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Kloster und Dorf Von Hermann Bitterle Denkendorf wird Klosterort
Als der alte Ortspfarrer um 1160 gestorben war, übernahmen die Mönche den
Pfarrdienst in Denkendorf, und so kamen Klosterinsassen und Ortsbevölkerung
einander zwangsläufig näher. Eine neue Situation ergab sich, als Berthold
gestorben war. Sein Todesjahr kennen wir sowenig wie sein Geburtsjahr. Mit ihm
starb das Geschlecht der Denkendorfer Edelherren aus, die im Herrenhof jenseits
der Körsch (später Maierhof) gewohnt hatten. Man darf annehmen, dass der
steinerne Bau der Pelagiuskirche, deren Turm noch heute auf uns herunterblickt,
von Bertholds Großvater errichtet worden ist. Worin bestand die neue Situation Der neue Grundherr, der Eigentümer aller Bauernlehen, war jetzt das Kloster.
Bisher waren die Mönche den Dorfbewohnern im Gottesdienst gegenübergestanden,
hatten ihre Ehen geschlossen, ihre Kinder getauft, ihre Toten begraben und bei
Hausbesuchen mit geistlichem Zuspruch geholfen. Waren die Dörfler bis dahin
ihre Pfarrkinder gewesen, so wurden sie nach Bertholds Tod auch ihre Knechte.
Das Kloster war Herr über alles bebaute und unbebaute Land der ganzen Markung.
Vom Propst und den Mönchen mussten die Bauern Haus und Hof und Güter sich
verleihen lassen. Sie selbst waren nur die Nutzungsberechtigten, solange sie
lebten. Ihre Lehen waren so genannte Fall-Lehen. Beim Tode des Lehensmannes fiel
ihr Lehen heim an den Grundherrn. Es konnte von einem erwachsenen Sohn von neuem
erbeten werden, aber der Grundherr hatte freie Hand bei der Wiederverleihung. An
die Stelle der adeligen Grundherrschaft war die Klostergrundherrschaft getreten.
An den Besitz- und Rechtsverhältnissen hatte sich nichts geändert. Grob
gesprochen war jene Zeit ein Zeitalter der Herren und Knechte. Dennoch wurde die
Klosterherrschaft von den Untertanen im allgemeinen anders beurteilt als die
Adelsgrundherrschaft. Im Volksmund ging die Redensart „Unterm Krummstab ist
gut leben." Der Krummstab war der gebogene Hirtenstab, den der Bischof, der
Abt, der Propst bei feierlichen Anlässen als Zeichen seiner Würde in der
Rechten trug. Die Pelagiuskirche wird abgetragen.
Ob der Bau der Klosterkirche 30 oder 50 Jahre gedauert hat, weiß niemand zu sagen. Für die Leute aus dem Dorf waren es nicht weniger arbeitsreiche Jahre als für die Mönche. Nach zuverlässigen Berichten war der Arbeitseifer bei den Kirchenbauten des Mittelalters groß und anhaltend, man verstand sein Tun als gottgefälliges Werk. Alle Hände wurden gebraucht. Die Bauhandwerker waren Fremde, die Handlanger Einheimische. Die Steine aus den hiesigen Steinbrüchen gefielen den Mönchen nicht. Wo sie
die großen, hellen Stubensandsteine brechen ließen, ist eine Frage an die
geologischen Fachgelehrten. Die Überlieferung ist stumm, und die Geologen haben
noch nichts entschieden. Fester, widerstandsfähiger Stubensandstein kommt
hierzulande nicht häufig vor. Aus großer Entfernung können die Steine aber
nicht herangeschafft worden sein. Bedenkt man die Wegeverhältnisse, die
einfachen Bauernfuhrwerke und den Zustand der Zugtiere, so muss jeder einzelne
stattliche Quader eine volle Fuhr gewesen sein. Unzählige mühsame Fuhren waren
nötig. Die Arbeit der Einheimischen wurden in der Fron ausgeführt: die Leute
wurden zur Arbeit verpflichtet, aber der Handlanger wurde für seine Handfronen
und der Fuhrmann für seine Spannfronen bezahlt, meist in Naturalien.
