Israelsonntag
2004
Handreichung zur
Gottesdienstvorbereitung
für den 10.
Sonntag nach Trinitatis (15. August 2004)
Vorwort
Opferaufruf für die Denkendorfer Israelhilfe und das Gespräch
zwischen Christen und Juden
Die Sünde führt zum Glauben. Eine jüdische Auslegung von Römer
11,25-32
Prof. Dr. Chana
Safrai, Shalom Hartman Institute Jerusalem
Predigtmeditation: 10. Sonntag nach Trinitatis - Israelsonntag:
Röm 11,25-32
Michael Volkmann
Liturgieentwurf
Michael Volkmann
Empfehlungen der Lutherischen Europäischen
Kommission Kirche und Judentum (LEKKJ) zur Liturgie
Johannes Gruner
Zur Entwicklung der
Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs im Horizont der Zuwanderung
der jüdischen Emigranten aus der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) -
Auszüge
Barbara Traub M. A.,
Sprecherin des
Vorstandes der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs
Lied
Ose Schalom Bimromaw
Vorwort
Denkendorf, Mai 2004
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
mit Römer 11,25-32 wird in diesem Jahr der wohl wichtigste
biblische Text zum Verhältnis von Christen und Juden gepredigt. Die vorliegende
Handreichung soll ihnen helfen, dies als Chance zu nutzen. Allzu rasch und zu
oft wird das Bild, das wir Christen uns von Juden machen, durch die aktuelle
Berichterstattung über den Nahostkonflikt beeinflusst. Es sollte aber in erster
Linie von der Bibel und besonders von den Kapiteln 9 bis 11 des Römerbriefes
her bestimmt sein. Diese Erkenntnis ist ein wesentliches Ergebnis des
Prozesses, der in den drei EKD-Studien „Christen und Juden“ (Gütersloh 1975,
1991 und 2000) dokumentiert ist. Lassen Sie darum bitte Ihre aktuellen Gefühle
und Gedanken zum palästinensisch-israelischen Krieg begleitet sein von einer
tief gehenden theologischen Beschäftigung mit dem Thema Christen und Juden.
In diesem Heft finden Sie wieder eine jüdische Auslegung des
Textes von Prof. Dr. Chana Safrai vom Shalom Hartman Institute Jerusalem. Prof.
Safrai gehört als orthodoxe feministische Jüdin zu den profiliertesten
Vertreterinnen des Gesprächs zwischen Christen und Juden, z. B. auf Kirchen-
und Katholikentagen. Seit einigen Jahren gibt sie auch Kurse in der
Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf.
Barbara Traub, Sprecherin des Vorstands der Israelitischen
Religionsgemeinschaft Württembergs, beschreibt die Situation der Juden im
geografischen Bereich unserer Landeskirche, die sich in den vergangenen
anderthalb Jahrzehnten dramatisch verändert hat. In allen Landkreisen leben
wieder Juden als unsere Nachbarn. Das Thema Christen und Juden rückt uns also näher
und wird wieder Teil unserer Lebenswirklichkeit. Frau Traubs Beitrag wird in
voller Länge im Denkendorfer Denkzettel Nr. 3 erscheinen.
Meine Meditation zu Römer 11,25-32 folgt dem bewährten Stil der
von Wolfgang Kruse herausgegebenen Predigtmeditationen im christlich-jüdischen
Kontext. Der Liturgieentwurf ist ein Angebot und eine Anregung für Ihre eigene
Arbeit.
Kollege Johannes Gruner, Böblingen, ist Vorsitzender der
„Lutherischen Europäischen Kommission Kirche und Judentum“ (LEKKJ) und Mitglied
der landeskirchlichen Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“. Er
stellt das neue LEKKJ-Dokument mit Empfehlungen zur Liturgie vor und
kommentiert es.
Schließlich lege ich Ihnen wieder die Denkendorfer
Kollektenbitte ans Herz. Das Gespräch zwischen Christen und Juden zu fördern
ist eine gesamtkirchliche Aufgabe, die auch die Mithilfe der Gemeinden braucht.
Allen bisherigen Unterstützern sei an dieser Stelle von Herzen gedankt!
Mein herzlicher Dank gilt Prof. Dr. Chana Safrai, Barbara Traub
M.A. und Pfarrer Johannes Gruner für ihre Beiträge, Dr. Matthias Morgenstern,
Tübingen, für das Korrekturlesen meiner Übersetzung von Prof. Safrais Beitrag
aus dem Hebräischen und Pfarrer Hartmut Otto, Tieringen, für das von ihm
aufgezeichnete Lied „Ose Schalom“.
Mit freundlichen Grüßen und guten Wünschen
Ihr
Dr. Michael Volkmann
Landeskirchlicher Beauftragter für das Gespräch zwischen
Christen und Juden
Bitte um
Ihr Opfer am Israelsonntag 2004
für die Denkendorfer Israel-Hilfe
und das Gespräch zwischen Christen und Juden
Die Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“ im
Bereich der Württembergischen Evangelischen Landeskirche erbittet in diesem
Jahr wieder Ihr Gottesdienst-Opfer am Israelsonntag. Der größere Teil des
eingehenden Betrages ist bestimmt zur Unterstützung sozialer Einrichtungen in
Israel durch die „Denkendorfer Israel-Hilfe“- eine Hilfe, die - weil sie von
Christinnen und Christen in Deutschland kommt - viel mehr bedeutet als nur eine
materielle Unterstützung. Sie wird gerade in schwerer Zeit in Israel verstanden
als Ausdruck des Bemühens, ein neues Verhältnis zwischen Christen und Juden
Wirklichkeit werden zu lassen. Zu den von uns geförderten Einrichtungen gehören
Der andere Teil des Opfers kommt dem Denkendorfer Gespräch
zwischen Christen und Juden zugute. Neben Studientagen und Studienreisen führen
wir im Auftrag der Landeskirche mehrtägige Kurse und Lernwochen mit jüdischen
Lehrern zu biblischen Themen durch. Ihr Opfer trägt zur finanziellen Sicherung
der christlich-jüdischen Begegnungsarbeit bei.
Wir bitten herzlich um Ihren Beitrag!
Römer
11,25-32: Die Sünde führt zum Glauben
Chana Safrai
Nach dem wunderbaren Ölbaumgleichnis (11,17-24) lädt Paulus
seine Hörer ein aus der Erzählung das göttliche Geheimnis zu schöpfen (11,25).
Das Gleichnis ist nicht einfach eine klare Erzählung. Man muss sich mit vollem
Ernst auf es einstellen und in seine Bedeutung vertiefen. Gerade seine
Einfachheit kann bei den Hörern die Annahme bewirken, sie verstünden seine
volle Bedeutung, so dass sie sich von der Wahrheit des Mysteriums, von dem
besonderen darin verborgenen Geheimnis entfernen. Insbesondere könnte es sich
in eine Quelle von Unverständnis anstatt in eine Quelle des Verstehens und
Wissens verwandeln. Das bedeutet, das eröffnende Gleichnis verwandelt sich nur
dem in Kenntnis der Tora, dessen Ohren offen sind zu hören und zu lernen, oder
aber in ein bekanntes Gerücht. Das Lernen jedoch reicht weiter als jeder
vorhandene einfache und vertraute Glaube. Umgekehrt kann ein einfacher
ungebildeter Glaube den Zuhörer zu bitterem Irrtum und abwegiger Klugheit
führen, zu dem Gefühl, der gläubige Christ ersetze den jüdischen Glauben oder
der eine Gläubige sei dem anderen überlegen. Triumphierende Gläubige sind nach
Meinung des Paulus wohl weise in ihren eigenen Augen (11,25), aber nicht weise
nach der Weisung Gottes. Sie sind Menschen mit unverständigem Herzen (11,25).
