6. Sonntag nach Trinitatis: Apg 8,26-39

 

1. Annäherung

 

Es gibt wenige Taufgeschichten im Neuen Testament. Diese fasziniert mich. Vor allem weil sie mit chairoon – fröhlich endet (V 39). Aber auch, weil sie ein Beispiel gelungener Kommunikation zwischen zwei Menschen erzählt. Eine kurze Begegnung mit großen Folgen: die äthiopische Kirche leitet sich aus ihr her.

Manchen Meditierenden ist der Text zu positiv. Sie denken sich einen „dunklen Hintergrund“ dazu aus: „Er durfte nicht am Tempel beten. Auch die Thora wird ihm nicht zugänglich gemacht. Mit einem gewissen Geschick gelingt es ihm, eine Prophetenrolle zu erwerben ...“ usw. (CPh IV/2, 1999/2000 S. 83f.) Wo berichtet das Lukas? GPM 1999/2000 S. 325 weiß gar  vom „eigentlichen Problem’ des Ministers: Seine Reise nach Jerusalem ... war von ihm aus gesehen zugleich der Versuch einer Tempelwallfahrt (V. 27d) – und er musste (wieder?) erleben, dass es ihm seines Verschnittenseins wegen versagt blieb, Proselyt zu werden... er ist ein offiziell zurückgewiesener ‚Gottesfürchtiger’.“ Hier offenbaren in narrativer Spekulation Prediger nicht etwa „die ‚innere Situation’ des Ministers“ (GPM S. 330), sondern eigene Unfreundlichkeiten gegenüber dem Judentum. Lukas selbst bleibt dagegen erfreulich knapp und konzentriert und – positiv. Ich entscheide mich gegen eine spekulativ-narrative Predigt und schlage stattdessen an einer bestimmten Stelle, die sich vom Text her nahe legt, eine spezielle „Phantasierzone“ vor (s. u. Homiletische Entscheidungen).

 

2.  Beobachtungen am Text

 

V 26: Der schon in 6,5 (Jerusalem) und 8,5 (Samaria) erwähnte Philippus erhält einen Auftrag durch einen Engel (im Fortgang der Erzählung ist dann vom Geist die Rede, VV 29.39). Er wird aufgefordert aufzustehen und südwärts, Richtung flache Einöde, zu gehen, zum Weg von Jerusalem nach Gaza. Die Einöde trägt zur Konzentration auf das folgende Geschehen bei.

V 27.28: Philippus (sein Name wird acht Mal genannt) steht auf und geht. Mit kai idou – und siehe erfährt er den Sinn des göttlichen Auftrags. Es nähert sich ein Wagen (der Wagen wird drei Mal erwähnt, vgl. VV 29.38). Doch zuerst wird in fünfgliedriger Aufzählung der beschrieben, der auf ihm sitzt: ein Mann, Nubier, Eunuch (was möglicherweise lediglich der Titel eines „hohen Beamten“ ist, vgl. Pesch 289), ein Mächtiger der Kandake, ihr Finanzminister. Ist er so prominent, dass Philippus ihn erkennt? Sein Reiseziel war Jerusalem, das bereits hinter ihm liegt, er ist auf dem Heimweg, abwärts, südwärts. Er war gekommen um anzubeten (proskyneesoon) – keine politische, eine spirituelle Reise. Sie führte ihn dorthin, wo schon Abraham anbeten wollte (1. Mose 22,5: nischtachawe), nach Morija. Dieser Ort wie auch der Tempel ist nicht eigens erwähnt. Ebenso wenig der religiöse Status des Nubiers. Ist er gottesfürchtig, also Heide? Dann wäre er noch vor Kornelius (Apg 10) der erste getaufte Heide. Oder ist er – trotz 5. Mose 23,2 und mit Jesaja 56,3-5 – Proselyt, also Jude? Wir erfahren es nicht. Wir werden jedoch sehen: der Nubier verhält sich gut jüdisch. Auf seinem Wagen sitzend, liest er den Propheten Jesaja in der griechischen Version der Septuaginta (lesen kommt vier Mal vor, vgl. VV 30a.30b.32). Wieder Fragen: Woher hat er das Buch? Aus Jerusalem? Oder hat er es schon vor der Reise erworben (immerhin ist die Septuaginta in Afrika entstanden, immerhin hat er schon sehr weit gelesen, bis Kapitel 53)? Wieder keine Antwort. Die Septuaginta hat im Judentum nicht den Status der Heiligkeit der hebräischen Bibel. Wieso sollte der Nubier Schwierigkeiten gehabt haben sie zu besorgen? V 27 beschreibt einen Mann, der auf einem doppelten Weg ist: sein Wagen rollt Richtung Gaza, während er hoch über der Straße in eine Buchrolle vertieft ist. Er betreibt Bibelstudium, eine typisch jüdische Reisebeschäftigung (s. u. Kontexte). Während er sich physisch von Jerusalem entfernt, steigen seine Gedanken, von Deuterojesaja geleitet, hinauf nach Jerusalem (in Jes 52,7, kurz vor der unten zitierten Jesajastelle, steht die Bezeichnung mevasser für den Boten, der Jerusalem die frohe Botschaft besora = euangelion verkündigt). Würde sich so jemand verhalten, der dort gedemütig wurde?

