tradition gibt es eine Spaltung zwischen der mit der EKD übereinstimmenden Mehrheit und einer aktiven Minderheit, die für die Unterstützung einer Bekehrungstätigkeit eintritt, die durch so genannte messianische Juden ausgeführt wird. Manche der Unterstützer versuchen ihre Kritiker zu überzeugen, indem sie den Begriff Judenmission durch den des „christlichen Zeugnisses“ ersetzen. Aber meiner Meinung nach ist dieser Begriffswechsel fragwürdig. Was mich betrifft, so lehne ich Judenmission ab, beanspruche jedoch für meine Arbeit, dass sie ein respektvolles christliches Zeugnis gegenüber Juden ist. Nach dem Vorbild Karl Barths, der einmal sagte, dass die größte ökumenische Herausforderung das christliche Verhältnis zum Judentum sei, trete ich für eine ökumenische Gesinnung und Haltung gegenüber Juden ein. Und ich muss feststellen, dass ich sie hier bei dieser Konferenz vermisse.

 

Was mein letztes Thema anbelangt, die jüdische Rückkehr nach Zion, so formulierte die Rheinische Kirche unter den EKD-Mitgliedskirchen die weitest gehende theologische Interpretation. In ihrem berühmten Beschluss von 1980 drückt sie die Einsicht aus, dass a) die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes, b) seine Heimkehr in das Land der Verheißung und c) auch die Errichtung des Staates Israel Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk seien. Punkt c) dieser Stellungnahme, den Staat Israel betreffend, wurde von fast allen anderen Kirchen nicht übernommen. Die EKD-Studie „Christen und Juden III“ warnt einerseits davor, dem Gelobten Land so viel theologische Bedeutung zuzumessen wie es jüdische Nationalisten und „christliche Zionisten“  tun. Andererseits weist sie den Standpunkt zurück, das Gelobte Land habe für den christlichen Glauben überhaupt keine Bedeutung. Im „Gemeinsamen Ausschuss“ versuchen wir unter Vorsitz von Dr. Dörrfuß einen gangbaren Weg zwischen diesen beiden Extremen zu finden.