Bericht von der KLAK-Delegiertenversammlung
in Jerusalem vom 25.1. bis 1.2.2004
Michael Volkmann, Denkendorf/Württemberg
Vom 25. Januar bis
1. Februar 2004 tagte die Delegiertenversammlung der „Konferenz
Landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden“ (KLAK) in Jerusalem. Ihr
üblicher Versammlungsort ist Berlin. Doch 2003 wurde bei der 25-Jahr-Feier der
KLAK der Beschluss gefasst, ein Zeichen der Solidarität mit Israel zu setzen
und das nächste Mal nach Jerusalem zu fahren. 36 Personen, überwiegend Pfarrerinnen
und Pfarrer, nahmen an der Konferenz teil. Tagungsort und Unterkunft der
Teilnehmerinnen und Teilnehmer war das Hotel Mt. Zion, Hebron-Str. 17 in
Jerusalem, gegenüber dem Zionsberg am oberen Abhang des Hinnomtals gelegen.
Die Reise war in
vieler Hinsicht interessant und lohnend. Die KLAK plant eine ausführliche
Dokumentation. Hier kann lediglich ein summarischer Reisebericht gegeben
werden.
Das Programm
a) Studientage
Das Programm
umfasste, kurz gesagt, Studientage und „Meetings“. Das Thema des ersten
Studientags lautete „Christentum und Judentum: Nicht Mutter und Tochter,
sondern zwei Schwestern“. Der Historiker Yaakov
Guggenheim von der Arbeitsstelle Germania Judaica an der Hebräischen
Universität Jerusalem stützte seine These vor allem auf die Untersuchungen
seines Kollegen Israel Yuval. Mit Hilfe antiker theologischer und liturgischer
Texte und mittelalterlicher Abbildungen legt er die gegenseitige Beeinflussung
von Judentum und Christentum dar, ohne dass klar wurde, in welcher Richtung sie
erfolgt war. Wichtiger als diese Frage erschien Guggenheim die Tatsache, dass
Juden und Christen zu jener Zeit die gleichen Vorstellungen hatten und sie in
der Regel gegen einander einsetzten.
Der zweite
Studientag war der Bedeutung des Landes Kanaan / Israel / Palästina in
Christentum, Judentum und Islam gewidmet. Drei Referenten bestritten diesen Tag
im Plenum und in Arbeitsgruppen: die jüdische Religionsphilosophin Dr. Ayallah Schwartz aus Herzlija,
Initiatorin des Programms „Religious Study as Forum of Civil Dialogue“ und
Mitglied der Friedensbewegung „Bat Schalom“, der Jerusalemer Islam-Lehrer und
Mitarbeiter des Shalom-Hartman-Instituts Mohammed
Khourani, der als erster Janusz Korczak ins Arabische übersetzte, sowie der
melkitische Priester und Psychologe Dr.
George Khoury, Vorsitzender des christlichen Gerichts in Nazareth.
Interessant war es mit Mohammed Khourani einen modernen Islamwissenschaftler zu
hören, der die jüdische Bindung an das Land und die Stadt Jerusalem achtete und
die Bedeutung Jerusalems für den Islam nicht absolut setzte. Im Koran nicht
erwähnt, wurde Jerusalem von den Omayyaden um 700 n. Chr. durch die
Al-Aksa-Moschee und den Felsendom in Konkurrenz zu Mekka und Medina ausgebaut.
Die Bedeutung der Stadt wurde durch Saladdin in seinem Kampf gegen die
Kreuzfahrer durch den Dschihad religiös überhöht. Heute bediene Yassir Arafat
sich dieses propagandistischen Mittels zur Mobilisierung arabischer Massen.
b) „Meetings“
Mitgetragen wurde
das Programm von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Deren Länderbeauftragter für
Israel, Dr. Johannes Gerster, gab
der Delegiertenkonferenz einen persönlichen „Bericht zur Lage“. Die KAS sieht
ihre erste Aufgabe in Israel in der Förderung des Friedensprozesses. Diesen
Ziel dient ein Großteil der 260 von der KAS durchgeführten Veranstaltungen im
Jahr. Gerster betonte, dass trotz der Intifada eine erhebliche Ausweitung der
israelisch-palästinensischen Zusammenarbeit möglich gewesen sei. Gerster gab
ein sehr differenziertes Bild der aktuellen Situation und unterschiedlicher
Einschätzungen im Land. Seiner Ansicht nach war trotz der gegenwärtigen
politischen Stagnation die Lage nie günstiger für einen international gültigen
Vertrag zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde. Verständnis
zeigte Gerster für die Existenzängste vieler Israelis: im Umkreis von 300 m um
seine Wohnung im Zentrum Jerusalems seien seit Beginn der Intifada 47
Bombenanschläge verübt worden. Die Existenz des Staates Israel hält er deswegen
aber nicht für gefährdet.