Jahrzehntelang gab es für die Denkendorfer zusätzlichen Verdienst, und der war
zu allen Zeiten willkommen. Dorf und Herrschaft vor Gericht Wir müssen einen großen Zeitraum überspringen, weil er leer ist von
urkundlichen Nachrichten, aber durchaus nicht leer an bedeutsamen Vorgängen in
der geschichtlichen Entwicklung. Wir finden uns wieder in einer veränderten
Welt. Seit der Stauferzeit gibt es Städte, in unserer Gegend die Stadt
Esslingen. Sie ist ein Machtmittelpunkt des Königs mit einem königlichen
Schultheißen an der Spitze und mit dem Sitz eines Hohen Gerichts. Vor diesem
Gericht streiten sich 1420, 1422, 1427 und 1430 die Klostergrundherrschaft und
das Dorfgericht um gegenseitige Rechte und Pflichten. Das Kloster bezieht sich
1420 wegen der ihm schuldigen Pflichten des Dorfgerichts auf einen
Majestätsbrief König Ruprechts (1399-1410). Zu Zeiten dieses Königs war das
Dorfgericht eine fest bestehende Einrichtung. Wann aber die Dorfleute von der
einstigen „familia" der Klostergrundherrschaft sich gelöst haben und zu
einer selbständigen Dorfgenossenschaft mit eigenen Recht und Pflichten,
vertreten vom Dorfgericht, geworden sind, lässt sich bis heute nicht sagen. Die
Zahl der Richten betrug 12. Aus ihren Reihen erwählte der Propst den Amann, der
als Vorsitzender des Gerichts die Richter befragte. Als Zeichen seiner Würde
führte er den Gerichtsstab. Schied einer der Richter aus dem Dorfgericht aus,
so wählte dieses einen Ersatzmann, der aber vom Propst bestätigt werden
musste. Die Wahl erfolgte stets auf Lebenszeit. Vom Fall-Leben zum Erblehen Bis die allgemeinen Zustände bei den hart schaffenden Untertanen wieder um
einen Schritt vorankommen in der Erleichterung ihres Daseins, vergehen lange
Zeiträume. Aus der Zeit gegen 1500 sind ein Reihe Denkendorfer Lehensbriefe
vorhanden, die eine bedeutsam Neuerung aufzeigen. Die bisherigen Fallgüter
werden nacheinander in Erbgüter umgewandelt. Eigentümer der Bauerngüter
bleibt nach wie vor das Kloster. Der Bauer wird aber nun ein erblicher Besitzer,
d.h., er sitz fest auf seinem Lehensgut und kann nur in Ausnahmefällen
verdrängt werden. Wie bisher zahlt er von dem Ertrag seinen jährlichen
Grundzins, im allgemeinen ein Viertel des Ernteertrags, an die Grundherrschaft,
von manchen Grundstücken sogar ein Drittel. Er kann sein Nutzungsrecht auch
verkaufen oder vertauschen oder beleihen. Doch muss für jede
Besitzveränderung, auch für den erblichen Besitz, "Handlohn und Weglösin"
(meist 5 % des Wertes) an den Lehnsherrn bezahlt werden. Aufrührer in Denkendorf Schon vor der Reformation war das Kloster seinem Schirmherrn, dem Herzog von Württemberg, sehr verpflichtet. Das Kloster musste ihn und sein Gefolge samt Dienerschaft und Pferden, wenn er zur Jagd in die hiesige Gegend geritten kam, beherbergen und verpflegen. Dafür war das Kloster von den allgemeinen Steuerlasten frei. Die Klosteruntertanen aber wurden als Treiber und Fuhrleute zu den Jagden herangezogen. Diese Jagdfronen waren im Leben der Dorfbewohner eine kräfteverzehrende Abwechselung bei kärglicher Entlohnung. Als der junge Herzog Ulrich durch seine unglaubliche Verschwendung eine
große Schuldenlast angesammelt hatte, sollte das Land ihm heraushelfen. Bei der
Verteilung der Lasten traf das Klosteramt Denkendorf eine künftige
Jahreszahlung von 100 Gulden. Die Hälfte sollte das Kloster, die andere Hälfte
dessen Untertanen aufbringen. Denkendorf als der größte der 3 Klosterorte
musste jedes Jahr 25 Gilden zur Tilgung der herzoglichen Schulden von seinen
Bürgern eintreiben. Für den einzelnen Haushalt bedeutete das etwa 1-2
Tagelöhne. Bald rumorte es unter den Bauern, am meisten in den
Weingärtnerdörfern des Remstales. Wie viele Denkendorfer sich 1514 bewaffnet
zum Cappelberg bei Beutelsbach aufgemacht haben, um sich dem bäuerlichen
Heerhaufen anzuschließen., wissen wir nicht. Auch darüber ist nichts bekannt,
ob sie im Auftrag der Denkendorfer Dorfgenossen gehandelt haben oder als
Einzelne. Ihr Glück war, dass das Strafgericht sich in die Klänge zog, und sie
erst nach einem Jahr ihr Urteil bekamen. Das gesamte Dorfgericht musste sich