V 29: Nachdem die Szene des herannahenden Wagens geschildert ist, fordert der Geist Philippus auf, sich zu dem Wagen zu halten. Von da an handelt Philippus selbständig, bis ihn der Geist V 39 entrückt. Eine weitere Beobachtung: Der Engel und der Geist handeln in dieser Taufgeschichte am Täufer, nicht am Getauften.

V 30: Der Dialog beginnt, indem der Evangelist sieht, hört – und dann erst spricht. Im Laufen hört Philippus, dass der Reisende auf seinem Wagen – gut jüdisch – laut liest. Und er erkennt, was er hört: den Propheten Jesaja (Kapitel 53, Teile aus VV 7 und 8). Mit einer Frage eröffnet Philippus den Dialog: Verstehst du auch, was du liest? Dies ist die erste von vier Fragen in diesem Dialog, und jede von ihnen ist genial. Denn jede von ihnen hält das Gespräch offen und gibt ihm Weite. Wie sonst sollte Philippus beginnen, ohne eine Abfuhr zu riskieren? Die Reaktion des Reisenden zeigt: Philippus hat es nicht mit einem Frustrierten, sondern mit einem kultivierten, freundlichen, höflichen und sehr interessierten Menschen zu tun. Dieser Mensch ist ein Mächtiger und verzichtet offenbar auf eine Leibwache, die ihn von seiner Umwelt abschirmt. Die Frage des Philippus enthält unausgesprochen die Erkenntnis: wer die Bibel liest, versteht sie noch lange nicht, und zugleich das Angebot der Hilfe. Hörbar enthält sie in ihrer Kürze ein Wortspiel (ginooskeis – anaginooskeis), das dem Nubier einen geistreichen Weggenossen ankündigt.

V 31: Gut jüdisch antwortet der Nubier mit einer Gegenfrage (zugleich unausgesprochene Einladung): Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? hodogeeseianleiten enthält hodos – Weg. Der Lesende kennt den Weg nach Gaza, doch für den Weg in der Bibel braucht er einen Begleiter – es ist eine gut jüdische Regel, die Bibel nur zu zweit oder zu mehreren zu studieren, nicht allein. So ist es für den Reisenden ein Glück, dass in der Einöde ein Schriftkundiger zu ihm stößt. Der Mächtige der Kandake bittet (!) Philippus aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. So reisen die beiden ein Stück Wegs zusammen. Und studieren unterwegs – gut jüdisch – die Schrift (wie Jesus mit den Emmausjüngern Lk 24,27).

V 32.33: Nun zitiert Lukas den Schriftabschnitt, den der Nubier laut gelesen hatte, Worte aus Jesaja 53,7-8 nach der griechischen Septuaginta, ein so genanntes Gottesknechtslied. Es kommt im Zusammenhang von Apg 8 nicht darauf an, die schwierigen Verse Jes 53,7-8 auszulegen oder zu verstehen. Worauf es bei diesem Bibelstudium in der Einöde zwischen Jerusalem und Gaza ankommt, zeigen die folgenden Verse.

V 34: Als stellte der Text eine Frage an ihn, „antwortet“ der Nubier – wiederum mit einer Frage, der dritten, und wieder mit ausgesuchter Höflichkeit. Sie ist die Schlüsselfrage zum Verständnis des Gottesknechtslieder: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? Die Identität des Gottesknechts bleibt im Verborgenen, denn der Leidende tut seinen Mund nicht auf (V 32 und Jes 53,7).

V 35: Aber jetzt tut Philippus seinen Mund auf. Er geht von dieser Textstelle aus, gibt dem Gottesknecht eine Identität und verkündet seinem Studiengenossen die frohe Botschaft von Jesus. Eine sensible Art von Evangelisation ist dies, keine Strategie, sondern Geschenk: der Geist Gottes zeigt den rechten Zeitpunkt, das Gespräch verläuft hauptsächlich in Frageform, der Evangelist wird gebeten und zum Reden aufgefordert, bevor er seinen Mund auftut, um dann das Alte Testament auszulegen. Er legt es christologisch aus, wie wir heute sagen. Er redet auch von der Taufe. Der Vorschlag zu taufen kommt vom Gesprächspartner.