Paulus bezieht sich hauptsächlich auf zwei Komponenten:
einerseits auf die eng verflochtene, tiefe (bathos 11,33) Beziehung
zwischen Israel und den Völkern der Welt in ihrem Verhältnis zum Glauben,
andererseits auf die eng verflochtene, reiche (ploutos 11,33) Beziehung
zwischen Ungehorsam (apeitheia) und der Barmherzigkeit Gottes (eleesia
11,30). Paulus gründet seine Worte auf Verse aus Jesaja 59,20-21: „Aber für
Zion wird er als Erlöser kommen und für die in Jakob, die sich von der Sünde
abwenden, spricht der HERR. Und dies ist mein Bund mit ihnen, spricht der
HERR.“ Paulus folgert seine ganze Lehre, das ganze Mysterium, das im Gleichnis
enthalten ist, aus diesen Versen.
Bevor wir uns den beiden Themen zuwenden, ist hervorzuheben,
dass die Verse, die Paulus für seine Auslegung ausgewählt hat, im jüdischen
Gebet als Teil des Sabbat- und Festtagsgebets allgemein bekannt sind. Im
jüdischen Gebet schließen sie an den Gedanken der Heiligkeit und der Erwählung
Israels und seiner heiligen Tage an. Es kann nicht bewiesen werden, dass diese
Worte bereits zu Paulus’ Zeit Teil des Gebets waren, aber schon die frühesten
Gebetbücher am Beginn des Mittelalters kennen dieses Gebet als „Uwa le Zion
goel“-Gebet („Und für Zion wird kommen der Erlöser“). Übereinstimmend mit
der jüdischen Tradition fühlt Paulus, dass diese Verse eine wichtige Grundlage
für die besondere Beziehung zwischen Gott und seinen Gläubigen darstellen.
Vielleicht ist in Paulus’ Worten so etwas wie ein Beweis für ihre Bedeutung
schon im ersten Jahrhundert zu sehen, so etwas wie eine Erklärung dafür, warum
gerade diese Verse als Teil des festen Gebets ausgewählt wurden.
Kommen wir nun zum ersten Thema, Israel und die
Messiasgläubigen aus den Völkern. Hier liest Paulus den Vers des Propheten
zweifellos genau. Der Prophet spricht von „Zion“ und „Jakob“. Paulus liest
diese Worte als „Israel“ -, nicht nur „Israel“, sondern „ganz Israel“ (pas Israeel
11,26). So eine Auslegung haben wir im Namen Rabhs, eines Schülers Rabbis,
eines Weisen, der im Land Israel studierte und später ein Anführer der Juden in
Babylonien war (Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin, Folio 91 b): „R.
Jehuda sagte im Namen Rabhs: Wenn jemand einem Schüler eine Halakha vorenthält,
so ist es ebenso, als hätte er ihm das Erbe seiner Väter geraubt, denn es heißt
[5. Mose 33,4]: ein Gesetz verordnete uns Mose, zum Erbbesitze für die
Gemeinde Jaqobs; sie ist seit den sechs Schöpfungstagen ein Erbbesitz für
ganz Jisraél.“ (Goldschmidt, Talmud, Bd. IX, S. 36) Eine andere Auslegung des
selben Gedankens haben wir über die Morphologie des hebräischen Buchstabens Bet
(Pesikta de Raw Kahana, Nispachim A): „So wie der Buchstabe Bet ב [in der Quadratschrift das Quadrat des
Buchstabens von drei Seiten umschließt und nur eine Öffnung in Schreibrichtung
hat wie ein Haus mit einer Tür und auf diese Weise] das Worte Bait [Haus] abbildet, ebenso macht Jakob das ganze Haus
Israels aus, wie es heißt 4. Mose 24,6: ‚Wie lieblich sind deine Zelte,
Jakob!’“ Der hebräische Buchstabe Bet ב umschließt in der Quadratschrift drei Viertel eines Quadrats
und ist nur in Schreibrichtung offen. Sein Name wird auch mit dem ganzen Wort Bait
– Haus bezeichnet. Der Ausleger verbindet die beiden Teile zu einer Predigt. Das
Wort „Jakob“ oder „Haus Jakobs“ verwandelt sich seiner Ansicht nach in das
„ganze Volk Israel“. Es gibt eine Auslegungstradition, die sich sowohl in den
Worten des Paulus als auch in denen der israelitischen Weisen in Israel und
Babylonien widerspiegelt, dass der Ausdruck „Jakob“ ganz Israel meint und dass
deshalb zwischen Gott und Israel ein Bund besteht, der ganz Israel ewig zur
Verfügung stehen soll. Kein Gläubiger kann sich das Ganze nehmen. Das Ganze der
Beziehung gehört allen. Wie wir gleich sehen werden, behauptet Paulus, dass „alle“
Israel und den Rest der Gläubigen miteinander einschließt.
Gehen wir nun weiter zum zweiten Thema. Die traditionelle
christliche Auslegung pflegte über Generationen auf diese und ähnliche Verse
die Substitutionslehre zu gründen: Israel habe gesündigt, darum sei der Bund
von Israel auf andere Gläubige und die Gnade Gottes auf die Christen
übergegangen. Aber Paulus selbst fordert seine Hörer auf sich nicht zu dieser
simplifizierenden Wahrheit verführen zu lassen, sondern zu differenzieren, dass
von einem großen und tiefen Mysterium gesprochen wird. Der Gedanke der
Verwerfung und der Substitution der Bundesgemeinschaft ist kein den heiligen
Schriften fremder Gedanke, aber er wird in der Hebräischen Bibel total
abgelehnt. Dem Anschein nach ist dies ein Vorschlag, den Gott Mose zwei Mal in
der Wüste macht. Das eine Mal nach der Sünde des Goldenen Kalbes (2. Mose
33,10): „Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge;
dafür will ich dich zum großen Volk machen.“ Und ein zweites Mal bei der Sünde
der Kundschafter (4. Mose 14,11-12): „Und der HERR sprach zu Mose: Wie lange
lästert mich dieses Volk? Und wie lange wollen sie nicht an mich glauben trotz
all der Zeichen, die ich unter ihnen getan habe? Ich will sie mit der Pest
schlagen und sie vertilgen und dich zu einem größeren und mächtigeren Volk
machen als dieses.“ Nach diesen beiden Quellen gelingt es Mose den Heiligen,
gepriesen sei er, davon zu überzeugen, dass eine solche Tat alle Welt dazu
veranlassen würde, Gottes Macht und Stärke gering zu schätzen. An Stelle von
Glauben würde die Welt erfüllt von Verachtung gegen Gott. Demnach lässt es die
Wüstenerzählung nicht zu die Worte des Paulus als alttestamentliche
Überlieferung zu lesen. Der Glaube der Völker hängt gerade von der Kontinuität
der Beziehung zwischen dem Heiligen, gepriesen sei er, und Israel ab. Mose
gelingt es Gott zu überzeugen, „da gereute den HERRN das Unheil“ (2. Mose
32,14). Dazu gehört der wichtige Vers bei der Sünde der Kundschafter: „Und der
HERR sprach: Ich habe vergeben, wie du es erbeten hast“ (4. Mose 14,20). Gott
vergibt immer als Teil der hauptsächlichen Verheißung im Bund mit den Vätern.
Der Gedanke der Umkehr und der Versöhnung hängt seinem Wesen
nach ab von der Möglichkeit Gottes Sünden zu vergeben. Gott ist kein Richter
aus Fleisch und Blut, er ist nicht verpflichtet zur Strafe und es liegt in
seinem Vermögen, dass ihn Unheil gereut und dass er Sünden und Sündern vergibt.
Mir scheint, dass Paulus mit seinen Worten eine der grundlegenden Fragen des
Themas zuspitzt: Welches Ziel verfolgt Gott mit der Erschaffung der Sünde? Wo
ist der Gewinn verborgen? Warum hindert Gott den Gläubigen nicht an der Sünde?