nach Stuttgart begeben und eine scharfe Strafpredigt entgegennehmen. Den "Hauptsächern"
aber wurde das Tragen von Waffen solange verboten, bis sie dieses Recht vom
Propst wieder "bittlich erlangen". Die ländliche Bevölkerung blieb
weiterhin darauf beschränkt, Gehorsam zu leisten, ohne gehört zu werden, blieb
also gänzlich ohne Einfluss auf politische Entscheidungen, ein Spielball der
Mächtigen. Das Kloster wird aufgehoben – die Klostergrundherrschaft bleibt
Der ganze Besitz der vormaligen Klostergrundherrschaft blieb beisammen. Der
neue Grundherr und auch der Leibherr war nun der württembergische Herzog. Der
evangelische Propst (1560 war der letzte katholische Propst gestorben) und der
Klosterverwalter wurden vom Herzog ernannt, sie waren herzogliche Beamte. Das
Beispiel des Pfarrhauses zeigt, dass der Herzog nicht nur Besitzrechte vom
Kloster übernommne hat, sondern auch Pflichten. Nachfolger in diesen Rechten
und Pflichten ist seit 1918 der Staat, der sich denn auch bis zum heutigen Tages
alle Entscheidungen bei baulichen Veränderungen am Pfarrhaus wie am
Kirchengebäude vorbehalten hat und die alten Beziehungen zwischen Dorf und
Kloster immer wieder sichtbar werden lässt. Veränderungen im wirtschaftlichen Leben des Dorfes Im Jahre 1583 wurde aus Gründen der Sparsamkeit die kleine Klosterschule in Denkendorf aufgehoben und die 14 Schüler in eine andere Klosterschule verlegt. Tiefgreifender war die Aufhebung der klostereigenen Gutswirtschaft. Im Viehhof am Fuße des Klosterberges zogen 2 Klostermaier ein, man teilte den Viehhof in 2 Maierhöfe mit je etwa 50 Morgen Ackerland. Alle übrigen Äcker, Wiesen, Gärten und Weinberge wurden an die Dorfbewohner verliefen. An die Trockenlegung des großen Fischteichs erinnern heute noch die Flurnamen der Seebettlen und der Bettlesäcker. Nur die Wälder blieben bei der Klosterverwaltung. Gewiss waren die klostereigenen Grundstücke, die wohl auch in gutem Zustand waren, damals sehr begehrt. Die Markung reichte wegen der zunehmenden zahl der Einwohner nicht mehr aus, um alle Familien auskömmlich zu versorgen. Die landesgesetzliche Realteilung sprach den nachgelassenen Kindern gleiche Erbteile zu, zerstückelte die Güter und brachte die kleinbäuerliche und zwergbäuerliche Landwirtschaft hervor, die zu einem Nebenerwerb zwang. Der häufigste Nebenberuf war in Denkendorf die Leineweberei. Denkendorf wurde immer mehr ein Handwerkerdorf. Als 1713 die Hirsauer Klosterschule nach Denkendorf verlegt wurde, bedeutet dies eine Förderung des handwerklichen Lebens. Von da an lesen wir in den Tauf- und Sterberegistern nicht mehr nur vom Klostermaier, sondern auch vom Klostermetzger, Klosterschmied, Klostermaurer usw. Die Klosterschüler waren werktags für die Dorfbewohner kaum zu sehen. In den sonntäglichen Gottesdiensten aber wurde die Gemeinde durch Gesang und Instrumentalmusik, der Schüler erfreut, als Vorleser traten die Alumnen (so war ihre amtliche Bezeichnung) in den Abendgottesdiensten auf. Propst und Präzeptoren wechselten sich ab als Prediger. Von den Leuten im
Dorf wurden der Propst und die beiden Klosterpräzeptoren, auch die Speismeister
und der Hausschneider oft als Geldgeber aufgesucht, wenn sie durch Misswachs
oder Unglück im Stall in Not geraten waren. Von der religiösen Bewegung der Zeit ergriffen Als der berühmte Johann Albrecht Bengel (in Denkendorf 1713-1741)
verabschiedet wurde, überreichte die Gemeinde Denkendorf als Zeichen der
Dankbarkeit dem langjährigen Prediger und verehrten Wohltäter ein Geldgeschenk
mit ausführlicher Widmung. Zwei Jahre vor seinem Weggang war in der Pfarrgasse
der Pfarrer Joh. Christoph Glöckler eingezogen, ein ehemaliger Schüler
Bengels. Pfr. Glöckler richtete in Denkendorf die erste Privatversammlung ein,
die als „Stunde" bis auf den heutigen Tag weiterlebt. Der Ort der
pietistischen Erbauungsstunden war teils das Pfarrhaus in der Pfarrgasse, teils
kam man in diesem und jenem Bauernhause zusammen. Die Klosterschule wird verlegt Durch Napoleons Machtspruch war das württembergische Königreich doppelt so
groß geworden wie vorher. Die noch bestehenden Klöster wurden aufgehoben.