Gerster war auch Veranstalter und Moderator der einzigen öffentlichen
Veranstaltung im KLAK-Programm, einer Podiumsdiskussion über „Antisemitismus in
Deutschland heute - eine israelische und eine deutsche Sichtweise“. Im brechend
vollen Saal des Adenauer-Forums im Jerusalemer Stadtteil Mischkenot
Hascha’ananim diskutierten der HU-Professor für deutsche Geschichte und
Zeitgeschichte, Dr. Moshe Zimmermann,
der KLAK-Vorsitzende Pfarrer Rickleff
Münnich, das KLAK-Vorstandsmitglied Pfarrerin Hanna Lehming und der ehemalige Studienleiter von „Studium in
Israel“ und Jerusalemer epd-Korrespondent Pfarrer Dr. Michael Krupp miteinander. Kontrovers wurde das Gespräch erst,
als Prof. Zimmermann, bekannt durch seine provozierende Kritik an der
israelischen Politik, aus dem Publikum scharf angegriffen wurde und den Angriff
gelassen parierte - der einzige hebräische Wortwechsel an einem ansonsten
deutschsprachigen Abend. Die Gesprächsteilnehmer waren sich weit gehend einig,
dass Antisemitismus sich unabhängig vom Verhalten der Juden vernehmbar mache,
dass in aktuellen Äußerungen in der Regel traditionelle Stereotype aufgenommen
werden und dass sich der Anteil von Antisemiten an der deutschen Gesellschaft
bei konstant einem Fünftel halte. Dennoch sei es wichtig, jeder Form von
Antisemitismus entgegenzutreten und vor allem sein Vordringen in die
bürgerliche Mitte (Möllemann, Walser, Hohmann) zu bekämpfen.
Ein weiterer
Höhepunkt war der Besuch des prominenten TV-Moderators David Witzthum bei der KLAK. Er ging der Frage nach, wie sich seit
der zweiten Intifada die Bedeutung des Holocaust in Israel verändert habe.
Witzthum griff weit aus und bot eine Periodisierung des Umgangs mit der Schoa
für die gesamte Zeit seit der Staatsgründung Israels. Ließen sich für die
ersten fünfzig Jahre relativ klare Tendenzen erkennen, so ist die Besonderheit
der aktuellen Situation eine diffuse Diskussion um die Schoa.
Individualisierung und Privatisierung des Umgangs mit dem Holocaust seien
vorherrschend. Witzthum führt dies auf die Richtungslosigkeit der gegenwärtigen
israelischen Politik unter MP Scharon zurück. Die Grenzen zwischen Regierung
und Opposition verschwimmen. Der Terrorzustand führe einerseits zur
Entpolitisierung der Gesellschaft, andererseits stärke er die Solidarisierung
in der Gesellschaft. Vom Terror betroffen sind alle - neu eingewanderte
russische wie orthodoxe Juden, arabische Israelis wie ausländische
Gastarbeiter. Die israelische Gesellschaft fühle sich durch den Terror, nicht
durch staatliche Ideologie, zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengeschlossen.
Der Besuch der
KLAK-Delegierten in Yad Vashem wurde
zu einer Informationsstunde über das pädagogische Programm der nationalen
israelischen Holocaust-Gedenkstätte. Eine junge Lehrerin berichtete über die
Arbeit der zu Yad Vashem gehörigen Schule. Die sehr gut ausgestattete
Einrichtung fördert die Auseinandersetzung junger Israelis mit der Schoa auf
vielfältige Weise. Künstlerische Ergebnisse dieser pädagogischen Prozesse
zieren die Wände in den Gängen und Unterrichtsräumen des Gebäudes. Die Referentin
berichtete vor allem von einem Programm, an dem sie selbst mehrfach
teilgenommen hatte und das Juden und Araber gemeinsam nach Auschwitz bringt.
Weitere „Meetings“
brachten die Delegierten in Kontakt mit verschiedenen christlichen
Einrichtungen in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten.