Auch auf diese Frage wurden im Verlauf von Generationen viele verschiedene
Antworten gegeben. Wir begnügen uns hier mit einer einzigen. Sie ist verknüpft
mit der Frage nach der Beziehung zwischen Israel und den Völkern. Israel, das
sündigt, aber der Versöhnung würdig ist, stellt für die Völker ein
überzeugendes Modell dar. Der jüdische Ungehorsam macht der Welt die Größe der
Gnade klar, während Gottes Gnade gegenüber den Völkern die Fülle der Majestät
und Gnade Gottes immer wieder Israel klar macht. Diese Wechselbeziehung baut
eine bessere Welt, eine der Stärke und der Gnade des Heiligen, gepriesen sei
er, bewusstere Welt.
Auch diese Frage kehrt in der jüdischen Tradition immer wieder.
Wie zur Auslegung der paulinischen Worte gibt es auch hier zwei gegensätzliche
Standpunkte (Babylonischer Talmud, Traktat Qidduschin, Folio 36a): „Ihr seid
Söhne des Herrn, eures Gottes [5. Mose 14,1], wenn ihr euch wie Söhne
betragt, heißt ihr Söhne, wenn ihr euch nicht wie Söhne betragt, heißt ihr
nicht Söhne – so R. Jehuda. R. Meír sagt, ob so oder so heißt ihr Söhne, denn
es heißt: törichte Söhne sind sie [Jeremia 4,22].“ (Goldschmidt, Talmud,
Band VI, S. 627) Nach Meinung R. Jehudas werden nur Gerechte und Anständige
Söhne des Ewigen genannt. Aber Paulus und R. Meir behaupten jeder auf seine
Weise, dass die Beziehung Gottes zu seinen Gläubigen anders ist als die unter
Menschen üblichen Beziehungen. In Gottes Welt gibt es großes Mysterium. Auch
der Sünder bleibt des göttlichen Bundes teilhaftig. Aus Paulus’ Worten lernen
wir, dass es gerade diese besondere Beziehung ist, die die Fernen nahe bringt.
Nicht die Strafe, sondern die gnädige väterliche Beziehung überzeugt die Sünder
und verbindet alle miteinander unter den Flügeln der Schechina.
Die Frage, vor der ein Ausleger heute steht, lautet also: Wie
können die paulinischen Worte im Geist der alttestamentlichen Botschaft ausgelegt
werden? Es obliegt ihm die Pflicht eine Auslegung zu finden, die sich von der
vorhandenen christlichen Überlieferung, Gott habe Israel verstoßen,
unterscheidet, um ein weiteres Mal das Geheimnis zu enthüllen, das im Gleichnis
verborgen ist – mit Paulus’ Worten: eine Harmonie herzustellen zwischen der
Tatsache, dass Paulus in dem Moment, in dem er von der göttlichen Gnade und dem
ewigen Bund mit Israel redet, Verse und Auslegungsmethoden anwendet, die von
der jüdischen und von der christlichen Tradition übereinstimmend akzeptiert
sind. Und um die Diskussion über Paulus’ Worte zu verwandeln in einen Teil der
Tradition des Glaubens an den Schöpfer der Welt, an den Gnadenbund, an die
Möglichkeit von Heiligkeit und Vergebung, ohne Erniedrigung und Ablehnung noch
zu benötigen. Wahrlich, mir scheint, es gebe in den Worten, die hier
vorgebracht wurden, einen Versuch, auf die Worte, die geschrieben stehen, im
Geist des Gnadenbundes zu antworten.
Literatur:
Goldschmidt, Lazarus, Der Babylonische Talmud, Königstein /
Taunus 3. Auflage 1980.
(Übersetzung: Michael Volkmann)
Predigtmeditation
10. Sonntag nach Trinitatis - Israelsonntag: Röm 11,25-32
Michael Volkmann
1. Annäherung
Mein erster Gedanke: Gott sei Dank gibt es diesen Text im Neuen
Testament. Er ist „das Positivste ..., was Paulus und das Neue Testament über
das jüdisch-christliche Verhältnis auszusagen wußte“ (Krupp 155). Mein zweiter:
Ist der Text wirklich so positiv? Er nennt die Juden Feinde, redet von
Gottlosigkeit, Sünden, Ungehorsam und vor allem von der Verstockung Israels.
Die Ungeheuerlichkeit gerade der letzten Aussage betont wiederum Michael Krupp:
„Dieser Gedanke muß dem Prediger und Hörer derartig zusetzen, daß er sich
darüber nicht beruhigen darf.“ (ebd.) Drittens: Paulus gibt ein Geheimnis
preis. Die Kirche hat es jedoch lange nicht angenommen. Erst in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Judentum für die christliche Theologie
„entdeckt“ (so F.-W. Marquardt in seiner Dissertation über Karl Barths
Israeltheologie), nachdem der Kirchenkampf Römer 9-11 neu ins Bewusstsein
gerückt hatte. Welchen Stellenwert hat das offenbarte Geheimnis in unserer
Theologie heute?
Schließlich gibt es einige weitere Punkte, die mir an diesem
Text wichtig sind:
- der Kontext von Röm 9-11, aber auch der weitere Kontext von
Röm 1 an;
- die emotionale Seite, die Paulus vor allem am Beginn und am
Ende der drei Kapitel (Lobpreisungen 9,5 und 11,33-36) zeigt;
- die strenge und komplizierte Dialektik des Gedankengangs, die
in der Predigt verständlich zu machen ist;
- die paränetische Absicht des Paulus.
In Röm 11,25-32 geht es, kurz gesagt, um die Zukunft der Welt
auf der Ebene der Beziehungen zwischen Israel und den Völkern. Das Ziel ist,
dass Gott sich aller erbarmt (11,32). Gibt es ein wichtigeres Thema?
2. Beobachtungen am Text
Kontext Röm 1-11
11,25 wiederholt eine Wendung aus 1,13 („Ich
will euch aber nicht verschweigen, liebe Brüder, ...“) und gibt den formalen
Hinweis, dass die ersten elf Kapitel des Röm einen zusammenhängenden
Gedankengang auf das zu offenbarende Geheimnis hin bilden. Er kommt mit dem
Hymnus 11,33-36 zum vorläufigen Abschluss. Auch sind das Ziel der geplanten
Reise über Rom (1,13) nach Spanien und das Ziel von 11,25-32 letztlich ein und
dasselbe. Weitere inhaltliche Entsprechungen, auch gegensätzliche, bestätigen
die Zusammengehörigkeit der Kapitel 1-11:
- das Evangelium gilt „den Juden zuerst“ (1,16), von ihnen ist
aber erst jetzt, an letzter Stelle, die Rede;
- „Israel“ (11,25+26) ist der Ehrenbegriff aus 1. Mose
32,29, den Paulus in Röm 9-11 bevorzugt - gegenüber „Juden“ in Röm 1-8;
- 11,32 „Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam“
erinnert an 3,23 „Sie sind allesamt Sünder“. Beide Abschnitte (3,21-31 und
11,30-32) sind in der Terminologie der paulinischen Rechtfertigungslehre
abgefasst.
Kontext Röm 9-11
Eine Predigt über einen Teil von Röm 9-11 sollte den Gesamtzusammenhang
im Blick haben:
- 9,1-3: Paulus empfindet großen Schmerz und Traurigkeit
wegen des jüdischen Nein zum Evangelium, das er nicht ändern kann. Israelsolidarität
ist für ihn eine Sache des Gewissens.
- 9,4-5: Israel ist durch Gottes Gaben bevorzugt. Einige
von ihnen („Israel“, Väter, Verheißungen) werden gleich weiter thematisiert
(9,6ff). V 5b schließt Paulus einen Lobpreis Gottes an, der mit 11,33-36 einen
hymnischen Rahmen um Röm 9-11 bildet.
- 9,6:Gottes Wort ist nicht hinfällig geworden (Vgl.
11,29 „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen“).