V 36: So ergibt es sich fast wie von selbst, dass der Eunuch, als eine Wasserstelle am Weg auftaucht, die vierte Frage in dieser Perikope stellt. Wieder ist die Formulierung genial: Was hindert’s, dass ich mich taufen lasse? Denn sie fordert geradezu die Antwort: Nichts! heraus – und hat doch einen späteren Schriftkopierer dazu veranlasst, in V 37 eine Hürde aufzubauen, die Dank der historisch-kritischen Bibelerforschung wieder abgebaut ist. Der die Taufe Begehrende leitet seine Frage mit der Feststellung ein: idou – siehe, da ist Wasser! Es ist das zweite idou nach dem ersten in V 27, wo Philippus den Reisenden erblickt. Hier signalisiert das Wort den bevorstehenden Höhepunkt des Geschehens. Paradoxer Weise ereignet sich dieser am tiefsten Punkt der Topographie, im Wasser (hydor – Wasser in VV 36.38 vier Mal): nachdem der Mächtige den Wagen hat halten lassen, steigen die beiden gemeinsam unter das Niveau der absteigenden Straße hinab – eine konzentrierte vertikale Bewegung, die als Konsequenz aus dem spirituellen Weg im gemeinsamen Bibelstudium die horizontale Richtung des gedehnten physischen Wegs (VV 26.36.39) kreuzt. Dort im Wasser tauft Philippus den Eunuchen (diese Bezeichnung steht hier das vierte von insgesamt fünf Malen).

V 39: Innerhalb eines einzigen Verses kommt die Geschichte an ihr Ende. Beide steigen noch gemeinsam aus dem Wasser, da entrückt der Geist Philippus, und der Eunuch, der ihn nicht mehr sieht, bleibt sich selbst überlassen. Er zieht seinen Weg fröhlich weiter – auch das ein Geschenk Gottes für den Finanzminister.

 

3. Homiletische Entscheidungen

 

Der Dialog ist ein Ideal unserer Zeit. Aber wie schwer tun wir uns oft, auf Fremde zuzugehen! Wie schwer tun wir uns mit Gesprächen über den eigenen Glauben! Die Begegnung des Philippus mit dem Eunuchen ist ein göttliches Wunder. Sie legt sich nicht von selbst nahe.

Die Geschichte „ist kraftvoll erzählt und vermittelt mediterrane Atmosphäre. Sie ist auf Begegnung, Versöhnung und (Völker-)Verständigung ausgerichtet.“ (Haag GDPr Serie A IV/3 2000, 127f) Das ist Kirche ohne dunklen Hintergrund. Wenn sich die Hörer mit etwas aus dieser Geschichte identifizieren sollen, dann nicht mit einer der Personen, sondern mit beider Begegnung, die den Afrikaner zur Christusbegegnung bringt. Darum empfehle ich die Geschichte nachzuerzählen, nicht ausschließlich narrativ mit womöglich kontraproduktiven textfremden Einfällen, sondern in Konzentration auf das, was Lukas schreibt (vgl. meine Beobachtungen am Text). Als Gliederungshilfen schlage ich vor die beiden durch idou – siehe (VV 27.36) hervorgehobenen Überraschungspunkte und die vier von mir als genial bezeichneten Fragen, auf die als retardierende Elemente jeweils eigene Reflexionen des Predigers bzw. der Predigerin folgen können. Ist es noch nötig zu sagen, dass keine Stelle des Textes es nahe legt, sich vom Judentum abzugrenzen oder es schlecht zu machen? Im Gegenteil: die Geschichte trägt sich nicht nur im Lande Israel zu, sondern auch ihre Protagonisten folgen jüdischen Regeln. Als Philippus seinen Mund auftut und von Jesus spricht und in Konsequenz daraus der Eunuch sich taufen lässt, beschreiten dann beide den „Weg des Herrn“ (Apg 18,25). Damit überschreiten sie eine Grenze, aber eine Mauer richten sie nicht hinter sich auf.