Wegen Verhinderung
von Probst Martin Reyer berichtete Pfarrer Rüdiger
Scholz von der Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg
(Auguste-Victoria-Stiftung) über Arbeit und aktuelle interne Themen der
deutschen evangelisch-lutherischen Erlöserkirchengemeinde. Scholz beklagte den
Rückgang nicht nur der Touristenzahlen (Besuche auf dem Ölberg, prognostiziert:
40.000, 2000: 25.000, 2002: 700), sondern auch der Mitgliederzahlen der
Gemeinde auf unter hundert. Weitere Gesprächsthemen waren das Verhältnis der
deutschsprachigen Gemeinde zur arabischsprachigen ELCJJ
(Evangelisch-lutherischen Kirche in Jerusalem und Jordanien), die Ökumene der
dreizehn christlichen Konfessionen in Jerusalem und anderes.
In Beit Jala ließen
sich die Delegierten von Pfarrer Jadalla
Shihade Konzeption und Realisierung der Abrahams-Herberge vorstellen. Hier
sollen einmal Christen, Juden und Moslems einander begegnen und voneinander
lernen. Erwachsenengruppen sollen durch ihren finanziellen Beitrag die
Anwesenheit von Jugendgruppen in der Herberge subventionieren. Für die
einheimische Bevölkerung soll die Herberge Arbeitsplätze und soziale
Einrichtungen bieten. Voraussetzung für das Funktionieren der Konzeption sind
jedoch Frieden und offene Grenzen - zwei Grundbedingungen, die derzeit nicht
gegeben sind. Dennoch wirkt sich das Projekt auf das Gemeindeleben positiv aus.
Die Sozialarbeiterin der Gemeinde engangiert sich besonders in der
Frauenarbeit, über die sie den Gästen berichtete.
In der Abrahams-Herberge
berichteten drei Vertreter des Arab
Educational Institute Bethlehem, Direktor Fuad Giacaman, Schatzmeister
Elias Abu Akleh und ein Jugendleiter namens Anton vom Friedensengagement dieser
christlichen Einrichtung. Mit Unterstützung des belgischen Flügels der
katholischen Friedensbewegung Pax Christi führt das AEI Work Shops zum Training
gewaltloser Methoden in Schulen und Freizeitgruppen durch. Als besonderes
Projekt wurde das 1999 begründete Programm „Living in the Holy Land Respecting
Differences“ vorgestellt, in dem christliche und muslimische Jugendliche
einander ihre Religion und Lebensweise vorstellen.
Ein Teil der Gruppe
besuchte das Haus Pax der Aktion
Sühnezeichen Friedensdienste, die zurzeit fünfzehn Freiwillige im Land hat.
Die neue Länderbeauftragte Sabine Lohmann stellte sich vor und informierte die
Besucher über die Arbeit von ASF im Land und über den Neubau des Gästehauses
von ASF beim Haus Pax.
Unter Leitung von
Studienleiter Pfarrer Dr. Andreas Wagner,
einem Württemberger, kam der derzeitige
Jahrgang von Studium in Israel zu
einem Informationsgespräch in die KLAK-Versammlung. Die Studentinnen und
Studenten sind seit einem halben Jahr im Land. Sie berichteten von ihrem
Lebensalltag unter ständiger terroristischer Bedrohung und von ihren Studien an
der Hebräischen Universität in hebräischer Sprache. Studienleiter Wagner
diskutierte mit den Delegierten das Projekt „Studium in Israel II“, in dessen
Rahmen geplant werden soll, Pfarrerinnen und Pfarrern im aktiven Dienst zu
einem mehrmonatigen Sabbatical in Jerusalem zu verhelfen.
Am letzten Abend
vor der Heimreise kam Dr. Michael Krupp ins Hotel Mt. Zion und berichtete aus
seiner Arbeit in der Israel Interfaith
Association. Michael Krupp lebt seit mehr als 35 Jahren in Israel. Er
gehörte zu den Initiatoren von Studium in Israel und war 25 Jahre lang dessen
Studienleiter. So erblickte er in den Reihen der KLAK hocherfreut eine ganze
Reihe seiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler. Sein Bericht spiegelte die
Probleme interreligiöser Arbeit in einem Land, in dem Religion von
Fundamentalisten als Konfliktverstärker missbraucht wird. Das vielfältige
Friedensengagement der IIA wird seit einigen Jahren in der Zeitschrift
„Religionen in Israel“ dokumentiert. Höhepunkt der Arbeit in jüngerer Zeit war
das israelisch-arabische Besuchsprogramm in Auschwitz, an dem die IIA beteiligt
war.