- Im Folgenden (9,6-29) wird die Frage „Wer ist Israel?“
entfaltet. Nicht die Kirche, sondern nur die Nachkommen Jakobs sind Israel. Von
ihnen ist ein Teil (Rest 9,27) in der Kirche aus Juden und Heiden Israel, ein
Teil ist außerhalb der Kirche Israel. Diese Differenzierung ist wichtig für das
Verständnis des Ausdrucks „ganz Israel“ 11,26. Keinesfalls sind mit „Israel“
Heidenchristen gemeint. 9,18 führt Paulus unter ausdrücklicher Erwähnung des
Pharao das Stichwort „verstockt“ ein, das er 11,25 wieder aufnimmt. 9,15+16
wird bereits Gottes Erbarmen ins Gespräch gebracht (in 11,31+32 ist das Ziel
Gottes Allerbarmen).
- 9,30-10,21 stehen unter der Leitfrage „Wie ist das
Nein der ‘Übrigen aus Israel’ zu verstehen oder auszulegen?“ (Osten-Sacken 76).
Die Antwort von 10,2: „Sie haben Eifer für Gott, aber ohne Einsicht“. 10,14ff
betonen, dass Israel Gelegenheit hatte, das Evangelium zu hören, aber - wie
Paulus mit Zitaten aus 5. Mose 32,21 und Jesaja 65, 1+2 als von Gott
vorhergesagt belegt - verstehen sie es nicht. „Die Botschaft scheint klar: Das
Nein Israels, der Übrigen, ist in keinem Fall gott-los, ganz im Gegenteil.“
(Osten-Sacken, 77).
- 11,1-10 sind wichtig für Paulus’ Differenzierung
zwischen Verstockung und Verstoßung. Gott hat sein Volk nicht verstoßen (11,2),
sondern - Zitat aus Jesaja 29,10: - „ihnen einen Geist der Betäubung gegeben“.
11,11 macht klar, dass Paulus ein Straucheln, nicht ein Fallen meint, auch wenn
er 11,15 missverständlich von Verwerfung (apobollée) spricht, die
freilich in Annahme verwandelt werden wird.
- 11,10-15: In der weiteren Argumentation sind Israel
und die Völker bzw. Israel und die Kirche eng aufeinander bezogen. 11,11 nimmt
11,30f vorweg. Durch Kal we Chomer (Schluss vom Leichteren aufs
Schwerere) kommt Paulus argumentativ voran (11,12 u.ö.) und gewichtet formal
einander entsprechende Aussagen inhaltlich unterschiedlich (11,15), so dass sie
ein positives, integratives Gefälle erhalten. Israels Zurücksetzung geschieht
um der Rettung der Heiden willen, die wiederum Israel zum Nacheifern reizen
soll.
- 11,16-24: Das Ölbaumgleichnis als der unserer Perikope
unmittelbar vorausgehende Text legt das Gewicht auf die Ermahnung an die
Heidenchristen, sich nicht über Israel (genauer: über einige Zweige V 17) zu
erheben – eine nach wie vor aktuelle Paränese. Paulus hat es vermutlich bei den
Römern mit einem „speziell ‘christlich’ motivierten Antijudaismus“ (Stegemann
137) zu tun, dem er seine Ermahnung zur Solidarität mit ganz Israel
entgegenstellt. „So gesehen ist es nicht unberechtigt, den Römerbrief als das
älteste Zeugnis gegen einen heidenchristlichen, theologischen Antijudaismus zu lesen.“
(Stegemann 137), und zwar bis hin zu der zu selten ernst genommenen Warnung
„Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, wird er dich doch wohl auch
nicht verschonen“ (V 21).
Text Röm 11,25-32
V 25: Paulus nimmt erneut auf, was er
11,11-12.15 bereits angesprochen hat. Mit der Enthüllung des Geheimnisses
verfolgt er den Zweck, heidenchristlichen Selbstruhm zu vermeiden (‘ina-damit
außer hier nur noch zwei Mal in VV 31-32). „Bei sich selbst klug sind
diejenigen, die sich selbst vertrauen und rühmen. ... Das Kriterium wirklicher
Klugheit ist die inspirierte Einsicht in das, was 28-32 entfalten.“ (Käsemann
302). - Die paulinische These von der Verstockung klingt in jüdischen Ohren wie
„Eisschrank-Theologie“ (Krupp 155). Subjekt ist Gott, der Macht ausübt wie ein
Töpfer (9,21), die Formulierung ist hier passivisch, erst in VV 26 (‘éexei-er
wird kommen) und 32 (synékleisen-er hat eingeschlossen) aktiv. Die póoroosis-Verstockung
ist doppelt begrenzt: a) auf einen Teil Israels, b) bis die Vollzahl der Völker
eingegangen ist, und hat den Sinn der Rettung ganz Israels. àchri ‘ou-bis:
Gott schenkt den Völkern Zeit (Christen und Juden III 51).
V 26: „Ganz Israel wird gerettet werden“ ist
der zentrale Inhalt des Geheimnisses, um das es hier geht. Auch hier wird im
Passiv formuliert. Als Subjekt liegt wiederum Gott nahe. Hier trifft Paulus
jüdisches Selbstverständnis (Mischna Sanhedrin XI,1: Ganz Israel hat Anteil an
der kommenden Welt). Ganz Israel ist der „Rest“, Juden, die das Evangelium
angenommen haben und zur Kirche gehören (Paulus nennt 11,2 sich selbst als
Beispiel), plus die „Übrigen“, die das Evangelium nicht angenommen haben. - Als
Schriftbeweis zitiert Paulus Jesaja 59,20 vom Kommen des Erlösers aus Zion
(Urtext: für Zion). Auffällig ist gegenüber der inhaltlich verwandten
Stelle 3,24, dass Paulus hier wie im gesamten Kapitel 11 einschließlich des
Hymnus V 33-36 auf die Nennung des Namens Jesu Christi verzichtet. Der Erlöser
aus Zion kann vom Kontext her nur Gott der Vater sein, den Paulus über ein Dutzend
mal erwähnt. Paulus’ Wortwahl zeigt hier die Sensibilität, die man zuvor bei
der „Verwerfung“ bzw. „Verstockung“ vermisst hat. - Zu beachten ist auch, dass
vom Abwenden der Gottlosigkeit und Wegnehmen der Sünden (V 27)
die Rede ist, nicht von ihrer Anrechnung.
V 27: Das Jesajazitat spricht vom fort
bestehenden Bund Gottes mit Israel. Das gesamte Zitat redet nur davon, dass der
Erlöser für Israel kommen wird, und zwar in der von Israel erwarteten,
da von Jesaja verheißenen Weise. Von einer Vermittlerrolle Christi oder der
Kirche ist hier und sonst auch keine Rede.
V 28 bringt eine der problematischsten
Benennungen Israels: „Feinde“. Das Wort darf nicht aus seinem Kontext gelöst
und absolut gesetzt werden. Paulus spricht hier in Relationen, die erhalten bleiben
müssen, weil sie den Feindesbegriff doppelt einschränken: a) im Blick auf das
Evangelium, b) um euretwillen. Sie sind gerade nicht Feinde der
(Heiden-)Christen, sondern des Evangeliums, und das wenn schon nicht subjektiv,
so doch objektiv gerade im Interesse der Heidenchristen, in einem positiv sich
auswirkenden Akt. Darum ist es unsinnig, Christen zur Haltung der Feindesliebe
anstatt zur Nächstenliebe gegenüber Juden aufzufordern. Juden sind auch nicht
Feinde Gottes. Mehr als diese erste Charakterisierung wiegt die zweite: da Gott
sie erwählt hat und diese Erwählung ihre Gültigkeit behält, sind sie Geliebte
(und zwar Gottes) um der Väter willen. Auf diese Aussage zielt der Satz hin,
was das mén…dè-zwar…aber noch verdeutlicht. Paulus hat 1. Thess. 2,15
endgültig hinter sich gelassen.