Im folgenden noch einige Anmerkungen zu den vier Fragen, aus denen der in direkte Rede gefasste Dialog zwischen Philippus und dem Eunuchen besteht:

- „Verstehst du auch, was du liest?“ Mit dieser Frage zeigt Philippus, dass er erkannt hat, was dem Reisenden im Moment das Wichtigste ist: den Propheten zu verstehen. Philippus signalisiert mit dieser Frage: Ich lasse mich auf Dich ein. Er stellt eine nicht erst seit der Pisa-Studie aktuelle Frage. Ein Text, besonders ein Bibeltext, muss erschlossen, erarbeitet werden. Dazu hilft das laute Lesen, das wiederholte Lesen, das auswendig Lernen, das Lesen von Kommentaren und weiterführender Literatur. Dazu hilft vor allem, was die Gegenfrage nahe legt:

- „Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?“ Der Eunuch gibt seine Bedürftigkeit zu. Dies ist eine indirekte Einladung an den Apostel zu lehren. In der jüdischen Lehrtradition soll sich ein Lehrer Schüler suchen und ein Schüler einen Lehrer (vgl. unten 4. Kontexte), um dadurch Zweifel zu vermeiden. Im Judentum hat das Studium sozusagen sakramentalen Charakter (vgl. unten 4. Kontexte, Franz Rosenzweig). So auch im Christentum: Jesu Auftrag zur Taufe lautet: „Taufet ... und lehret...“. Beides steht gleichberechtigt nebeneinander.

- „Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?“ Das Gespräch über die Bibel wird durch eine Frage eröffnet. Diese ist in Bezug auf den Gottesknecht bis heute wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt. Auf sie kann der Glaube, auch der an Jesus Christus, antworten, wie das Beispiel des Philippus zeigt. Diese Antwort drängt, wie die letzte Frage zeigt, zu existenziellen Konsequenzen, zur Entscheidung für die Taufe, für die Zugehörigkeit zur Kirche Jesu Christi.

- „Spricht etwas dagegen, dass ich getauft werde?“ (Übersetzung der Gute Nachricht Bibel). Die letzte Frage zeigt den Respekt des Fremden vor der Religion des Philippus. Er fordert nicht, er begehrt nicht, er fragt. Hier schiebe ich gerne die „Phantasierzone“ ein: Was nicht alles dagegen sprechen könnte! Beginnt das Problematisieren für manche nicht schon beim Äußeren eines Menschen (Hautfarbe, körperliche Merkmale)? Der Taufbewerber ist mächtig, sehr mächtig, er ist Finanzminister, also nicht nur persönlich sehr reich, sondern er lenkt den Umgang des nubischen Staates mit seinen Staatsfinanzen. Wie soll so einer ins Himmelreich kommen? Merkwürdig, der Reichtum des sympathischen Afrikaners spielt in den mir bekannten Auslegungen der Perikope kaum eine Rolle. Wie kann er künftig Gott und dem Mammon dienen? Der Taufbewerber hat bedingungslos der Kandake, seiner Königin, gehorsam zu sein. Könnte sich hier nicht ein weiter Loyalitätskonflikt anbahnen? Der zu Taufende trennt sich von der Gemeinde der bislang Getauften, lernt sie nicht einmal kennen, und geht in seine weit entfernte Heimat „an das Ende der Erde“ (Apg 1,8) zurück. Schließlich: in den alten Handschriften ist nicht einmal ein Bekenntnis zu Christus aus dem Mund des Eunuchen zu finden. Dieses wurde später in V 37 nachgetragen.

Handelt Philippus verantwortlich, wenn er den nubischen Finanzminister unter diesen Voraussetzungen tauft? Nun, die Verantwortung übernimmt der Geist Gottes. Für ihn spricht nichts gegen diese Taufe. Im Gegenteil: noch zwanzig Jahrhunderte später ist nicht nur diese Geschichte unvergessen, sondern es existiert auch eine Kirche, die äthiopische, die in ihr ihren Ursprung aufbewahrt sieht. Das zeigt: Was der Beschenkte mitnahm, hat gereicht, nicht nur für seinen Glauben, sondern für die Weitergabe dieses Glaubens an sein Volk, für neuen Reichtum: die Erinnerung an seine Taufe, den Unterricht, seine Jesajarolle, an die Lust mit anderen weiterzulernen und vor allem: seine Fröhlichkeit.