Die Frage nach dem Frieden
Wir haben auf
unserer Reise keinen Menschen getroffen, der nicht für Frieden wäre. Alle
unsere oben vorgestellten Gesprächspartner verstehen ihre Arbeit als Beitrag
zum Frieden. Die meisten von ihnen stellen Friedensbemühungen in den
Mittelpunkt ihres Engagements. Die Stimmung ist durchweg alles andere als
optimistisch. Dennoch gibt es ein Anzeichen dafür, dass die Menschen nicht nur
auf Frieden hoffen, sondern fest mit Fortschritten in dieser Richtung rechnen –
die rege Bautätigkeit im ganzen Land. Besonders fiel uns auf, dass gerade
evangelische Einrichtungen mit künftigen Besucherströmen rechnen. So wurde das
Lutherische Hospiz in der Altstadt neu renoviert, Aktion Sühnezeichen
Friedensdienste will innerhalb der nächsten zwölf Monat das neue Gästehaus
eröffnen, in Beit Jala ist seit einen Vierteljahr die Abrahams-Herberge fertig
und in Bethlehem wurde der Weihnachtskirchengemeinde von finnischen Christen
ein perfekt ausgestattetes Bildungszentrum geschenkt – vier lockende Ziele auf
einer Strecke von gerade mal zehn Kilometern!
Terror, Terrorbekämpfung und Terrorfolgen
Bei der Abfahrt
nach Beit Jala am Donnerstag Morgen, 29. Januar, um 9 Uhr hörten wir in den
Radionachrichten von einem Bombenanschlag
auf einen Bus der Linie 19 an der Ecke Gaza- / Arlosoroffstraße. Der
Selbstmordanschlag war um 8.48 Uhr von einem palästinensischen Polizisten
ausgeführt worden. Zehn Menschen kamen ums Leben, fast fünfzig wurden verletzt.
Der Anschlag war
fortan bei unsrem Besuchsprogramm immer präsent. Schon wenige Minuten später
wurde uns nach längerer Wartezeit am Checkpoint der Übertritt ins
Autonomiegebiet von Bethlehem verwehrt. Wir kehrten um und reihten uns in den
Stau ein, der zur „Zweitunnelstraße“ Richtung Hebron führte. Bereits während
der Fahrt riefen einige Teilnehmer per Handy zu Hause in Deutschland an, um
Ängste zu zerstreuen, wir seien vom Anschlag mit betroffen worden. Nachdem wir
eine militärische Kontrollstelle passiert hatten, kamen wir von Westen her nach
Beit Jala. Wir überschritten die Grenze vom C-Gebiet zum A-Gebiet durch das
Schulgelände von Talita Kumi und kamen um 11 Uhr zu Fuß in der
Abrahams-Herberge an, - zwei Stunden nach unserem Aufbruch im Hotel, das
Luftlinie weniger als zehn Kilometer entfernt lag.
Noch vor Beginn der
für den Nachmittag geplanten Gesprächsrunde traf in der Abrahams-Herberge die
Nachricht ein, der Attentäter stamme aus Bethlehem, es sei mit dem Einmarsch
von israelischem Militär, mit der Sprengung des Hauses des Attentäters und mit der
Absperrung des Autonomiegebiets zu rechnen und wir hätten so schnell wie irgend
möglich nach Jerusalem zurückzukehren. So brachen wir unser Programm ab und
machten uns überstürzt auf den Rückweg.
Von der Lobby des
Hotels aus konnten wir in östlicher Richtung in kaum zwei Kilometer Entfernung
Teile der „Sperranlage“ sehen, die die israelische Regierung um die
palästinensischen Autonomiegebiete anlegen lässt, um Terroristen am Eindringen
zu hindern. Von fertig gestellten etwa 180 km sind 8 km Mauer, der Rest Zaun.
In Jerusalem wird ein Mauerabschnitt mit 9 m Höhe aufgerichtet, der in der
östlichen Vorstadt Abu Dis einander gegenüberliegende Straßenseiten teilt.