V 29: Auch die nun folgende Begründung
verdeutlicht, dass „Geliebte“ der gewichtigere Begriff ist: Gott bleibt sich
selbst und seinem Bund mit Israel (V 27) treu, er widerruft seine Gaben und
Berufungen nicht. Israel, Bund, Väter sind von 9,4f her eingeführte Begriffe.
„Geliebte“ wird hier für Israel neu eingeführt (9,13 für Jakob), sonst redet
Paulus so seine heidenchristlichen Adressaten an (1,7; 12,19).
V 30-31: Noch einmal (nach VV 11, 25f, 28) setzt
Paulus an, das dialektische Aufeinanderbezogensein dessen zu beschreiben, was
mit Israel und den Völkern geschieht, nun in der Begrifflichkeit der
Rechtfertigungslehre (vgl. 3,23). „Der äußerst kunstvolle Chiasmus in 30 f.
begründet nicht das Voraufgegangene ..., sondern weitet es heilsgeschichtlich
aus. ... Alles kommt darauf an, daß der jüdische Ungehorsam das Heil der Heiden
ermöglichte und beides deshalb in schroffer Antithese aufs engste
zusammenrückt.“ (Käsemann 306) Je viermal werden der Ungehorsam und das
Erbarmen genannt, wieder mit dem Gewicht auf dem positiven Begriff, dessen
(hier noch nicht genanntes) Subjekt Gott ist. Durch das ‘óosper…‘óutoos-wie…so
sind Israel und die Völker miteinander verbunden. Das ‘ína-damit gibt
das Ziel des Ganzen an: Gottes Erbarmen über Israel. Das dreimalige nýn-jetzt
gibt zu erkennen, dass der Apostel das Geschehen als unmittelbar bevorstehend
erwartet und dass das áchri ‘ou-bis von V 25 bereits in V 31 eingeholt
ist. Die inneren Glieder des Chiasmus (30b-31a) enthalten einen kausalen
Zirkelschluss, der keinem logisch nachvollziehbaren zeitlichen Ablauf folgt,
sondern gleichzeitig sich zu ereignen scheint.
V 32: Jetzt wird ausdrücklich Gott als Subjekt
des ganzen Geschehens bezeichnet (zum zweiten Mal nach V 26 ‘ryómenos-Erlöser).
Noch einmal wird abschließend vom Ungehorsam und vom Erbarmen gesprochen,
dieses Mal jeweils resümierend verbunden mit tóus pántas-alle.
Das All-Erbarmen (vgl. auch V 36) wird mit einem dritten ‘ìna-damit als
Zielpunkt des indikativischen Teils des Römerbriefes identifiziert.
Paulus schreibt in diesem Prozess Israel und den Völkern selbst
keine aktive Rolle zu (die über das gehorsam Sein hinaus geht). Gott hat die
Macht zum Handeln. Gleichwohl hat sich Paulus selbst eine aktive Rolle
zugeschrieben (11,14; 15,24.28) bei der Erreichung der pléerooma toon
etnoon-Vollzahl der Heiden und der letztendlichen Auflösung des
spannungsreichen Zwischenzustandes, die er nýn-jetzt erwartete. Das nýn-jetzt
dauert nun schon zwei Jahrtausende und wird bis zum Ende dieser Weltzeit
andauern. Bis dahin kommt vor allem der in Kapitel 11 enthaltenen Paränese
(11,18+20: Rühme dich nicht! Sei nicht stolz!) an die Adresse der
Heidenchristen Bedeutung zu.
3. Homiletische Entscheidungen
Nützen Sie die Chance am Israelsonntag das Verhältnis von
Kirche und Volk Israel, wie es sich gegenwärtig darstellt und wie Paulus seine
Zukunft sieht, zu predigen! Beispiele sollten positiv von konkreten Jüdinnen
und Juden handeln, von Begegnungen, die in gegenseitigem Respekt stattfinden,
am besten selbst erlebt. Die Zahl der bei der Israelitischen
Religionsgemeinschaft Württembergs registrierten Mitglieder hat sich in den
vergangenen anderthalb Jahrzehnten verdreifacht (siehe den Text von Barbara
Traub in dieser Handreichung).
Die Predigt soll den Text in seinem Kontext auslegen. Sie kann
seinem Gedankengang folgen oder ihren eigenen Spannungsbogen aufbauen und
durcharbeiten (etwa vom „Geheimnis“- Begriff her, von V 26a „Ganz Israel wird
gerettet werden“ her oder ausgehend von einer aktuellen Begebenheit). Möglich
wäre auch die kontrastierende Rückerinnerung an die umwälzende Erklärung
„Nostra Aetate“ des 2. Vatikanums vor 40 Jahren und an die „israelvergessene“
Barmer Erklärung (Evangelisches Gesangbuch Württemberg S. 1506-1509) vor 70
Jahren – wie war der Wandel möglich? Zwischen beiden lag die für Christen
doppelte Erschütterung durch die Schoa (siehe unter 4. Kontexte den Text von
Joel Berger) und die Staatsgründung Israels.
Deutlich werden soll, dass es im Verhältnis von Christen und
Juden
- um das engste aufeinander bezogen Sein und zugleich die
tiefste Spaltung zwischen zwei Weltreligionen und somit um die Glaubwürdigkeit
der christlichen Botschaft in Israels Gegenwart geht,
- um lebendige Menschen geht, die vielfach bis heute unter den
Folgen der Missachtung dieses Textes leiden und von denen wieder eine wachsende
Anzahl unter uns lebt,
- dass es um die Rettung der Welt geht.
Paulus redet im Text in der 2. Person Plural die Heidenchristen
an. Von Israel und von Gott redet er in der 3. Person. Diese
Kommunikationsstruktur kann die Predigt übernehmen, um damit vor allem auch das
paränetische Anliegen des Apostels aufzunehmen. An die Stelle des Antijudaismus
und der christlichen Israelvergessenheit muss die prinzipielle christliche
Israelsolidarität treten.
Auf der Homepage www.kloster-denkendorf.de/arbeitsgruppe.htm
finden Sie eine ausgearbeitete Predigt zu diesem Text.
4.
Kontexte
Ganz Israel hat Teil an der kommenden Welt.
Mischna
Sanhedrin XI,1
Rabbi Jonatan sagte: Groß ist die Umkehr, denn sie bringt die
Erlösung näher, denn es heißt (Jesaja 59,20): Und es kommt für Zion der
Erlöser, für die in Jakob, die von Vergehen umkehren. Weshalb kommt für
Zion der Erlöser? Weil die in Jakob von Vergehen umkehren.
Babylonischer
Talmud Joma 86b
Das Wissen hebt das Geheimnis nicht auf, sondern vertieft es.
Dass der Andere mir so nahe ist, das ist das größte Geheimnis.
Gottes Liebe zu den Menschen, seine unendliche Nähe zu ihnen,
das ist das Geheimnis Gottes, das er denen bereitet, die ihn lieben.
Zitate
Dietrich Bonhoeffers in Fenstern der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche Tübingen:
Mit meinem täglichen Spazierengehgenossen habe ich einen neuen
Ton anschlagen müssen; trotz aller Bemühungen, sich an mich anzuschmeißen,
entglitt ihm kürzlich eine Bemerkung über das Problem Juden etc., die mich
veranlaßt hat, ihn so ablehnend und kühl zu behandeln, wie ich vielleicht noch
nie jemanden behandelt habe, wie ich auch dafür gesorgt habe, daß ihm prompt die
kleinen Annehmlichkeiten entzogen werden. Nun soll er ruhig eine Weile
herumwimmern, das läßt mich - ich wundere mich selbst, aber es ist mir auch
interessant: - völlig kalt. Er ist wirkliche eine klägliche Figur, aber gewiß
nicht der ‘arme Lazarus’! -
Dietrich
Bonhoeffer: Brief vom 23.1.1944, in: Widerstand und Ergebung, Gütersloh, 12.
Aufl. d. TB 1983, 104.
Man muß Römer 9-11 streichen, wenn man Paulus zum Gegner des
Judentums machen will.
