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Toralernwochen 2002 - Berichte aus den Gemeinden Im Juli 2002 fanden in folgenden 18 Gemeinden biblische Lernwochen ("Tora-Lernwochen") statt. Zu den unterstrichenen Orten findet sich untenstehend ein Pressebericht über die Lernwoche (zum Bericht den Ortsnamen einfach anklicken): Aalen Bad Wimpfen Balingen Beilstein Esslingen Göppingen-Jebenhausen Heilbronn Horb-Dettingen/Rexingen Illingen Mössingen Münsingen-Buttenhausen Nattheim Stuttgart-Feuerbach Stuttgart-Vaihingen Tübingen Tuttlingen-Möhringen Ulm Weissach im Tal
Verständigung mit den Deutschen Von Iris Senghaas Alle drei Jahre veranstaltet das Land Baden-Württemberg in zehn bis zwölf Gemeinden biblische Lernwochen mit gesetzestreuen jüdischen Lehrern. In Bad Wimpfen fand in diesem Jahr zum vierten Mal eine "Ökumenische Biblische Lernwoche" statt. Zu Gast in der Stauferstadt war das jüdische Ehepaar Mordechai und Zippora
Ansbacher aus Jerusalem. Zusammen mit dem evangelischen Pfarrer Bernd Göller
gestalteten sie die Lernwochen und brachten unter anderem den
Lernwochenteilnehmern ihren religiösen Alltag näher. Während der einen Woche Aufenthalt in Bad Wimpfen besuchte das Ehepaar unter anderem den jüdischen Friedhof zwischen Bad Rappenau und Heinsheim und verfolgte die jüdischen Spuren in Bad Wimpfen. 03.08.2002
Toralernwoche – eine gute Sache
Verständigung durch den Dialog erreichen Jüdische Thoralehrerin Dr. Zahava Neuberger unterrichtete in Beilstein - Abraham, Stammvater von Juden und Arabern
Im Rahmen der "Thora-Lernwochen" unterrichtete die israelische Thoralehrerin Dr. Zahava Neuberger an sechs aufeinander folgenden Abenden in Beilstein und Oberstenfeld. Jeden Abend kamen rund 40 Interessierte zu den von den beiden evangelischen Kirchengemeinden organisierten Vorträgen mit dem Thema "Abraham: Beispiel des Vertrauens - Beispiel der Tat." Zahava Neuberger, Tochter eines aus Deutschland geflohenen Rabbiners, ist im
israelischen Bildungsministerium für den Religionsunterricht in
nicht-religiösen Schulen zuständig. Wie viele Gebote hat das Judentum? Warum
werden in orthodoxen Kindergärten die Kinder nicht durchgezählt?
1. im "Schwarzwälder Boten" vom 23. Juli 2002 Verschiedene Religionen kommen sich näherThoralernwoche in der ehemaligen Synagoge Rexingen Diese so genannten Thoralernwochen werden organisiert vom Kloster Denkendorf. Sie fanden schon an verschiedenen Orten Baden-Württembergs statt. Das ganze Jahr über schickt die Arbeitsgruppe zum Verständnis des Judentums Lehrer aus Israel nach Deutschland. 28 Teilnehmer haben sich für die Thoralernwoche in Rexingen angemeldet, und Pfarrer Eugen Krönig freute sich zum Auftakt am Sonntagabend, dass alle gekommen waren. An den fünf Abenden werden biblische Texte gelesen und von Rabbiner Zeichner (Foto) aus jüdischer Sicht ausgelegt. Es geht darum, die Texte neu zu entdecken und mit den Teilnehmern ins Gespräch zu kommen. Es soll ein Beitrag zum Gespräch zwischen den Religionen sein. In dieser Woche heißt das Thema "Abraham, Beispiel des Vertrauens und der Tat". So stand am Sonntag die Berufung Abrahams und sein Vertrauen zu Gott im Mittelpunkt. Gott verlangte von ihm, sein Land, seine Verwandtschaft und das Haus seiner Väter zu verlassen, um in ein1A Bildeinzug_links> Land zu gehen, das Gott ihm zeigen würde, und befahl ihm, seinen einzigen Sohn zu opfern. Jeden Abend wird man sich bis Donnerstag mit der Auslegung verschiedener Texte aus dem ersten Buch Mose auseinandersetzen und dazu verschiedene Bibelübersetzungen heranziehen, die verglichen werden. Ferner wird die Art vermittelt, wie Juden die Bibel lesen. 2. in der Südwestpresse vom 27. Juli 2002