Einige aus der Gruppe fuhren nach Abu Dis, um den Mauerbau aus der Nähe zu
sehen und zu fotografieren. Ostjerusalemer Taxis haben einen regelrechten
Pendelverkehr für den Mauertourismus aufgenommen. Erstaunlich war für mich,
dass der Bau der Sperranlage in unseren Begegnungen und Gesprächen keine große
Rolle gespielt hat. Er wird teils kritisiert, teils achselzuckend oder
verständnisvoll hingenommen, teils ausdrücklich befürwortet und allgemein als
Folge der kriegerischen Situation und der fortdauernden Terroranschläge
gesehen, allerdings in seiner Terror verhindernden Wirkung skeptisch beurteilt.
Die Belastung, die diese Trennung für die palästinensische Bevölkerung
bedeutet, wird meinem Eindruck nach allgemein deutlich gesehen.
Unsere Gruppe
verfolgte die Nachrichten im Radio und in der Presse. Zunächst erklärte sich
der militärische Flügel der Fatah, der größten Partei in der Palästinensischen
Autonomieregierung, für den Anschlag verantwortlich (während die PA selbst ihn
verurteilte), später die islamistische Hamas. Die Namen der Toten wurden
bekannt gegeben. Einer von ihnen war der Hausmeister der Modellschule, die ein
Teil von uns am nächsten Morgen besuchen sollte. Die Schulleitung sagte den
Besuch ab, doch als wir einen von allen unterschriebenen Kondolenzbrief in der
Schule abgaben, wurden wir herzlich für Sonntag Morgen zu einem Gespräch
eingeladen. Etwa ein Dutzend Delegierte nahmen an diesem Schulbesuch teil und berichteten anschließend von ihrem bewegenden
Gespräch mit Schülern und Lehrern.
Später las ich in
Zeitungen von Menschen, die hinter dem Bus hergefahren oder neben ihm auf dem
Gehweg gegangen waren, wie die international bekannte Autorin Zeruya Shalev,
und verletzt worden sind. Ein Großteil der Verletzten wurde in die Notaufnahme
des Shaare Zedek Medical Centers gebracht.
Da dieses Krankenhaus seit langem gute Beziehungen zur Fortbildungsstätte
Kloster Denkendorf unterhält und aus der Denkendorfer Israelhilfe Unterstützung
erhält, war langfristig ein Besuch vereinbart. Am Freitag Morgen besichtigte
ein gutes Dutzend Delegierter das Hospital. Vizedirektor Nachum Pessin stellte
uns die Arbeit des SZMC in einem Vortrag und einem Videofilm vor, anschließend
führte er uns durch verschiedene Abteilungen wie Kardiologie, Gynäkologie und
Geburtsstation sowie Intensivstationen. Das 1902 eröffnete, 1978 neu erbaute
Hospital wird orthodox geführt. Sein Personal umfasst über 2.000 Personen,
darunter auch 12 arabische Ärzte. Es behandelt in über 500 Betten alle
Patienten, die Hilfe brauchen, ungeachtet ihrer nationalen oder religiösen
Zugehörigkeit. Zuletzt zeigte uns Nachum Pessin die Notaufnahme, die zurzeit
auf dreifache Größe erweitert wird, und die Anlage zur Entgiftung von
Giftgasopfern, die vor dem zweiten Golfkrieg 1991 und auch 2003 vor dem dritten
wieder modernisiert wurde, jedoch nicht zum Einsatz kam. Der Ausbau der
Notaufnahmestation geschieht auf Initiative Dr. David Applebaums hin, des
besten Spezialisten zur Behandlung von Terroropfern in Israel. Dr. Applebaum
wurde zusammen mit seiner Tochter, mit der er gerade ihre für den nächsten Tag
geplante Hochzeit besprach, bei einem Terroranschlag im Cafe Hillel im Emek
Refaim im September 2003 ermordet.
Persönliche Begegnungen
Da ich als
KLAK-Delegierter dem Programm der Konferenz verpflichtet war, blieb wenig Zeit
für persönliche Begegnungen. Dem Kreis der orthodoxen Denkendorfer Lehrer hatte
ich bereits mitgeteilt, dass ich allenfalls telefonisch mit ihnen in Kontakt
treten könne. Dennoch kam es zu einer Reihe von Gesprächen mit Freunden und
Lehrern, die sämtlich auf meine Denkendorfer Tätigkeit bezogen waren.