Schalom
Ben-Chorin: Paulus. Der Völkerapostel aus jüdischer Sicht, München 1970, 120.
„Am 19. März vor
sechzig Jahren besetzten deutsche Truppen mein Geburtsland Ungarn. Damit begann
die letzte Stufe der Massenvernichtung – die der beinahe eine Million Juden
Ungarns. Innerhalb der einzigartigen Historie des Holocaust birgt dieses
Kapitel Eigenarten, die sich sonst nirgends ereignet hatten. Die Deportierung
und Vernichtung einer halben Million Juden hatte zwar die deutsche
Reichsregierung initiiert, aber die Durchführung lag allein in den Händen der
ungarischen Regierung. Das ungarische Parlament im Ober- und Unterhaus
beschloß, die rassistischen, antijüdischen Gesetze vom Jahre 1938 anzunehmen,
ohne deutschen Druck. Die königlich-ungarischen Ministerien verordneten die
restlose Beschlagnahme jüdischer Geschäfte und Unternehmen, die Entlassungen
der jüdischen Beamten und Angestellten. Sie zwang Juden, den gelben Stern zu
tragen und ihre Wohnung zu räumen. Die ungarische Gendarmerie führte in jedem
Dorf und in jeder Gemeinde Ghettoisierungen mit beispiellosem Sadismus durch.
Sie stand Gewehr bei Fuß an den Zügen, während die zuvor ausgeraubten Juden
verladen wurden. Die ungarischen Eisenbahnen transportierten zwischen Mai und
Juli 1944 eine halbe Million Menschen zu den Vernichtungsstätten. Es konnte der
königlich-ungarischen Regierung nicht schnell genug gehen, schließlich stand
die Rote Armee schon an den Grenzen des Landes! Die Juden der Hauptstadt, derer
man habhaft werden konnte, wurden im Ghetto und am Donauufer, mitten in der
Hauptstadt, von ungarischen Pfeilkreuzlern ermordet. Nirgendwo hatte Eichmann
aufopferndere Helfer für sein mörderisches Werk als in Ungarn. Es begann heute
vor sechzig Jahren.“
Rabbiner
Joel Berger, Betrachtung zum Wochenabschnitt Wajakhel-Pekude (2. Mose
35,1-40,38), in: Jüdische Allgemeine Nr. 11/2004 vom 18.03.2004, S. 14.
Ich möchte hier eine persönliche Erfahrung einflechten. Als ich
darauf aufmerksam wurde, wie selbstverständlich und gleichmütig wir Christen
uns an Israels Stelle gesetzt haben und uns als Gottes Volk fühlten, hat mich
diese Entdeckung sehr bedrückt. Denn ich fragte mich: Wenn Gott Israel
verstoßen hat, weil es den Glauben verweigerte, wie wird es dann wohl uns
Christen ergehen, wenn wir dasselbe tun? Warum soll Gott ausgerechnet an uns
festhalten, wenn er seine ‘erste Liebe’ aufgegeben hat? Wird er uns nicht
geradeso fahren lassen? Und hätten wir es nicht ebenso und noch viel mehr
verdient als die Juden? Es konnte einem angst werden bei dem Gedanken! Darum
war es eine befreiende Entdeckung für mich, als ich bei Paulus lernte, daß
Gottes Treue größer ist als Israels Nein zu Jesus als dem Christus! Denn
dadurch dürfen wir hoffen und glauben, daß Gottes Treue auch größer ist als
unser, der Christengemeinde Ungehorsam und Unglauben!
Hartmut
Metzger: Vom Sinn der Erwählung (Röm. 11,25-32), in: Israel im christlichen
Gottesdienst. Predigten, Ansprachen, Begegnungen, Veröffentlichungen aus dem
Institut Kirche und Judentum 10, Berlin 1980, 115.
Juden und Christen sind, was ihre ‚urzeitliche’ Herkunft und
ihre endzeitliche Zukunft angeht, eine Religion. Sie sind gegenwärtig,
ihren geschichtlichen Manifestationen nach, zwei Religionen. Die Einheit
am Anfang und am Ende ist Glaubensgegenstand oder Teil des Glaubens, die
Zweiheit ist geschichtliches Faktum und wohl auch geschichtlich nicht
aufhebbar. Ein wesentlicher Teil unserer theologischen, seelsorgerlichen,
pädagogischen Aufgabe wird darin bestehen, dies beides – die geglaubte Einheit
und die geschichtliche Zweiheit beider Religionen – ins rechte Verhältnis
zueinander zu setzen.
Peter
von der Osten-Sacken: Zum gegenwärtigen Stand des jüdisch-christlichen Dialogs
und seinen Perspektiven, in: Rainer Kampling / Michael Weinrich (Hg.), Dabru
emet – redet Wahrheit. Eine jüdische Herausforderung zum Dialog mit den
Christen, Gütersloh 2003, 212.
Literatur
Christen und Juden III. Schritte der Erneuerung im Verhältnis
zum Judentum. Eine Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh
2000.
Käsemann, Ernst: An die Römer, HNT 8a, 3. überarb. Aufl.
Tübingen 1974.
Krupp, Michael: 10. Sonntag nach Trinitatis: Röm 11,25-32, in:
W. Kruse (Hg.), Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur
Perikopenreihe II, Neuhausen [1997].
von der Osten-Sacken, Peter: Kirche und Israel in Römer 9-11.
Leitlinien für das christlich-jüdische Verhältnis, in: Ders., Theologische
Perspektiven im christlich-jüdischen Gespräch, Falkenburger Blätter 25,
Ganderkesee 1999.
Stegemann, Ekkehard: Der Jude Paulus und seine antijüdische
Auslegung, in: Auschwitz - Krise der christlichen Theologie, hrsg. v. Rolf
Rendtorff und Ekkehard Stegemann, Abhandlungen zum christlich-jüdischen Dialog
10, München 1980.
Liturgieentwurf
Michael Volkmann
Vorspiel
1. Lied: EG 293,1+2 Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all
Gruß
Im Namen des einen
Gottes, des Vaters, der Himmel und Erde geschaffen und Israel zu seinem Volk
gemacht hat, und Jesu Christi, Sohn Israels und Erstgeborener aus den Toten,
der uns herbeigeführt hat aus der Fremde, und des Heiligen Geistes, der uns
hilft zu glauben, zu lieben und zu hoffen.
Amen.
(Nach Peter von der Osten-Sacken)
Begrüßung
„Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk das er zum
Erbe erwählt hat.“ Mit dem Wochenspruch aus Psalm 33,12 grüße ich Sie herzlich
am heutigen Israelsonntag. Unser Thema ist das Geheimnis der endzeitlichen Errettung
ganz Israels und der ganzen Welt, das uns Paulus in Römer 11 offenbart.
Psalm
Wir beten im Wechsel einen Psalm Israels: Psalm 121 (EG 749)
Eingangsgebet
Allmächtiger, barmherziger Gott,
du hast dir das Volk Israel zum Eigentum erwählt,
und in ihm Jesus Christus Mensch werden lassen.
Sieh an dein Volk; gib uns mit ihm deinen Frieden
und lass einst alle Menschen dich ehren und loben
als ein heiliges Volk.
Dir sei Ehre in Ewigkeit.
Amen.
(Aus: Israel-Gedenken im evangelischen Gottesdienst, hrsg. vom
Kirchenamt der EKD und vom Lutherischen Kirchenamt der VELKD, Hannover 1993, S.
51):
Stilles Gebet und Votum
Schriftlesung
Jesaja 44,1-5
Wochenlied
EG 290,1-7 Nun danket Gott, erhebt und preiset
Predigt
Römer 11,25-32
Lied nach der Predigt
EG 502,1-5 Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit
Fürbitten
Herr, unser Gott und Gott Israels,
wir bitten dich an diesem Tag besonders für dein erwähltes und
geliebtes Volk.