Wie Juden die Bibel lesen - Erste Thora-Lernwoche mit Rav Zwi Zeichner in der ehemaligen Synagoge REXINGEN (ari). Die jüdische Lesart der Bibel konnten 28 Christen bei der erstmaligen Thora-Lernwoche in der Ehemaligen Synagoge Rexingen kennen lernen. Christen beiden Konfessionen waren der Einladung des Träger- und
Fördervereines Ehemalige Synagoge Rexingen, der Evangelischen Kirchengemeinde
Dettingen und des Katholischen Bildungswerkes gefolgt und hatten dazu Anfahrten
von Haiterbach bis Rangendingen in Kauf genommen. Ein bibelinteressiertes Paar
war gar von Bochum angereist, um Rav Zwi Zeichner und seine Frau Fruma aus
Israel kennen zu lernen.
"Deutsche und Juden sollen sich verstehen" Das HNP-Interview: Gespräch mit dem Ehepaar Elchanan und Pnina Heymann anlässlich der Bibel-Lernwoche in Nattheim. Die Bibel ist (oder sollte sein) das wichtigste Buch in den Kirchen. Christen haben ihr Altes Testament aus Israel. Aber sie verstehen die Texte anders, als dies Juden bis heute tun. Das ist eine Quelle vieler Missverständnisse, Vorurteile und Anfeindungen seitens der Christen gegen "die Juden" und ein wesentlicher Grund für die Geschichte der Feindschaft, die nach Auschwitz geführt hat. Darüber wurde jetzt in Nattheim gesprochen. Es gibt seit über 20 Jahren in Württemberg das Angebot, mit jüdischen Lehrern Bibel zu lernen. Der Anfang liegt in Denkendorf, beim ehemaligen Leiter der evangelischen Fortbildungsstätte, Dr. Hartmut Metzger, und bei seinen Freunden aus Israel. Sechs Lernwochen waren seither im Kreis Heidenheim. Die jetzige, die siebte, findet im Bischof-Sproll-Haus in Nattheim statt mit dem Ehepaar Elchanan und Pnina Heymann aus Haifa. Mit ihnen sprach Hartmut Fleischmann. Herr Heymann, Sie sind mit der ganzen Familie da... Elchanan Heymann: Ja. Wie Sie wissen, haben wir große Probleme im Land. Wir wollten eigentlich in diesem Jahr nicht kommen. Denn wir wollten unsere beiden Söhne (14 und 15 Jahre alt) nicht allein zurücklassen. Wir hätten sonst hier nicht ruhig arbeiten können. Doch nun sind wir alle hier und empfinden tiefen Dank gegenüber den Verantwortlichen in Denkendorf und gegenüber unserer Gastgeberin in Nattheim, dass sie Aufenthalt und Unterkunft für uns alle ermöglicht haben. Wo leben und arbeiten Sie in Israel? Wir leben in Haifa. Ich leite nahe Haifa, in Kfar Sidrin, ein Gymnasium mit Internat, eine Schule mit 600 Schülern aus ganz Israel, von der 9. bis zur 14. Klasse. Abitur ist in der 12. In der 13. und 14. kann man sich schon auf Studium und Beruf vorbereiten. Ich unterrichte vor allem Grammatik. Bibel ist nicht mein Fach, aber ich mache es freiwillig und mit Begeisterung. Das ist ja auch Grammatik. Herr Heymann, wie sind Sie zur Denkendorfer Arbeit und zu Ihrer Mitarbeit bei den biblischen Lernwochen gekommen? Wir hatten und haben viele Verbindungen nach Deutschland. Unsere Eltern sind
von hier. Zu Hause in Israel sprachen wir deutsch. Wir waren von 1990 bis 1995
in Frankfurt/Main, wo ich Religion lehrte. Schon damals hat Dr. Metzger Kontakte
zu uns geknüpft. Denkendorf war ja auf der Suche nach neuen Lehrern. Denn man
muss wissen: Viele, die noch deutsch können, sind sehr alt und viele von denen,
die aus Deutschland gekommen sind, wollen nicht hierher reisen. Deutsch wird in
Israel immer weniger gesprochen. Wir selber finden, dass es wichtig ist, dass
sich Deutsche und Israelis begegnen, dass Juden und Christen zusammenkommen. Und