 

 

4. Kontexte

 

Aus Mischna Avot 1,16: „Rabban Gamliel sagt: Nimm dir einen Lehrer und vermeide (dadurch) Zweifel.“

Aus Mischna Avot 3,7: „Rabbi Jaakov sagt: Wer auf dem Weg geht und lernt und unterbricht sein Lernen und sagt: ‚Wie schön ist dieser Baum und wie schön ist dieser (frisch gepflügte) Acker’, über den verfügt man, als habe er sein Leben verwirkt.“

Michael Krupp (Hg.), Die Mischna. Avot, Jerusalem 2003

 

„Einst bemerkte Berurja einen Schüler, wie er leise studierte; da versetzte sie ihm einen Fußtritt und sprach zu ihm: Es heißt ja (2. Sam 23,5): sie ist in allen Stücken festgestellt und gesichert; wenn [die Lehre] in deinen zweihundertachtundvierzig Gliedern festgestellt ist, so ist sie dir gesichert, wenn aber nicht, so ist sie dir nicht gesichert.

Es wird gelehrt: R. Eli’ezer hatte einen Schüler, der leise zu studieren pflegte, und nach drei Jahren vergaß er sein Studium. ...

Šemuél sprach zu R. Jehuda: Scharfsinniger, öffne deinen Mund und lies, öffne deinen Mund und lerne, damit [dein Studium] dir erhalten bleibe und du lange lebest, denn es heißt (Pr 4,22): denn sie sind Leben denen, die sie finden, und Gesundung für den ganzen Leib, und man lese nicht moçéhem [die sie finden], sondern: moçiéhem [die sie aussprechen] mit dem Munde...

R. Jehosuá b. Levi sagte: Wenn jemand sich auf der Reise befindet und keine Begleitung hat, so befasse er sich mit der Tora, denn es heißt (Pr 1,9): denn eine angenehme Begleitung sind sie etc."

Lazarus Goldschmidt, Der Babylonische Talmud Bd. 2, S. 161, Traktat Erubin 53b-54a   

 

Schimon Bar-Chama, einer der Denkendorfer toratreuen Lehrer aus Israel, erzählt: Mein Urgroßvater Daniel Joseph Klinger lebte in der Stadt Kolomea in der Ukraine. Er war befreundet mit dem berühmten Midraschforscher Salomon Buber, dem Großvater Martin Bubers. Beide waren Getreidehändler, und so fuhren sie jedes Jahr in Bubers Kutsche von Kolomea nach Deutschland zur Leipziger Messe. In die Kutsche waren Regale eingebaut, in denen Bücher standen, rabbinische Literatur und Kommentare. Sie sagten zu einander: „Mis’char (Handel) werd-mer redn in Leipzig. Interwegs werd-mer lernen!“

Mündlich mitgeteilt

 

„Das jüdische ‚Lernen’ ist keine Theologie. Es entspricht in seiner Bedeutung für uns etwa eurem Sakrament. Wenn ich vor Juden spreche, so ist das wie eure Abendmahlsgemeinschaft. Ob du das nun verstehst? Es ist wohl ebenso schwer zu verstehen wie das, daß der Sabbat was andres ist als euer Sonntag, was ihr ja im Grunde auch nie kapiert. Es ist auch sehr schwer zu kapieren.“

Franz Rosenzweig, Brief Nr. 685 An Hans Ehrenberg, 29.10.1921, in: Franz Rosenzweig, Briefe und Tagebücher 2. Band, Haag 1979, S. 728.

 

5. Liturgievorschläge

 

Schriftlesung: Jesaja 43,1-7

EG 738: Psalm 96

Worte dieses Psalms bilden den Text zu dem hebräischen Lied Jismechu Haschamajim (zu finden im Liederbuch „Aschira Jüdische Lieder“)
EG 200 Ich bin getauft auf deinen Namen (Wochenlied)

EG 272 Ich lobe meinen Gott

EG 286,3+4 Frohlocket, jauchzet, rühmet alle

EG 288 Nun jauchzt dem Herren, alle Welt

EG 293 Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all

EG 395 Vertraut den neuen Wegen

EG 638 Wo ein Mensch Vertrauen gibt (Regionalteil Württemberg)

Literatur

 

Calwer Predigthilfen Neue Folge Reihe IV/2 Stuttgart 1994.

Calwer Predigthilfen Reihe IV/2 Stuttgart 1999/2000.

Göttinger Predigtmeditationen 54. Jg. 1999/2000, 4. Reihe.

Gottesdienstpraxis Serie A IV/3 Gütersloh 2000.

Pesch, Rudolf, Die Apostelgeschichte, Zürich u.a. 1986 (EKK V/1).

Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext zur Perikopenreihe IV, Neuhausen [o.J.] 1999.

Predigtstudien Reihe IV/2 Stuttgart 2000.

Strack/Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, München 4. Aufl. 1924-28.

Dr. Michael Volkmann, Berliner Ring 12/1, 72076 Tübingen, volkmann@kloster-denkendorf.de