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Denkendorf
Das Kreuzreliquiar und die Mantelschließe aus Denkendorf im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart von Heribert Meurer Als Herzog Friedrich I. von Württemberg im Jahre 1598 feststellen ließ, was in den Klöstern des Landes nach der Reformation noch an Silbergerät verblieben war, fand man in Denkendorf außer 53 Bechern noch "die ufferstehung Christi mit buildwerk von erhebter arbeit mit vier roten glassteinlin geziert, silberin und verguldt" und "ein zwiefach kreuz verguldt mit roten und blauen glassteinlin". Mit diesen Worten werden in dem im Hauptstaatsarchiv Stuttgart aufbewahrten Verzeichnis die beiden Objekte beschrieben, die mit der herzoglichen Kunstkammer ins Württembergische Landesmuseum gelangt sind. Es sind beides Gegenstände aus dem Mittelalter, das Doppelkreuz aus der Gründungszeit von Kloster Denkendorf. Auf die Gründungsgeschichte kann hier nur in Bezug auf das Doppelkreuz eingegangen werden. Wahrscheinlich schon um 1129/30 hatte der schwäbische Adelige Berthold (über seine Familienzugehörigkeit gehen die Meinungen noch auseinander) die ihm gehörende Pelagiuskirche an den Patriarchen von Jerusalem geschenkt, um in Denkendorf eine Niederlassung der Chorherren vom Hl. Grabe zu errichten, und 1142 dieser Schenkung seinen übrigen Besitz hinzugefügt. Nach einer jüngeren, in diesem Punkt wohl glaubhaften Chronik schenkte der Patriarch dem Stifter Berthold für das zu gründende Kloster Partikel der wichtigsten Reliquien des Kreuzfahrerstaates, Steine vom Hl. Grab und Späne vom Wahren Kreuz. Zum ersten Propst von Denkendorf wurde der Jerusalemer Kanoniker Konrad, dem Namen nach ein Deutscher, ernannt. Es kann sich bei diesem Konrad nicht um den zwischen 1146 und 1157 mit Reliquien nach Süddeutschland geschickten Kanoniker Konrad handeln, dessen Kreuzreliquiar geraubt wurde und in die Abtei Scheyern gelangte, wo es noch heute aufbewahrt wird. Mit diesem Reliquiengeschenk sollte die besondere Verbundenheit mit dem Jerusalemer Hl.-Grab-Stift, dem Denkendorf direkt unterstellt war, zum Ausdruck gebracht werden. Zugleich bildete es den Mittelpunkt einer Wallfahrt für alle, die nicht zu den heiligen Stätten pilgern konnten. Die Reliquien sind in dem 23 cm großen Doppelkreuz enthalten: die Kreuzspäne sichtbar im Schlitz auf den Kreuzbalken, die Steine in den Vierpässen auf den Balkenenden. Die Kreuzbalken werden von einer Reihe von roten Glassteinen und Türkisen sowie einfachen Drahtringen gerahmt. Die Rückseite wird von einer in das Silberblech gestanzten Ranke und Bildmedaillons verziert, die die vier Evangelistensymbole Adler, Löwe, Stier und Engel, zwei weitere Engel und auf der unteren Kreuzung das Lamm Gottes zeigen. Eine einfachere Ranke schmückt die Schmalseiten des Kreuzes. Bei einer Reinigung wurde das vergoldete Silberblech von dem Holzkreuz gelöst; hierbei waren in der schlitzförmigen Vertiefung die Kreuzspäne und in runden Löchern auf den Balkenenden Steine zu sehen, während die sonst verdeckte Rückseite auf den Kreuzungen weitere Vertiefungen mit in Stoff verpackten Reliquien aufweist. Zur Herstellung des Kreuzreliquiars hat man einfache Techniken angewandt. Da die Stanzen mehrfach benutzt werden konnten, ist zu vermuten, dass es mehrere Kreuzreliquiare dieser Form gegeben hat, die wie nach Denkendorf in andere europäische Niederlassungen des Ordens und an wichtige Klöster und Förderer geschickt wurden. In der Tat lässt sich die Denkendorfer Rankenstanze bei einem anderen erhaltenen Kreuz, die Machart bei einer Reihe weiterer Kreuze nachweisen. Auf diese soll hier in Bezug auf ihre Form und auf ihre Herkunft auf Jerusalem kurz eingegangen werden, da dies zugleich die Herkunft des Denkendorfer Kreuzes aus dem Kreuzfahrerstaat und seine frühere Entstehungszeit bestätigt. 1. 1872 fand man beim Abbruch der spätgotischen Pfarrkirche St. Martin in Kaisheim ein sehr ähnliches Kreuzreliquiar, das bei der Restaurierung freilich um den oberen Kreuzbalken verkürzt wurde. Ob es aus dem 1134 gegründeten Zisterzienserkloster Kaisheim stammt, lässt sich nicht nachweisen. Die Rückseite ist durch Abdruck aus derselben Stanze wie beim Denkendorfer Kreuz verziert, die Vorderseite zeigt die bekannten Vierpässe und eine Reliquienöffnung in Form einer Ädikula, die wohl das Heilige Grab darstellen soll. 2. Ein ganz erhaltenes, 28,8 cm großes Doppelkreuz ist im Besitz der Heilig-Grab-Kirche zu Barletta in Apulien. Das Stift Barletta war ebenfalls von Chorherren vom Hl. Grab vor 1138 gegründet und Jerusalem unterstellt worden. 1144 wird es zusammen mit Denkendorf im Besitz dieses Ordens aufgeführt. Das Kreuzreliquiar von Barletta zeigt eine ähnliche Vorderseite wie Denkendorf mit Schlitzen für die Kreuzspäne und Steinen vom Heiligen Grab in den Vierpässen; die Flächen sind mit Ähnlich einfachem Filigran und mit Edelsteinen gefüllt. Die Rückseite ist außer von den Evangelistensymbolen mit einer gestanzten Ranke geschmückt. 