eine gute Möglichkeit ist es, das Erste Testament gemeinsam zu lesen und zu
lernen. Bibellernen ist bei Ihnen Hauptfach. Warum ist Bibellernen so wichtig? Pnina Heymann: Religion lernen wir nicht. Wir lernen Bibel. Religion
ist Leben, ist tägliches Tun. Nun lernen wir in Nattheim Texte aus 1. Mose 12 - 22. Sie handeln von Abraham. Was ist bei Abraham wichtig? 1. Abraham ist Beispiel für alle Menschen, zeigt, was Gott bedeutet: Gott
ist Herr der Welt.
"Ein eigener palästinensischer Staat wird keinen Frieden bringen" von Georg Friedel Der jüdische Tora-Lehrer Menachem Ben Yashar spricht bei einer biblischen Lehrwoche auch über den Nahost-Konflikt. Feuerbach. Der jüngste israelische Raketenangriff im Gazastreifen kocht den militärischen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wieder hoch. Denn bei dem Angriff der israelischen Kampfflugzeuge auf mehrere Wohnhäuser in Gaza-Stadt kam nicht nur der Führer des militärischen Flügels der radikal-islamischen Hamas-Organisation, Salach Schehade, sondern auch 14 Zivilisten um. 170 Zivilisten wurden zudem verletzt. Sie dreht sich immer schneller, die Spirale der Gewalt im Nahen Osten, und keiner scheint momentan noch zu wissen, wie dieser tödliche Zirkel zu stoppen ist. Auch ein schriftgelehrter 77-jähriger jüdischer Lehrer wie Menachem Ben Yashar, der gemeinsam mit seiner Frau Chedwa streng nach den religiösen Regeln lebt und zur Zeit gemeinsam mit Pfarrer Paul Weber eine biblische Lernwoche in der Stadtkirche anbietet, scheint bei seinen Antworten in diesen typisch westlichen Dualismus zu verfallen, der zwischen Kopf und Herz, zwischen Denken und Tun, zwischen Theorie und Praxis trennt. Auf die von Pfarrer Paul Weber so beherzt gestellte Frage - "Menachem, wie sieht für dich die Zukunft für den Tempelberg aus?" - sagt der 1924 in Berlin geborene, in Breslau aufgewachsene und später in Tel Aviv lebende toratreue Jude: "Praktisch müsste es so sein, dass Christen und Mohammedaner in friedlicher Koexistenz dort leben". Und er berichtet von vergangenen Jahrhunderten, als die Araber eine Hochkultur besaßen und gegenüber anderen Religionen tolerant waren. "Da übernahmen sogar Juden bestimmte Dienste in mohammedanischen Moscheen." Doch wie ist heute die Versöhnung und der Dialog wieder in Gang zu bringen? "Glauben sie", fragt eine Frau in der Runde den Tora-Lehrer, "dass es nach Scharon und Arafat besser wird?" Die westliche Presse stelle Scharon "schlimmer" dar als er in Wirklichkeit ist, sagt der studierte Bibelwissenschaftler. Bei Arafat sei das anders: "Auch die Palästinenser leiden unter ihm", sagt Ben Yashar. Von dem Geld, das der Westen ihm gebe, profitiere nur er und nicht das Volk. Was stoppt dann die Spirale der Gewalt? Ein autonomer palästinensischer Staat vielleicht? "Ich kann mir das nicht vorstellen", sagt der zur Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf gehörende Lehrer. "Die palästinensische Führung hat bisher keinen Paragraphen eingehalten. Wenn eines Tages ein palästinensischer Staat entsteht, haben wir Israelis überhaupt keine Kontrolle mehr, was für Waffen dort drüben gesammelt oder gebaut werden", sagt er zu den evangelischen Christen im Gemeindehaus der Feuerbacher Stadtkirche. Ein eigener palästinensischer Staat erhöhe für ihn die Kriegsgefahr. Ein Zuhörer meldet sich. Er habe in einem Heft der Initiative "Ohne Rüstung leben" einen Artikel über Wehrdienstverweigerung in Israel gelesen. Wie sieht die Regierung diesen Widerstand? "Israels Premierminister Ariel Scharon ist mit großer Mehrheit gewählt worden", sagt der bibeltreue Jude, die Wehrdienstverweigerer seien eine Minderheit. Der Zaun, der im Gaza-Streifen gerade gezogen werde - "ist er eine vernünftige Lösung?", will eine andere Frau wissen. "Vernünftig ja, eine Lösung nein", sagt Ben Yashar. Wie die andere Seite von den Selbstmordattentaten wegkommt und zu Toleranz zurückfindet, dafür hat er kein Patentrezept: "Wir leben in einer fanatischen islamischen Umgebung", sagt Ben Yashar, das sei nicht vergleichbar mit Westeuropa.
