Antwort auf die „Anmerkungen“ des
Arbeitskreises rostra theologica zur Erklärung „Einen gerechten Frieden im
Nahen Osten fördern“
Dr. Michael
Volkmann, Denkendorf
Die Erklärung
„Einen gerechten Frieden im Nahen Osten fördern“, die der Oberkirchenrat am 11.
Januar 2005 angenommen und veröffentlicht hat, wendet sich an die Mitglieder
unserer Kirche. Sie möchte dazu beitragen, die polarisierte Diskussion um den
Nahostkonflikt bei uns zu versachlichen. Sie ermutigt dazu, Kontakte zu vom
Konflikt betroffenen und unter ihm leidenden Menschen zu pflegen und, wo
möglich, das friedliche Gespräch zwischen ihnen zu fördern.
Der Arbeitskreis
rostra theologica hat „Anmerkungen“ zu dieser Erklärung vorgelegt und regt
damit hoffentlich weitere Gruppen und Einzelpersonen an, sich mit ihr
auseinanderzusetzen. Die sieben rostra theologica-„Anmerkungen“ verdienen eine
Antwort, die dem Anliegen der Erklärung entspricht. Rostra theologica fordert,
Israel stärker zu kritisieren und die Palästinenser mehr in Schutz zu nehmen als
es die Erklärung tut. Der Arbeitskreis tut dies mit Argumenten, deren
durchgängig gegen Israel gerichtete Einseitigkeit ich problematisiere.
1. Die von Rostra
theologica beklagte Asymmetrie des Nahostkonflikts hat konkrete historische
Gründe. 1948 fielen die Armeen von fünf, 1967 von drei, 1973 von zwei
arabischen Staaten über Israel her, jedes Mal in der Hoffnung, sie könnten
Israel vernichten. Der iranische Politiker Rafsandschani – er gilt im Westen
als gemäßigt – dachte 2000 laut über Atombombenangriffe auf Tel Aviv und Haifa
nach. Israel ist aus bitterer Erfahrung zu dem Schluss gekommen, dass es
jederzeit stärker sein muss als seine Feinde zusammen, um nicht vernichtet zu
werden. Auch die Palästinenser waren und sind verantwortliche Akteure in diesem
Konflikt. Ihr gegenwärtiges Elend wie auch die Nakba haben sie zum größeren
Teil ihren eigenen Fehlentscheidungen und denen ihrer arabischen Verbündeten zu
verdanken, nur zu einem geringeren Israel.
2. Die Behauptung,
der Staat Israel sei aus zwei Katastrophen hervorgegangen, suggeriert, er
selbst sei eine Katastrophe. Mit den historischen Tatsachen stimmt sie nicht
überein. Die Entstehung des Staates Israel ist zum wesentlichsten Teil
begründet in den Jahrzehnte langen Bestrebungen der Zionistischen Bewegung, die
in der britischen Balfour-Erklärung (1917), im Völkerbunds-Mandat für Palästina
(1921) und der UNO-Resolution Nr. 181/II (1947) völkerrechtlich anerkannt
wurden.
Rostra theologica
parallelisiert Holocaust und Nakba in einem Argumentationsgang und vergleicht
so Unvergleichliches. Rostra übernimmt damit unreflektiert Teile einer
palästinensischen Selbststilisierung, nach der die Palästinenser die Opfer der
Holocaust-Opfer und die Nakba so schlimm wie der Holocaust seien. Deutsche
müssen wissen, was der Holocaust war, und verantwortlicher über ihn reden als
es rostra theolgica hier tut.
Rostra theologica
definiert Al-Nakba in unzulässiger Verkürzung als „die Vertreibung eines
Großteils des palästinensischen Volkes“. Das palästinensische Flüchtlingsproblem
resultiert aus dem völkerrechtswidrigen arabischen Angriffskrieg gegen den neu
gegründeten Staat Israel. Etwa eine dreiviertel Million Menschen folgte der
Aufforderung arabischer Führer, vorgesehene Kampfzonen zu räumen oder floh vor
Kampfhandlungen, ein Teil von ihnen wurde von israelischen Streitkräften
vertrieben. Was Rostra theologica nicht erwähnt: Etwa zur gleichen Zeit wurden
eine vergleichbar hohe Zahl von orientalischen Juden aus den arabischen Staaten
vertrieben und von Israel integriert. Viele der palästinensischen Flüchtlinge
werden von ihren eigenen Führern und einigen betroffenen arabischen Staaten als
Faustpfand gegen Israel seit mehr als fünf Jahrzehnten in unwürdigen,
abhängigen Verhältnissen gehalten. Israel lehnt es mit Recht ab, hierfür allein
haftbar gemacht zu werden und hat signalisiert, sich an einer Kompromisslösung
zu beteiligen, bei der auch die jüdischen Flüchtlinge und die arabische
Verantwortung berücksichtigt werden.