Gib, dass Juden überall auf der Welt in Frieden leben können.
Wehre allem Judenhass und allen tätlichen Angriffen gegen Juden
und jüdisches Gut.
Erfülle die Menschheit mit Dankbarkeit und Respekt gegenüber
den Juden.
Schenke allen Menschen die Erkenntnis,
dass dein Heil und dein Segen durch dieses Volk allen Völkern
zu Gute kommen sollen.
Wir bitten dich:
Lass dein Volk leben und wachsen im Land deiner Verheißung.
Schenke ihm, dass es in Frieden mit seinen palästinensischen
Nachbarn leben kann.
Bringe denen, die auf beiden Seiten ihr Vertrauen in Gewalt
setzen, zur Einsicht,
dass nur ein Kompromiss und eine Teilung des Landes zwischen
den beiden Völkern
Leben für beide ermöglicht.
Wecke in den Todesfanatikern wieder die Liebe zum Leben.
Segne alle Menschen, die sich um Frieden mühen.
Bewahre uns vor Hartherzigkeit und Verurteilungen
und erhalte in uns die Fähigkeit, mit den Leidenden
mitzufühlen.
Wir bitten dich:
Fördere die Eingliederung der jüdischen Einwanderer in unsere
Gesellschaft
und in die jüdischen Gemeinden hier zu Lande.
Lass sie bei uns Sicherheit und Gleichberechtigung finden.
Verleihe uns Sensibilität und Respekt im Umgang mit ihnen.
Erwecke und stärke die Liebe zu deinen heiligen Weisungen in
deinem Volk,
dass es überall als Licht der Völker wahrgenommen wird.
Schenke uns allen, Christen und Juden, ein offenes Ohr für dein
Wort
und lass daraus das Tun deines Willens erwachsen
zum Segen für die Menschheit.
Amen.
Schlusslied
EG 564,1-3 Segne uns, o Herr
Bekanntgaben
Segensbitte
Ose Schalom Bimromaw (Liedblatt)
Aaronitischer Segen und dreifaches Amen
Nachspiel
Empfehlungen
der Lutherischen Europäischen Kommission Kirche und Judentum (LEKKJ) zur
Liturgie
Pfarrer Johannes Gruner, Böblingen, Vorsitzender der LEKKJ
Die Lutherische Europäische Kommission für Kirche und Judentum
(LEKKJ) hat auf ihrer Jahrestagung im Mai 2003 die in ihr vertretenen Kirchen
und Organisationen aufgerufen, bei zukünftigen liturgischen Formulierungen für
ihre Kirchen den Aspekt der Verbundenheit des Christentums mit dem Judentum mit
zu bedenken.
Die LEKKJ ist ein Zusammenschluss fast aller europäischer lutherischer
Kirchen (zzt. 18 Mitglieder, wobei aus Deutschland die Vereinigte
Evangelische Lutherische Kirche in Deutschland (VELKD), das Deutsche
Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB) und der Zentralverein
für Begegnung von Christen und Juden als Mitglieder vertreten sind). Die
LEKKJ hat nach ihrer Satzung “die Aufgabe, Studien, Erfahrungs‑ und
Informations‑Austausch, gegenseitige Beratung und gemeinsame Projekte auf
dem Gebiet der Beziehung zwischen Christen und Juden zu betreiben und zu fördern.“
Dabei steht im Vordergrund, die unterschiedlichen Traditionen und Erfahrungen
der einzelnen lutherischen Kirchen miteinander ins Gespräch zu bringen, sich
gegenseitig zu informieren und von den Erfahrungen der anderen zu lernen. Die
unterschiedlichen Traditionen, die sich z.B. auf Grund der langen Geschichte
von Kirche im Sozialismus oder aus den Erfahrungen als Unterstützerin
judenchristlicher Gemeinden in und außerhalb Israels ergeben, müssen in langen
Gesprächen verstanden und in Worte gefasst werden. Ziel ist es, Prozesse in den
einzelnen Kirchen und Organisationen zu initiieren, die der Verständigung von
Christen und Juden auf allen Ebenen (politisch, gesellschaftlich und nicht
zuletzt theologisch) dienen.
Die Verlautbarungen der LEKKJ werden oftmals in den einzelnen
Kirchen und Organisationen wiederum kontrovers diskutiert, was auch
beabsichtigt ist, da nur über ein intensives Gespräch ein Gedankenfortschritt
erzielt werden kann. Die beiden letzten größeren Verlautbarungen der LEKKJ
waren 1990 die Erklärung von Driebergen/Holland „zur Begegnung
zwischen lutherischen Christen und Juden“, sowie
1999 die Erklärung von Järvenpää/Finnland zum Begriff der Judenmission bzw. zum
Dialog im christlich-jüdischen Gespräch.
Für einen Teil der Kirchen enthalten die Erklärungen der LEKKJ
schon längst Gedachtes oder gar Verwirklichtes, während es in anderen Kirchen
als Initial angesehen wird, diese Inhalte zu diskutieren und zu verwirklichen.
Ziel der Arbeit ist, einen Gleichstand bzw. dasselbe Niveau in allen lutherischen
Kirchen Europas zu erreichen, was das Verhältnis der lutherischen Kirchen und
der lutherischen Theologie zum Judentum anbelangt. Dies ist wohl immer noch ein
langer Weg, da die spezifische Geschichte der einzelnen Kirchen immer eine mit
zu beachtende Rolle spielt. Aber schon allein miteinander im Gespräch zu
bleiben und ein gemeinsames Ziel zu haben, lohnt den manchmal lang
erscheinenden Weg.
Zu den „Empfehlungen zur Liturgie“ der LEKKJ ist darum zu
bemerken:
Viele der in den „Empfehlungen“ angesprochenen Punkte werden in
Deutschland nicht zum ersten Mal gehört und gefordert. Ob sie deshalb aber
schon in den liturgischen Kommissionen selbstverständlich sind, dürfte
angesichts der Diskussion um die „Erneuerte Agende“ der VELKD und der EKU fraglich
sein. Nicht zuletzt deshalb erschien im vergangenen Jahr das Buch „Der
Gottesdienst im christlich-jüdischen Dialog“ (hrsg. von Alexander Deeg,
Gütersloh 2003)
Vor allem aber zu Punkt 6 besteht vermutlich Erklärungsbedarf.
Lange Zeit bestand in den lutherischen Kirchen – auch in Deutschland – die
Tradition, dass in einem Nachmittagsgottesdienst am 10. Sonntag nach Trinitatis
der Bericht des Josephus von der Zerstörung Jerusalems und seines Tempels in
einer Bearbeitung von Johannes Bugenhagen (1485 – 1558) verlesen wurde. Diese
Bearbeitung Bugenhagens gipfelt in seinem Schlusswort drohend: Am schrecklichen
jüdischen Schicksal, der Zerstörung des Tempels und der darauf folgenden
Deportation der Juden durch die Römer, soll sich das Christentum vor Augen halten,
wie es ihm ergehen wird, wenn es sich dem Heilsweg Gottes in Christus
verschließt. Hier wird also nicht mit Jerusalem geweint, sondern es wird als
Negativfolie benutzt, um den Christen ein warnendes Beispiel zu geben.
Die „Improperien“ sind ein in der Karfreitagsliturgie in den
lutherischen Kirchen Deutschlands auch noch lange verwendeter Abschnitt, in dem
Gott „sein Volk“ anklagt, weshalb es Jesus ans Kreuz schlägt („So spricht der
Herr: Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beleidigt?
Antworte mir!“ Es folgen dann Elemente aus der Heilsgeschichte Israels). Der
Wortlaut des Textes lässt in der Schwebe, wer mit „sein Volk“ gemeint ist, die
Juden oder die Christen. Bei der einen Version wären die Juden am Tod Jesu
schuld, bei der zweiten Version wäre die Erwählung Israels an die Kirche
übergegangen. Beides wäre also judenfeindlich.