Bei Dr. Gabriel H. Cohn, dem langjährigen
Denkendorfer Lehrer, Dozent für Bibel an der Bar-Ilan-Universität Ramat Gan,
besprach ich die für Sommer 2004 in Israel geplante Toralernwoche und den für
Frühjahr 2005 in Denkendorf vorgesehenen Kurs über Jüdische Auslegung
alttestamentlicher Predigttexte der 3. und 4. Perikopenreihe. Dr. Cohn stellte
mir Dr. Shimon Gesundheit, einen ca.
40jährigen Dozenten für Bibel an der Hebräischen Universität und potentiellen
Lehrer für Denkendorf, vor. Gerne sähe ich Dr. Gesundheit in unserem
Lehrerkreis, er sieht sich jedoch bis auf weiteres wegen gewichtiger anderer
Verpflichtungen nicht dazu in der Lage.
Dafür ist mit Shlomit Gur, der Tochter von Ephraim
und Chawa Jonai, als neuer Lehrerin zu rechnen. Sie wohnt in Kiriat Schmuel bei
Haifa und bildet Lehrerinnen im Bibel-Unterricht aus. Shlomit wird bereits an
der kommenden Toralernwoche im August in Ramat Rachel teilnehmen.
Ein weiterer
Denkendorfer Lehrer, Dr. Yaakov Zur aus
dem religiösen Kibbuz Ein Hanatziv, tauchte überraschend im Hotel Mt. Zion auf.
Yaakov war in Trauer um seinen kurz zuvor verstorbenen Bruder. Er hatte gehört,
dass die KLAK hier sei, und da er für einige Tage in Jerusalem etwas zu
erledigen hatte, beschloss er, mit uns das Hotel zu teilen. Etlichen
Delegierten war er bereits bekannt, am längsten Christiane Niemann aus Rostock,
die Yaakov noch zu DDR-Zeiten in seine frühere Heimatstadt geholt und eine
außergewöhnliche Entwicklung in Gang gesetzt hatte (siehe: Christine Gundlach
[Hg.], Die Welt ist eine schmale Brücke. Yaakov Zur: ein Israeli in Rostock,
Thomas-Helms-Verlag Schwerin 2003).
Hoch erfreut war
ich, bei der Podiumsdiskussion im Adenauer-Forum auf unser Lehrerehepaar Meir und Judith Brom zu treffen, die
ebenfalls im Publikum waren. Meir Brom hat im Frühjahr 2003 in Denkendorf einen
denkwürdigen Fortbildungskurs über König David gehalten. Leider kehrte er
damals mit einer (inzwischen ausgeheilten) gerissenen Achillessehne nach Israel
zurück.
Ein Besuch in der traditionsreichen
Buchhandlung Ludwig Mayer in der Schlomzion-Hamalka-Str. 4 brachte mich mit dem
neuen Ladeninhaber Rabbiner Marcel
Marcus zusammen. Ihm hatte ich das Konzept der Denkendorfer Toralernwochen
vorgestellt. Allerdings ist seine Teilnahme als Lehrer an der Lernwoche 2004
wegen geschäftlicher Verpflichtungen in Frage gestellt.
Zusammen mit den
Pfarrerinnen Katja Kriener und Hanna Lehming besuchte ich Prof. Dr. Chana Safrai im Shalom-Hartman-Institut.
Chana ist seit zwanzig Jahren im christlich-jüdischen Gespräch aktiv und häufig
in Deutschland zu Gast. Sie hält seit einigen Jahren Fortbildungskurse in
Denkendorf, so auch Ende Februar 2004 wieder. Sie steuert exegetische Beiträge
zu Denkendorfer Handreichungen zum Israelsonntag bei. Zu viert planen wir ein
Buchprojekt, das jüdische Auslegungen zu den neutestamentlichen Predigttexten
der evangelischen Kirchen in Deutschland enthalten soll. Es ist als
eigenständiges Projekt neben den vierbändigen „Bibelauslegungen aus jüdischen
Quellen“ zu den alttestamentlichen Perikopen des verstorbenen Denkendorfer
Lehrers Rabbiner Roland Gradwohl gedacht.
Schließlich traf
ich mit der „Madricha“ Dorit Daon
zusammen. Mit Dorit habe ich in ausgezeichneter Zusammenarbeit drei
Gruppenreisen in Israel durchgeführt. Weitere sind geplant. Dorit arbeitet im
Biblischen Landschaftspark Neot Kedummim und ist eine kundige, kompetente
Reiseführerin.