3. Die
„Lebensfähigkeit“ eines Staates ist nur zum geringen Teil eine Frage der
Grenzziehung. Entscheidend ist neben dem äußeren der innere Friede. Die
„Leerformel Lebensfähigkeit“ (rostra theologica) kann nur von den
Palästinensern selbst mit Inhalt gefüllt werden. Es war für sie (und ihre
Freunde in der Welt) bequem, für ihre elende Lage Israel verantwortlich zu
machen. Jetzt wartet alle Welt darauf, dass sie aus ihrer Verantwortung für
Gaza etwas Positives machen. Hierbei brauchen sie kritische Unterstützer, die
sich nicht scheuen, Anarchie, Korruption, Ausbeutung, Selbstjustiz,
Todesstrafe, sowie islamistische Gewaltverherrlichung, Christenverfolgung,
Erziehung zum Judenhass und zum Selbstmordfanatismus zu stigmatisieren. Hat
rostra theologica hierzu nichts zu sagen?
4. Rostra
theologica verurteilt palästinensische Selbstmordattentate. Den Begriff
„Terror“ verwendet rostra jedoch ausschließlich für israelische Handlungen.
Einer Untersuchung von über hundert verschiedenen Definitionen von „Terror“
zufolge werden mehrheitlich folgende Kriterien für Terror befürwortet: 1.
Terror ist verbunden mit Gewalt oder Gewaltandrohung. 2. Terror ist durch
politische Ziele motiviert. 3. Terror will Schrecken verbreiten, z. B. durch
Explosionen. 4. Die Bezeichnung Terror wird nicht bei zwischenstaatlichen
Kriegen angewandt, sondern bei Konflikten zwischen Staaten und nichtstaatlichen
Organisationen. 5. Terror wählt seine Opfer nicht gezielt aus, sondern versucht
so viele Menschen wie möglich zu töten, auch Unbeteiligte. Demnach sind
Selbstmordattentate Terror. Für die israelischen Handlungen, die die
„Anmerkungen“ Terror nennen, sind „Unterdrückung“, „(strukturelle) Gewalt“ oder
„umstrittene Terrorabwehrmaßnahme“ sachlich angemessene Bezeichnungen.
5. Obwohl die
Palästinenser sich erst nach 1948 als Volk definierten (bis dahin hatte es
ihnen genügt, sich als Araber zu bezeichnen) und obwohl es so etwas wie
Antisemitismus gegen kein anderes Volk der Erde gibt als seit biblischen Zeiten
allein gegen die Juden, hält rostra theologica es für angebracht, „die Warnung
vor ungerechter Kritik an den Palästinensern ... für ebenso wichtig wie die
Warnung vor unannehmbarer Kritik am Staat Israel“ zu erklären. Leider lässt
rostra theologica auch nur das geringste Beispiel für „gerechte Kritik“ an den
Palästinensern vermissen.
6. Es ist ohne
Beispiel in der Geschichte des Friedensnobelpreises, dass ein Preisträger,
Yassir Arafat, Friedensverhandlungen abbricht und einen Krieg entfesselt, um
sein politisches Überleben zu sichern. Erst nach dem Tod Arafats, nach
viereinhalb Jahren und fünftausend Toten, hat Arafats Nachfolger Abbas die
Intifada als Krieg und als Fehler bezeichnet. Ob rostra theologica das auch so
sieht? Israel hat die fortgesetzte Gewalt gegen seine Zivilbevölkerung durch
geheimdienstliche Aufklärung, gezielte Angriffe gegen Terroristen, ein enges
Netz von Kontrollen und den Bau der Sperranlage im Westjordanland (95 % Zaun, 5
% Mauer) weitgehend wirkungslos gemacht. Niemand bezeichnet dies als
„Friedenspolitik“. Verantwortlich für diese Eskalation sind die Initiatoren und
Protagonisten der Intifada. Den Preis dafür bezahlen die von Gewalt, Tod,
Zerstörung und wirtschaftlichem Niedergang Betroffenen, Palästinenser weit mehr
als Israelis. Erstaunlich ist, dass dennoch auf beiden Seiten jeweils zwei
Drittel der Menschen bereit sind, das andere Volk in einem Staat neben dem
eigenen zu akzeptieren.
7. Den israelischen
Rechtsstandpunkt zu Besatzung und Besiedlung darzustellen, würde den Rahmen
sowohl der Erklärung als auch dieser Ausführungen sprengen. Gleichwohl ist er
relevant für unsere Diskussion.
Rostra theologica
argumentiert nach dem Muster Israel anzuklagen und über arabische und
palästinensische Schuld und Verantwortung nichts oder zu wenig zu sagen. So
konstruiert rostra im Widerspruch zur eigenen Forderung nach mehr Klarheit und
Präzision das schablonenhafte Bild eines Kampfes der bösen Mächtigen gegen die
guten Ohnmächtigen. Dies geht nicht nur auf Kosten der Israelis, sondern auch
auf Kosten der Palästinenser, die auf diese Weise entmündigt und in ihrer
Verantwortlichkeit nicht ernst genommen werden. Ich ermutige den Arbeitskreis
rostra theologica, seine Verbundenheit mit beiden Völkern deutlicher zum
Ausdruck zu bringen. Israel hat eine alte Tradition der Selbstkritik und viele
kritische Freunde. Die Palästinenser haben beides nicht und daher auch keinen
Nutzen davon.