Tora-Lernwoche mit Michael Shashar Nicht überzeugen: Miteinander reden Von unserer Redakteurin Bettina Gonser TUTTLINGEN - Manchmal spürt Michael Shashar eine latente Spannung: Sie richtet sich gegen das Judentum. "Wir sind nicht hergekommen, um einander zu überzeugen", sagt er dann. Der Tora-Lehrer aus Jerusalem will Christen nahe bringen, wie ein gesetzestreuer Jude die Bibel versteht. Und er sucht den Dialog mit den Menschen aus dem Land, in dem er geboren wurde, und das doch nicht seine Heimat ist. Michael Shashar ist nicht rasiert. Nein, nein, das habe nichts mit Nachlässigkeit zu tun, erklärt er: Der Bart gehört zur Vorbereitung auf den heutigen Fasttag, der an die Zerstörung des Tempels erinnert. Der gesetzestreue Jude muss viel erklären, wenn er nach Deutschland kommt, um mit Christen über die Bibel zu sprechen. So wie jetzt in der Möhringer Vorstadt. 40 Männer und Frauen nehmen an der Tora-Lernwoche mit Shashar im Evangelischen Gemeindehaus teil, die heute Abend zu Ende geht. Thema sind die Abrahamsgeschichten im ersten Buch Mose. Abraham, der Glaubensvater, auf den sich Juden, Christen und Muslime beziehen. Doch wenn Michael Shashar sich, die Kipa, das Käppchen auf dem Kopf, mit Christen unterhält, geht es nicht nur um den Glauben. Geschichte und Gegenwart sind immer ein Thema, der Holocaust und die aktuelle politische Lage in Israel. Der 69-jährige weiß, dass er für viele der erste Jude ist, dem sie begegnen. Die Chance zum Dialog. "Viele Jahre habe ich mich geweigert, nach Deutschland zu kommen", sagt Michael Shashar. Er war erst ein Jahr alt, als sein Vater, ein Berliner Arzt, 1934 Deutschland verließ, um nach Palästina auszuwandern. Noch heute ist es für Shashar ein seltsames Gefühl, nach Deutschland zu reisen: Er fühlt sich hier nicht zuhause, aber doch anders als in anderen Ländern. Und Deutsch ist die Sprache, die er mit seiner Mutter sprach. Shashars Frau überlebte den Holocaust. Eine Reise nach Deutschland bleibt für sie undenkbar. "Deutschland und ich" lautet bezeichnenderweise der Titel des neuesten Buches des Journalisten und freien Schriftstellers Michael Shashar, das noch nicht auf Deutsch erschienen ist. Eine Frage, die Shashar bis heute beschäftigt. Er weiß um die Problematik des Themas Juden und Judentum in Deutschland und wie schwierig eine objektive Auseinandersetzung ist. "Der Mensch hat keine absolute Wahrheit", sagt Michael Shashar. Heilt die Zeit Wunden? In den letzten Jahren müsse er sich nicht mehr fragen: "Wo war der im Krieg?" antwortet er. Ja, die Zeit sei wichtig. Trotzdem erstaunt es Shashar, wenn er sieht, wie russische Juden in Deutschland ihr Gemeindeleben organisieren, glaubte er doch bislang: "Was lebendig ist, sind die jüdischen Friedhöfe". Info: Die Tora-Lernwoche - die Tora sind die fünf Bücher Mose - im Evangelischen Gemeindehaus der Möhringer Vorstadt wurde von der Volkshochschule Tuttlingen in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirchengemeinde Möhringen/Emmingen-Liptingen veranstaltet.