3. Am meisten bekannt ist von der Geschichte des Scheyrer Kreuzes. In die Benediktinerabtei in Oberbayern (Benediktinerabtei zum Heiligen Kreuz, Kloster Scheyern) gelangte es illegal. Im Auftrag des Patriarchen Fulcher sollte der Kanoniker Konrad zwischen 1146 und 1157 mit Hilfe des Reliquienkreuzes Spenden für den bedrängten Kreuzfahrerstaat sammeln, wurde dabei jedoch des wertvollen Kreuzes beraubt. Wer die Räuber waren, erfahren wir aus einer etwas jüngeren Urkunde, in der der Patriarch Heraklius den Grafen Konrad III. von Scheyern-Dachau ermahnt, die vorher durch seine Vertrauten geraubte Reliquie zurückzugeben und ihr zu Ehren eine Kirche zu bauen. Durch diese Geschichte wird deutlich, welchen Wert man damals der Kreuzreliquie beimaß. - Von dem Kreuzreliquiar ist in Scheyern heute noch der originale Holzkern (gleichgroß wie das Denkendorfer Kreuz) erhalten, ferner ein Behälter aus vergoldetem Silber, der das Doppelkreuz aufnahm und seine Form entsprechend vergrößert nachzeichnet. Die Rückseite des Scheyrer Kreuzbehälters ist durch Stanzen ähnlich denen auf dem Kreuz von Barletta verziert. Heute hat das Kreuzreliquiar eine barocke Hülle, doch zeigt ein Kupferstich, dass es ursprünglich auf der Vorderseite wie die anderen Reliquiare die Kreuzspäne in einem Schlitz und die Steine vom Heiligen Grab in den Vierpässen sichtbar machte. Diese vier Reliquiarkreuze stehen in so enger Beziehung zueinander, dass sie in derselben Werkstatt in Jerusalem entstanden sein müssen. Vier Goldschmiede, Umbertus, Bernardus, Pisellus und Uldretus, werden uns im Zusammenhang mit der Grabeskirche in Jerusalem genannt, den Namen nach vielleicht Italiener, die die Kreuze geschaffen haben könnten. Eine weitere Gruppe von Doppelkreuzen ist einfacher, aber nach denselben Prinzipen gestaltet wie die erste Gruppe; auch sie müssen in Jerusalem entstanden sein, da sie - heute über mehrere europäische Länder verstreut - nur durch die gemeinsame Herkunft aus einer entfernten Gegend in ihrer Ähnlichkeit verständlich werden:
Auch diese Kreuzreliquiare in Doppelkreuzform, vielleicht etwas jünger als die erste Gruppe, sind alle vor 1187, als Jerusalem und die heiligen Stätten an den ägyptischen Sultan Saladin verloren gingen, entstanden. Als 1204 in Konstantinopel das lateinische Kaiserreich gegründet wurde, stand nun den westlichen Ländern der dort aufgewahrte Teil des Wahren Kreuzes zur Verfügung. Nun entstanden vor allem im Maasgebiet (aus Flandern stammten mehrere Kaiser) wiederum zahlreiche Reliquiare in Form des Doppelkreuzes, die sich aber durch eine reichere Ausstattung leicht von den älteren, im Kreuzfahrerstaat geschaffenen unterscheiden lassen. Auf die eingangs zitierte Beschreibung passt die Mantelschließe aus vergoldetem Silber im Württembergischen Landesmuseum, 146 mm im Durchmesser. Sie diente wohl hauptsächlich bei Kirchenfesten als Verschlussfibel für einen Chormantel (Pluviale). Die Darstellung der Auferstehung Christi mit dem zentralen Grab stellt den Bezug zu Denkendorf und den Chorherren vom Heiligen Grab her. Auf der glatten Rückseite ist die Befestigungsnadel angebracht. Die vierpassförmige Schließe hat ein glattes vertieftes Feld, auf dem das Grab mit der Christusfigur und die drei Grabeswächter bestift sind. Die Figürchen sind durchweg gegossen, die Schilde der wie Ritter gerüsteten Wächter (ein Schild ging verloren) und das bewegliche Visier des linken Wächters wurden gesondert gearbeitet. Der Schild des unteren Wächters zeigt zwei (ungedeutete) hebräischen Buchstaben, der des linken einen Skorpion. Nach dem Ezechiel-Vers (2,6): "Du aber, Menschensohn, sei ohne Furcht vor ihnen..., da du bei Skorpionen wohnen musst" ist dies Tier im Mittelalter Symbol der ungläubigen Juden und erscheint häuft als ihr Wappen. Auf dem Rahmen sitzen vier farbig unterlegte, geschliffene Glassteine. Zwischen ihnen wellt sich reich bewegtes Blattwerk (frei geformt), in das acht (gegossene) kleine Tierfiguren eingelassen sind: (von unten links im Uhrzeigersinn) Pelikan, springender Hirsch, laufender Hund, liegender Hirsch, laufender Hund, sitzender Hund und zwei Hähne, einer in Kampfstellung. Wenn auch jedes Tier seine christlich-symbolische Bedeutung hat - bekannt ist der Pelikan z.B. als Symbol des Kreuzesopfers Christi -, ist aus der Zusammenstellung ein Gesamtprogramm nicht erkennbar. das frei entwickelte Blattwerk und diem spätgotischen Rüstungen weisen auf eine Entstehungszeit um 1470 hin; die Goldschmiedewerkstatt ließ sich jedoch bisher nicht ausfindig machen.
Literatur:
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