Als unsere Gruppe
zum Mittagessen im Kibbuzgästehaus Ramat
Rachel Station machte, war es mir möglich, mit dem Manager einige Fragen im
Blick auf die Toralernwoche zu klären, die im August dort stattfinden soll.
Weitere Ereignisse
Während ich mit
Katja Kriener und Hanna Lehming bei Prof. Dr. Chana Safrai war, unternahm die
Gruppe eine Führung durch die ersten
im 19. Jahrhundert gebauten Stadtbezirke Jerusalems außerhalb der
Altstadtmauern.
Am Freitag Abend
war Gelegenheit zum Besuch eines Synagogengottesdienstes.
Am Sonntag
Vormittag nahm die Gruppe am Abendmahlsgottesdienst
in der Erlöserkirche teil, der von Pfarrer Rüdiger Scholz gehalten wurden.
Am Abend nach dem
Besuch in der Probstei zeigte uns das Württemberger Ehepaar Henne-Kreye das von
ihm verwaltete und neu renovierte Lutherische
Hospiz.
In der freien Zeit
am Samstag Nachmittag besuchte ich die Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg, die
Klagemauer und die Grabeskirche.
Die Gruppe der Delegierten
Diese war meine
dritte KLAK-Delegiertenkonferenz. Inzwischen bin ich mit den meisten
Delegierten näher bekannt geworden. Ich mag die offene und konstruktive
Atmosphäre der Delegiertenversammlungen und schätze die außergewöhnliche
theologische Kompetenz der Versammelten besonders hinsichtlich des Gesprächs
zwischen Christen und Juden.
Die Delegierten
kommen aus fast allen evangelischen Landeskirchen in Deutschland, wo sie unter
sehr unterschiedlichen Bedingungen arbeiten. Fünf Landeskirchen haben
hauptamtliche Pfarrstellen für das Gespräch zwischen Christen und Juden
eingerichtet, vier 100 %-Stellen und eine 50 %-Stelle. Im Vergleich mit den
anderen habe ich die Vorzüge meiner
Denkendorfer Pfarrstelle sehr zu schätzen gelernt. In keiner anderen
Landeskirche sind die Funktionen des landeskirchlichen Beauftragten, des
Vorsitzenden des landeskirchlichen Arbeitskreises und eines Dozenten einer
Fortbildungsstätte in Personalunion vereinigt. Die württembergische Kombination
ist einzigartig und auf Grund der in der Fortbildungsstätte Denkendorf
gegebenen Möglichkeiten besonders effektiv, was die Realisierungsmöglichkeiten
von tatsächlicher Begegnung zwischen Christen und Juden anbelangt.
Die KLAK trifft
sich zwischen den Delegiertenversammlungen in vier Regionalkonferenzen.
Württemberg gehört zusammen mit Baden, Hessen-Nassau und der Pfalz zur Südwest-KLAK. Die Hauptamtlichen treffen sich
ebenfalls einmal im Jahr zusätzlich zum Erfahrungsaustausch und zur
Vorbereitung von Predigthilfen zum Israelsonntag.
Schlusswort
Innerhalb der
vergangenen elf Monate war ich zum dritten Mal in Israel, nun freilich nur in
Jerusalem (und Beit Jala). Ich sehe keinen vernünftigen Grund, wieso man nicht
nach Israel reisen sollte. Im
Gegenteil: das Bild vom Land, das die Medien bei uns vermitteln, wird auf
heilsame Weise ergänzt und zurecht gerückt. Gewalt ist hier eine prägende
negative Kraft, aber sie ist nicht allgegenwärtig und keineswegs alles
beherrschend. Auf israelischer Seite versucht man seinen Alltag so normal wie
möglich zu leben und kann es in der Regel auch. Auf palästinensischer Seite
scheint mir dies wesentlich schwieriger zu sein. Dr. Johannes Gerster sagte,
den vorwiegend arabischen Christen im Land gehe es „scheußlich“. In dieser Lage
helfen Besuch von außen, die ihnen sagen, dass sie nicht allein gelassen und
vergessen werden. Die Menschen auf beiden Seiten wollen nach meinem Eindruck,
dass Fremde in der derzeitigen schwierigen Situation für sie und ihre Sorgen Verständnis haben. Wenn man von Solidarität redet, sollte man sie nicht
nur auf Gleichgesinnte begrenzen, sondern alle Menschen mit einbeziehen, die
unter der Situation leiden und Frieden herbeisehnen. Besuche werden als Zeichen
von Solidarität verstanden.
2004-02-04