"Eines der Resultate meines Besuches ist, dass ich schon lange nicht mehr so entspannt war", sagt Michael Shashar. Während der Tage, die er als Gast von Pfarrer Marcus Keinath im Pfarrhaus der Möhringer Vorstadt lebte, mied er Radio und Fernsehen. Abschalten, auf andere Gedanken kommen. Daheim in Jerusalem werden seine Frau und seine Kinder schon unruhig, wenn er nur auf den Markt zum Einkaufen geht. Israel. Der Versuch, ein normales Alltagsleben zu führen. "Aber die Menschen sind unruhig", sagt Michael Shashar. Kein guter Zustand, meint er und fügt hinzu. "Was vielleicht noch schlimmer ist: Dass man nicht das Licht am Ende des Tunnels sieht." Michael Shashar ist ein politischer Mensch. Nach dem Sechstagekrieg war er in den sechziger Jahren Pressesprecher von Verteidigungsminister Moshe Dayan, später ging er als israelischer Generalkonsul nach New York. In den siebziger Jahren arbeitete er als Berater von Staatspräsident Katzir. Mittlerweile hat der gesetzestreue Jude Shashar 18 Bücher veröffentlicht. Das erste von sechs Dialogbüchern ist unter dem Titel "Gespräche über Gott und die Welt" im Suhrkamp-Verlag erschienen. Während Shashar in der Möhringer Vorstadt den Dialog mit deutschen Christen pflegt und in New York einmal mehr eine politische Lösung des Nahostkonflikts gesucht werden soll, sterben in Israel schon wieder Menschen bei einem Terroranschlag. Keiner wisse, was passieren soll, daher sei die Lage auch so deprimierend, sagt Michael Shashar. Es sei ein schlimmer Zustand, für beide Seiten: Israels wie Palästinenser.