König Friedrich bestimmte das geraume Kloster Schöntal an der Jagst als den
künftigen Ort der bisherigen Denkendorfer Klosterschule. 1810 erfolgte der
Umzug. Die Wiederverwendung der Klostergebäude als Zuckerfabrik, In der Propsteiwohnung über der Vorhalle der Klosterkirche wohnte noch eine
Zeitlang der damalige Pfarrverweser. Nach ihrem Abbruch wurde dem neuen Pfarrer
das 1804 erbaute Oberamtsgebäude als Pfarrhaus zugewiesen. Das Pfarrhaus im
Pfarrgäßle wurde verkauft. Einen entscheidenden Schritt tat der
württembergische Staat 1841 mit dem Verkauf aller ehemaligen Gebäude und
Grundstücke der einstigen Klostergutswirtschaft. Im Klosterhof wurde der Fruchtkasten, im Maierhof wurden die Wohnhäuser, Ställe und Scheuern verkauft.
Außer den Klosterwäldern gingen alle Grundstücke in bäuerlichen Besitz
über. Nur die Flurnamen Klosteracker, Stuck- oder Klosterstuckacker erinnern
noch an die Bewirtschaftung durch das Kloster. Der Maierhof und der Klosterhof
sind Ortsteile der Gemeinde geworden. Die Klosterkirche und das Pfarrhaus sind
Eigentum des Staates geblieben. Die Neuzeit
Die einstige Fernstraße mitten durch Denkendorf verlor ihre Bedeutung durch den Bau der Eisenbahn, die alsbald den Güterverkehr übernahm. Der Fabrikant Friedrich Kauffmann im Kloster war jetzt die treibende Kraft. Nicht umsonst bekam die neue Straße, die 1869 gebaut wurde und die Schäfersteige umging, den Namen Friedrichstraße. Sie war eine richtige Umgehungsstraße und führte um das Dorf herum, erst beim „Bären" kam sie in den Ort herein. Zwischen 1870 und 1900 verwandelte sich Denkendorf in ein Maurerdorf. Der Bau von Fabriken in Esslingen und Stuttgart und damit zusammenhängend der Bau neuer Wohnviertel erzeugten großen Bedarf an Bauhandwerkern. Weil diese damals lange Winterpausen durchstehen mussten, bedurften sie einer Ergänzung ihres Verdienstes. Diesen Rückhalt hatten die Kleinstbauern in der weiteren Umgebung von Esslingen und Stuttgart an ihren kleinen Landwirtschaften. In diesem Zeitraum entstanden nach und nach die Häuser an der Friedrichstraße, diese typischen Häuser der Arbeiterbauern: Einfamilienhäuser mit Stall und Scheuer, einem Garten hinter dem Haus und der unentbehrlichen Dunglege neben dem Haus. In der Furtstraße markiert die „Germania" die Fortsetzung des Dorfes. Sie entstand nach 1870 und bekam wie an vielen anderen Orten unter dem Einfluss der nationalen Hochstimmung diesen neuartigen Namen. Vom Kloster gingen auch in der Neuzeit kulturelle Einflüsse aus. Schon 1841 war er der Fabrikant Friedrich Kauffmann, der den „Liederkranz" ins Leben rief und die Gesangskultur von Esslingen nach Denkendorf weitergab und damit das Vereinswesen hier begründete. Gelindere Einflüsse bewirkten die Nachfolger im Kloster: das Lehrerseminar und das Volkshochschulheim. Spürbare Einflusse in einem ganz wörtlichen Sinn gingen seit der Einrichtung der Wasserleitung im Jahre 1908 von den Klosterquellen aus; sie wurden in jedem Hause dankbar begrüßt.
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