Wichtig erscheint der LEKKJ, dass auch in Ausbildung und
Fortbildung die Ergebnisse des christlich-jüdischen Dialogs berücksichtigt
werden. Ein möglichst breiter Kreis von Verantwortlichen in der Kirche, haupt-
und ehrenamtlich, soll die Ergebnisse des christlich-jüdischen Gesprächs
wahrnehmen und bedenken. Darum sollen auch hier die „Empfehlungen“ abgedruckt
werden.
I.
Die LEKKJ hat sich auf ihren Jahrestagungen in den Jahren
2001-2003 mit neueren liturgischen Texten, besonders mit Gebeten, beschäftigt,
die das Verhältnis Kirche und Judentum thematisieren. Dabei stellte sie
Unklarheiten, Missverständnisse, alte und neue Antijudaismen fest. Das zeigt,
wie notwendig es ist, dass Liturgie und liturgische Texte mit eben derselben
Sorgfalt bedacht werden wie andere Dokumente unserer Kirchen zum Judentum.
Darum sollten folgende Überlegungen berücksichtigt werden:
II.
Wir bitten die Kirchen:
Graz / Österreich, den 10. Mai 2003
Diese Empfehlung wurde von den Delegierten der Jahrestagung
2003 einstimmig angenommen.
Zur
Entwicklung der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs im Horizont
der Zuwanderung der jüdischen Emigranten aus der Gemeinschaft Unabhängiger
Staaten (GUS)
Auszüge aus einem Beitrag im „Denkendorfer Denkzettel“ Nr. 3:
Barbara Traub M. A.,
Sprecherin des
Vorstandes der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs
[…] Vor 1933 umfasste die jüdische Gemeinschaft 600 000 Juden
in Deutschland. 250 000 gelang es, durch rechtzeitige Emigration das Leben zu
retten. Der Rest wurde in den Konzentrationslagern ermordet oder starb an den
Folgen des nationalsozialistischen Terrors.
Die Wiedergründung jüdischer Gemeinden nach der Shoa in Deutschland
stellt ein schwieriges und in der jüdischen Welt außerhalb der BRD über viele
Jahrzehnte sehr umstrittenes Faktum dar. […] 1991 erfolgte der Beschluss
betreffend die Einwanderung jüdischer Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion
zwischen der Bundesregierung, den Ministerpräsidenten der Länder, der Regierung
der ehemaligen Sowjetunion und dem Zentralrat der Juden in Deutschland. Dieser
Beschluss ermöglicht Juden aus der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) bis
zum heutigen Tag die Einreise und den Aufenthalt in der BRD mit dem Status als
so genannte Kontingentflüchtlinge. […] Die jüdischen Gemeinden in Deutschland
sehen es als ihre Aufgabe an die jüdischen Zuwanderer aus der GUS möglichst
rasch in die jüdische Gemeinschaft zu integrieren, zugleich aber auch bei ihrer
Vernetzung in die deutsche Umgebung behilflich zu sein. Die
Integrationsleistung der jüdischen Gemeinden ist daher eine doppelte. Zum einen
war es ja das erklärte Ziel des Beschlusses der jüdischen Zuwanderung, die
jüdischen Gemeinden in Deutschland zu stärken. Zum anderen kann dieses Ziel nur
erreicht werden, wenn die jüdischen Emigranten Deutschland als ihren ständigen
Aufenthaltsort akzeptieren. Daher bedeutet Integration nicht nur die religiöse,
kulturelle und soziale Eingliederung in die jeweilige jüdische Gemeinde,
sondern auch die berufliche und gesellschaftliche Eingliederung in die BRD. […]
Bis zum Beginn der
Zuwanderung der jüdischen Emigranten aus der GUS betrug die Mitgliederzahl
viele Jahre zwischen 800 und 900. Die meisten davon lebten in Stuttgart. In
Stuttgart befindet sich auch die einzige Gemeinde, die nach der Shoa wieder
gegründet wurde. Diese umfasste alle wichtigen Elemente, die für das Leben
einer jüdische Gemeinde notwendig sind. Synagoge, koscheres Restaurant,
Kindergarten, Mikwe, Gemeindezentrum, Religionsunterricht für Schüler und
Erwachsene. Von 1991 beginnend bis zum heutigen Tag ist die jüdische Gemeinde
in Württemberg auf 2750 Mitglieder angewachsen. Dies erforderte eine
Erweiterung der Aufgabenfelder auf allen Gebieten.
Im religiösen Bereich bedeutet Integration die Heranführung an
die religiösen Sitten und Gebräuche, das Verstehen und Erlernen der wichtigsten
Gebete sowie Hilfestellung bei der Teilnahme an den G“ttesdiensten und den
Feiertagsgebräuchen. Hilfestellung heißt zum einen die Übersetzung und
Bereitstellung der religiösen Texte in russischer Sprache, zum anderen aber
auch die entsprechenden Lehrangebote zur Erlernung der hebräischen Sprache für
die Erwachsenen. Gleichzeitig werden Lehrangebote und Kurse organisiert, die
das Wissen von jüdischer Tradition auf religiöser und kultureller Ebene
vergrößern sollen. […]
Die Vergrößerung der Zahl der Gemeindemitglieder, vor allem
aber auch deren Aufteilung auf die einzelnen Stadt- und Landkreise in
Württemberg aufgrund des Flüchtlings-Aufnahme-Gesetzes (FlüAG), welches 1998 in
Kraft trat, machten die Eröffnung von Zweigstellen erforderlich. Zuvor wurden
die jüdischen Zuwanderer in der Nähe der bestehenden jüdischen Gemeinde
angesiedelt. Die Einführung des FlüAGs, welches die Aufnahme und Unterbringung
der Zuwanderer regelt, bedeutet eine enorme Erschwernis der Integrationsarbeit
für die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs. Da die Zuwanderer
dezentral auf ganz Württemberg verteilt
werden, müssen die Angebote und Dienste der IRG mobil in die einzelnen
Wohnheime gebracht werden. Lehrer, Sozialarbeiter, Vorstand und Repräsentanz
sowie Integrationsassistenten sind regelmäßig unterwegs, um die Neuankömmlinge
und neuen Mitglieder zu erreichen. Dennoch fehlt es an jüdischer Infrastruktur,
um die neuen Mitglieder auch nur einigermaßen ausreichend zu versorgen.
Gespräche mit dem Innenministerium geben Hoffnung, dass trotz der Beibehaltung
des FlüAG Erleichterungen im Hinblick auf die gemeindenahe Unterbringung der
jüdischen Zuwanderer in Zukunft getroffen werden. Der Aufbau von Zweigstellen
soll die Kommunikation, das Gemeinschaftsgefühl, Hilfestellung bei der
Religionsausübung und die Erreichbarkeit der neuen Mitglieder verbessern. Die
erste Zweigstelle befindet sich in Ulm. Sie wurde am 5. Mai 2002 eröffnet. In
Reutlingen wurde im September 2003 eine weitere Zweigstelle eröffnet. Ebenso
wurde mittlerweile ein Zentrum in Hechingen aufgebaut. In Heilbronn ist der
Aufbau einer weiteren Zweigstelle in Planung. Jede dieser Zweigstellen hat ihre
eigene Struktur und Organisation. […]
Wir stehen heute in einer Umbruchphase in den jüdischen
Gemeinden und als Juden in Deutschland. Ob und wie dieses Miteinander sich in
der Zukunft gestalten wird, wird zum einen von der Bereitschaft der BRD
abhängen, die Verantwortung aus der Geschichte zu tragen und alle Anstrengungen
zu fördern, damit der Integrationsprozess in den Gemeinden zu einer Stärkung
der Identität, das heißt als Jude zu leben, zu denken und zu handeln, führt. Zum
anderen wird es davon abhängen, wie umfassend jüdische Gemeinden ihre
Integrationsaufgabe und die zusätzlich übernommene Aufgabe der
gesamtgesellschaftlichen Integration zu leisten vermögen.