Überlebender legte erschütternden Bericht ab Mordechai Ansbacher überlebte den Holocaust und wirbt
in Schulen um besseres Verständnis zwischen Juden und Christen
Murrhardt (eka) Einen erschütternden Erlebnisbericht über die
Judenverfolgung in der NS-Zeit gab gestern der 1927 in Würzburg geborene
Historiker Mordechai Ansbacher vor Neunt- und Zehntklässlern des Heinrich-von-Zügel-Gymnasiums. Ansbacher ist derzeit im Rahmen einer Tora-Bibel-Lernwoche zum Thema Abraham
der evangelischen Kirchengemeinde Weissach im Tal zu Gast: Schon seit etwa 25
Jahren kommt er regelmäßig auf Einladung des Denkendorfer Kreises, einer
Organisation des christlich-jüdischen Begegnungszentrums Kloster Denkendorf, zu
Bibelwochen nach Deutschland. Durch die Vermittlung von Pfarrer Albrecht Duncker
(Unterweissach) und Edith Hohenleitner, Fachabteilungsleiterin für
Fremdsprachen, Religion und Musik am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium, kam der
Besuch bei Schülern in Murrhardt zu Stande. Mordechai Ansbacher wurde als Jugendlicher Augenzeuge des Holocaust, den er
als einziges Mitglied seiner Familie überlebte. Nach seiner Befreiung 1945
emigrierte Ansbacher nach Israel, heute lebt er in Jerusalem. 1961 war er ein
wichtiger Zeuge im Prozess gegen Adolf Eichmann. Damals wurde die Wahrheit über
die Ermordung von sechs Millionen Juden anhand unzähliger Originaldokumente
ermittelt. Ansbacher hat die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem mit aufgebaut,
war deren erster Direktor bis 1967 und ist Mitherausgeber der Encyclopaedia
Judaica. Es sei seine Pflicht als Augenzeuge, einen Teil der von ihm selbst
erlebten Geschichte all jenen zu erzählen, die sie nicht erfahren haben: Sein
Ziel sei, dadurch zum besseren Verständnis zwischen Juden und Christen
beizutragen, betonte Ansbacher. Während des Nationalsozialismus wurden die Juden, "nur weil sie Juden
waren, als die verhassten Menschen auf Erden gebrandmarkt, verfolgt und
vernichtet", so Ansbacher. Dabei habe seine Kindheit gut begonnen: Vor 1933
lebten jüdische und christliche Deutsche in gutem Einvernehmen zusammen. Doch
mit Beginn der NS-Herrschaft habe sich alles radikal verändert: Judenhass und
-verfolgung wurden offizielle Politik. Gerade für die jüdischen Kinder sei es
nicht zu verstehen gewesen, warum es in Deutschland, dem Land der Dichter,
Denker, Erfinder und Entdecker, zu so etwas Schrecklichem kommen konnte. Detailliert schilderte Ansbacher die Aufhetzung der deutschen Bevölkerung
zum Judenhass und die sich immer weiter verschlechternden Lebensbedingungen für
Juden, ihre Diskriminierung, den systematischen Ausschluss aus Gesellschaft,
Wirtschaft und öffentlichem Leben, Entrechtung, Enteignung und schließlich
Zerstörung ihres Eigentums in der Reichspogromnacht 1938. Ansbacher wies darauf
hin, dass Hitler in einer Rede kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939
die "Vernichtung der jüdischen Rasse" angekündigt habe, und schon in
den ersten Kriegstagen seien die ersten Juden in Polen ermordet worden. Im
Januar 1939 wurden jüdische Kinder durch die seit 1933 in der
"Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" organisierten jüdischen
Gemeinden ins Ausland geschickt, ein Versuch, sie zu retten. Der Hintergrund:
Die Nationalsozialisten planten zunächst, alle Juden in die westlichen freien Länder
auswandern zu lassen. Diese Staaten öffneten zwar ihre Grenzen, nahmen jedoch
zu wenig Juden auf. So kam Mordechai Ansbacher nach Belgien, wo er zunächst von den Kindern als
böser Deutscher verachtet wurde. Wenig später scheiterte dieser Fluchtversuch
im Blitzkrieg, und die Gestapo brachte die Kinder zurück: 1941 kam Ansbacher
wieder nach Würzburg. Nachdem im Juli 1941 alle jüdischen Schulen geschlossen
wurden, ging er nach München und versuchte eine Lehre zu beginnen. Nachdem auf
der Wannsee-Konferenz 1942 die Vernichtung der Juden beschlossen wurde, begannen
die Deportationen: Ansbacher kam zunächst nach Theresienstadt, später nach
Auschwitz, Dachau und in andere Konzentrationslager. Dort habe er
"Unendliches" erlitten, worüber er keine näheren Auskünfte geben
mochte. Dass er überlebt habe, sei ein Wunder: Dank seines Glaubens an Gott sei
er gerettet worden, ist Ansbacher überzeugt. Sein größter Wunsch war es, ins
Heilige Land zu gehen: "Für mich war das die beste Antwort, die ich den
Deutschen geben konnte".
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